Martin Luther über den Glauben in seinem großen Galaterkommentar zu 2,16: „Darum ist der Glaube nicht so eine otiosa qualitas, das ist, so gar ein unnützes, faules, totes Ding, das im Herzen auch eines Todsünders verborgen liege, gleichwie eine leichte, unnütze Spreu, oder wie eine tote Fliege Winterszeit in einer Ritze stecket, bis so lange, dass die Liebe dazukomme und ihn aufwecke und lebendig mache.“

Über den Glauben. Zu Galater 2,16

Von Martin Luther

Wir aber setzen anstatt solcher Liebe, davon sie reden, den Glauben: und wie sie sagen, daß der Glaube das erste Abreißen oder Entwerfen, die Liebe aber das recht ausgestrichene und ganz vollkommene lebendige Bildnis sei; also sagen wir dagegen, daß der Glaube Christum ergreife, welcher ihm seine rechte Farbe ausstreicht, Gestalt und Schmuck gibt. Darum ist der Glaube nicht so eine otiosa qualitas, das ist, so gar ein unnützes, faules, totes Ding, das im Herzen auch eines Todsünders verborgen liege, gleichwie eine leichte, unnütze Spreu, oder wie eine tote Fliege Winterszeit in einer Ritze stecket, bis so lange, daß die Liebe dazukomme und ihn aufwecke und lebendig mache; sondern, wo es anders ein rechtschaffener, wahrhaftiger Glaube ist, so ist es ein gewisses Vertrauen und eine starke, feste Zuversicht des Herzens, dadurch man Christum ergreifet, also, daß Christus sei das einige wahrhaftige objectum fidei, das ist, daß der Glaube nichts anderes habe, darauf er gerichtet sei und dazu er sich halte, denn Christum allein; ja, daß nicht allein der Glaube auf Christum ganz gerichtet sei, sondern daß er auch Christum selbst begreife und in sich beschließe.

Darum ist der Glaube eine solche Erkenntnis, welche, ob sie wohl ganz und gar finster und dunkel ist und gar nichts sieht, ist es dennoch des gewiß und sieht, daß sie Christum in solchem Dunkel und Finsternis wahrhaftig ergreifet und hat; gleichwie vorzeiten unser Herr Gott auf dem Berge Sinai und im Tempel auch mitten im Finstern saß. Derhalben ist unsere justitia formalis, das ist, die Gerechtigkeit, so uns den Schein und das Ansehen machet, daß wir vor Gott gerecht geschätzt werden, nicht die Liebe, die solchen Schein und Ansehen dem Glauben gebe, sondern der Glaube selbst und das verborgene Dunkel und heimliche Erkenntnis im Herzen, das ist, das Vertrauen auf etwas Unsichtbares, nämlich auf den unsichtbaren und doch wahrhaftig gegenwärtigen Christum; das ist unsere justitia formalis.

Quelle: D. Martin Luthers Ausführliche Erklärung der Epistel an die Galater, Berlin: Schlawitz, 1856, Sp. 180f (Nr. 186 u. 187).

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