Wilhelm Vischer, Gehört das Alte Testament heute noch in die Bibel des deutschen Christen? (1932): „Wenn wir das Alte Testament ablehnen, können wir das Neue Testament auch nicht mehr als Heilige Schrift behalten. Wenn wir es trotzdem noch behalten, dann hat es durch die Loslösung vom Alten Testament einen anderen Sinn bekommen. Das Hauptwort des Neuen Testaments, nämlich ‚Jesus Christus‘, sagt dann nicht mehr das Gleiche wie vorher; wir haben dann eigentlich gar kein Recht mehr, ‚Jesus Christus‘ zu sagen. Denn was heißt ‚Jesus Christus‘? Das ist die griechische Übersetzung des hebräischen Wortes Messias und bezeichnet den Gesalbten, den von Gott selbst gesalbten priesterlichen König des Gottesvolkes, wie er in den Schriften des Alten Bundes verheißen ist.“

Gehört das Alte Testament heute noch in die Bibel des deutschen Christen?

Von lic. Wilhelm Vischer, Bethel.

In seiner Vorrede auf das Alte Testament hat Martin Luther geschrieben: „Das Alte Testament halten etliche gering, als das dem jüdischen Volk allein gegeben und nun fort und aus sei und nur von vergangenen Geschichten schreibe, meinen, sie haben genug am Neuen Testament … Aber Christus spricht Joh. 5, 39: Forschet in der Schrift, denn dieselbige gibt Zeugnis von mir. Und St. Paulus gebeut Timotheo, 1. Tim. 4, 13, er solle anhalten mit Lesen in der Schrift, und rühmet Röm. 1, 2, wie das Evangelium sei von Gott in der Schrift verheißen; und 1. Kor. 15, 3 saget er, Christus sei nach der Schrift von Davids Geblüt kommen, gestorben und vom Tode auferstanden. So weiset auch St. Petrus mehr denn einmal hinter in die Schrift (2. Petri 1, 19; 3, 15)[1]. Damit sie uns je lehren, die Schrift des Alten Testamentes nicht zu verachten, sondern mit altem Fleiß zu lesen, weil sie selbst das Neue Testament so mächtiglich gründen durch das Alte Testament und sich darauf berufen … Daß aber diejenigen, so es nicht besser wissen, eine Anleitung und Unterricht haben, nützlich darinnen zu lesen, habe ich diese Vorrede nach meinem Vermögen, so viel mir Gott gegeben, gestellet. Bitte und warne treulich einen jeglichen frommen Christen, daß er sich nicht stoße an der einfältigen Rede und Geschichte, so ihm oft begegnen wird, sondern zweifle nicht daran, wie schlecht es lautet, es seien eitel Worte, Werke, Gerichte und Geschichte der hohen göttlichen Majestät und Weisheit. Denn dies ist die Schrift, die alle Weisen und Klugen zu Narren macht und allein den Kleinen und Albernen offen steht. Darum laß deinen Dünkel und Fühlen fahren und halte von dieser Schrift als von dem allerhöchsten, edelsten Heiligtum, als von der allerreichsten Fundgrube, die nimmer genug ausgegründet werden mag, auf daß du die göttliche Weisheit finden mögest, welche Gott hier so albern und schlecht vorleget, daß er allen Hochmut dämpfe. Hier wirst du die Windeln und Krippen finden, da Christus inne liegt, dahin auch der Engel die Hirten weist. Schlecht und geringe Windeln sind es, aber teuer ist der Schatz Christus, der drinnen liegt.“

So mahnt Luther die Christen, fleißig das Alte Testament zu lesen. Wenn er gesagt hat: „Für meine Deutschen bin ich geboren, ihnen muß ich dienen“, dann wußte er wohl, daß er ihnen mit der Übersetzung der Bibel in die deutsche Muttersprache den größten Dienst geleistet hatte. Denn aus diesem Buch hatte er die Stimme des lebendigen Gottes vernommen. Hier sprudelte die Quelle, aus der er immer neu Vergebung und Verheißung, Trost und Gebot schöpfte. „Ich habe“, sagt er, „mit dem Text und aus dem Fundament der Heiligen Schrift alle meine Widersacher übertäubet und erleget; denn sie gehen schläfrig einher, lehren und schreiben alles aus ihrem Sinn und nach der Vernunft und meinen, es sei ein schlecht Ding um die Heilige Schrift.“

