Ernst Fuchs, Wahrheit im Neuen Testament (1962): „Während das Gericht über die Welt mit einem Donnerschlag vergleichbar ist oder mit zuckenden Blitzen, verbreitet sich die Offenbarung Gottes in Jesus wie ein mildes, ruhiges Licht in einer dunklen oder aufgeregten Welt. Die Liebe ist nur Eine. Sie will verherrlicht werden, wie die Wunder zeigen (obgleich sie auf dem Höhepunkt abgewiesen werden. Die Liebe will aber Sichtbarkeit, weil sie und wie sie an Jesu Kreuz sichtbar geworden ist. Jene Zukunft, zu welcher die Glau­benden durch die Wahrheit befreit werden, ist die in Jesus sichtbar gewordene Herrlichkeit der Liebe. Sie ist Freude an Gott. Wer Gott in der Wahrheit anruft, der hat sich in dasjenige Sein holen lassen, in welchem alle Traurigkeit der Welt, ihre Schwermut, durch die Liebe überwindbar wird, so dass alle Eins sein werden. Die Wahrheit ist das erfreuliche Wort der Liebe, bei dem Gott bleibt, so gewiss Gott bei sich selbst bleibt, also sich selbst treu bleibt. Wer immer von der Wahrheit reden wird, der hat von Gottes Liebe geredet – das weiß der Glaube an Jesus.“

Wahrheit im Neuen Testament

Von Ernst Fuchs

Nachdem R. Bultmann den neutestamentlichen Sprachgebrauch der Wortgruppe um alêtheia und dessen Voraussetzungen im ThWNT meisterhaft dargestellt hat, kann und soll hier die Frage gestellt werden: Warum gebraucht das NT überhaupt den Begriff Wahrheit? Die Frage ist bereits durch den Sprachgebrauch nahegelegt. Denn die Synoptiker verwenden das Wort nur selten und meist im Sinne von »wirklich«, »tatsächlich«; auch die späten Schriften des NT begnügen sich mit einem abgeschliffenen Wortgebrauch. Das Wort erscheint dagegen bei Paulus betont und wird im johanneischen Schrifttum zum »Begriff« erhoben. Nun ist damit, daß etwas als »Wahrheit« be­tont wird, immer ein Hauch von Notwendigkeit verbunden. Zwar wehren sich beide, Paulus und Johannes, dagegen, daß der neue Wein des Evangeliums in alte Schläuche gefaßt wird. Aber beide beanspruchen dennoch für ihr Wort, daß es verständlich sei. Daher reden sie von Wahrheit, vertiefen aber das Wort, so daß man oft schwanken kann, welche Nuance gemeint ist. Dessen ungeachtet sei nach der dem Wort in einem neuen Sinne innewohnenden oder beige­legten Notwendigkeit, also am Rande einer hermeneutischen Besinnung entlang gefragt.

1. a) Der Apostel Paulus schreibt 2Kor 11, 10: »So wahr Christus in mir wirkt, dieser Ruhm (den ich da vorbringe, daß ich nämlich selbstlos diene) wird im Blick (jedenfalls) auf mich in den Breiten Griechenlands nicht zum Schweigen gebracht werden (können).« Der Satz enthält eine Drohung. Wer über Paulus urteilen will, der wird damit über Christus geurteilt haben, denn über ihn wird Christus selbst das Urteil fällen (vgl. 1Kor 4, 4 f.). Die Wahrheit besteht für diesen Standpunkt in der Identifikation des Herrn, der den Schwachen stark macht, mit sei­nem ihm und deshalb den Gemeinden dienenden Apostel (2Kor 12, 9 f.; 13, 4). Das wird sich bei der mit Sicherheit zu erwartenden Abrechnung des Herrn mit seinen Feinden zeigen (2Kor 5, 10). Diese Abrechnung nimmt der Glaube deshalb vorweg, weil es einst allein darauf an­kommen wird, ob jetzt, in der gegenwärtigen Zeit, mit allen Konsequenzen geglaubt wurde. Die Merkmale der Wahrheit decken sich mit den Merkmalen des Glaubens. Die Wahrheit ist im Gegensatz zum Unglauben Glaubenswahrheit in jener Freiheit, die Christus als Herrn verkündigt und sich als Glaube an das Evangelium vollzieht (vgl. 2Kor 3, 12 ff.). Das ist bei Paulus der Kontext der Wahrheit. Somit ist Wahrheit das Geschehen, ja der Vollzug einer durch den Glauben an das Evangelium so eindeutig gewordenen Existenz wie derjenigen des Apostels, der sich gerade deshalb nicht selten gegen stille und laute Verdächtigungen wehren muß (2Kor 12, 6), als wäre auch er ein Goet[1] (2Kor 4, 2).

