Von Gerhard Sauter
»Der Herr redete mit Mose
von Angesicht zu Angesicht,
wie jemand mit seinem Freunde redet«
(2. Mose 33,11)
Dies ist die einzige Stelle in der Bibel, an der Gott zwar nicht direkt als eines Menschen »Freund« bezeichnet wird, wo Gottes Reden mit Mose aber einem Gespräch zwischen Freunden gleichkommt. Wie ein Freund spricht er mit Mose, wenn das wandernde Gottesvolk, das durch die Wüste geführt werden soll, eine Wegweisung braucht. Gott diktiert seine Weisung nicht, allerdings wird auch nicht über sie verhandelt, aber es wird in voller Offenheit füreinander von ihr gesprochen. Mose muss nicht seine Augen niederschlagen, das Gesicht verhüllen, sich zu Boden werfen oder eine andere Demutshaltung einnehmen, um so die Anrede des gnädigen Herrn abzuwarten. Er steht aufrecht und schaut auf zu dem, der sich ihm zugewandt hat.
Doch unmittelbar danach wird Mose seine Bitte, Gottes Pläne zu erfahren, abgeschlagen (2. Mose 33,12–23). Gerade eben noch sprach er mit dem Herrn »von Angesicht zu Angesicht«, jetzt entzieht sich dieses Antlitz ihm. (Es mag sich um zwei verschiedene Überlieferungen handeln, die miteinander verbunden wurden, aber in der jetzigen Erzählfolge soll eine unüberbrückbare Innenspannung zum Ausdruck gebracht werden.) »Angesicht« bedeutet nicht immer einen frontalen Anblick. Entscheidend ist, ob Gott sein Angesicht zuwendet oder abwendet. Wendet er sich Menschen zu, kann sich dies in seinem Handeln abzeichnen, und darin erweist er sich als Freund. Mose darf dem Herrn nachschauen, wenn er vorübergeschritten ist und Mose ihm folgt. Er kehrt Mose also nicht den Rücken. Seinen Namen ruft er aus, der Güte und Beistand verkündet, und er begleitet sein Volk, indem er ihm vorangeht. Doch für Gott in der ganzen Fülle seines Glanzes wäre Mose viel zu ungeschützt. Ihm unmittelbar ins Gesicht sehen kann er nicht. In die Augen darf er ihm nicht schauen und er wird nie ergründen, was gleichsam hinter Gottes Stirn vorgeht. Gottes Angesicht ist ja kein Mienenspiel, aus dem ein Mensch etwas ablesen kann, und sei er mit Gott so vertraut geworden wie Mose. Keine Rede davon, dass er »auf gleicher Augenhöhe« mit Gott verkehrte! Eine solche Gleichstellung wird heutzutage oft von Politikern und anderen Verhandlungspartnern gefordert, die gerade keine freundschaftlichen Gefühle füreinander hegen und desto erfolgreicher sind, je mehr sie für sich behalten. Gottes Angesicht bleibt aber für jeden Menschen zeitlebens unnahbar, auch für den, dem er sich zuwendet. Und eben daran: Dass Gott sich Mose so zuwendet, dass er nichts von dem für sich behält, was für den Anführer seines Volkes lebensnotwendig ist, daran zeigt sich, dass er mit Mose »wie mit einem Freunde redet«.