In der Absicht, den Deutschen die Achtung vor der Heiligen Schrift, insbesondere vor dem Alten Testament, zu nehmen, werden gegenwärtig manchmal Worte angeführt, in denen Luther ausgesprochen hat, sein Geist könne sich in gewisse Stellen oder auch Bücher der Heiligen Schrift, z. B. den Jakobusbrief oder die Offenbarung Johannes, „nicht schicken“. Solche Aussprüche waren zum Teil veranlaßt durch Gegner Luthers, die sich auf diese Teile der Heiligen Schrift beriefen, um Lehrmeinungen zu begründen, die der frohen Botschaft, wie Luther sie verkündete, zuwiderliefen. Andere dieser absprechenden Urteile Luthers zeigen, daß auch ihm, trotz dem Reichtum seiner Erkenntnis, einige Stellen, zeitweilig sogar ganze Bücher der Heiligen Schrift „nichts sagten“. Für uns, denen noch viel mehr Worte der Bibel stumm bleiben, so daß wir vielleicht seitenlang lesen, ohne daß es uns etwas sagte, kann ein Trost darin liegen, daß es auch Luther ähnlich erging. Aber wir tun gut, zu beachten, daß Luther auf Grund dieser Erfahrung das, was uns naheliegt und wozu wir uns durch Luthers Urteile für berechtigt halten, nicht getan hat. Er hat nicht erklärt: „Nur das gehört in die Bibel, was mir etwas sagt. Alles, was mich nicht anspricht, muß ausgeschieden werden“. Eine Auswahl, die auf diese Weise getroffen würde, wäre nicht mehr Heilige Schrift. Da würde ich mir selbst sagen, was ich für gut finde. Heilig ist die Schrift nur dann, wenn sie mir das sagt, was ich mir selbst nie und nimmer sagen könnte, wenn sie das Wort des Herrn ist, das meine Meinungen richtet und mir den Weg weist, den ich nicht kenne. Nur dann kann es mir die Sünde vergeben und mich aus dem Tode in das Leben rufen. Ein Anderer, Er muß mir sagen: „fürchte dich nicht, ich bin bei dir!“ Sage ich mir das selbst, dann erzeuge ich im besten Fall eine beruhigende Einbildung, bleibe aber in Wahrheit allein. „Das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als ein zweischneidig Schwert und dringet durch, bis daß es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens. Und ist keine Kreatur vor ihm unsichtbar, es ist aber alles bloß und entdeckt vor seinen Augen; von dem reden wir“ (Hebr. 4). Nur dieses Wort ist das Wort des Lebens. Deshalb kann sich keiner eine Heilige Schrift nach seinem gelehrten Kopf oder seinem frommen Herzen zurechtmachen. Dazu braucht es die Kirche. Kirche und Heilige Schrift bedingen sich gegenseitig. Die Kirche muß bei all ihrer menschlichen Schwachheit es wagen, im Glauben, d. h. im Vertrauen und im Gehorsam gegen den Heiligen Geist, eine Auswahl zu treffen, von der sie bekennt: Diese und diese Schriften sind der Kanon, d. h. die Regel und Richtschnur, nach welcher zugleich alle Lehren und Lehrer gerichtet werden sollen. Es wäre denkbar, daß sich die Kirchenversammlung bei der Kanonisierung geirrt hätte oder daß aus irgendeinem Grunde der Kanon abgeändert werden müßte. Die Anerkennung einer bestimmten Sammlung ist zu jeder Zeit kirchliches Glaubensbekenntnis. Als unsere Väter in der Reformationszeit mit der römischen Kirche brachen, war die Frage, ob sie den Kanon der Heiligen Schrift behalten würden. Da haben sie mit großem Nachdruck erklärt: „wir glauben, lehren und bekennen, daß die einige Regel und Richtschnur, nach welcher zugleich alle Lehren und Lehrer gerichtet und geurteilet werden sollen, sind allein die prophetischen und apostolischen Schriften Alten und Neuen Testaments. Wenn ein Engel vom Himmel käme und predigte anders, der soll verflucht sein.“ Da weiß man doch, woran man ist. Es fragt sich nur, ob wir heute noch so bekennen können wie unsere Väter. Vielleicht können wir es tatsächlich nicht mehr, vielleicht müssen wir das Alte Testament abtrennen. Jedenfalls müssen wir wissen, daß diese oder eine andere Bestimmung dessen, was als Heilige Schrift zu gelten hat, eine unausweichliche Bekenntnisfrage ist, deren Beantwortung das Wesen der Kirche entscheidend bestimmt. Ändern wir die Heilige Schrift, dann werden wir auch eine andere Kirche. Deshalb müssen wir mit ganzem Ernst überlegen, ob das Alte Testament weiterhin zur Bibel gehört oder nicht.

Für die Antwort ist grundlegend die Erkenntnis: Wenn wir das Alte Testament ablehnen, können wir das Neue Testament auch nicht mehr als Heilige Schrift behalten. Wenn wir es trotzdem noch behalten, dann hat es durch die Loslösung vom Alten Testament einen anderen Sinn bekommen. Das Hauptwort des Neuen Testaments, nämlich „Jesus Christus“, sagt dann nicht mehr das Gleiche wie vorher; wir haben dann eigentlich gar kein Recht mehr, „Jesus Christus“ zu sagen. Denn was heißt „Jesus Christus“? Das ist die griechische Übersetzung des hebräischen Wortes Messias und bezeichnet den Gesalbten, den von Gott selbst gesalbten priesterlichen König des Gottesvolkes, wie er in den Schriften des Alten Bundes verheißen ist. Alle Schriften des Neuen Testaments, vom Evangelium nach Matthäus bis zu der Offenbarung Johannis, bezeugen auf mancherlei Weise das Eine, was Philippus dem Nathanael mit den Worten sagt: „Wir haben den gefunden, von welchem Mose im Gesetz und die Propheten geschrieben haben, Jesum, Josephs Sohn von Nazareth“. Das ist das einmütige Zeugnis des ganzen Neuen Testaments: „Jesus ist der Christus des Alten Testaments“. Drum können wir unmöglich diesem Zeugnis zustimmen und das Alte Testament ablehnen. Entweder – oder.

