Peter Noss über Hans Ehrenberg (1883-1958): „Erst spät wurde die Bedeutung Ehrenbergs für die philosophische und theologische Wissenschaft und Praxis in angemessener Weise wiederentdeckt. Insbesondere die in Person und Biographie vermittelte Spannung von Judentum und Christentum ist neben vielem anderen ein lohnender Anknüpfungspunkt zur Beschäftigung mit Ehrenberg.“

Hans Philipp Ehrenberg

Von Peter Noss

Am 4. Juni 1883 kommt Ehrenberg als Sohn von Gabriella Emilie Ehrenberg, geb. Fischel (1859-1941) und Maximilian Otto Ehrenberg (1848-1929) in Hamburg-Altona zur Welt. Der Vater ist Prokurist bei der Dresdener Bank. Die Mutter entstammt einer Prager jüdisch-libera­len Fabrikantenfamilie; Urgroßvater (Samuel Meyer Ehrenberg [1773-1853]) und Großvater (Dr. Philipp Ehrenberg [1811-1882]) väterlicherseits waren als Inspektor bzw. Lehrer an der Samsonschen Freischule in Wolfenbüttel tätig. Die Brüder Paul und Viktor Leopold werden 1884 bzw. 1891 geboren.

Die Schulzeit am Altonaer »Christianeum« endet 1902 mit dem Abitur, das Ehrenberg am Humanistischen Wilhelms-Gymnasium in Hamburg ablegt. Neben dem Lateinischen und Griechischen sind es vor allem deutsche Literatur und Geschichte, mit denen er sich beschäftigt; er hat Begabungen im naturwissenschaftlich-mathematischen Bereich. Die Beziehung zur Mutter ist besonders intensiv. Die Atmosphäre im Elternhaus beschreibt er als »behütet« und »streng«: »Mein Vater bot uns einen stillen, unendlich gütigen Menschen voll Klarheit … meine Mutter ist lebendige Schülerin Kants …« (zit. nach Brakelmann, Ehrenberg, 1997, 13). Die Familien Ehrenberg und Rosenzweig stehen in einem verwandtschaftlichen Verhältnis, Franz Rosenzweig ist ein Vetter von Ehrenberg. Im Alter von 19 Jahren beginnt er im Sommersemester 1902 mit dem Studium der Rechte in Göttingen, wechselt im folgenden Semester nach Berlin, wo er sich bis zum Wintersemester auch mit staats- und sozialwissenschaftlichen Fragestellungen beschäftigt. Beeinflußt durch den Nationalsozialen Verein, dessen Mitglied er von 1903-05 ist, beginnt er sich für die Sozialpolitik zu interessieren; der Theologe und Politiker Friedrich Naumann prägt ihn politisch. Sommer- und Wintersemester 1904/05 verbringt er in Heidelberg, im Wintersemester 1905/06 geht er nach München. Sein Interesse konzen­triert sich auf die Nationalökonomie; unter Einfluß u.a. von Lujo Brentano in München schreibt er 1906 eine Dissertation über »Eisenhüttentechnik und der deutsche Hüttenarbeiter« auf der Grundlage eigener empirischer Forschung im Hüttenwerk des Hörder Vereins/Dort­mund (vermittelt durch den Onkel Richard Ehrenberg). Mit Franz Rosenzweig verbindet ihn seit diesen Jahren eine intensive Freundschaft. Ab Herbst 1906 leistet Ehrenberg seinen Militärdienst als »Einjährig-Freiwilliger« beim Feldartillerieregiment Nr. 11 in Kassel ab. 1907/08 setzt er das Studium in Heidelberg (vor allem bei Wilhelm Windelband) fort; er beschäftigt sich mit Kant und Hegel, aber auch mit Fichte, Schelling und Nietzsche. Durch die Lektüre der Romane von Dostojewski und Tolstoi stößt er auf die Fragen der Religionsphilosophie. Seine religiöse Entwicklung beschreibt er so: »Meine Erziehung war fast überkonfessionell und daher unkirchlich zu nennen; so stand ich als junger Mensch jedem Kirchenturm fern. Einen Teil der klassischen Religionsbildung hatte ich als Kind erhalten, habe mich aber erst mitten in den Stürmen meiner Entwicklung im Alter von 26 Jahren zur Taufe entschlossen …« (Ehrenberg., 1924, zit. nach Brakelmann, 1997, 22). Am 3. November 1909 wird Ehrenberg in der Tri­nitatiskirche in Berlin-Charlottenburg getauft. Franz Rosenzweig versteht den Schritt des Vetters und rät ihm zu, wenngleich er selbst diesen Schritt nicht vollzieht. Erst später werden Differenzen sichtbar, als Rosenzweig sich bewußt dem Judentum zuwendet (vgl. das berühmte Nachtgespräch mit Eugen Rosenstock und Rudolf Ehrenberg am 7.7. 1913, dazu u.a. Ullmann, 1988).