»Freund Gottes« wird Abraham mehrmals genannt (2. Chronik 20,7; Jesaja 41,8; Jakobus 2,23). Es ist ein Ehrentitel, der ihm zuerkannt wird, weil er als Erster die Segensverheißung Gottes empfing. Nach jüdischer Auslegung, der sich auch der neutestamentliche Jakobusbrief anschließt, hat Abraham sich diesen Titel durch seinen Gehorsam verdient. Paulus dagegen spricht von ihm als dem »Vater des Glaubens« (Römer 4,1–22). Seine Verwandten und Freunde hatte Abraham verlassen, als er Gottes Ruf in die Fremde folgte. Ob er auf seinem weiten Wege und in der neuen Heimat Freunde gewann, wird nicht erzählt. Gott hat ihm aber eine unübersehbare Nachkommenschaft und Lebensraum für sie zugesagt, und darauf vertraute Abraham trotz aller inneren und äußeren Schwierigkeiten, indem er sich in Gott »festmachte« (1. Mose 15,6). – Was zeichnet sich in der herzlichen Gastfreundschaft ab, die er drei geheimnisvollen Fremden erweist, die ihn überraschend besuchen (1. Mose 18,1–16)? Die Gäste kündigen ihm und seiner Frau Sara, dem hochbetagten Ehepaar, die baldige Geburt ihres Sohnes an. Die Fremden sind also Boten Gottes, vielleicht sogar Gott selbst. In der frühen Christenheit wurde diese Geschichte auf Gott Vater, Sohn und Geist bezogen. Der russische Maler Andréj Rubljóv griff in seiner Ikone »Trinität des Alten Testaments«, entstanden zwischen 1422 und 1427, darauf zurück und zeigt drei Gestalten beim Gastmahl, ganz einander zugewandt, in tiefer wortloser und doch eigentümlich sprechender Übereinstimmung und Harmonie, voneinander unterschieden, aber nicht geschieden. Im Dreieck und im Kreis kommunizieren sie miteinander, auch mit ihren Augen, Händen, ihren sonstigen Gebärden und mit den Farben ihrer Gewänder, sogar mit der Trauer auf ihren Gesichtern, die die Freudenbotschaft von der baldigen Geburt des Segensträgers zu überschatten scheint. So bilden sie einen gleichsam schwingenden, in sich bewegten Raum. Dies kann als Bild der inneren Bewegtheit des göttlichen Angesichtes gesehen werden, die auf die beiden Gastgeber im Hintergrund und auf alle ausstrahlt, die unter dem Segen stehen, den Abraham, der Freund Gottes, und Sara empfingen. Auch wenn sich das Ehepaar nicht mit den Gästen an einen Tisch setzt, sondern Abraham ihnen aufwartet, kann ein gemeinsames Mahl Gäste und Gastgeber zu Freunden machen (vgl. Psalm 41,10). – In seinem vertrauensvollen Gehorsam ging Abraham sogar so weit, seinen einzigen Sohn, das Unterpfand seiner Zukunft, Gott nicht vorzuenthalten, als Gott ihm dies zumutete (1. Mose 22,1–19). Hat er sich damit Gott zum Freunde gemacht? Nein, er erwies sich als der Freund Gottes, den Gott liebte und der ihn nie enttäuschte. Und er sprach immer in voller Offenheit zu Gott, er schüttete ihm sein Herz aus und hat von ihm manches für andere erbeten, was sich kein anderer zutrauen konnte.
Freunde auf Gegenseitigkeit? Ja und nein. Ein Vertrauensverhältnis muss nicht auch einen vertraulichen Umgang miteinander bedeuten. Freunde – und ebenso Freundinnen, die in alles eingeschlossen sind, was über Freunde zu sagen ist – können sich aufeinander verlassen, auch wenn sie nicht immer in der Nähe sind und trotz zeitlicher Entfernung. Das Verhältnis von Freunden zueinander kann auch asymmetrisch sein: bei einem väterlichen Freund, einem Freund mit mehr Erfahrung oder einem, der in anderer Weise überlegen ist, ohne dass dies die Offenheit füreinander einschränkt. Wer mein Freund ist, kann mich in vielem besser kennen als ich mich selbst, und ich kann ihm manches anvertrauen, was für andere missverständlich wäre oder ihnen nicht auf die Nase gebunden werden sollte. Seine Kritik darf auch schärfer ausfallen als die anderer, weil er mir nie den Boden unter den Füßen wegziehen wird. Freunde stehen einander bei, stehen füreinander ein, gerade wenn andere sich zurückziehen, den bedrängten Freund im Stich lassen oder gar wortbrüchig werden. Freunde gehen miteinander durch gute und schlechte Zeiten, »durch dick und dünn«. Die Psalmen sind voll von Bitten von Dankbezeugungen dieser Art und sprechen so von Gott als Freund, allerdings nur indirekt.
In einem Gleichnis spricht der Prophet Jesaja von seinem Freunde, der einen Weinberg auf fruchtbarem Boden anlegte, ihn mit größter Umsicht hegte und pflegte und trotz aller seiner Mühe nur mit ungenießbaren Früchten belohnt wurde. Darum kann er nicht umhin, ihn zu vernichten – wie Gott es seinem Volk androht, seiner Lieblingspflanzung, die ihn ebenso enttäuschte (Jesaja 5,1–7). Dass Jesaja von Gott als seinem Freund erzählt, mag poetisch ausgedrückt sein, dürfte aber doch auch eine gewisse Vertrautheit anklingen lassen, mit der der Prophet den Schmerz Gottes über sein untreues Volk mitempfindet, in das der Freund (nicht nur ein Gutsbesitzer, der sich über die Fehlinvestition in ein Stück seiner Ländereien ärgert) seine Hoffnung auf Ertrag gesetzt hat.
