Predigt über Matthäus 5,13-16 (1957)
Von Werner Schmauch
Liebe Brüder und Schwestern!
Wer sind wir eigentlich? Väter, Mütter, Söhne, Töchter, Junge und Alte, Studenten und Professoren. Aber in aller Verschiedenheit, auf Berg- und Talwegen sind wir doch immer wieder solche, die nach dem Sinn ihres Daseins fragen, die sich darum bemühen, ihre Existenz in dieser Welt zu sichern. Als solche begegnen wir heute unserem Gotteswort.
Da ist ein Berg in Galiläa. Zu ihm strömen auch Alte und Junge, solche, denen das Leben Gutes gebracht hat, und solche, die auf der Schattenseite des Lebens stehen, Hohe und Niedere, Menschen mit verschiedenen politischen Anschauungen, Menschen mit einer verschiedenen Bildung, solche, die sich dünken, fromm zu sein, und solche, die der Kirche fernstehen. Es ist eine bunte, nicht fest umgrenzte Schar. Und darum weitet sich wie von selbst diese Szene über die zwei Jahrtausende und weite Räume hinweg und schließt auch uns hier in diesem Gottesdienst mit ein. Nun aber geschieht es, daß einer diesem Haufen von damals und uns heute gegenübertritt. Ein Lehrer seiner Zeit, nimmt er auf dem Berge Platz. Und während die Menge erwartungsvoll ihm gegenübersteht, spricht er zu ihr das Wort unseres Textes, das Wort von der Existenz und Bestimmung des Menschen: Ihr seid etwas – für die Welt – zum Lobe Gottes.
Ihr seid das Salz des Landes. Ihr seid das Licht der Welt. Ihr seid etwas. Mit diesem Zuspruch, liebe Brüder und Schwestern, geschieht etwas Unerhörtes. Das, worum wir uns mühten, das, worüber wir immer wieder nachgrübelten, wird hier beantwortet. Ihr seid etwas. Und das Unerhörte ist dieses: Der, der so spricht, bringt keine Legitimation mit, weist sich in gar keiner Weise aus. Woher nimmt er denn das Recht, uns so anzusprechen, den Scharen von damals wie uns heute diese Bestimmung des Daseins zu geben? Er sagt uns einfach zu: Ihr seid etwas. Denen, die danach trachten, ihr schon genügend ausgebildetes Selbstgefühl zu erhöhen, ebenso wie denen, die nicht wissen, wozu sie da sind, den einen wie den anderen: Ihr seid etwas. Eine ganz unerhörte Sache! Denn wenn dieser eine recht hat, dann dürfen wir uns ja an dem, was er uns zuspricht, genügen lassen; dann wissen wir, daß unser Leben nicht umsonst ist, daß wir etwas sind. Ob er aber recht hat, das läßt sich nicht theoretisch ergründen. Wir können ihm nur recht geben, indem wir sein Wort gelten lassen. Und ob wir ihm wirklich recht geben, entscheidet sich daran, daß wir sein Wort nicht nur für uns, sondern ebenso ohne Vorbehalt und ohne Einschränkung gelten lassen für die anderen.
Liebe Brüder und Schwestern, ob nicht auch unsere Gemeinschaft über die unnatürliche Grenze hinweg, die durch unser Vaterland geht, noch viel fester gefügt und hilfreicher gestaltet werden würde, wenn wir, statt die anderen immer irgendwie zum Objekt zu machen, auch bei aller so dankenswerten Hilfe, es einander von Ost nach West und von West nach Ost um Jesu willen zusprächen: „Ihr seid etwas?“
Aber wenn es schon unerhört ist, daß er uns anspricht, wie er es tut, dann ist es erst recht unerhört, wenn wir uns von ihm sagen lassen, wer und was wir eigentlich sind: Ihr seid das Salz des Landes. Ihr seid das Licht der Welt. Hier wird unser Dasein bestimmt, hier erhält unsere Existenz ihren Sinn, aber auf eine ganz andere Weise, als wir es erwartet haben. Denn hier wird ja nicht nur unsere Problematik beendet, indem sie beantwortet wird, hier wird jegliche Beschäftigung mit uns selbst, hier wird das Fragen nach der Sinnerfüllung unseres Daseins bei uns selbst abgeschnitten. Wir sind etwas, aber nicht vor uns selbst und für uns selbst, wir sind etwas für die Welt und für die Menschen. Das ist doch das Einzigartige dieser christlichen Botschaft, die uns auch heute zugesprochen wird als frohe Botschaft und die sich von jeglicher Religion unterscheidet: daß nicht der Mensch als einzelner in ihrem Blickfeld steht, daß es nicht mehr um mein Ich geht, um meine Existenz und um den Sinn meines Daseins. Daß es vielmehr nur soweit um mich selber geht, als es geht um meine Bestimmung für den anderen. Wenn es heute wieder verstanden wird, daß Menschen und Völker nur in der Koexistenz zu existieren vermögen, so müssen wir sehen, Christen existieren in der Proexistenz für den anderen, für die Welt.
