Furseus’ Feuervision nach Beda Venerabilis: „Als sie dem großen Feuer näher kamen, spaltete der Engel die Flamme, wie zuvor. Doch als der Mann Gottes durch das nun offene Tor der Flammen ging, schleuderten unreine Geister einen der Menschen, die in den Feuern gequält wurden, auf ihn, berührten seine Schulter und Wange und verbrannten ihn. Furseus erkannte den Mann – er erinnerte sich, dass er dessen Gewand beim Tod desselben angenommen hatte. Der heilige Engel griff sogleich ein, packte den Verdammten und warf ihn ins Feuer zurück. Da sagte der böse Feind: ‚Weist nicht zurück, wen ihr vorher aufgenommen habt. Denn wie ihr dessen Güter angenommen habt, so müsst ihr auch an seinen Strafen teilhaben.‘ Der Engel aber widersprach: ‚Nicht aus Habgier hat er sie angenommen, sondern um seine Seele zu retten.‘ Da verlosch das Feuer. Der Engel wandte sich zu Furseus und sagte: ‚Was du selbst entzündet hast, hat in dir gebrannt. Hättest du nicht das Geld dieses in seinen Sünden gestorbenen Mannes angenommen, so hättest du auch nicht an seiner Strafe teilgehabt.‘ Dann sprach er vieles über das rechte Verhalten gegenüber jenen, die in letzter Reue sterben, in heilsamer Rede.“

Furseus’ Feuervision nach Beda Venerabilis

Die Feuervision des Furseus († um 650) ist ein Schlüsseltext der europäischen Jenseitsvorstellungen. Sie beeinflusste die Entwicklung der Fegefeuervorstellung, die mittelalterliche Predigtkultur und die gesamte Tradition visionärer Jenseitsliteratur bis hin zu Dante.

[19] Als Sigebert noch die Königswürde innehatte, kam ein heiliger Mann namens Furseus aus Irland dorthin – bekannt durch sein Wort und seine Taten, geschmückt auch mit hervorragenden Tugenden. Er wünschte um Christi willen, wo immer es sich ihm als passend zeigte, ein Leben in der Fremde zu führen. Als er in das Land der Ostangeln kam, wurde er von dem genannten König ehrenvoll aufgenommen und übte dort sein gewohntes Werk des Evangelisierens aus. Viele bekehrte er entweder durch sein tugendhaftes Vorbild und seine anspornenden Worte zum Glauben an Christus, oder er stärkte die bereits Gläubigen weiter im Glauben und in der Liebe Christi.

Als er dort von einer Krankheit befallen wurde, wurde ihm die Gnade zuteil, eine Engelsvision zu erleben. In dieser wurde er ermahnt, seinem begonnenen Predigtamt eifrig nachzugehen und sich unermüdlich dem gewohnten Gebet und den Nachtwachen zu widmen. Denn sein Ende sei gewiss, aber der Zeitpunkt dieses Endes unbekannt, wie der Herr sagt: „Wachet also, denn ihr wisst weder den Tag noch die Stunde.“ Durch diese Vision gestärkt, begann er sogleich mit dem Bau eines Klosters, das er von dem zuvor erwähnten König Sigebert erhalten hatte, und richtete dort klösterliche Regeln ein. Das Kloster war an einem lieblichen Ort gelegen, nahe bei Wäldern und Meer, errichtet in einer Burg, die in der Sprache der Angelsachsen Cnobheresburg, also „Stadt des Cnobhere“, genannt wird. Später wurde es vom König Anna jener Provinz sowie von anderen Adeligen mit prächtigen Gebäuden und Geschenken ausgeschmückt.

Dieser Mann stammte aus dem edelsten Geschlecht der Schotten (Iren), war aber in seinem Geist noch edler als durch Geburt. Schon seit seiner Kindheit widmete er sich ernsthaft der heiligen Lektüre und der klösterlichen Disziplin, und – wie es den Heiligen besonders ziemt – war er stets bemüht, das, was er als richtig erkannt hatte, auch in die Tat umzusetzen.