Im gleichen Jahr schreibt Ehrenberg seine zweite, die philosophische Dissertation (»Kants mathematische Grundsätze der reinen Naturwissenschaft«) bei Prof. Windelband. Nur ein Jahr später habilitiert er mit einer Erweiterung der Arbeit unter dem Titel »Kritik der Psychologie als Wissenschaft. Forschungen nach den systematischen Prinzipien der Erkenntnislehre Kants«. Am 24.10. 1910 hält er seine Antrittsvorlesung als Privatdozent in Heidelberg. In den folgenden Jahren erscheinen Publikationen zu philosophischen Themen; er steht im kritisch-freundschaftlichen Austausch mit Max Weber und Ernst Troeltsch, hat Kontakte zum Stefan-George-Kreis. Mit seinem Vetter ist Ehrenberg Teilnehmer an einer Konferenz junger Historiker und Philosophen in Baden-Baden 1910, darunter Walter Sohm, Viktor von Weizsäcker, Eduard Meyer, Ernst Rudolf Curtius, Werner Picht und der Vetter Rudolf Ehrenberg. Im April 1913 verlobt sich Ehrenberg mit der Lehrerin Else Anna Zimmermann (1890-1970), die er am 26. Juli heiratet.

Als der Krieg 1914 beginnt, wird Ehrenberg Soldat; er ist zunächst in einer Fuhrparkkolonne tätig, am 9.11. 1914 wird er zum Leutnant der Landwehr befördert und als »Frontsoldat« ausgezeichnet. Im Oktober 1916 wird Ehrenberg nach einer Verwundung in ein Lazarett eingeliefert; ab April 1917 ist er Ausbilder an der Feldartillerie-Schule in Jüterborg. Für Ehrenberg ist der Krieg ein aus deutscher Sicht legitimer Verteidigungskrieg, nach dessen Ende er zunächst auf die Generation der Frontkämpfer und ihren Geist beim Aufbau der Nation setzt: »Das Heer ist die bereits bestehende große Erziehungsgemeinschaft unseres Volkes« (zit. nach Brakelmann, 1997, 58). Doch bald finden sich ganz andere Töne und Ehrenberg spricht von den »Verbrechen« des Krieges, von der Schuld. Im Oktober 1918 tritt er in die SPD ein und unterstützt die Idee der Räte, eines demokratischen Sozialismus. Als Vertreter im Arbeiter- und Soldatenrat hilft er bei der Demobilisierung der Truppen.