Wenn wir das hören, müssen wir wohl tief erschrecken, wie verkehrt die Vorstellungen vom Christsein immer wieder sind. Haben nicht auch wir oft genug geglaubt, daß das Evangelium zuerst und vor allem für uns selber da ist und dann und vielleicht zugleich auch noch unseren Blick auf den Nächsten richtet? Das aber ist ein bürgerliches Christentum, das von dem Evangelium Jesu weit entfernt ist und diesen Namen nicht mehr verdient. Wenn unser Herr nur dieses hätte sagen wollen, was Philosophen und Religionsstifter vor ihm und nach ihm ebenso gesagt haben, dann wäre sein Gang durch die Welt und ans Kreuz nicht nötig gewesen. Denn er verkündet und lebt es selbst in einzigartiger Weise: Sofern ihr etwas seid, sofern euer Leben einen Sinn hat, seid ihr etwas und hat es einen Sinn für die anderen. Auch Paulus als Apostel seines Herrn sagt den galatischen Gemeinden nicht: Tragt eure eigene Last und dann tragt auch noch die der anderen, sondern er mahnt in der Nachfolge seines Herrn: Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.
Dieser Zuspruch der Proexistenz, meine Brüder und Schwestern, ist nun ein fröhliches und fröhlich machendes Evangelium, für die Alten wie für die Jungen, für Menschen mit hohem Selbstgefühl ebenso wie für die, die sich überflüssig vorkommen oder ihr Dasein für sinnlos halten, eine fröhliche und fröhlich machende Botschaft, die uns befreien will von uns selbst. Wir dürfen existieren für die Erde, für die Welt, für die Menschen, für die Brüder.
Nun ist aber schon längst in uns die Frage aufgestiegen: Was ist denn nun eigentlich an uns, daß ein so unerhört großes Wort uns zugesprochen werden kann, Salz des Landes und Licht der Welt zu sein? Führt dieser Zuspruch nicht zu einer Überheblichkeit, die sich in kirchlichen Kreisen tatsächlich immer wieder einmal bemerkbar macht? Wir haben, was die Welt nicht hat, was sie aber von uns braucht, und dann wird auf sehr verschiedene Güter und Werte, die die Kirche anzubieten hat, verwiesen. Aber seht, liebe Brüder und Schwestern, das ist das Befremdliche und zugleich Befreiende, dem wir noch einmal standhalten müssen: Jesus sagt nicht, daß wir etwas anzubieten haben, daß wir etwas besitzen, das wir weitergeben können, sondern daß wir etwas sind in einer neuen Existenz. Und wir haben keine Möglichkeit, ihrer uns anders zu versichern, als daß wir das Wort aus seinem Munde uns gefallen lassen, daß wir es ihm einfach zugeben, daß er recht hat, auf Treu und Glauben zugeben, ohne daß wir einen anderen Anhaltspunkt haben als dieses Wort aus seinem Munde damals auf dem Berge in Galiläa und an uns heute: Ihr seid das Salz des Landes. Ihr seid das Licht der Welt.