b) Der Glaube des Apostels ist wahr, weil Christus infolge der Verkündigung Zustimmung erwartet (2 Kor 5, 20). Wird der Apostel verdächtigt, so bedeutet solche Verdächtigung die Ablehnung des Evangeliums, der in ihr selbst wahren Verkündigung (vgl. 2Kor 13, 8 mit Gal 2, 5. 14). Der Verkündiger gehört mit zur Verkündigung hinzu (2Kor 4, 2; 5, 11). Man hat der Wahrheit zu gehorchen (Gal 5, 7). Warum? Weil die Verkündigung ohne jeden Zusatz Glauben verlangt, indem sie die menschliche Existenz durchsichtig macht (2Kor 6, 7; 1Kor 5, 8). Wer Christus zustimmt, der freut sich der Wahrheit in der Liebe (1 Kor 13, 6), indem er nichts mehr für sich selbst begehrt (1 Kor 7, 29-31; 2 Kor 11, 9. 11). Ohne Vorwand können da alle einander bezeugen, was sie gewollt haben (Phil 1, 18; 2 Kor 7, 14; Röm 9, 1). Das wird später ein »die Wahrheit in der Liebe Suchen« genannt werden (Eph 4, 15). Denn Wahrheit ist allein »in Jesus« Wirklich­keit geworden (Eph 4, 21), so daß die »Liebe Christi« alle andern in Kämpfe hineinführt, wie die Existenz des Apostels beweist (2Kor 5, 14; 6, 3-10). Wahre Existenz leidet mit Christus (Phil 3, 10 f.; 2Kor 1, 5; Gal 6, 17; Röm 8, 17). Jene zukünftige Identifikation des Herrn mit seinen Dienern, ja seiner Gemeinde (die ja sein »Leib« heißt), wird deshalb die öffentliche Erscheinung des Lichtes sein, das heute in dem Gekreuzigten aufstrahlt, einst aber auch auf die fallen wird, die ihm als die Liebenden gedient haben (2Kor 4, 6; 1 Kor 9, 24 f.; Phil 4. 1; 1 Thess 2, 19).

