Von Martin Luther
Zur Suche nach der Wahrheit und zum Trost der ängstlichen Gewissen werden diese Thesen unter der Leitung des ehrwürdigen Vaters Martin Luther, Augustiner, nach unserem Brauch in kreisenden Disputationen diskutiert werden. 1518.
- Unter den beiden kirchlichen Nachlässen, nämlich der Sündenstrafe und der Schuld, ist der Nachlass der Schuld bei weitem vorzuziehen.
- Der Nachlass der Schuld beruhigt das Herz und nimmt die größte aller Strafen, nämlich das Gewissen der Sünde, hinweg.
- Der Nachlass der Strafe verstärkt manchmal ein böses Gewissen, manchmal nährt er eine noch schlimmere Vermessenheit.
- Der Nachlass der Schuld versöhnt den Menschen mit Gott, der Nachlass der Strafe versöhnt den Menschen mit den Menschen, das heißt mit der Kirche.
- Ist Schuld und Gewissen vergeben, gibt es keine Strafe in der Strafe, sondern Freude in den Trübsalen.
- Ohne den Nachlass der Strafe kann ein Mensch gerettet werden, keinesfalls aber ohne den Nachlass der Schuld.
- Es dient der Rettung mehr, wenn jemand, der von der Schuld losgesprochen wurde, die Tilgung der Strafen unterlässt.
- Der Nachlass der Schuld beruht nicht auf der Reue des Sünders, noch auf dem Amt oder der Vollmacht des Priesters,
- Sondern vielmehr auf dem Glauben, der im Wort Christi gründet, das spricht: „Was du auf Erden lösen wirst …“
- Denn wahr ist, dass nicht das Sakrament den Glauben, sondern der Glaube das Sakrament rechtfertigt (d. h. nicht, weil es geschieht, sondern weil es geglaubt wird).
- Christus wollte nicht, dass das Heil der Menschen in der Hand oder Willkür des Menschen liegt,
- Sondern, wie geschrieben steht: „Er trägt alles durch das Wort seiner Macht“ und „Er reinigt ihre Herzen durch den Glauben“.
- Bis hin zum Unglauben irren jene, die den Nachlass der Schuld wegen der Unsicherheit der Reue für unsicher erklären.
- So unsicher auch der Priester wie auch der Sünder über die Reue sein mögen, so ist doch die Lossprechung gültig, wenn er glaubt, dass er losgesprochen ist.
- Es ist also gewiss, dass die Sünden vergeben sind, wenn du glaubst, dass sie vergeben sind, denn die Verheißung Christi, des Retters, ist gewiss.
- Wer durch den Schlüssel gelöst wurde, sollte eher sterben und alle Geschöpfe verleugnen, als an seiner Lossprechung zweifeln.
- Wer daran zweifelt, dass seine Lossprechung Gott gefällt, zweifelt zugleich daran, dass Christus wahrhaftig war, als er sprach: „Was du lösen wirst …“
- Wer die Vergebung auf Reue gründet, baut sie auf Sand, das heißt auf das Werk des Menschen, nicht auf den Glauben an Gott.
- Es ist eine Schmähung des Sakraments und eine Maschine der Verzweiflung, nicht an die Lossprechung zu glauben, solange die Reue nicht sicher ist.
- Vielmehr bedeutet es, das Vertrauen des Gewissens auf die Reue gründen zu wollen, Gott zum Lügner und sich selbst zum Wahrhaftigen zu machen.
- Solche Menschen vertrauen nicht auf die Barmherzigkeit und das Wort Christi, sondern verderblich auf ihre eigenen Werke und Kräfte.
- Ja, sie wollen sogar in verkehrtester Weise das Wort und den Glauben von sich selbst befestigen, anstatt sich selbst auf das Wort und den Glauben zu gründen.
- Die Priester sind nicht die Urheber der Vergebung, sondern Diener des Wortes zur Glaubensvergebung.
- Die Macht der Schlüssel wirkt durch das Wort und das Gebot Gottes ein festes und unfehlbares Werk – es sei denn, du bist arglistig.
- Offenkundige Zeichen der Reue hat der Priester zur Genüge, wenn er den Sünder die Lossprechung erbitten und glauben sieht.
- Vielmehr sollte er ihn noch mehr danach fragen, ob er glaubt, losgesprochen zu sein, als ob er hinreichend bereut.
- Ebenso soll der Priester darauf achten, die Reue nicht so sehr zu prüfen, dass der Mensch glaubt, er werde allein ihretwegen losgesprochen.
- Vielmehr sollte ihm das Wort Christi ans Herz gelegt werden: „Sei getrost, mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben“, anstatt seine eigene Würdigkeit zu untersuchen.
