Himmel, Hölle und Fegefeuer. Vom evangelischen Verständnis der letzten Dinge
Von Gerhard Sauter
Sterben evangelische Christinnen und Christen anders als katholische: weniger getröstet und kaum zuversichtlich? Manche Ärzte und Psychiater haben größere Todesangst bei evangelischen Kranken als bei katholischen bemerkt. Sie vermuten, der evangelische Glaube könne nicht vor der Furcht schützen, mit dem Tode sei »alles aus«, es werde ausgelöscht, worin »ich« gelebt habe und was »mich« bisher getragen hat.
Diese Beobachtung bei Psychosen und an Sterbebetten wirft die Frage auf, ob die evangelische Theologie sich klar und weitreichend genug an Gottes Verheißung gehalten hat: »Siehe, ich mache alles neu« (Offenbarung 21,3) und an die Erkenntnis: »Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Schöpfung« (2. Korinther 5,17). Hat evangelische Theologie die Tragweite der Zuversicht auf das Handeln Gottes, »der die Toten lebendig macht« (Römer 4,17), geschmälert? Wenn ja, könnte dies vielleicht von dem strengen Wunsch herrühren, um Gottes willen nicht auf ein »Fortleben nach dem Tode« zu vertrösten und auf diese Weise falsche Hoffnungen zu wecken.
1. Hoffnung angesichts des Todes
Werfen wir, um solche Eindrücke zu überprüfen, einen Blick auf die Praxis evangelischer Kirche, die sich gerade bei ihrem Handeln an Sterbenden und gegenüber Toten von katholischen Riten abgewandt hat!
Im evangelischen Gottesdienst sollte seit jeher jeder Gedanke daran ausgeschlossen werden, menschliches Tun könne das Geschick der Toten beeinflussen. Denn was Verstorbene zeit ihres Lebens verfehlt haben mögen, können wir nicht mehr für sie rückgängig machen, auch nicht durch Gottesdienste für Tote oder durch inständige Fürbitte, die den Verstorbenen Entlastung verschaffen möchte. Wir können ihre Versäumnisse nicht nachholen. Vor Gott ist jede Person unvertretbar, sie hat für alles einzustehen, was sie getan oder unterlassen hat. Nun hat allein er, Gott, mit ihr zu tun.
Doch dies verbietet durchaus nicht, Verstorbene in unsere Fürbitte aufzunehmen. Fürbitte bedeutet ja, daß Betende in ihrem Herzen Raum für andere geben und doch wissen, daß Gott größer ist als ihr Herz. Was vermögen wir überhaupt für andere Menschen zu tun, die außerhalb unseres Wirkungskreises sind? Wirklich für andere bitten können wir nur in den engen Grenzen dessen, was wir von ihnen wissen und wo wir sie wissen. Dabei dürfen wir sic Gottes unermeßlichem Handeln anvertrauen, und dadurch werden wir selber in die Weite und Tiefe dieses Handelns hinein gezogen. Darum gilt gerade für die Fürbitte: »Wir wissen nicht, was wir bitten sollen, wie sich’s gebührt; doch Gottes Geist selbst vertritt uns mit unaussprechlichen Seufzern« (Römer 8,26). Ohne dieses Ver trauen würde das Gebet mißraten, es würde gleichsam zu einem magischen Hebel, der Gott in Bewegung setzen will.
Im Vertrauen darauf, daß Gottes Handeln unermeßlich ist, wurde in evangelischen Gottesdiensten für verstorbene Gemeindeglieder gebetet, und am letzten Sonntag des Kirchenjahres wurde derer gedacht, die Gott im vergangenen Jahr aus ihrer Mitte »abberufen« hatte. Das hat sich in manchen Gemeinden geändert. Dort werden nur noch »Sterbefälle« »abgekündigt«. Die Toten scheinen nur noch einer Mitteilung der Beerdigung wert. Und dann heißt es: »Wir wollen für die Leidtragenden beten.« Warum denn nicht mehr für die Toten?
Kirchliche Handlungen sind beredt. Sie können etwas mitteilen, das theologisch gar nicht so beabsichtigt war. Dann bringen sie auf falsche Gedanken. Zum Beispiel auf den Gedanken, die christliche Gemeinde sei eine Gemeinschaft nur der leibhaftig Anwesenden. Wer dies meinen sollte, muß sich fragen lassen, wie er »Kirche« versteht. Im Glaubensbekenntnis, mit dem wir Gott in jedem Gottesdienst loben, sagen wir: »Ich glaube an den heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben.« Dies ist ein Fingerzeig darauf, daß unsere Toten, die, die »in Christus entschlafen« sind, zu der Kirche gehören, die weit über unsere Vorstellungskraft hinausreicht. Zur Kirche, die wir glauben: die Gemeinschaft der gerechtfertigten Sünder!
