Von Martin Niemöller
… Ihnen geht es um die „Schuldfrage“, und dazu hätte ich viel zu sagen. Zunächst: Ich habe niemals das deutsche Volk als unterschiedlos verantwortlich und schuldig für die Naziverbrechen bezeichnet, aber ich habe immer wieder davon gesprochen, daß wir kein Recht haben, alle Schuld auf die bösen Nazis zu schieben und so zu tun, als ob wir unschuldig wären. — Ich habe dabei immer wieder betont: sicherlich sind wir nicht alle Mörder, Diebe und Sadisten, aber wir haben wenig oder gar nichts getan, um dem Verderben Einhalt zu gebieten, und vor allem haben wir, d. h. die Kirche, versagt, denn wir haben um den falschen und den rechten Weg gewußt und haben die Menschen ungewarnt ins Verderben rennen lassen. Ich schließe mich von dieser Schuld nicht aus, sondern ich schließe mich jedesmal ausdrücklich ein, denn ich habe auch geschwiegen, wo ich hätte reden müssen! Wenn wir nicht umkehren und uns selber unserem Herzen eingestehen, daß wir einen falschen Weg gegangen sind aus Furcht und Unglauben, dann bleibt der Bann auf uns, und kein Prophet darf uns den Trost Gottes in unsere Verstocktheit hinein verkünden. Und wenn wir gar anfangen, jetzt, nachdem wir eine Welt mit Qualen, Blut und Leichen, mit Trümmern und Wüstenei angefüllt haben, den anderen ihre Sünden vorzuhalten, dann kann ich nur sagen: alles das ist ja nur ein Quäntchen gegenüber dem Zentnergewicht dessen, was wir auf unsere Gewissen geladen haben, und das sage ich, nachdem ich zwölf Tage in Berlin gewesen bin, wo es kaum noch eine Frau gibt, die nicht schmählich behandelt worden wäre, und wo ein Sterben umgeht, wie es die Welt noch nie gesehen hat, außer in Polen und der Tschechei und dem westlichen Rußland! — Wahrscheinlich haben Sie noch nie eine Gaskammer von innen gesehen, haben niemals vor dem Krematorium in Dachau gestanden, in dem über eine Viertelmillion Menschen verbrannt worden sind: wenn man das sieht, dann vergehen einem die Sinne. — Nein, die Kirche hat nicht „gesiegt“, sondern sie hat schmählich ihrem Herrn und Heiland die Treue gebrochen, indem sie immer nur sprach: „Ich kenne den Menschen nicht“; sie wußte, was vorging, und hat so getan, als gingen all diese Opfer sie nichts an. Wie wollen wir das Wort der Gnade hören können, wenn wir unsere Schuld nicht sehen wollen, und ich finde überall Menschen, die sich selber rechtfertigen: „Es hätte mich ja das Leben kosten können; ich riskierte höchstens Stellung und Beruf“; heute noch gibt es Unzählige, die fragen: War es denn wirklich so schlimm, wie es die Zeitungen darstellen?, und ich antworte immer nur: Nein, so schlimm war es nicht, es war nur hundertfach schlimmer! Gewiß gibt es menschliche Entschuldigungen und Ausflüchte noch und noch, aber es läuft alles auf die alte Melodie hinaus: Soll ich meines Bruders Hüter sein? — Sie hätten diese selbstzufriedene Kirche in Treysa mal sehen sollen: Wir haben das Volk richtig geführt, die Kirche hat nicht versagt, wir haben die reine Lehre gepredigt und sind nicht die deutschchristlichen Irrwege gegangen. — Unter diesem Gesichtspunkt wollen Sie bitte die Dinge betrachten, dann fragt man nicht mehr, ob andere auch gesündigt haben. Aber dann wird man klein, und dann kommt das große Verwundern, daß Gottes Sohn für solche Menschen starb, wie wir es waren und sind, und dann tut sich eine verborgene Tiefe auf, in die wir stürzen, um — in die Arme des Heilandes zu fallen. Aber die selbstzufrieden über die Oberfläche wandeln, zehnmal so viel zu essen haben wie die armen Menschen in Berlin und hundertmal so viel wie die auf den Straßen des Ostens verkommenden Scharen von Hunderttausenden Menschen, die immer noch nicht sehen wollen, daß das Gericht erst eben angefangen hat am Hause Gottes, die werden’s nicht machen. Auch nicht mit den süßesten Trostworten, die ja gar nicht trösten können, wenn einmal die Wirklichkeit hereinbricht, wenn der Boden plötzlich birst und die ganze Rotte Korah verschlingt, die sich anmaßt, ohne göttliche Berufung des Priestertums zu walten. — Nein, die Kirche hat nicht gesiegt, sie hat versagt und versagt immer noch, weil sie das Gericht um sie her auf alle Welt bezieht, nur nicht auf sich selber. Sehen Sie, das ist mein Anliegen, und davon lasse ich nicht um der Kirche, um meines lieben armen Volkes willen, damit niemand die Gnade versäume, die uns noch und vielleicht zum letzten Mal in der Geschichte unseres Volkes angeboten wird. Da reden die Leute von Hilfsaktionen und beruhigen sich, wenn sie wieder mal einen Tropfen auf einen heißen Stein geträufelt haben, da reden sie von der einzig reinen Lehre des Luthertums und von der Notwendigkeit, daß man sich von den Calvinisten scheide, und ähnliche Gotteslästerungen, und das Messer Gottes sitzt ihnen an der Kehle, aber sie wollen’s nicht wahrhaben. Sehen Sie, ich predige nur Gnade und Trost, aber Trost und Gnade für den Menschen, der sich vor Gott und seinem Urteil beugt wie der Zöllner in dem Gleichnis, und das sollte die Kirche heute tun. Ich weiß, welch jubelnde Lobgesänge die hungernde und verhungernde Gemeinde heute im Osten singt; ich habe zwischen ihnen gestanden, und die Tränen sind mir gekommen, was nicht leicht geschieht. Und ich will zurück zu diesen Menschen, die nicht anklagen, weil ihnen Unrecht geschähe, sondern Gott dafür preisen, daß er mitten im Gericht mit seiner Gnade bei ihnen ist.
Das ist nun ein seltsamer Brief geworden, und ich weiß nicht, ob er Sie irgendwie überzeugen kann. Wer gesehen hat und erlebt hat, was ich gesehen und erlebt habe, der faßt diese Dinge nicht mehr nach Menschenweise und mit der Kühle des Verstandes an, der gibt es auf, menschliche Schulden gegeneinander aufzurechnen und abzuwägen, der fragt aber auch nicht mehr, was die Feinde daraus machen: das zählt ja gar nicht, oder es zählt nur insofern, als diese Feinde plötzlich auch einmal den großen Schrecken kriegen, und viele haben ihn schon bekommen, und wenn Gott unsere Gebete erhört, dann gehen diesen Feinden auch eines Tages die Augen, Ohren und Herzen auf für die eine, rettende Botschaft, die in der Tiefe mit all diesen grausigen Menschen- und Teufelswerken fertig wird. —
Gott behüte sie! Glauben Sie mir: Ich liebe mein Volk wie nur einer, gerade in seiner Schuld liebe ich es mit der Liebe, mit der Christus mich geliebt hat, und ich will ihm diese Liebe nicht einen Tag meines Lebens schuldig bleiben. Deshalb rede ich, wie ich rede.
Aus einem Brief vom 10. November 1945.
Quelle: Martin Niemöller, Reden 1945-1954, Darmstadt: Stimme-Verlag, 1958, S. 16-18.