Im gleichen Monat wird Ehrenberg zum außerordentlichen Professor für Philosophie ernannt. Seine innere Einstellung hat sich komplett gewandelt: »Indem damals das Kriegserlebnis ins Kirchenerlebnis mündete, warf mich der Ausgang des Krieges mitten in die Gemeinschaftsfragen hinein von ‚Volk und Kirche‘. … Damals fing ich an zu wissen, daß ich Pfarrer werden sollte. Die Universitätstheologen in Heidelberg munkelten schon vor dem Kriege über mich; aber damals war es für mich nur die Theologie, noch nicht die Gemeinde. Nichts Äußeres, keinerlei Sorgen und Konflikte, konnte mich dazu anregen. Dreierlei Inneres bestimmte mich allein: das Wort Gottes (die Predigt), der Dienst am Nächsten, Praxis statt Theorie! Heraus aus der liberalen Lebensform!« (zitiert nach Brakelmann, 1981, 133). 1919 wird er Mitglied im Badener Volkskirchenbund und ist Redakteur von dessen Organ »Christliches Volk«. 1919 wird er außerdem für 1 1/2 Jahre Stadtrat im Heidelberger Magistrat. Ehrenberg nimmt im September des Jahres an der ersten »religiös-sozialen Konferenz« in Tambach bei Gotha teil; bei vielen der Anwesenden ist eine starke Nähe zur »Neuwerk«-Bewegung auszumachen. Unter den Teilnehmern ist auch Karl Barth, der an Stelle des ursprünglich als Redner vorgesehenen Leonhard Ragaz seinen berühmten »Tambacher Vortrag« hält. 1920 gründet Ehrenberg mit Werner Picht, Eugen Rosenstock, Rudolf Ehrenberg und Leo Weismantel den Patmos-Verlag, in dem auch Schriften von Barth erscheinen. Dem »Patmos-Kreis« gehören u.a. Martin Buber, Ferdinand Ebner und Viktor von Weizsäcker an. Joseph Spengler charakterisiert Ehrenberg 1920 auf folgende Weise: »Es gibt unter den Dilettanten eine sehr edle Art. Sie sind zwar nicht in Fach und Ecken gedrungen, aber sie sind durch alle Kultur- und Geistesbesitz hindurchgegangen, und was mehr ist, sie sprechen selber Geist aus. Von dieser Art ist Ehrenberg. Noch tiefer. … Man muß, wie stets bei Ehrenberg, übersetzen: aus der Transzendenz in die Immanenz, aus dem Ewigen ins Zeitliche …« (Zit. nach Brakelmann, 1997, 44f).

Einen entscheidenden biographischen Einschnitt bedeutet der (offizielle) Beginn des Theologiestudiums im Sommersemester 1922 in Münster, das er auf Antrag beim Konsistorium nach nur vier Semestern am 11.4. 1923 mit Erfolg abschließen kann. Im Frühjahr 1923 unternimmt Ehrenberg eine Deutschlandreise, besucht u.a. die Pfarrer Johannes Zauleck und zur Nieden in Wetter/ Ruhr, den Industriellen Gustav Krupp von Bohlen in Essen, bereist Berlin und Hamburg. Tochter Juliane kommt zur Welt, 1926 gefolgt vom Sohn Andreas. Von August 1923 – Februar 1924 macht er das Lehrvikariat in Heidelberg und besteht im Mai sein 2. Examen und ist von Juni bis Oktober 1924 Hilfsprediger in Bochum. Nach einem weiteren Intermezzo an der Heidelberger Philosophischen Fakultät übernimmt Ehrenberg die Pfarrstelle im 6. Bezirk in der Altstadtgemeinde in Bochum, in die er im Juni 1925 gewählt worden ist. Die Amtseinführung erfolgt am 27. September des Jahres. Als Berichterstatter für die Vossische Zeitung nimmt er teil an der Stockholmer ökumenischen Konferenz für Praktisches Christentum (19.-30.8. 1925); er beurteilt die anwesende (heterogene) deutsche Gruppe mit kritischem Blick: »Kein Christentum der Welt war von der ökumenischen Haltung der ökumenischen Konferenz so weit entfernt als dasjenige Deutschlands« (zit. nach Brakelmann, 1997, 186). Seine Kenntnisse und Erfahrungen bringt Ehrenberg in die Arbeit des Bochumer Kirchenkreises selbstverständlich ein; er wird schnell zum gefragten Referenten und zum Vorsitzenden der »Arbeitsgemeinschaft für Weltanschauungsfragen«. Außerdem engagiert er sich im »Kampfbund christlicher Arbeiter«, einer christlichen »Bruderschaft« unter der Arbeiterschaft. »Predigt, Unterricht, Gespräche mit Menschen vor Ort – das waren für ihn die Bochumer Lebensinhalte« (Brakelmann, 1981, 136). Noch im gleichen Jahr tritt Ehrenberg aus der SPD aus, da er parteipolitisches Engagement mit der kirchlichen Arbeit nicht mehr vereinbaren kann. Auch verzichtet Ehrenberg auf das akademische Lehramt in Heidelberg.