Der Hohe Rat der Juden zu Jerusalem war allerdings anderer Meinung als die Anhänger Jesu. Er erklärte die Behauptung der Jünger für die größte Gotteslästerung. Deswegen verurteilte er Jesus zum Tode am Kreuz und verbot unter Androhung der Todesstrafe jedem Juden, fürderhin zu bekennen, Jesus von Nazareth sei der Christus des Alten Testaments. Als die Jünger ihren Meister am Fluchholz hängen sahen, verzweifelten sie selbst an dem Glauben, er sei der Verheißene, wie enttäuscht verließen jene beiden die heilige Stadt, wie traurig wanderten sie auf der Straße nach Emmaus: „wir hofften, er solle Israel erlösen. Und jetzt ist er seit drei Tagen tot“. Der Unbekannte aber, der sich zu ihnen gesellt hatte, schalt sie: „Toren seid ihr und trägen Herzens, daß ihr nicht glauben wollt dem, was die Propheten geredet haben!“ Und fing an von Mose und allen Propheten und legte ihnen alle Schriften aus, die von ihm geredet waren. Wer war dieser Unbekannte? Das war der Auferstandene. Er gab seinen Jüngern, nicht nur jenen beiden, sondern durch seinen Heiligen Geist auch allen anderen, solchen Unterricht im Alten Testament, daß ihr Herz in ihnen brannte. Aus dem Alten Testament bewies er ih­nen, daß er als der Gekreuzigte der Heiland sei, und öffnete ihnen damit zugleich die Schrift. Das haben sie dann, jeder wie es ihm gegeben war, ausgeschrieben: so sind die Schriften des Neuen Testaments entstanden.

War das ein falscher Unterricht, eine unrichtige Auslegung des Alten Testaments, eine verkehrte Auffassung des Wesens und der Bedeutung Jesu? Es gab und gibt Leute, die das behauptet und erklärt haben: Es ist überhaupt gar nicht der Auferstandene gewesen, der den neutestamentlichen Schriftstellern diese Erkenntnis seines Wesens und diese Auslegung des Alten Testaments gegeben hat. Das haben sie sich selbst ausgedacht und damit Jesus und das Alte Testament mißverstanden. Wie kann aber, wer so über das Neue Testament urteilt, noch ein Christ heißen? Daß das dann nicht mehr geht, müßte man in und außerhalb der Kirche wissen. Am klarsten liegt es in dieser Hinsicht mit dem Tannenbergbund, der offen erklärt, die neutestamentlichen Schriftsteller seien Betrüger, die das meiste aus alten indischen Schriften abgeschrieben hätten. So schlecht die Mittel sind, mit denen Frau Ludendorff diese Behauptung beweisen will, so gut ist die Ehrlichkeit, mit der sie und ihre Anhänger erklären: Wir wollen keine Christen mehr sein; wenn wir das Alte Testament ablehnen, dann müssen wir auch das Neue Testament ablehnen; damit geben wir bewußt das Christentum auf. Wenn nur die Vertreter der Deutschkirche diese Folgerung auch so klar ziehen wollten. Das tun sie aber nicht, sondern bleiben in der Landeskirche und halten sich für die richtigen Christen. Dabei denken sie über die Bibel ganz ähnlich wie die Tannenberger. Zwar sind sie insofern der Wahrheit näher, als sie nicht so haltlose Behauptungen über die Fälschungen des Neuen Testaments aufstellen. Aber auch sie weigern sich, das Alte Testament als Heilige Schrift anzuerkennen, weil es jüdisch sei. Ebenso wollen sie das Neue Testament nicht so gelten lassen, wie es vorliegt. „Denn die Apostel“, sagen sie, „sind Juden gewesen und haben Jesus, der in seiner Art und seinem innersten Wesen Arier gewesen ist, nicht ganz verstehen können. Deshalb müssen die neutestamentlichen Schriften erst von den jüdischen Mißverständnissen gesäubert werden; dann ergibt sich das richtige Jesusbild, wie es dem Ideal der deutschen Seele entspricht“.

Diese Säuberung des Neuen Testaments ist ärger als die völlige Ablehnung. Denn diese Säuberung verfälscht das Selbstzeugnis Gottes, indem sie den Abglanz der Herrlichkeit Gottes, den Abdruck seiner Wesensform, das Spiegelbild seines Herzens, wie er es uns in Jesus gegeben hat, verwandelt in das Wunschbild unserer eigenen Seele. Sobald wir die Zeugnisse der Heiligen Schrift nicht lassen, wie sie sind, sondern die wichtigsten Züge im Bilde Jesu, weil sie uns anstößig sind, verändern nach unserem Ideal, verwandeln wir die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes in ein Bild gleich dem vergänglichen Menschen und verwandeln damit Gottes Wahrheit in die Lüge (Röm. 1, Hebr. 1).

