Antwort auf die Frage „Was sollen wir tun, wenn wir nicht beten können?“
Von Karl Barth
Ich habe hier nicht als Seelsorger zu reden, sondern ganz schlicht als dogmatischer Theologe und Exeget. Meine Antwort auf diese Frage müßte sehr anders lauten, wenn sie mir persönlich gestellt wäre. Allgemein antwortend, kann ich dazu nur dies sagen: Sie fragen mich: was sollen wir tun, wenn wir nicht beten können? Lassen Sie mich fragen: Wer kann denn beten? Gibt es einen Menschen, der sagen dürfte: Ich kann beten? Ich fürchte, der Mensch, der das sagen wollte, der könnte in Wahrheit gerade nicht beten. Umgekehrt wäre vielleicht dem, der klagt: Ich kann nicht beten!, zuzurufen: Gerade so bist du ganz nahe daran, in Wahrheit zu beten! Das wirkliche Beten ist ja etwas, was wir nicht machen können, sondern was geschieht, gewiß durch uns geschieht, aber nicht auf Grund einer Fähigkeit, sondern auf Grund dessen, daß Gott uns angenommen hat als seine Kinder. Wenn wir seine Kinder sind, dann schreien wir auch zu ihm. Dieses Angenommensein und darum auch das Schreien auf Grund dieses Angenommenseins liegt jenseits von unserem Können. Nein, wir können es nicht. Aber das Gebot der Bibel befiehlt uns: Bittet! Und nun stehst du vielleicht da und kannst nur klagend wiederholen: Ich kann es nicht! Halte dir unseren Herrn Jesum Christum vor Augen, der am Kreuz auch für uns gebetet hat! Dir bleibt nichts anderes zu tun, als seine Gnade anzunehmen. Wenn du ja sagst zur Gnade Gottes, dann gehorchst du jenem Befehl, dann betest du. Dieser kleine Seufzer, mit dem wir zu Gott sagen: Ach, ja! das ist das Gebet und die Quelle aller Gebete! Da steckt das ganze Vaterunser darin und jedes Miserere und Gloria, das die Kirche je gebetet hat. In diesem kleinen Seufzer steckt Alles und Alles muß auch immer wieder zu diesem kleinen Seufzer werden. Da gibt es keine Kunst des Betens, da gibt es nur das ganz schlichte Dürfen des Kindes Gottes. Daß du von diesem Dürfen Gebrauch machst, das ist es, was du tun sollst, wenn du nicht beten kannst.
Karl Barth wurde diese Frage 1936 auf seiner Vortragsreise nach Ungarn und Siebenbürgen in Klausenburg gestellt.
Quelle: Karl Barth, Gottes Gnadenwahl, TEH 47, München: Chr. Kaiser, 1936, S. 55f.