c) Die Wahrheit seiner Existenz ist für Paulus die Wahrheit seiner Christologie, die er als den Menschen vor Gott wahr machenden Glauben verkündigt (2Kor 4, 2-6 vgl. mit 2, 14-17). Der mythisch formulierte Kampf Christi mit dem »letzten Feind«, dem Tode, macht deutlich, daß der Glau­be über Leben und Tod entscheidet, ja entschieden hat (2 Kor 2, 14-17 vgl. mit 1 Kor 15, 20-28). Während die Menschen außerhalb des Glaubens zu Lügnern werden bzw. Lügner blei­ben, macht Gott den Menschen aus Gnade wahr, wenn sich der Lügner seine Existenz als eine Gottes Zorn verfallene, als »verwirkte« (Gogarten) aufdecken läßt (Röm 3, 4 vgl. mit 4, 5). Das Evangelium ist also zur Errettung des Sünders notwendig und eben deshalb wahr, näm­lich die Wahrheit, die allein gilt, wenn es darum geht, worauf sich ein Mensch als Mensch beziehen will, also wissen muß, was »vor Gott« gilt (Röm 3, 7). Daß es Wahrheit nur vor Gott gibt, weiß auch das Gesetz Israels (Röm 2, 20). Wer entgegen dem Gesetz lebt, widerspricht damit auch der Wahrheit (Röm 2, 8). Er widerspricht so im Grunde sich selbst, weil der Sün­der einsehen müßte, daß er Sünder ist – aber was hülfe das schon (Röm 2, 2 vgl. mit 7, 7 ff.)? Wer mit Gott strei­tet, der ist schon verloren, weil er an die Wahrheit gebunden bleibt (Röm 1, 18 ff. 25 ff. vgl. mit 3, 5; 9, 19 ff.; 10, 3). Was helfen da Werke? Aber: nimmt die Wahrheit vor Gott wirklich gefangen (2Kor 13, 8)? Setzt sie nicht frei, wie Gottes hilfreiche Werke von jeher gezeigt haben (Röm 1, 20)? Wenn Paulus das Evangelium von Jesus Chris­tus als die Wahrheit unserer Existenz vor Gott verkündigt, so will er damit die absolute Not­wendigkeit betonen, mit welcher der Glaubende zu Gott findet, d. h. leben wird (Röm 1, 17; 3, 21 ff.). Denn Wahrheit ist für den Apostel die Offen­barung der Gerechtigkeit, die Gott aus Gnade schenkt (Röm 3, 7).

2. a) Dient bei Paulus die Wahrheit noch seinem Verständnis der Gerechtigkeit Gottes (gen. auct.), so wird für Johannes Wahrheit vollends zum Inbegriff der Offenbarung. Und wie ein Schüler des Paulus die schöne Formulierung in Eph 4, 15 findet, so kann ein Schüler (?) des Johannes die Bedingung aussprechen, unter welcher wir »aus der Wahrheit sind«, nämlich daß Gott größer ist als unser Herz und alles weiß, nämlich verzeiht (1 Joh 3, 19 f.). Während der Mensch außerhalb des Glaubens nach dem greulichen Muster des Pilatus keinen Zugang zur Wahrheit hat oder sich den Zugang durch Werke versperrt (Joh 6, 28), hört dagegen der Glaube auf Jesus, den königli­chen Hirten, der diejenigen sammelt, die »aus der Wahrheit sind« (18, 37). Wahrheit ist hier Offenbarung, weil sie die Verlorenen in Gottes Liebe einsammelt, nämlich »heiligt« (17, 17-19). Das tut Jesus, indem er so zum Glauben an die Liebe ruft, daß die Liebe durch seine Existenz Ereignis wird, wie seine Wunder zeigen. Die Existenz Jesu erfüllt sich freilich, weil sie Liebe ist, erst in ihrer Wirkung, nämlich im Reden des Geistes, des Parakleten, der sagen wird, was der Welt in Jesus und seiner Gemeinde widerfahren ist. Diese Aufgabe erfüllt gerade das Evangelium selbst ganz bewußt (14, 17 ff. usw.). Dann also wird Jesus als Gottes »Wort« verstanden sein und gehört werden können (1, 1. 14). Er bleibt die Wahrheit (14, 6; 8, 58 vgl. mit 8, 44-46; 1Joh 3, 24; 4, 6 ff.).