- Daraus folgt, dass jenes Wort Christi „Wem ihr die Sünden vergebt …“ nicht auf die Strafen, sondern auf die Schuld zu beziehen ist.
- So wie der Priester lehrt, tauft und das Abendmahl reicht – und dennoch dies allein das innere Werk des Geistes ist –,
- so vergibt er wahrhaftig die Sünden und spricht von der Schuld los – und doch ist dies allein das innere Werk des Geistes.
- In all dem, während er das Wort Christi verkündet, übt er zugleich den Glauben aus, durch den der Sünder innerlich gerechtfertigt wird.
- Denn nichts rechtfertigt außer dem alleinigen Glauben an Christus, zu dem die Verkündigung des Wortes durch den Priester notwendig ist.
- Ohne diesen Glauben ist die Reue über die Sünden ein Werk der Verzweiflung und beleidigt Gott mehr, als dass sie ihn versöhnt.
- Der Priester kann den Schlüssel missbrauchen und sich versündigen, indem er losspricht, wen er nicht sollte, da er gebunden ist,
- doch ist die Lossprechung nicht deshalb ungültig, es sei denn, dass auch der Glaube des Losgesprochenen nicht vorhanden wäre.
- So wie in der Taufe und im Abendmahl auch ein gebundener oder verbotener Schlüssel wahrhaft tauft und kommuniziert,
- so spricht er in der Buße, so sehr sie auch verboten sein mag, wahrhaft los – vorausgesetzt, es fehlt nicht am aufrichtigen Glauben des Losgesprochenen.
- Selbst ein nachlässiger oder leichtfertiger Priester oder einer, der wissentlich gegen ein Verbot handelt, tauft und spricht dennoch wahrhaft los.
- Stell dir einen Fall vor (wenn auch unmöglich), dass jemand ohne Reue losgesprochen werden soll, aber dennoch glaubt, dass er losgesprochen ist – dieser ist wirklich losgesprochen.
- Keine Fallreservierung oder Einschränkung kann hier entgegenstehen, sofern sie unbekannt bleibt.
- Die Sakramente des Neuen Bundes sind nicht so wirksame Gnadenzeichen, dass es ausreichen würde, beim Empfang keinen Widerstand zu leisten.
- Vielmehr geht jeder, der ohne Glauben zu irgendeinem Sakrament kommt, heuchlerisch daran und damit zu seinem eigenen Gericht.
- Die Sakramente des Alten und Neuen Bundes unterscheiden sich darin, dass jene dem Fleisch dienten, diese aber der Rechtfertigung durch den Geist.
- Im Neuen Bund ist das Wort der Verheißung gegenwärtig, im Alten fehlte es – daher auch der Glaube des Empfangenden an die Vergebung.
- So wie lässliche Sünden nicht zur Beichte und Lossprechung durch die Schlüssel gehören, so auch nicht alle Todsünden.
- Wenn der Mensch verpflichtet wäre, alle Todsünden zu beichten und davon losgesprochen zu werden, wäre er zu etwas völlig Unmöglichem verpflichtet.
- Kein Mensch weiß, wie oft er schwer sündigt – selbst in guten Werken, etwa durch eitle Ruhmsucht.
- Er soll nur die beichten, die ihm selbst oder anderen sicher als Todsünden bekannt sind, also wirkliche Verbrechen.
- Hinsichtlich der übrigen soll er, ohne zu verzweifeln, sich selbst mit Vertrauen in den Abgrund der Barmherzigkeit Gottes werfen, der treu verheißt.
Zusammenfassung:
Der Gerechte wird nicht aus Werken noch aus dem Gesetz, sondern aus Glauben leben. (Römer 1,[17])
Pro veritate inquirenda et timoratis conscientiis consolandis hec sub R. P. Martino Luther Augustiniano disputabuntur per vices circulares pro nostro more. 1518.
- Inter duas ecclesiasticas illas remissiones pene et culpe longe precellit remissio culpe.
- Remissio culpe quietat cor et maximam omnium penarum, scilicet conscientiam peccati, tollit.
- Remissio pene quandoque auget conscientiam malam, quandoque peiorem nutrit presumptionem.
- Remissio culpe reconciliat hominem deo, remissio pene reconciliat hominem homini, id est ecclesie.
- Remissa culpa et conscientia, nulla pena est in pena, sed gaudium in tribulationibus.
- Sine remissione pene potest homo salvus fieri, sed nequaquam sine remissione culpe.
- Magis prodest ad salutem, si absolutus a culpa omittat redemptionem penarum.
- Remissio culpe non innititur contritioni peccatoris, nec officio aut potestati sacerdotis,
- Innititur potius fidei, que est in verbum Christi dicentis: Quodcunque solveris &c.