Jesus lässt Gott in manchen seiner Gleichnisse Notleidende als »Freunde« ansprechen und so ihr Vertrauen gewinnen. Auch wenn dies der Erzählweise zugerechnet werden kann (zum Beispiel die Anrede »mein Freund« in Lukas 14,10 oder »mein Lieber« in Matthäus 20,13; 22,12), fällt ins Gewicht, dass Gott sich besonders Menschen zuwendet, die seiner Hilfe besonders bedürfen. Gott duldet sogar, wie ein Freund mitten in der Nacht gestört und mit Bitten bedrängt zu werden (Lukas 7,5–8). Und Jesus gilt als »Freund der Zöllner und Sünder« (Lukas 7,34), und er bekräftigt dies, indem er ihre Einladung zu Tisch annimmt: ein Freundeszeichen (Matthäus 9,11; Markus 2,15; Lukas 5,30)! Seine Jünger, die in ihm seinen Vater erkennen, die tun, was er ihnen in dessen Namen gebietet, und vernehmen, was er von ihm offenbarte (Johannes 15,14–15; Lukas 12,4) nennt er »seine Freunde«, und er wird dies mit seinem Leben bezahlen (Johannes 15,13). Als Judas im Garten Gethsemane Jesus einen Bruderkuss gibt, fragt der Verratene ihn: »Mein Freund, dazu bist du gekommen?« (Matthäus 26,50) – der das in ihn gesetzte Vertrauen zerstörte, immer noch sein Freund!
Ist aber Gott selbst ein Freund, ja der Freund schlechthin? Nicht nur für wenige ausgewählte Einzelne oder im Ausnahmefall! Gehört es zu seinen Wesenszügen, Freund zu sein, nicht nur »freundlich«? Warum sind die biblischen Beter, Erzähler, Propheten und Lehrer so zurückhaltend, wenn es gilt, von Gott als Freund zu reden? Und warum gebrauchen sie das Wort »Freund« auch sonst so sparsam? (Wo es in deutschen Bibelübersetzungen »Freund Gottes« heißt – etwa in Psalm 127,2: »Seinen Freunden gibt er’s schlafend« –, ist der Gottesfürchtige gemeint, der sich auf Gottes Wirken verlässt, das alles Leben trägt, auch wenn er diese Gabe nur geschehen lassen kann, ohne dass er sich daran beteiligte.) Vermutlich wussten sie besser als wir heute, ein welch kostbares und seltenes Gut es ist, »Freund zu sein«. Wem ein Freund zuwächst, erfährt dies viel beglückender und weniger verdient als bei anderen tragenden menschlichen Beziehungen. Verwandte »hat« man, niemand kann sie sich aussuchen; eine Ehe wird mit einem Treueversprechen für eine engste Lebensgemeinschaft, die Gottes Segen für sich und für Wachsen in und mit ihren Kindern erbittet, eingegangen und so auch kenntlich gemacht; Partnerschaften können geschlossen und auch wieder aufgegeben werden; die Wahl von Kollegen und Nachbarn steht nur in begrenzter Weise offen. Wie aber wird jemand mir und ich ihm zum Freunde? Dass Menschen einander verstehen, ähnliche Neigungen miteinander teilen, in manchem übereinstimmen, reicht noch nicht aus, um Freunde füreinander zu sein.