b) So läßt sich sagen: Während das Gericht über die Welt mit einem Donnerschlag vergleich­bar ist (Joh 12, 29) oder mit zuckenden Blitzen, verbreitet sich die Offenbarung Gottes in Jesus wie ein mildes, ruhiges Licht in einer dunklen oder aufgeregten Welt. Die Liebe ist nur Eine. Sie will verherrlicht werden, wie die Wunder zeigen (obgleich sie auf dem Höhepunkt abgewiesen werden, 11, 47 ff.). Die Liebe will aber Sichtbarkeit, weil sie und wie sie an Jesu Kreuz sichtbar geworden ist (19, 30 vgl. mit 13, 1. 34 f.). Jene Zukunft, zu welcher die Glau­benden durch die Wahrheit befreit werden (8, 31 f.), ist die in Jesus sichtbar gewordene Herrlichkeit der Liebe (1, 14 vgl. mit 3, 16). Sie ist Freude an Gott (16, 24). Wer Gott in der Wahr­heit anruft (4, 24), der hat sich in dasjenige Sein holen lassen, in welchem alle Traurigkeit der Welt, ihre Schwermut, durch die Liebe überwindbar wird, so daß alle Eins sein werden (17, 21). Die Wahrheit ist das erfreuliche Wort der Liebe, bei dem Gott bleibt, so gewiß Gott bei sich selbst bleibt, also sich selbst treu bleibt (1, 1). Wer immer von der Wahrheit reden wird, der hat von Gottes Liebe geredet – das weiß der Glaube an Jesus (14, 9). Was ist Wahrheit? Wahrheit ist die Notwendigkeit, mit welcher die Liebe sichtbar wird, nämlich alle zu sich zieht (12, 32 vgl. mit 6, 44a). Aber freilich, weil die Liebe sammelt, scheidet sie auch (8, 44).

3. Was ist hier geschehen? Zunächst: im NT wird die Wahrheit zur christologischen Wahrheit Jesus Chri­stus ist, so heißt es hier, Gottes Eikon, Gottes leuchtender Abglanz in der Weltnacht (2Kor 4, 4). Gerade Jesu Kreuz strahlt dieses Licht aus, wie Paulus »weiß« (vgl. 1Kor 2, 2). Der Glau­be kennt und rühmt nur die Eine Wahrheit, die wahr macht, so daß ein Vorhang aufgeht, weil Gott alles in allem sein will (1Kor 15, 28). Die Wahrheit ist deshalb für den Glauben im NT dasjenige Geschehen, in welchem der Gekreuzigte dem Menschen jene Zukunft zuschickt, die allein Freiheit genannt zu werden verdient, jene Zukunft, welche in Jesu Verkündigung das Reich Gottes heißt. Diese Wahrheit kommt, wenn sie geglaubt wird, und sie ist da, weil sie geglaubt wird. Sie ist die Macht jener Liebe, welche sich in Jesus bezeugt hat, das die Menschen mit Gott vereinigende Sein, mit welchem sich die Liebe den Ihren verspricht. Wahrheit in diesem strengen Sinne kommt also nur dem Wort der Liebe zu, weil das Wort der Liebe stets jenen Glauben fordert, den Jesus gewährt hat. Das Stichwort »Wahrheit« reicht deshalb nicht aus, um seine Sache zu beschreiben. Die Sache der Wahrheit ist im NT das Wort, das die Liebe sichtbar macht, das Wort, das unüberhörbar am Kreuze Jesu laut geworden ist und deshalb alle Gleichnisse wie jede andere Wirklichkeit in sich aufhebt. Daher versagt am Ende auch jede religionsgeschichtliche Parallele – und eben dies wurde mit dem Bekenntnis zur Wahrheit des im Fleisch Gekommenen, zu Jesus, ausgesprochen (1Joh 4, 2-6).

Lit.: ThW I, 233 ff. (R. BULTMANN; Lit.). Ferner: HANS v. SODEN. Was ist Wahrheit? Vom gesch. Begriff d. Wahrheit, 1927 (= Urchristentum u. Gesch. I, 1951, 1-24) – E. FUCHS, Was ist Theol.? (SgV 203/04), 1953, 5 ff. – H.-G. GADAMER, Wahrheit u. Methode. Grundzüge einer philos. Hermeneutik, 1960.

RGG3, Bd. 6 (1962), Sp. 1515-1517.


[1] [Gemeint ist wohl „Goës“ (γοής), was Zauberer, Scharlatan oder Betrüger bedeutet.]

Hier der Text als pdf.

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