Friedlich ist die Lage bis 1933 keineswegs. Die politischen Auseinandersetzungen im kleinen wie im großen sind in Bochum und Umgebung deutlich spürbar. Bei einem Streit zwischen einer Gemeinde in Hattingen/Ruhr und der dortigen Ortsgruppe der NSDAP nach einer Predigt eines Judenmissionars aus Köln wird Ehrenberg im Februar/März 1927 zu zwei Vorträgen (»Jesus und Israel«, »Kirche und Antisemitismus«) gebeten, bei denen es durch die anwesenden SA-Gruppen zeitweilig zu tumultartigen Szenen kommt. Ehrenberg wird bei der Kirchenleitung denunziert. Seit dieser Zeit versuchen die Nazis, Ehrenberg aus seinem Amt zu vertreiben. Die Fragen nach der Gestalt der Kirche, nach Möglichkeit und Notwendigkeit für die Beteiligung an gesellschaftlichen und staatlichen Reformen rücken in den Vordergrund. Wesentlich wird ihm die Rückbindung an die biblischen Schriften. Mit Ehrenberg zusammen wirkt Pfr. Lic. Albert Schmidt, der zum Freund wird.

In Ehrenbergs Pfarrhaus treffen sich im Mai 1933 fünf Pfarrer (darunter Ludwig Steil), die gemeinsam das »Wort und Bekenntnis westfälischer Pastoren zur Stunde der Kirche und des Volkes« formulieren, das zu Pfingsten in vielen Gottesdiensten in westfälischen Gemeinden verlesen wird; darin ist u.a. von Jesus Christus als »Sohn des lebendigen Gottes, des Gottes Abrahams, Isaaks und Jakobs« die Rede (zit. nach Röhm/Thierfelder, Bd. 1, 183). Nur wenig später, im Juli 1933, erscheinen die von Ehrenberg formulierten und im Privatdruck herausgegebenen »72 Leitsätze zur judenchristlichen Frage« (abgedr. bei Huber/Tödt, 1982, 258-264), wo es unmißverständlich heißt: »Die Kirche der Reformation in Deutschland steht oder fällt 1933 bei der Versuchung, die Judenchristen – ganz oder teilweise – aus sich auszusondern. Die judenchristliche Frage wird im letzten Teil des Kirchenstreites zu seinem Sinnbild und Kern« (Leitsatz 59). Provoziert worden sind diese Stellungnahmen durch die Haltung weiter Teile der Evangelischen Kirche gegenüber Juden und Christen jüdischer Herkunft, die auch später innerhalb der sich bildenden Bekennenden Kirche (BK) nur wenig Rückhalt erfahren. Vor allem die 1932 gegründete »Glaubensbewegung Deutsche Christen« (DC), die im Sommer 1933 die zweiten Kirchenwahlen innerhalb eines Jahres für sich entscheiden kann und Positionen in den Kirchenleitungen und -behörden besetzt, vertritt eine rassistisch und antisemitisch geprägte Position. Nur wenige andere Theologen beziehen demgegenüber ähnlich kritische Standpunkte wie Ehrenberg, darunter Dietrich Bonhoeffer, Hermann Maas und Martin Albertz.