- Verum est enim, quod non sacramentum fidei, sed fides sacramenti (id est, non quia fit, sed quia creditur) iustificat.
- Non voluit Christus, in manu vel arbitrio hominis consistere salutem hominum,
- Sed sicut scriptum est: portans omnia verbo virtutis sue, et: fide purificans corda eorum.
- Usque ad infidelitatem errant, qui remissionem culpe incertam asserunt propter incertitudinem contritionis.
- Quantumlibet incertus sit tam sacerdos quam peccator de contritione, rata est absolutio, si credit sese absolutum.
- Certum est ergo, remissa esse peccata si credis remissa, quia certa est Christi salvatoris promissio.
- Absolutus per elavem potius debet mori et omnem creaturam negare quam de sua absolutione dubitare.
- Dubitans, absolutionem suam deo gratam esse, dubitat simul, Christum fuisse veracem dicendo: Quodcunque &c.
- Super contritionem edificantes remissionem super arenam, id est super opus hominis, fidem dei edificant.
- Iniuria est sacramenti et desperationis machina, non credere absolutionem, donec certa sit contritio.
- Immo sic velle fiduciam conscientie edificare super contritionem est deum mendacem, se veracem constituere.
- Tales non de misericordia et verbo Christi, sed de suis operibus et viribus perditissime presumunt.
- Immo perversissime volunt verbum et fidem firmare ipsi, et non potius firmari verbo et fide.
- Sacerdotes non sunt authores remissionis, sed ministratores verbi in fidem remissionis.
- Potestas Clavium operatur verbo et mandato dei firmum et infallibile opus, nisi sis dolosus.
- Evidentia contritionis signa satis habet sacerdos, si peccatorem sentit petere et credere absolutionem.
- Immo longe magis exquirendum est ab eo, an credat sese absolvi quam an digne doleat.
- Cavendum quoque sacerdoti, ne adeo exploret solam contritionem, ut homo credat propter ipsam sese absolvendum.
- Illud Christi potius est inculcandum ei ‘confide, fili, remittuntur tibi peccata tua’, quam dignitas eius exquirenda.
- Consequens est, quod verbum illud Christi ‘quorum remiseritis peccata &c.’ non de penis, sed culpa intelligitur.
- Sicut sacerdos docet, baptisat, communicat vere, et tamen hec solius sunt spiritus intus operantis,
- Ita vere peccata remittit et absolvit a culpa, et tamen hoc solius est spiritus intus operantis.
- In iis omnibus, dum ministrat verbum Christi, simul fidem exercet, qua intus iustificatur peccator.
- Nihil enim iustificat, nisi sola fides Christi, ad quam necessaria est verbi per sacerdotem ministratio.
- Sine qua fide contritio peccatorum est desperationis operatio et plus deum offendens quam reconcilians.
- Potest sacerdos abuti clave et peccare absolvendo quem non debuit ut pote restrictus,
- Sed non ideo absolutio est nulla, nisi fides simul absoluti esset nulla.
- Sicut in baptismo et synaxi etiam restricta clavis et prohibita vere baptisat et communicat,
- Ita in penitentia quantumlibet prohibita vere absolvit, modo absit dolus absoluti.
- Sacerdos etiam levis ac ludens seu scienter contra restrictionem agens vere tamen baptisat et absolvit.
- Finge casum (per impossibile), sit absolvendus non contritus, credens tamen sese absolvi, hic est vere absolutus.
- Nec potest hic obstare ulla reservatio casuum aut restrictio, si tamen fuerit et manserit ignorata.
- Sacramenta nove legis non sic sunt efficatia gratie signa, quod satis sit in percipiendis non ponere obicem.
- Quin, qui sine fide ad quodcunque accedit, ficte ac per hoc in iudicium suum accedit.
- Sacramenta veteris legis et nove sic differunt, quod illa erant carnis, ista vero sunt spiritus iustificationes.
- In novis adest, in veteribus defuit verbum promittentis, ideoque et fides recipientis remissionem.
- Sicut venialia peccata non pertinent ad confessionem et absolutionem clavium, ita nec omnia mortalia.
- Si homo teneretur omnia mortalia confiteri et ab eis absolvi, teneretur ad simpliciter impossibile.
- Nullus hominum novit, quoties peccet mortaliter, etiam in bonis operibus propter vanam gloriam.
- Ea tantum debet confiteri, que vel sibi vel aliis certa sunt esse mortalia, id est crimina,
- De reliquis desperando seipsum cum fiducia in abyssum misericordie dei fideliter promittentis proficere.
Summa summarum:
Iustus non ex operibus neque ex lege, sed ex fide vivet. Ro. 1.
WA 1, S. 630-633.