Und doch! Ist den Schriften der Bibel nicht anzusehen, daß sie von Menschen auf der Erde und nicht von Gott im Himmel geschrieben sind? Dann sind sie aber doch Menschenzeugnisse. Wie kann man sie dann noch das Selbstzeugnis Gottes nennen? Hier liegt eine Frage, die durchaus nicht nur von den Tannenbergern oder Deutschkirchlern, sondern von unzähligen aufmerksamen Bibellesern und der ganzen ernsten Bibelwissenschaft gestellt wird. Wir bekennen, daß es eine verhängnisvolle Schuld der Lehrer unserer Kirche ist, daß sie über diese Frage nicht tiefer nachgedacht und klarer geantwortet haben. Denn nun meinen manche zu meinen, nur der glaube, daß die Bibel Gottes Wort ist, der glaube, sie sei sozusagen vom Himmel gefallen. Wie kann ich aber glauben, Gott habe diese Schriften geschrieben, wenn ich z. B. sehe, daß ein und dasselbe Wort Jesu von Matthäus mit teilweise anderen Worten überliefert wird als von Lukas? Daran erkenne ich doch, daß hier Menschen, verschiedene Menschen sogar, Zeugnisse von Christus Jesus ausgeschrieben haben nach dem, was sie gehört und gesehen, erkannt und geglaubt haben. Da ist wohl zu verstehen, daß ihre Zeugnisse nicht in allen Punkten übereinstimmen. Wie kann ich aber dann noch glauben, in ihren Schriften liege allein das richtige und gültige Selbstzeugnis Gottes vor?

Gewiß, das wäre ein Wunder, wenn ein Buch, das Gott geschrieben hat, vom Himmel herunterfiele. Die Bibel ist nicht dieses Buch. Sie verkündet uns ein unvergleichlich viel größeres Wunder: Nicht ein Buch fällt vom Himmel, sondern er selbst, Gott, kommt als Mensch auf die Erde; das innerste und alles umfassende Wort seines Herzens, das ewige Wort seiner Vaterliebe, durch das alle Dinge gemacht sind, wird Fleisch, Fleisch von unserem Fleisch und Blut von unserem Blut, wird als Menschenkind geboren.

Den aller Welt Kreis nie beschloß,
der liegt in Marias Schoß.
Er ist ein Kindlein worden klein,
der alle Ding erhält allein.

„Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.“

Wenn wir einmal erkannt haben, daß diese Menschwerdung des ewigen Wortes Gottes das Wunder der Bibel ist, können wir uns dann noch daran ärgern, daß die Heilige Schrift uns dieses Wunder mit lauter echten, manchmal widersprechenden Menschenworten bezeugt? „Ich bitte und warne treulich einen jeglichen frommen Christen“, schrieb Luther, „daß er sich nicht stoße an der einfältigen Rede und Geschichte, so ihm oft begegnen wird. Hier wirst du die Windeln und die Krippe finden, da Christus inne liegt, dahin auch der Engel die Hirten weiset. Schlechte und geringe Windeln sind es, aber teuer ist der Schatz, Christus, der drinnen liegt.“ Wenn die Worte der Bibel nicht echte Menschenworte wären, dann wären sie nicht die rechten Windeln des Menschensohnes. Je anstößiger uns das menschlich Bedingte an ihnen ist, um so deutlicher zeigen sie uns den wirklichen, für uns Mensch gewordenen Christus. Je menschlicher, desto göttlicher.

Windeln und Krippe sind die Bibelworte, nicht Christus selbst. Wer aber diese Windeln wegwirft, verwirft Christus. Denn in ihnen liegt er. Alle Worte der Heiligen Schrift sind Zeichen, die uns ihn zeigen und uns auf unseren Menschenwegen zur Begegnung mit ihm, dem Menschensohn, führen wollen. Alle die tausend und abertausend Worte, mit denen die verschie­densten Menschen bezeugen, wie Gott ihnen auf Erden begegnet ist, gehen nun aus als Boten Gottes, um auch jeden von uns auf den Irrwegen unseres Lebens, wo wir bald freudig stürmen, bald halbtot liegen bleiben, im Namen Gottes anzusprechen: Halt, du Mensch! steh auf; du gehörst zu mir. Dann haucht auf einmal Gott in diese alten Menschenworte den lebendigen Odem seines Mundes und spricht zu meinem Herzen. Das ist das Wunder des Heiligen Geistes. Wo dieses Wunder nicht geschieht, bleibt die ganze Bibel stumm. Aber unzählige Menschen haben das Wunder schon erfahren, daß sie durch die Worte der Heiligen Schrift die Stimme des Vaters hörten. Wo das geschieht, da lesen wir nicht mehr nur von David oder von Abraham; da heißt es vielmehr: Du bist der Mann. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.