Was soll ich weiter ausführen? Im Laufe der Zeit gründete er selbst ein Kloster, um sich dort freier den himmlischen Dingen widmen zu können. Dort wurde er wiederum krank – wie ein kleines Büchlein über sein Leben ausreichend lehrt –, wurde aus dem Körper entrückt und durfte von abends bis zum Hahnenschrei Engelsscharen sehen und selige Lobgesänge hören. Er pflegte zu berichten, dass er unter anderem deutlich habe hören können, wie sie sangen: „Die Heiligen werden von Tugend zu Tugend schreiten“ und wiederum: „Gott, der Gott, wird in Zion erscheinen.“

Als er wieder in seinen Körper zurückgebracht wurde und am dritten Tag erneut entrückt wurde, sah er nicht nur größere Freuden der Seligen, sondern auch die heftigsten Kämpfe der bösen Geister. Diese versuchten mit häufigen Anklagen, ihm den Weg zum Himmel zu verwehren. Doch sie hatten keinen Erfolg, da ihn Engel beschützten. Wer Genaueres über all dies wissen möchte – etwa wie die Dämonen mit großer Raffinesse seine Taten, überflüssige Worte und sogar Gedanken wie aus einem Buch hervorzogen und wiederholten; was er von den heiligen Engeln und gerechten Männern unter ihnen, die ihm erschienen, als erfreulich oder traurig erkannte – der lese das erwähnte Büchlein über sein Leben, und er wird daraus, wie ich glaube, viel geistlichen Gewinn ziehen.

Eines aber möchten auch wir in dieser Geschichte aufnehmen, weil es für viele nützlich ist: Als er nämlich emporgehoben wurde, befahlen ihm die Engel, die ihn führten, auf die Welt hinabzublicken. Und als er die Augen niederschlug, sah er unter sich eine dunkle Talebene. Er sah auch vier Feuerherde in der Luft, die nicht weit voneinander entfernt waren. Als er die Engel fragte, was diese Feuer bedeuteten, hörte er, dass es Feuer seien, die die Welt entzünden und verzehren würden. Das eine war das Feuer der Lüge, weil wir das Versprechen, bei der Taufe Satan und seinen Werken abzuschwören, nicht halten; das zweite das Feuer der Habsucht, wenn wir den Reichtum der Welt der Liebe zu himmlischen Dingen vorziehen; das dritte das Feuer der Zwietracht, wenn wir es nicht scheuen, selbst über Nichtigkeiten unsere Nächsten zu kränken; das vierte das Feuer der Gottlosigkeit, wenn wir es für nichts halten, die Schwachen zu bestehlen und zu betrügen.

Diese Feuer wuchsen nach und nach zusammen und wurden zu einer riesigen Flamme. Als sie näher kamen, sagte Furseus voller Furcht zum Engel: „Herr, siehe, das Feuer kommt auf mich zu.“ Doch der Engel antwortete: „Was du nicht selbst entzündet hast, wird dich nicht verbrennen. Auch wenn dieses Feuer furchtbar und groß erscheint, prüft es doch jeden gemäß den Verdiensten seiner Taten. Denn die Gier jedes Einzelnen wird in diesem Feuer brennen. So wie einer im Leib durch unrechtmäßige Lust brennt, so wird er, nachdem er aus dem Körper geschieden ist, durch gerechte Strafe brennen.“

Dann sah er einen der drei Engel, die ihn während beider Visionen begleiteten, vorangehen, um die Flammen zu spalten, während die beiden anderen ihn von beiden Seiten umkreisten und vor der Gefahr des Feuers beschützten. Er sah auch Dämonen durch das Feuer fliegen, die Brände des Krieges gegen die Gerechten anzetteln wollten.

Es folgten Anklagen der bösen Geister gegen ihn, Verteidigungen der guten Geister und eine noch herrlichere Vision himmlischer Heerscharen sowie heiliger Männer aus seinem eigenen Volk, die er früher als hochgeachtete Priester kannte und die ihm – bekannt durch ihren Ruf – erschienen. Von ihnen hörte er vieles, das für ihn selbst und für alle, die es hören wollten, sehr heilsam war. Nachdem sie ihre Worte beendet hatten und zusammen mit den Engeln wieder zum Himmel aufstiegen, blieben die drei Engel, wie zuvor, bei dem seligen Furseus, um ihn zu seinem Körper zurückzubringen.