Ein anderer irreführender Gedanke, der aus kirchlicher Praxis entstehen konnte: »Ist jemand tot, dann kann kein Mensch mehr etwas an ihm tun. Wenden wir uns also den Lebenden, ihrer Trauer und ihrer Zukunft zu!« In diesem Sinne setzte es sich vor dreißig, vierzig Jahren durch, die Bestattung vorwiegend als einen Gottesdienst für die Gemeinde der Trauernden anzusehen und so zu gestalten. Eine Beerdigung wird zum Dienst an den Hinterbliebenen. Das ist sie sicherlich auch, aber wenn sie nur dies wäre, verleitet sie zur Vorstellung, der Tod habe ein Leben ausgelöscht, und nun sei nur noch Trauerarbeit zu leisten, die ein allmähliches Abschiednehmen erreiche.
Doch daß die Beerdigung auch und vor allem ein Dienst der Liebe und Achtung für Verstorbene ist, kommt in jüngster Zeit mit Recht wieder mehr zur Geltung. Neue liturgische Entwürfe sehen sogar ein Totengedenken nach sechs Wochen und nach einem Trauerjahr vor. Sogleich regt sich Widerspruch: Ist das nicht schon katholisch? Gegenfrage: Wäre hier vielleicht ein ökumenisches Lernen angebracht? Liturgische Neuerungen müssen allerdings im Glauben hoffnungsvoll begründet sein. Damit werden wir vor Fragen gestellt, die uns angehen: Wer sind wir, wer werden wir sein?
2. »Ewiges Leben«
Wenn von den Toten nur gesagt wird, daß sie tot sind – auch wenn dies bloß bedeuten sollte: tot für uns, nicht für Gott -, dann widerspricht dies evangelischem Glauben und seiner Hoffnung. Dies muß mit aller Deutlichkeit gesagt werden, ebenso unmißverständlich wie das andere: Was wir Menschen von uns aus sind und was wir aus uns gemacht haben, kann nicht für immer und ewig bleiben.
Auch die Vorstellung von einer Selbstbewußtheit des Menschen, substanziell abgehoben von seiner Leiblichkeit und deren Verflechtung mit Werden und Vergehen, ist der biblischen Wahrnehmung des Menschen fremd. Sie erwartet die »Auferweckung der Toten« als Gottes Neuschöpfung. Auf Gott den Schöpfer wird gehofft, der nicht zunichte werden läßt, was er geschaffen und gewollt hat. Diese Erwartung umfaßt alles Leben, das aus Gott und auf Gott hin gelebt worden ist: den ganzen Menschen.
Bei einer christlichen Beerdigung wird Zweifaches zum Ausdruck gebracht: Wir bringen ein gelebtes Leben vor Gott, in der Zuversicht, daß Gott alles, was er an diesem Leben vollbracht hat, bewahren und vollenden wird – und wir geben ein Geschöpf Gottes der Erde zurück, der vergänglichen Welt, aus der es entstanden ist und zu der es wieder zurückkehrt. Auch der Totenacker, ja gerade er, gehört zur Schöpfung Gottes, die unter der Verheißung steht, daß Gott sie vollenden will, indem er einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen wird.
So bringt die Beerdigungspredigt – im Unterschied zu einer Traueransprache oder der Würdigung eines Lebenslaufes – eine Lebensgeschichte in den Zusammenhang der Geschichte Gottes mit den Menschen. Sie erzählt diese Geschichte neu: »Euer Leben ist verborgen mit Christus in Gott« (Kolosser 3,3). Diese Verheißung wird auch den Trauernden eine Hilfe sein, wenn sie sich an gemeinsames Glück und gemeinsam getragenen Kummer erinnern, wenn Schuldgefühle sie überfallen, wenn sie versäumte Hoffnungen beklagen. Zu diesem verborgenen Leben gehört alles, was ihnen von Gott zuteil geworden ist. Können wir auch nur erahnen, welche unvergleichlichen Ausmaße dieses Wirken Gottes hat und behalten wird?
Die Kirche gibt Sterbenden mit, was ihr anvertraut worden ist: die Zusage der Gegenwart Gottes in Wort und Sakrament, die Gemeinschaft mit Jesus Christus, auf dessen Sterben für uns wir getauft worden sind, die Belebung durch den heiligen Geist: wir sind neu geboren zu einer lebendigen Hoffnung, damit wir mit Christus leben werden (Römer 6,8).
Die Beerdigung ist auch eine Tauferinnerung. In der Taufe erhalten wir einen christlichen Namen, der unser Leben begleitet und unauslöschlich prägt. Auferstehung heißt, daß Gott uns bei diesem Namen rufen wird: »Fürchte dich nicht, denn ich erlöse dich; ich rufe dich bei deinem Namen, mein bist du! Wenn du durch Wasser gehst – ich bin mit dir; wenn durch Ströme – sie werden dich nicht überfluten. Wenn du durch Feuer schreitest, wirst du nicht verbrennen, und die Flamme wird dich nicht vernichten. Denn ich, der Herr, bin dein Gott, ich, der Heilige Israels, dein Erretter.« (Jesaja 43, 1-3)
3. Rettung in Gottes Gericht
»Was ist dein einziger Trost im Leben und Sterben? – Daß ich mit Leib und Seele im Leben und im Sterben nicht mir, sondern meinem getreuen Heiland Jesus Christus gehöre.« So lauten die erste Frage, wegweisend fürs Leben und entscheidend fürs Sterben, und die Antwort darauf im Heidelberger Katechismus (1563).