In den folgenden Monaten verfaßt Ehrenberg mehrere Schriften, die sich kirchenpolitische Themen behandeln, darunter die Denkschrift an die Staatsführung »Kirchenstreit und Kirchenfrieden«. Während vieles von der traditionellen kirchlichen Arbeit zerstört wird, konzentriert sich Ehrenberg auf seine Gemeinde. Bis Pfingsten 1937 kann er sein Pfarramt weiter ausüben: in einer Gemeinde, die sich mehrheitlich zur BK hält. Seine Arbeit als Prediger und Seelsorger ist auch als Ausdruck seiner Auffassung von der Notwendigkeit der konsequenten Selbständigkeit der Kirche dem Staat gegenüber zu verstehen. Im Frühjahr 1936 wird durch die NS-Führung erneut gegen Ehrenberg vorgegangen. Während ein Theologischer Ausschuss der BK Bochum über das »theologische Problem« eines judenchristlichen Pfarrers berät, legt Oberkonsistorialrat Johannes Hymmen vom Evangelischen Oberkirchenrat in Berlin Ehrenberg den Rücktritt nahe. Seine letzte Predigt hält Ehrenberg am 23. Mai in der Christuskirche in Bochum über Röm. 11, 32-36. Zwar hat er selbst eine Versetzung in den Ruhestand beantragt, ist aber durch die Kirchenbehörden dazu gezwungen worden. Die Initiative zu diesem Vorgehen ist vom »Stellvertreter des Gauleiters« der NSDAP Westfalen-Süd ausgegangen. Auch die BK, namentlich der Westfälische Präses D. Karl Koch, vermögen Ehrenberg nicht zu helfen bzw. zu halten. Die Bochumer BK-Pfarrer jedoch solidarisieren sich öffentlich mit dem Amtsbruder. Ehrenberg arbeitet weiter für die BK, betreibt Seelsorge, verfasst Traktate und Bibelauslegungen und wirkt vor allem in einem fünfköpfigen theologischen Arbeitskreis (neben Ehrenberg die Pfarrer Bach, Hartmann, Schilling und Wagener) der zu Trinitatis 1938 die Schrift »Kirche und Israel« präsentieren kann (vgl. Gerlach, 1993, 182ff.). Im September 1938 wird Ehrenberg mit einem »totalen Predigt- und Redeverbot« belegt. Er versucht durch Anträge und Schreiben an Friedrich von Bodelschwingh und Präses Koch, eine Aufgabe übertragen zu bekommen, scheitert jedoch mit diesem Ansinnen.

In der Pogromnacht vom 9./10. November 1938 wird die Wohnung Ehrenbergs völlig zerstört, während er sich auf einer Reise ins Rheinland befindet. Nach seiner Rückkehr feiert er mit der Familie und dem Pfarrkollegen und Freund Albert Schmidt das Abendmahl und stellt sich dann der Polizei, die ihn bis März 1939 im Konzentrationslager Sachsenhausen/Oranienburg internieren läßt. Schmidt, der den Vorfall berichtet und Fürbitte zugunsten von Ehrenberg hält, wird bald darauf ebenfalls verhaftet. Ehrenberg muß in Sachsenhausen als Leichenträger arbeiten.