Als sie dem großen Feuer näher kamen, spaltete der Engel die Flamme, wie zuvor. Doch als der Mann Gottes durch das nun offene Tor der Flammen ging, schleuderten unreine Geister einen der Menschen, die in den Feuern gequält wurden, auf ihn, berührten seine Schulter und Wange und verbrannten ihn. Furseus erkannte den Mann – er erinnerte sich, dass er dessen Gewand beim Tod desselben angenommen hatte. Der heilige Engel griff sogleich ein, packte den Verdammten und warf ihn ins Feuer zurück. Da sagte der böse Feind: „Weist nicht zurück, wen ihr vorher aufgenommen habt. Denn wie ihr dessen Güter angenommen habt, so müsst ihr auch an seinen Strafen teilhaben.“ Der Engel aber widersprach: „Nicht aus Habgier hat er sie angenommen, sondern um seine Seele zu retten.“ Da verlosch das Feuer. Der Engel wandte sich zu Furseus und sagte: „Was du selbst entzündet hast, hat in dir gebrannt. Hättest du nicht das Geld dieses in seinen Sünden gestorbenen Mannes angenommen, so hättest du auch nicht an seiner Strafe teilgehabt.“ Dann sprach er vieles über das rechte Verhalten gegenüber jenen, die in letzter Reue sterben, in heilsamer Rede.

Nachdem Furseus in seinen Körper zurückgekehrt war, trug er sein Leben lang ein sichtbares Zeichen jenes Feuers an Schulter und Wange – was seine Seele im Verborgenen erlitten hatte, zeigte sich wunderbarerweise sichtbar im Fleisch. Er war stets bemüht, wie zuvor durch Tugendwerke und Beispiel, aber auch durch seine Predigt, alle zu lehren. Den Ablauf seiner Visionen aber offenbarte er nur jenen, die aus dem Wunsch nach Reue danach fragten.

Ein älterer Bruder unseres Klosters lebt noch, der erzählt, ein sehr glaubwürdiger und frommer Mann habe ihm gesagt, dass er Furseus in der Provinz der Ostangeln gesehen und die Visionen aus dessen eigenem Mund gehört habe. Er fügte hinzu, dass es damals bitterster Winter und alles vereist war, Furseus aber, in dünnem Gewand dasitzend, während seiner Erzählung so sehr ins Schwitzen kam – wohl aus Furcht oder Süße der Erinnerung –, als säße er in der Gluthitze des Hochsommers.

Um nun zum vorigen zurückzukehren: Als er nach vielen Jahren in Schottland (Irland) das Wort Gottes verkündet hatte und die Aufläufe des Volkes nicht mehr ertragen konnte, verließ er alles, was er besaß, sogar seine Heimatinsel selbst, und kam mit wenigen Brüdern über die Bretonen in das Land der Angeln. Dort predigte er, wie gesagt, und errichtete ein berühmtes Kloster. Als dies alles vollbracht war, wollte er sich von allen Geschäften dieser Welt und selbst des Klosters entledigen. Er übergab die Leitung des Klosters und der Seelen seinem Bruder Fullan sowie den Priestern Gobban und Dicull und beschloss, selbst als Eremit frei von allen irdischen Dingen zu leben.

Er hatte einen anderen Bruder namens Ultan, der nach langer Erprobung im Kloster ein Einsiedlerleben begonnen hatte. Zu diesem ging er allein und verbrachte mit ihm ein ganzes Jahr in Enthaltsamkeit, Gebet und täglicher Handarbeit.

Als er dann sah, dass durch den Einfall heidnischer Völker das Land verwüstet wurde und auch die Klöster in Gefahr waren, ordnete er alles wohl und reiste nach Gallien. Dort wurde er vom fränkischen König Chlodwig und vom Hausmeier Erchinoald ehrenvoll aufgenommen. Er errichtete ein Kloster an einem Ort namens Latiniacum. Kurz darauf wurde er krank und verstarb.

Sein Leichnam wurde von Erchinoald in einer Vorhalle der Kirche aufbewahrt, die dieser gerade in seiner Stadt Perrona errichtete, bis sie geweiht wurde. Als das nach 27 Tagen geschah und der Leichnam an einen Platz beim Altar gebracht werden sollte, fand man ihn unversehrt, als wäre er eben erst gestorben. Und auch vier Jahre später, als ein würdigerer Raum zur Aufbewahrung des Leichnams erbaut wurde – östlich des Altars – war der Körper noch ohne jede Verwesung und wurde dort mit Ehren beigesetzt. Viele Wunder, die dort geschahen, bezeugen die Heiligkeit dieses Mannes. Was wir hier über die Unversehrtheit seines Körpers kurz erwähnt haben, möge den Lesenden die Größe des Mannes besser erkennen lassen. Wer das erwähnte Büchlein über sein Leben liest, wird dort auch Genaueres über seine Gefährten finden.

Quelle: Beda Venerabilis, Historia Ecclesiastica gentis Anglorum, Kapitel 19.

Hier der Text als pdf.

Hinterlasse einen Kommentar