Mag sein, daß die meisten Worte der Heiligen Schrift noch nie auf diese Weise zu uns gesprochen haben. Deswegen dürfen wir sie aber doch nicht ausmerzen. Denn wer weiß, ob nicht der Herr unseres Lebens gerade durch eines dieser Worte in entscheidender Stunde zu uns reden will. Das ist nicht so gemeint, als rede Gott überhaupt nur durch die Worte der Schrift zu den Menschen. Gott redet, wann und wo und wie er will: durch ein jegliches Wort, das aus seinem Munde geht, durch die Werke seiner Schöpfung, durch die Führungen der Geschichte und unseres eigenen Lebens. Das sagt ja gerade die Bibel. Sie lehrt uns darauf zu achten, wie er uns von allen Seiten umgibt. Sie will uns die Augen und die Ohren schärfen, damit wir aufmerken, wo Gott sich uns kundtut. Paß auf! rufen uns alle ihre Worte zu, Gott will dir begegnen. „Wache auf, der du schläfest, und stehe auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten“ (Eph. 5). Sie ist die Stimme des Verborgenen: „Suche mich!“ Wie könnten wir wirklich ihn suchen, wenn er uns nicht riefe? Wir wüßten ja gar nicht, daß er ist, geschweige denn, wer er ist. Wie könnten wir dann Gott suchen? Drum liegt unser ganzes Heil in den Worten, die uns zurufen: suchet mich! Und wir können nie gespannt genug auf diese Stimme lauschen, wenn wir nicht planlos in ganz verkehrter Richtung herumtappen wollen. Wir sehen doch, daß der Mensch gerade dann, wenn er sich aufmacht, Gott zu suchen, in die grauenhaftesten Verirrungen gerät. Zeigt es nicht die Religionsgeschichte in erschreckender Deutlichkeit? Wenn wir nicht völlig verirren wollen bei unserem Gottsuchen, dann müssen wir uns ganz an die Zeichen halten, durch die Gott in der Bibel zeigt, wer er ist und wo und wie er zu suchen ist.

Heute heißt der religiöse Ruf: Suche Gott in deinem Volkstum! Gewiß, auch die Heilige Schrift sagt es: Beachte die Gnade und gehorche dem Gebot, das der Schöpfer und Erhalter dir in deinem Volkstum gibt. Aber merken wir nicht jetzt schon, daß wir mit der Religion des Volkstums und der Rasse geraden Weges in das Heidentum gehen, wenn wir uns nicht richten lassen durch die Heilige Schrift? Wir erkennen es vielleicht deutlicher, wenn wir auf andere Völker sehen. Die Religion des Volkstums, deren Missionare eine „deutsche Frömmigkeit“ und einen „deutschen Gottesglauben“ verkündigen, ist nämlich durchaus nicht eine eigenartig deutsche Bewegung, sondern eine internationale Religion, die gegenwärtig fast in allen Völkern der Erde fanatische Apostel und Massenbekehrungen hat. Wie man in Deutschland entweder Lösung vom Christentum fordert, damit ein artgemäßer deutscher Gottesglaube aus der deutschen Seele heraus geschaffen werden könne, oder, wenn man Christ bleiben will, eine Germanisierung des Christentums verlangt, genau so rufen die Chinesen nach einer chinesischen Religion oder einem chinesischen Christentum, die Inder nach einem indischen und die Afrikaner nach einem afrikanischen. Um das zu erreichen, wollen alle das Alte Testament aus der Bibel ausscheiden und das Neue Testament so gestalten, daß dann an Stelle des Christus aus dem Stamme Juda ein deutscher oder indischer oder chinesischer oder afrikanischer Jesus steht.

Merken wir nicht, wie wir mitten im Heidentum stehen, wo eben jedes Volk seinen Gott hat und dieser Volksgott geschaffen ist von der Volksseele, ihrer Angst und ihrem Sehnen? Da ist Gott das Idealbild des Volkstums. Da ist es nicht mehr so, daß Gott den Menschen geschaffen hat, sondern da hat sich umgekehrt der Mensch nach seinem Bilde einen Gott geschaffen. Das ist aber nicht Gott, sondern ein Götze, und bleibt ein Götze auch dann, wenn man ihn mit größter Inbrunst anbetet und ihm alles opfert, Leib und Seele. Weite Kreise des deutschen Volkes, auch der deutschen Christen, sind gegenwärtig im Begriff, den lebendigen Gott zu verlassen und dem völkischen deutschen Gott zuzufallen. Darum ist es dringend nötig, daß das Zeugnis der Heiligen Schrift, der ganzen, Alten und Neuen Testaments, rein und lauter und mit Vollmacht verkündigt werde, das Wort des Herrn, der allein Gott ist und seine Ehre nicht den Götzen läßt.