Dieser Trost wird von der Verheißung gehalten,
- daß Gott das letzte Wort über mein Leben spricht und daß ich deshalb nicht mit meiner Selbstbeurteilung hoffnungslos allein gelassen werde,
- daß Gott mein Leben überblickt, anders, als ich es selbst überschauen und vielleicht auch durchschauen kann, und daß mit seinem Urteil über mich sein verborgenes Handeln in meinem Dasein offenbar wird, alle die unübersehbaren Verflechtungen, Voraussetzungen und Wirkungen und wodurch meine Verantwortung gebildet worden ist, daß ich erkenne (nicht mehr nur glaube), daß ich so und nicht anders geschaffen bin, daß ich erkenne, wie ich erkannt bin (1. Korinther 13,12),
- daß mein gelebtes Leben eine unverhoffte Einheit bildet, weil es von dem Zusammenhang des Handelns Gottes getragen und mit ihm verwoben ist, daß Gottes Gerechtigkeit aus ihm hervortritt und alle Ungerechtigkeit abfällt, daß auch das Verhältnis meines Erleidens zu meinem Tun einsichtig wird, daß dies wahr und offenkundig ist: »Es lebt nicht mehr Ich, es lebt in mir Christus« (Galater 2 20). Ich werde ein Teil seiner Geschichte. Doch solange wir existieren, bekommen wir bestenfalls bruchstückhaft und widersprüchlich zu Gesicht, was genau wir da von uns erzählen könnten.
Was wir dann unter »Himmel« und »Hölle« verstehen, was wir uns darunter gar vorstellen können, das sollten wir uns vom Glaubensbekenntnis ausrichten lassen: Jesus Christus ist »gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes [frühere Fassung: niedergefahren zur Hölle], auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen zu richten die Lebenden und die Toten.«
Dieser »Himmel« (englisch: »heaven«) ist als Sphäre Gottes von dem Himmel (englisch: »sky«) unterschieden, der als Erdumhüllung unserer Erfahrung und menschlichen Vorstößen zugänglich ist. Gottes Himmel können wir nicht umgrenzen. Im Himmel sein bedeutet: bei Gott sein. »Hölle« wäre völlige, endgültige Gottverlassenheit. Darum sollten wir das Wort »Hölle« nicht unbedacht in den Mund nehmen. Es weist auf den Abgrund der Gottesferne hin, die unvergleichlich furchtbarer wäre als das Nichts, in das hinein der Tod uns entlassen könnte. Es wäre die Hölle, wenn ich auf immer und ewig mir in meinen Taten und Untaten gegenübergestellt bliebe.
Die Annahme eines »Fegefeuers« ist evangelischer Hoffnung fremd, auch in Form einer allmählichen Verwandlung durch Läuterung. Sie könnte auf den Gedanken bringen, eine Art Bewährungsfrist für rechtes Verhalten gegenüber Gott könne verlängert, für die Empfangsbereitschaft für Gottes Gnade könne ein Aufschub über den Tod hinaus gewährt werden.
Manche evangelische Christen liebäugeln trotzdem mit der Vorstellung einer schrittweisen Läuterung. Ich kenne einen prominenten englischen Physiker und Theologen, der darauf nicht verzichten möchte, weil er Veränderungen stets als Prozesse denkt. Andere evangelische Theologen haben an eine Reinigung jenseits der Todesgrenze gedacht, wenn sie um das Geschick all derer besorgt waren, die zeit ihres Lebens aus irgendwelchen Gründen von der Botschaft »Gott will, daß alle Menschen gerettet werden« (1. Timotheus 2,4) nicht erreicht wurden. Doch sollten wir es nicht Gott überlassen, wie er diese Verheißung erfüllt?
Gottes Gericht wird Klarheit bringen: schmerzhaft befreiend auch darin, daß alle Menschen sich selber so ansichtig werden, wie sie dies zeit ihres Lebens weder konnten noch wollten. Dies ist jedoch Grund zur Hoffnung, ja zur Vorfreude. »Mancher, der sich vor dem Gericht Gottes so sehr gefürchtet hat, wird sich in der Ewigkeit ein klein wenig schämen müssen, daß er dem Herrn nicht noch mehr Gnade zugetraut hat.« (Johann Albrecht Bengel)
Lit.: Gerhard Sauter, Einführung in die Eschatologie, Darmstadt 1995; bes. Kap. 5 und 6.
Quelle: Michael Meyer-Blanck/Walter Fürst (Hrsg.), Typisch katholisch – typisch evangelisch. Ein Leitfaden für die Ökumene im Alltag, Rheinbach: CMZ, 2003, S. 295-301.