Reinhard Koselleck über den Fortschritt: „‘Fortschritt’ ist eine Relationsbestimmung, die räumlich hier und dort, zeitlich jetzt und dann und früher aufeinander bezieht. Dem räumlichen Weg entspricht immer eine Zeitfolge. Als allgemeine Relations­kategorie ist ‘Fortschritt’ so neutral wie elastisch, um alle geschichtlichen Bewegun­gen benennen zu können, die sich raum-zeitlich vollziehen.“

Über den Fortschritt

Von Reinhard Koselleck

Ausdrücke, die auf die Geschichte bezogen werden, stammen meist aus den ver­waltenden Erfahrungsbereichen der jeweiligen Zeitalter. Sie entstammen der Natur oder dem Mythos, der Kirche oder Theologie, dem Verfassungsleben, der Dichtung, den Wissenschaften oder der Wirtschaft und Technik, um nur wichtige Gebiete zu nennen. Die historische Terminologie wird also von Faktoren geprägt, die selber nicht primär historisch sind. Begriffe, die schließlich auf die Geschichte beschränkt wurden, sind selten und dienen meist, wie Perelman gezeigt hat, der Selbst­bestimmung von Epochen, wie ‘Renaissance’ oder ‘Reformation’ oder, was sich künftig herausstellen mag, ‘Fortschritt’.

Dabei leben alle geschichtlichen Ausdrücke, weil Zeit selber nicht anschaulich ge­macht werden kann, von natürlichen und räumlichen Hintergrundsbedeutungen, die metaphorisch auf die Geschichte und ihre „Bewegungen“ ausgeweitet werden. Auch ‘Fortschritt’ ist ein solcher Begriff. Er hat zunächst, vom Schreiten her­rührend, eine physische und eine räumliche Komponente, die freilich — durch den Vollzug des Schreitens — zeitlich angereichert ist. Denn Schreiten ist, wie Mauthner betont, immer Fortschreiten. Deshalb ist ‘Fortschritt’ eine Relationsbestimmung, die räumlich hier und dort, zeitlich jetzt und dann und früher aufeinander bezieht. Dem räumlichen Weg entspricht immer eine Zeitfolge. Als allgemeine Relations­kategorie ist ‘Fortschritt’ so neutral wie elastisch, um alle geschichtlichen Bewegun­gen benennen zu können, die sich raum-zeitlich vollziehen.

Da es zu allen Geschichten gehört, daß verschiedene Handlungsträger, ihre Tätig­keiten und Erfahrungen, in wechselnde Beziehungen zueinander treten, kann es nicht überraschen, daß die darauf zielende Terminologie ihre weit in die Vergangenheit reichende Geschichte hat — obwohl der Ausdruck ‘Fortschritt’ erst im späten 18. Jahrhundert geprägt wurde.

Die älteren Verlaufs- und Relationsbestimmungen bezogen sich auf eine Vielfalt historischer Bewegungen oder Veränderungen, die ihrerseits erst im 18. Jahrhundert von einem gemeinsamen Begriff, dem der ‘Geschichte selber’, gebündelt wurde. Die Begriffe ‘Fortschritt’ und ‘die Geschichte’ tauchen gleichzeitig auf. In diesem Befund liegt ein Vorgebot für unsere Darstellung. Eine Aufgabe der folgenden Analyse ist es, die Entstehung und Herkunft der Bewegungskategorie ‘Fortschritt’ so weit zu klären, daß ihr neuzeitlicher Gehalt, den es zuvor so nicht gegeben hat, in den Blick rückt.

Die Wortprägung von ‘Fortschritt’ geschah beiläufig, die Begriffsbildung aber ist Ergebnis eines tiefgreifenden Erfahrungswandels. Sie verweist auf eine Dynamik, die von den Vorläuferausdrücken ‘Progreß’ oder ‘Fortgang’ noch nicht erfaßt werden konnte. Als moderner Bewegungsbegriff hat der ‘Fortschritt’ seine Herkunftsbedeutung denaturalisiert und in Vergessenheit gebracht. Die vorausgegangenen Begriffe ‘Progreß’ oder ‘Fortgang’ zehrten noch mehr von der Wachstumsmetaphorik und blieben eingebettet in ein naturhaft-kreisläufiges Verständnis aller Geschehensabläufe. Nicht so der ‘Fortschritt’. Er sollte eine genuin geschichtliche Zeit auf ihren Begriff bringen. Diese „Verzeitlichung“ führte freilich in theoretische Schwierigkeiten, die in der politischen Sprache gerne ideologisch aufgelöst werden.