„Ich bin der Herr, dein Gott“, nicht dein Ideal und nicht dein Nationalgott. Ich habe euch geschaffen, nicht ihr mich. Das ist die Stimme, die als die eherne Stimme einer großen Posaune aus allen Worten des Neuen und des Alten Testaments schallt. Ja, auch des Alten. Wer behauptet, das Alte Testament verkündige einen jüdischen Nationalgott, beweist damit nur, daß er selbst in seinem Denken noch ärger verjudet ist als die Juden und vor seinen Augen eine dickere jüdische Decke hat als die Juden, wenn sie Moses lesen. Zwar zeugen wohl manche Worte dieser Schriften von jüdischer Nationalreligion. Aber es ist doch wahrhaftig deutlich genug, daß diese völkische Vergötzung des heiligen Gottes Israels Sünde ist; daß der Allmächtige Israel aus den Nationen heraus gewählt hat, damit durch das, was er in Gericht und Gnade an Israel tun würde, allen Völkern offenbar würde, daß er nicht ein Volksgott ist. Um was soll es denn sonst gehen bei dem großen Ringen der Propheten, wenn nicht eben darum? Wenn vielleicht den Schriften des Alten Bundes in dieser Hinsicht noch eine Zweideutigkeit anhaften möchte, solange sie für sich allein sprechen, so wird es ganz eindeutig durch ihre Verbindung mit dem neutestamentlichen Zeugnis: wenn Israel den von Gott gesandten Messias kreuzigt, so ist damit die israelitische Nationalreligion gerichtet. Das mußte aber geschehen, sagt das Neue Testament, auf daß erfüllet würde, was im Alten Testament geschrieben steht. Das Gericht über eine jüdische Nationalreligion ist in der Heiligen Schrift bezeugt, nicht ihr Triumph. Alles, was gegen die Juden zu sagen ist, das ist in der Bibel gesagt. Nur wer das noch nicht gemerkt hat, kann meinen, judenfeindliche Anwürfe träfen die Heilige Schrift. Es ist deshalb nicht gut, wenn neuerdings scharfe Worte, die Luther seinerzeit gegen die Juden geschrieben hat, wieder verbreitet werden. Statt sich dadurch zu einem tiefen Erfassen der Judenfrage als der wundesten Stelle der Weltgeschichte führen zu lassen, werden die meisten Leser meinen, Luther habe mit diesen Äußerungen zeigen wollen, daß das „jüdische“ Alte Testament nicht in die Heilige Schrift gehöre. Das ist ein grobes Mißverständnis. Luther hat im Gegenteil immer wieder darauf hingewiesen, daß es in der Bibel gar nicht um die Frömmigkeit der Juden geht, sondern um die Frömmigkeit Gottes. Nicht um eine jüdische oder irgendeine andere Menschengerechtigkeit handelt es sich in diesem Buch, sondern um die wunderbare Gerechtigkeit, mit der der heilige Gott die Sünder rechtfertigt, den Untreuen die Treue hält und die Gottlosen so liebt, daß er sein Liebstes für sie in den Tod gibt. Das und nichts anderes, dieses Wunder der Frömmigkeit Gottes, will uns die Bibel offenbaren. Deshalb heißt sie die „Heilige“ Schrift. Weil sie die Heiligkeit Gottes verkündet, der allein heilig ist, und nicht die Heiligkeit von Menschen. Keine einzige Gestalt, kein einziger Psalm steht in der Bibel als Beispiel menschlicher Heiligkeit. Alle aber sind sie im Guten wie im Bösen, in ihrem Adel wie in ihrer Gemeinheit Mitglieder und Stimmen jener Gemeinde der Heiligen, deren Heiligkeit ganz und gar darin besteht, daß der allein Heilige Sünder zu sich rechnet. Wem die Augen dafür aufgegangen sind, der liest die Bibel ganz neu: Das Anstößige wird ihm zum stärksten Trost, weil es ihm am deutlichsten zeigen kann, daß wirklich nichts uns scheiden kann von der Liebe, mit der Gott die Sünder liebt. Daß die Gerechtigkeit Gottes, die im Evangelium offenbart wird, wirklich Gottes Gerechtigkeit ist, nämlich die passive, durch die der barmherzige Gott die Ungerechten rechtfertigt; daß also der Mensch, den die Heilige Schrift einen „Gerechten“ nennt, wirklich aus dem Glauben lebt, und daß das heißt: nicht aus seiner eigenen, sondern allein aus Gottes Frömmigkeit, das war doch die große Entdeckung Luthers, wodurch für ihn, wie er sagt, die ganze Schrift ein völlig anderes Gesicht bekam und er die Schrift durchlief, als schritte er durch offene Türen geraden Wegs ins Paradies.

Das also ist das Amt der Heiligen Schrift, daß sie jedem Versuch, Gott zu vergötzen, sei es durch eine jüdische oder heidnische oder völkische oder irgendwie menschliche Religion, die Verkündigung entgegensetzt, daß Gott allein Gott ist und seine Ehre nicht den Götzen läßt. Je mehr unser eigenes Herz und Stimmen von rechts und links uns verführen wollen in der Sprache der Schlange im Paradies: „Ihr werdet sein wie Gott“, um so fester sollten wir uns binden lassen an das biblische Zeugnis der Alleinherrschaft Gottes.

„Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ Damit hebt das Alte Testament an. Gott ist der Schöpfer und Herr der Welt, nicht ein Stück von ihr oder der Inbegriff der Natur. Er ist der ewige „Ich“, wie er Mose seinen Namen offenbart: „Ich bin, der ich bin“. Und die Welt ist das Du, das er als den Gegenstand seiner Liebe sich gegenübergestellt hat. Und die Natur ist die Ordnung, in der er allen Lebewesen ihre Stellung und ihren Beruf gegeben und dabei sein Ebenbild, den Menschen, zu oberst gestellt hat. Der Schöpfer der Welt bleibt aus Gnaden der Erhalter der Welt, obwohl der Mensch von ihm abfiel und selbst sein wollte wie Gott. Trotz diesem bösen Trachten des menschlichen Herzens, das die Erde verdirbt und Qual über die Menschen und unendliche Betrübnis über Gott bringt, läßt Gott die Erde weiter bestehen und schließt mit Noah und allem Fleisch einen großen, allumfassenden Bund der Gnade. Er läßt die Menschen nicht fallen, sondern hält sie in seinen Lebensordnungen von Sommer und Winter, Saat und Ernte, Hitze und Frost. So wie ein Mann eine kleine kalte Kugel in der Hand hält, bis sie ganz durchdrungen ist von der Wärme seines Blutes, so hält der Schöpfer, trotz dem Treubruch, Natur und Menschengeschichte in seiner Hand, damit sie am Leben bleiben und endlich überwunden werden von seiner Liebe. Die Menschen aber fassen ihre gesamte Kraft zusammen und bauen in himmelstürmendem Drang den Turm zu Babel. Gott vereitelt den Plan und bahnt in der Stille den besonderen Weg, auf dem sein Heil unter die Völker kommen soll. Er ruft Abraham heraus aus Babel, damit er im Gehorsam und Vertrauen warte auf das Reich, dessen Baumeister und Schöpfer Gott ist: das Königreich Gottes auf Erden. Nicht weil Gott der Stammesgott Abrahams wäre, beruft er den Abraham. Gott ist der Herr der Welt und aller Menschenrassen. Auch wird Abraham nicht deshalb berufen, weil er besser wäre als die anderen. Er hat das gleiche vergiftete Blut wie alle Nachkommen Adams. Noch weniger wird Abraham berufen mit dem Versprechen, daß sein Stamm die Herrschaft über die anderen erhalte. Sondern der alleinige Grund von Abrahams Berufung ist das Erbarmen Gottes, der die Lebensgeschichte dieses Menschen und seiner Nachkommen in die Hand nehmen will, damit dadurch alle Geschlechter der Erde gesegnet werden. Nicht Abrahams oder Israels religiös-sittliche Kraft soll offenbar werden, sondern Gottes Güte und Ernst. Zu Knechten sind sie berufen, damit an ihrer Geschichte die Herrschaft Gottes sichtbar würde. Deshalb greift Gott mit mächtigem Arm in die große Weltgeschichte ein und befreit die versklavten Kinder Israel aus den Ketten der ägyptischen Großmacht. Nicht weil die Israeliten die völkisch Tüchtigsten wären, sondern weil er der Herr ist, der die Gewaltigen vom Thron stößt und die Niedrigen erhebt aus dem Staub. So schließt er mit ihnen den Bund am Berg in der Wüste. „Ihr kennt mich jetzt; wollt ihr mein Volk sein? Zwar ist die ganze Erde mein, wenn ihr mir aber treu sein wollt, dürft ihr das priesterliche Königreich sein, vor mir das Priesteramt unter den Völkern der Erde verwalten.“ Der Priester hat Gott nicht für sich; er ist der Mittler, der den anderen mitteilt, was Gott ihm anvertraut. Das ist der heilige Dienst Israels im Auftrag Gottes für die Weltvölker.

Es handelt sich wahrlich bei diesem Gottesdienst Israels nicht um ein „Geschäft“, wie etwa gehässig gesagt wird. Ein Bund ist es vielmehr, der ganz und gar besteht auf der Treue des freien göttlichen Herrn und der Gegentreue des gehorsamen menschlichen Knechtes, auf der Treue zwischen Vater und Sohn. Gar bald hat Israel selber den Bund mißverstanden, als wären ihm damit besondere völkische Vorrechte zugesichert. Es dachte, sein Gott sei ähnlich wie die Götter der Nationen, nur stärker, und werde sie alle überwinden, um Israel groß zu machen. Im Augenblick, als Israel so dachte, konnte Gott nicht mehr zu Israel stehen. Denn was er weiter an Israel tat, mußte in den Augen Israels und der anderen Völker als Offenbarung eines Nationalgottes erscheinen. Wie einmal im 8. Jahrhundert vor Christi Geburt die Israeliten am Heiligtum zu Bethel die Siege feierten, die Gott ihnen gegeben und die sie als ein Pfand dafür nahmen, daß er sie zu noch größerem Ruhme führen werde, trat Amos mitten unter die Jubelnden und schrie ihnen zu: „Ende Israels! Gott gibt euch preis. Denn er spricht: (völkisch betrachtet) seid ihr in meinen Augen gleich wie die Mohren. Und (völkisch betrachtet) liegt eure Geschichte auf der gleichen Linie wie die der anderen Völker, die ich auch geleitet habe. So wie ich Israel aus Ägypten geführt habe, habe ich die Philister aus Kaphtor und die Syrer aus Air geführt.“

Amos war nicht der einzige Träger dieser Botschaft vom Ende Israels; alle großen Propheten redeten so. Aber das Volk wollte nicht umkehren. Da geschah das Unerhörte, daß der Gott Israels das Volk Israel den Feinden preisgab, so daß das gelobte Land verheert, die heilige Stadt zerstört und der Tempel verbrannt wurde. Wo war Ähnliches geschehen in der Weltgeschich­te? Sonst waren alle Götter auf Gedeih und Verderb mit ihrem Volk verbunden, standen und fielen mit ihrem Volk. Aber Israel scheiterte an seinem Gott. Gott mußte das „wildfremde Werk“, wie Jesaja sagt, tun, um seine Gottheit, die Israel völkisch vergötzen wollte, zu offenbaren.