In unserer Umgangssprache werden heutzutage solche Unterschiede leicht verwischt, und dadurch hat das Wort »Freund« erheblich an Trennschärfe und oft auch an Wert verloren. Da gibt es politische Freunde, die oft nur gegen gemeinsame Gegner zusammenstehen und untereinander spinnefeind sein können; Schulfreunde, deren Wege später meistens auseinandergehen und die oftmals nur durch Erinnerungen an gemeinsame Erlebnisse miteinander verbunden sind; Sportsfreunde mit gleichen Interessen, aber nur darauf beschränkt; Duzfreunde, die mit der informellen Anrede eine Distanz verwischen, die manchmal hilfreich wäre. In den USA, wo es gebräuchlicher ist als hierzulande, einander alsbald mit Vornamen anzureden, sind feinste Abstufungen zu beachten, die das Verhalten zueinander regeln, ohne dass sie sprachlich hervortreten müssen, und dabei geht »Freundschaft« über »Zuneigung« hinaus. Wenn jemand Freunde in aller Welt hat, kann er selten stolz darauf sein – und seine sogenannten Freunde noch weniger, weil er sicherlich übertreibt, mit der Menge seiner Freunde oder mit der Qualität seiner weltweiten Verbindungen, oder mit beidem. Und wie unterscheiden sich viele »Freunde« von »Bekannten«, außer vielleicht in der Dauer der Beziehung oder dem Grad der Unverbindlichkeit? Als »Freund« mag man jemanden vielleicht nur freundlich ansprechen wollen, vielleicht aber auch mit einem ironischen Unterton (»Freundchen«).
Bezeichnend ist, dass wir noch etwas hinzusetzen müssen, um den Wert von Freunden einzuschätzen: von »echten«, »wahren«, »treuen«, »unzertrennlichen« Freunde im Unterschied zu falschen, scheinbaren, die sich nur als vertrauenswürdig und verlässlich maskieren (Jesus Sirach 6,5–17). Ihr wirkliches Gesicht zeigt sich erst im Ernstfall. Freunde können sich und einander desto leichter täuschen, je mehr sie bedingungslos aufeinander gebaut haben. »Freunde in der Not gehen tausend auf ein Lot«, weiß ein altes Sprichwort zu sagen: Ihre Zahl schmilzt rasch zusammen, wenn ihre Hilfe gebraucht wird. Allzu scharfsichtige Menschenkenntnis kann aber auch verhindern, andere als Freunde anzusehen oder gar zu gewinnen, weil nur bemerkt wird, was ihnen mangelt. Vielleicht fehlt auch einem selber die Fähigkeit, Freund anderer zu werden, weil die Ansprüche daran zu hochgeschraubt sind. Viele skeptische und zynische Ratschläge gibt es dafür, wie jemand seine rechten Freunde erkennen kann: am ehesten, wenn sie Feinde auch seiner Feinde sind. Negative Indizien sind aber schlechte Ratgeber, und manchmal haben sie fatale Folgen. Denn muss ein Feind meines Freundes immer auch mein Feind sein? Damit kann ich mir überall Feinde machen.
Das Freund–Feind–Schema versagt völlig, wenn Gott Menschen als Freund begegnet. Er ist für sie da, niemals stellt er sich gegen sie, auch wenn er sein Angesicht von ihnen abwendet: im Schmerz über ihren Widerstand gegen ihn, oder wenn er sein Angesicht vor ihnen verbirgt und verborgen an ihnen handelt. Und er ist für sie da, ohne dass er diese Präsenz andauernd spüren lassen oder gar unter Beweis stellen müsste. Wenn Gott in einer jüdischen apokryphen Schrift, die um 50 v. Chr. entstanden ist, »Freund des Lebens«, »Freund dessen, was da lebt« genannt wird (Weisheit Salomos 11,26), dann soll er damit als der Schöpfer allen Lebens gepriesen werden, der dieses Leben vom Verderben bewahrt. Mit einer Kritik an menschlicher Lebensfeindlichkeit oder mit der Werbung für eine lebensfreundliche Daseinsgestaltung hat das nichts zu tun. Die schöpferische »Weisheit«, der unerschöpfliche Quell aller Einsicht in die Ursprünge der strukturierten, das Dasein stützenden Welt, verhilft sogar dazu, »Freundschaft bei Gott« zu erwerben (Weisheit Salomos 7,14).