Im April 1939 kann Ehrenberg zunächst nach Holland und von dort mit Unterstützung von Freunden und durch das Hilfsbüro des Bischofs Bell von Chichester nach England emigrieren. Zum Abschied schreibt das Mitglied der 2. Vorläufigen Kirchenleitung, Martin Albertz, am 11. Mai 1939: »Sie sind und bleiben unser Bruder und mit uns Diener an seinem göttlichen Wort. Es ist uns ein tiefer Schmerz, dass Sie unter diesen Umständen von uns gehen. … Sagen Sie auch bitte den christlichen Brüdern und Schwestern, die Sie irgendwo aufnehmen, unseren herzlichen Dank. Die Brüder tun, was wir leider nicht mehr tun können.« (abgedruckt bei Brakelmann, 1999, 444f.). In London wird er von seinem Bruder Viktor und dessen Familie empfangen, die von der Tschechoslowakei aus kurz zuvor nach England emigriert sind; die Familie folgt ihm kurz vor Beginn des Krieges nach. Ehrenberg wohnt zunächst im Palast des Bischofs, der ihn auch in den folgenden Jahren unterstützt.

E. erhält in England zunächst einen Auftrag durch den Weltrat der Kirchen in Genf. Er reist durch das Land, hält Predigten und kleinere Vorträge. Auch Carl Gunther Schweitzer arbeitet für den Weltrat. Mit vielen anderen Flüchtlingen werden sie im Juli 1940 in Heryton interniert. Ehrenbergs Mutter stirbt 1941 einsam in ihrer Kasseler Wohnung. Bis 1945 übt er unterschiedliche Tätigkeiten in deutschen Kriegsgefangenenlagern in England aus und begegnet hier vielen anderen deutschen Bürgern jüdischer Herkunft christlichen und jüdischen Glaubens. Insgesamt viermal muss die Familie umziehen. Ehrenberg unterrichtet an der von Bischof Bell ins Leben gerufenen kleinen theologischen Schule am Hof des Klostergartens in Westminster die Fächer Altes Testament und Philosophie; von 1943-45 lehrt Ehrenberg außerdem am Philosophical Institute in London. Vor allem die Ökumene mit der Perspektive auf die kommende Einheit gewinnt im Laufe der Jahre große Bedeutung: »Die Kirche, einmal ungeteilt gewesen, wird es einmal wieder sein« – so schreibt er 1947 (Ehrenberg, Ökumenische Erfahrungen, 9) voller Hoffnung.

1947 kehren Ehrenberg und seine Frau Else nach Deutschland zurück. Die beiden Kinder bleiben in England, Juliane absolviert eine Ausbildung als Krankenschwester und arbeitet als Missionarin der Anglikanischen Kirche in Indien, Andreas wird Professor für Nationalökonomie in London. Ehrenberg wird ein Pfarramt Erwachsenenbildung im Bereich der Westfälischen Volksmission übertragen. 1952/53 arbeitet Ehrenberg im Bereich der »Randmission«: dazu gehört u.a. die Organisation von sog. Jedermannfreizeiten. Aus dieser Arbeit erwächst 1953 die »Jedermannaktion« in Rheinland und Westfalen. Auch in dieser Phase seines Lebens bleibt Ehrenberg literarisch tätig. Noch in England ist ein Werk über Luther erschienen, philosophische Themen werden neben praktisch-theologischen Fragestellungen wieder stärker relevant. 1952 tritt er erneut in die SPD ein. 1953 kehrt er nach Heidelberg zurück, wo er am 31.8. 1958 stirbt.

Erst spät wurde die Bedeutung Ehrenbergs für die philosophische und theologische Wissenschaft und Praxis in angemessener Weise wiederentdeckt. Insbesondere die in Person und Biographie vermittelte Spannung von Judentum und Christentum ist neben vielem anderen ein lohnender Anknüpfungspunkt zur Beschäftigung mit Ehrenberg. Die ihm 1956 von der Evang. Theologischen Fakultät der Universität Bonn verliehene Ehrendoktorwürde trägt ebenso wie die nach ihm benannte Schule in Bielefeld-Sennestadt und der seit 2000 verliehene Hans-Ehrenberg-Preis der Hans-Ehrenberg-Gesellschaft dazu bei, dass sein Name nicht in Vergessenheit gerät.

Quelle: BBKL, Bd. 19 (2001), Sp. 201ff.

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