Als dann der in Babel gefangene Rest des erwählten Volkes, der zertretene Wurm Jakob, zur Einsicht kam, daß Israel an der Heiligkeit Gottes gescheitert war, da tat Gott das Wunder, das größer war als der Auszug aus Ägypten: er machte das erstorbene Volk wieder lebendig und führte es zurück nach Jerusalem. Er sprach zum ungetreuen Knecht das Dennoch der Treue und setzte ihn wieder ein in sein priesterliches Amt auf dem Zion.

Durch alle Kümmerlichkeiten und Entartungen des Judentums hindurch blieb Gott seinem Volke treu und sandte ihm, als die Zeit erfüllt war, den Einen, der alle Versprechen erfüllte, den Christus aus Davids Stamm, Jesus von Nazareth. Er kam in sein Eigentum, – aber die Seinen nahmen ihn nicht auf. Er kam zu ihnen voller Gnade und Wahrheit als der eingeborene Sohn des Vaters. Sie aber schrien: „Weg, weg mit dem! Nicht diesen, sondern Barrabas!“ Barrabas war ein nationaler Held, ein Vorkämpfer der jüdischen Freiheitsbewegung. Ihn wollten sie. Jesus aber entsprach nicht dem Ideal der jüdischen Volksseele, so wenig wie er heute dem völkischen Ideal der deutschen Seele entspricht.

Dennoch ist und bleibt dieser verachtete und unwerte Jesus der Heiland. Nicht ein idealisierter Jesus, wie das jüdische oder griechische oder deutsche Gemüt in seinen Tiefen ihn schaut und schafft, sondern der Jesus, wie er in der Botschaft der Heiligen Schrift ist, der keine Gestalt noch Schöne hat; „wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte“ (Jes. 53). Nicht der Jesus, der das Ideal des jüdischen oder griechischen oder deutschen Menschen wäre, sondern der Gekreuzigte, wie er uns durch die törichte Predigt vorgestellt wird, die den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit ist. Denn nicht ein von uns Vergötterter, sondern der von Gott Vermenschlichte ist der Heiland. Als der Eine, der das Gott-gleich-sein nicht als Raub an sich gerissen, sondern im Gegenteil seine göttliche Gestalt ausgezogen und die menschliche Knechtsgestalt angenommen hat, trägt er den Namen, der über alle Namen ist, daß in dem Namen Jesu sich alle Knie im Himmel und auf Erden und unter der Erde beugen und alle Zungen bekennen sollen, daß Jesus Christus der Herr sei, zur Ehre Gottes des Vaters.

Wenn wir ihn bekennen, dann müssen wir seinen Namen so aussprechen, wie die Bibel ihn ausspricht, dann dürfen wir uns nicht einen anderen Namen für ihn, eine Vorstellung von ihm nach unserem eigenen Sinn machen. Dann müssen wir ihn so kennen und anerkennen lernen, wie ihn das Alte und Neue Testament uns vorstellen. Das wäre doch der größte Selbstbetrug, wenn wir uns erst einen deutschen Jesus im Gegensatz zum biblischen zurechtmachten. Das wäre ein Götze, mit dem wir auch dann, wenn wir für ihn Gut und Blut opferten, verraten und verkauft wären. Es gibt nur den Einen, der in der großen Not für uns streiten kann, und das ist der rechte Mann, den Gott selbst hat erkoren.

Fragst du, wer er ist?
Er heißt Jesus Christ,
der Herr Zebaoth,
und ist kein anderer Gott.
Das Feld muß er behalten.

Wenn er bei uns ist, dann können wir unseren Weg getrost gehen. Mag kommen, was will: das Reich muß uns doch bleiben, und dieses Reich ist dann nicht das Reich irgendeines Volkstums oder Menschentums, sondern das Reich des Vaters, worin sein Name geheiligt wird und sein Wille auf der Erde so geschieht wie im Himmel. Jesus Christus ist der Siegesheld dieses Reiches. Wenn wir ihm glauben, ihm unbedingt vertrauen und gehorchen, dann sind wir Miterben des Reiches, das sein Vater vom Anbeginn der Welt bereitet hat. Dann sind wir die rechtmäßigen Erben aller Verheißungen, die der Allmächtige in seinen beiden Testamenten verbrieft hat. Was Gott den Erzvätern, was er durch seine Propheten versprochen hat, gilt dann uns. Dann ist das Alte Testament für uns nicht mehr das Buch einer fremden Vergangenheit, sondern das Buch unserer Gegenwart und unserer Zukunft. Dann leben wir von seinen Worten so, wie Kinder vom Testament ihres Vaters leben. Wenn wir an Jesus Christus glauben, dann umscharen uns alle Gestalten und Worte der Bibel als eine leuchtende Wolke von Zeugen, und wir schreiten in ihrer Mitte der Herrlichkeit Gottes entgegen.

Quelle: Beth-El. Blick aus Gottes Haus in Gottes Welt, 24. Jahrgang, April 1932, S. 91-101.


[1] Mit der „Schrift“ sind hier überall die heiligen Schriften des Alten Testaments gemeint.

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