Es dürfte unvermeidlich sein, dass wir uns auf Erfahrungen mit Freunden stützen, wenn wir sagen möchten, wie wir »Gott als Freund« wahrnehmen – als unseren Freund, also von Person zu Person. Wollten wir davon abstrahieren, könnten wir allenfalls von »Freundschaft« als einem Phänomen reden, einer sozialen Konvention, in der widergespiegelt wird, was Menschen außerhalb physischer Zusammengehörigkeit und ihres kulturellen Daseinsgefüges miteinander verbindet und Rückhalt gewährt. Freundschaft steht hoch im Kurs, wenn andere Absicherungen ins Wanken geraten oder ersetzt werden sollen, damit neue Formen des Austauschs von Erfahrungen und gemeinsame Wirkungsmöglichkeiten entstehen. Seit dem 18. Jahrhundert ist der Bedarf an solchen Stützungsmaßnahmen in der westlichen Welt gewachsen. Freundschaftsbünde wurden gegründet und rituell kultiviert, Freundschaften mussten durch regelmäßige Zusammenkünfte gepflegt werden, wenn sie nicht einschlafen sollten. Auch wenn Freundschaft zunehmend banalisiert wird, sind noch Spuren der Sehnsucht nach Verlässlichkeit zwischen Menschen zu bemerken. »Freundschaft« ist ein wichtiges, eigenständiges Phänomen des Miteinanders im menschlichen Leben, das deshalb von der theologischen Ethik viel mehr beachtet werden sollte, als es derzeit geschieht.
Als Freund begründet Gott ein Verhältnis sui generis, eigenen Ursprungs und unvergleichlicher Treue. Darum können die Konstitutionsbedingungen von »Freundschaft« auf dieses personale Verhältnis eigener Art nicht übertragen werden, wenn es nicht umgedeutet oder gar wegerklärt werden soll. Vielleicht ist auch deshalb in der Bibel und in der christlichen Theologie kaum von Gott als Freund die Rede. Mehr wurde in der christlichen Mystik Gott als Freund angesprochen, etwa von Hildegard von Bingen (1098–1179) und Teresa von Avila (1515–1582), weil sie eine intensive oder sogar intime Nähe verspürten. »Mit ihm kann ich reden wie mit einem Freund, obwohl er doch der Herr ist«, sagt Teresa (Buch meines Lebens 37,6). Darum wandten Mystiker sich auch gegen das gängige theologische Reden von Gott, und in manchen späteren kirchenkritischen Bewegungen fand ihre Innigkeit Ausdruck in einer emotional überschwänglichen Frömmigkeit. Umso klärender ist die Erinnerung an Abraham und Mose. Sie waren nicht immer Muster an Frömmigkeit und haben nie mit Gott auf Du und Du gestanden. Mit Abraham schloss der Herr einen Bund, damit versprach er ihm und seinen Nachkommen Treue, ohne seine Freiheit für die Beurteilung und Gestaltung des Bundes einzuschränken. Gott als Freund: Dies steht gewissermaßen in der Mitte zwischen Gottes überströmender Liebe und seinem unablässigen schöpferischen Wirken. Als Freund setzt er sich ein, auf ihn dürfen wir vertrauen, er lässt aber keine Vertraulichkeit zu und wahrt sein Geheimnis.
Abraham und Mose wurden berufen: der eine zum Segensträger für unzählige Nachkommen und viele Völker, der andere zum Träger von Weisungen, die das Leben vor Gott und mit Gott umreißen: für das Volk Gottes, aber in den Grundzügen für die ganze Menschheit. Beide haben vieles hinter sich lassen müssen, was ihnen Sicherheit und Wohlergehen versprach, beide verließen sich ganz auf Gottes Verheißung und Weisung, als sie dem Ruf Gottes folgten.
Weil wir in diese Geschichte hineingenommen wurden, werden auch wir Gottes als Freund gewiss: als den, von dem niemand und nichts uns trennen kann, »weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn« (Röm 8,38–39). So hat auch die christliche Glaubenssprache das vielschichtige Wort »Freund« aufgenommen, wie beispielsweise Paul Gerhardt 1653, fünf Jahre nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges, in seinem Lied:
»Ist Gott für mich, so trete, / gleich alles wider mich; /
so oft ich ruf und bete; / weicht alles hinter sich. /
Hab ich das Haupt [Christus] zum Freunde/
und bin geliebt bei Gott, /
was kann mir tun der Feinde und Widersacher Rott? //
Nun weiß und glaub ich feste ,/ ich rühm’s auch ohne Scheu,/
dass Gott der Höchst und Beste, / mein Freund und Vater sei/
und dass in allen Fällen / er mir zur Rechten steh/
und dämpfe Sturm und Wellen / und was mir bringet Weh.«
Quelle: Richard Riess (Hrsg.), Freundschaft, Heidelberg: Lambert Schneider, 22015, S. 239-246.