Der neue Begriff erfaßte sukzessiv oder zugleich ein ganzes Bündel neuzeitlicher Bewegungsstrukturen:

  1. bezieht sich der ‘Fortschritt’ auf die eine Menschheit, die als Subjekt ihrer eigenen Geschichte angesprochen wurde. ‘Fortschritt’ wird zum geschichtsphilosophischen Universalbegriff;
  2. aber bleibt ‘Fortschritt’ oft auf einzelne Sektoren oder auf konkrete Handlungseinheiten bezogen, die sich in einer zeitlichen Spannung zueinander verhalten. Jedem Zuvor entspricht ein Nachhinken bzw. das Postulat zum Aufholen, Einholen oder Überholen. ‘Fortschritt’ wird zum Partei- und Aktionsbegriff;
  3. kann ‘Fortschritt’ selbst zu seinem eigenen Subjekt werden, wodurch die Be­wegung auf sich selbst zurückbezogen wird. Damit wird der Ausdruck ideologisch besetzbar und läßt sich ideologiekritisch angreifen.
  4. Obwohl der Ausdruck gelegentlich auch Abläufe zum Schlechteren bezeichnen kann, meint ‘Fortschritt’ in der Regel eine Bewegung zum Besseren. ‘Fortschritt’ wird zu einem quasi religiösen Hoffnungsbegriff;
  5. zielt der ‘Fortschritt’ auf einen Verlauf, der als nicht zirkulär gedacht wird, im Gegensatz zu den antiken Abfolgemodellen, die ihre Wiederholbarkeit voraus­setzen. Sprachlich hat der ‘Fortschritt’ den ‘Rückschritt’ zum Gegenbegriff, aber es gehört zur modernen Fortschrittstheorie, daß die Rückschritte immer kürzer sind, als die Fortschritte voranführen. Dieser ‘Fortschritt’ erlaubt zwar Diskontinui­täten, bleibt aber ein linearer Richtungsbegriff.
  6. Die Zielbestimmung des ‘Fortschritts’ schwankt zwischen endlicher Perfektion, die unerreichbar bleibt, und einer endlosen Zielverschiebung, weil die Zwecke, die der Fortschritt erfüllen soll, selber als fortschreitend entworfen werden. ‘Fortschritt’ wird zum temporalen Perspektivbegriff, enger gefaßt zum Planungsbegriff;
  7. indiziert ‘Fortschritt’ häufig eine Beschleunigung, die im Unterschied zur physikalischen Akzeleration nur von geschichtlichen Kräften ausgelöst und bewirkt werden kann. Indem solche Kräfte als „progressiv“ definiert worden, wird ‘Fort schritt’ zum geschichtlichen Legitimationsbegriff.

Alle diese Bestimmungen, die sich gegenseitig ergänzen und abstützen, sind in den Begriff eingegangen. Sie tauchen kaum zusammen auf, schließen sich streckenweise sogar aus, kennzeichnen aber insgesamt die moderne Welt. Sie sind utopisch und erfahrungsgesättigt zugleich. Der „Fortschritt“ ist Indikator — und Faktor — der langfristig sich anbahnenden, dann immer schneller vorangetriebenen Industriali­sierung, die zahlreiche Bedingungen des sozialen und politischen Lebens verändert oder neu gestiftet hat. Die als „Fortschritt“ begriffene Neuzeit scheint sich aus ihren natürlichen Vorgegebenheiten zu entfernen und in eine offene Zukunft hin­ein zu entwerfen.

Wie die ‘Geschichte selber’ ist unsere Kategorie ein neuzeitlicher Begriff, der den Handlungs- und Erfahrungsraum der Geschichte sowohl theoretisch wie praktisch zu bestimmen sucht. Damit haben alle genannten Kriterien ihren bestimmbaren sozialen und politischen Stellenwert, deren Beziehungen zueinander im folgenden untersucht werden sollen.

Quelle: Otto Brunner/Werner Conze/Reinhart Koselleck (Hrsg.), Geschichtliche Grundbegriffe, Bd. 2, Stuttgart: Klett, 1975, S. 351-353.

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