Diese gute, froh machende und befreiende Botschaft, liebe Brüder und Schwestern, hätten wir doch noch nicht gehört, wenn wir mit ihr nur die Feststellung träfen, daß wir uns um den Sinn unseres Daseins nicht mehr zu kümmern brauchen und in unserem Leben alles beim alten bliebe. Der Zuspruch der Proexistenz ist ja nur dort wirklich und wirksam, wo wir für den anderen da sind. Das Salz hat nur dort sein Wesen, wo es salzt, und das Licht stellt man deshalb nicht unter den Scheffel, weil es erst im Leuchten, durch das es sich selbst verzehrt, zu seiner eigentlichen Bestimmung kommt. Weil der Zuspruch uns ganz in Anspruch nimmt, darum fügt der Meister auf dem Berge in Galiläa die Mahnung hinzu: Also lasset euer Licht leuchten vor den Leuten, daß sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen. Ja, die Welt will und soll etwas von uns sehen, so gewiß wir existieren dürfen in der Proexistenz für sic. „Unsere guten Werke.“ Klingt das nicht höchst unprotestantisch, ja geradezu pharisäisch? Und ist hier nicht gerade das gemeint, was vorher ausgeschlossen schien, daß wir etwas vor der Welt voraushaben, daß wir etwas ihr anzubieten haben, also doch irgendwie unsere Tüchtigkeit und unsere Leistung, unsere auf den anderen eingestellte Haltung, unsere Nächstenliebe, unseren Glauben und unsere Frömmigkeit?
Liebe Brüder und Schwestern, daß wir nur ja nicht den Satz: „Daß sie eure guten Werke sehen“ für sich nehmen ohne den unlöslich mit ihm verbundenen Schluß: „Und euren Vater im Himmel preisen.“ Denn hier stehen wir vor dem eigentlichen Geheimnis unseres Textwortes.
„Eure guten Werke“, die auch diejenigen überzeugen, die nicht nur zu den Randsiedlern in der Kirche gehören, sondern auch diejenigen, die ganz draußen und ganz ferne sind, das sind doch nicht „eure“ guten Werke, sondern, wie schon das Alte Testament weiß, die Werke dessen, den die Menschen darüber preisen und der „euer Vater im Himmel“ heißt.
„Euer Vater im Himmel“, das ist das, was euch vor aller Welt auszeichnet; das ist das Kennzeichen eurer neuen Existenz, daß sie von ihm her und auf ihn hin bestimmt ist. Das ist es, worauf euer ganzes Leben ein Hinweis sein darf, ohne daß an euch selbst etwas ist, was ihr den Menschen und der Welt anzubieten habt. Das ist es, was durch euch hindurchscheinen will, damit es als euer Licht vor den Menschen leuchte: euer himmlischer Vater! Darum ist alles Heil darin beschlossen, daß ihr beten dürft: „Unser Vater in den Himmeln“ und ihn anrufen wie die lieben Kinder ihren lieben Vater. Darum aber kommt es auch nicht darauf an, daß unsere kleinen oder großen Wünsche erfüllt werden, sondern daß Sein Name geheiligt werde, Sein Reich komme und Sein Wille geschehe auf Erden wie im Himmel. Darum und darum allein aber kann Jesus es auch uns Menschen zumuten, vollkommen zu sein, „gleichwie euer Vater im Himmel vollkommen ist“. Vollkommen in seiner grenzenlosen Güte und Barmherzigkeit. Denn er läßt seine Sonne aufgehen über die Bösen und über die Guten und läßt regnen über Gerechte und Ungerechte.
Liebe Brüder und Schwestern, so ist der Vater im Himmel, daß er seine Sonne aufgehen läßt über die Bösen und über die Guten – also zuerst über die Bösen – und regnen läßt über Gerechte und Ungerechte. Und wie anders könnte er euer Vater sein, als daß ihr dieses sein Handeln euch gefallen laßt, daß ihr ihn so Vater sein laßt, wie er es ist. Wo das aber geschieht, da wird nicht nur unser Urteil über die Welt und die Menschen ein anderes, da werden wir selbst verwandelt, da empfangen wir ein neues Leben, die Proexistenz für den anderen. Da erscheinen die Forderungen der Bergpredigt nicht mehr als unerfüllbare Gebote, sondern als Lebensäußerungen der Kinder eures Vaters im Himmel.
Ist das „unser Vater in den Himmeln“ nicht nur ein leeres Lippenbekenntnis, sondern die Anerkennung, daß er seine Sonne aufgehen läßt über die Bösen und über die Guten, dann ist es vorbei mit allen Vorrechten, vorbei mit aller Überheblichkeit gegenüber den Gottlosen, vorbei mit allem Heilsegoismus, zu Ende ist dann aber auch die Sorge und Angst um die Sicherung der eigenen Existenz. Ganz neu aber ist dann zugleich die grenzenlose Solidarität mit den anderen, den Mitmenschen, den Bösen wie den Guten. Dann aber heißt „euer Licht leuchten lassen vor den Leuten“ nichts anderes als existieren dürfen im Kindsein, auf alle eigenen Ansprüche verzichten und sich ganz und gar genügen lassen an dem „euer Vater im Himmel“, heißt leben dürfen unbekümmert um sich selbst und frei für den anderen, heißt existieren dürfen in der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes.
Liebe Brüder und Schwestern, merken wir nun, wie unlöslich der Anspruch mit dem Zuspruch zusammengehört, daß jener nicht ein Zweites ist neben diesem Ersten, daß unsere Inanspruchnahme keine andere ist als die für das befreiende und fröhlich machende Evangelium! Ihr seid das Salz des Landes, ihr seid das Licht der Welt, weil der euer Vater ist, der seine Sonne aufgehen läßt über die Bösen und über die Guten und regnen über Gerechte und Ungerechte. So lasset denn euer Licht leuchten vor den Leuten, daß sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen. Was aber haben Menschen, die doch Christen sein wollen, ja was haben Kirchen aus diesem befreienden Evangelium gemacht? Wie viele Mauern haben sie errichtet und errichten sic, um sich selbst zu erhalten! Wie viele Grenzen werden gezogen, die die Menschheit zerteilen, ihre Solidarität zerstören und Gott verunehren. Da stehen politische Machtblöcke gegeneinander, da steht das „christliche Abendland“ gegen den „gottlosen Osten“, da spricht man auch in der Gemeinde von den „Kirchlichen“ im Gegensatz zu den „Unkirchlichen“, da scheiden wir zwischen Kirche und Welt, zwischen heilig und profan, zwischen Guten und Bösen und vergessen darüber, daß der unser Vater ist, der seine Sonne aufgehen läßt über die Bösen und über die Guten und will, daß wir gerade dieses sein Vatertum in unserem Kindsein leuchten lassen vor den Leuten, daß sie Ihn, der so ganz anders ist als die Götter der Religionen, als Vater preisen.
Liebe Brüder und Schwestern, was könnte geschehen, wenn wir heute in dieser Stunde unter den vielen, die auf jenem Berge in Galiläa versammelt sind, von dem Herrn in unserer Mitte ganz neu die frohe Botschaft uns sagen ließen: Ihr seid das Salz der Erde. Ihr seid das Licht der Welt. Ihr seid etwas – für die Welt – zum Lobe Gottes. Wo aber dieser Zuspruch uns zu groß erschiene, als daß wir ihn annehmen könnten, und der Anspruch zu schwer, um ihn zu erfüllen, da dürfen wir immer neu uns daran erinnern: „Wir haben nicht zu fragen, wieviel wir uns Zutrauen, sondern wir werden gefragt, ob wir Gottes Wort zutrauen, daß es Gottes Wort ist und tut, was es sagt.“ [Martin Niemöller in seiner Predigt zu Jesaja 62,6-12 vom 4. August 1935]
Amen.
Gehalten im Akademischen Gottesdienst in der Schloßkirche (Universitätskirche) zu Bonn am 4. Sonntag nach Trinitatis 1957; veröffentlicht in: Bonner Universitätspredigten, hrsg. von J. Konrad, Neukirchen 1959, S. 52-57.
Quelle: Werner Schmauch, … zu achten aufs Wort. Ausgewählte Arbeiten, hrsg. v. Werner-Christoph Schmauch, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1967, S. 127-131.