Theophil Wurm über die Theodizee (1941): „Alle diese Erfahrungen, die das Übel als mit der Heiligkeit und Güte Gottes nicht unverein­bar, ja sogar das Böse als in seinen Heilsplan ein­gestellt betrachten lassen, sind nur dem Glau­ben möglich, d. h. der Fähigkeit, auch gegen den Augenschein an den in Christus offenbaren Gott zu glauben. Je stärker dieser Glaube an Gott noch mit eudämonistischen und egozentrischen Gedanken und Trieben durchsetzt ist, desto schwerer wird es auch dem Christen, zu der soteriologischen und eschatologischen Theodicee durchzudringen.“

Theodicee

Von Theophil Wurm

Theodicee bedeutet Rechtfertigung Gottes gegenüber den Anklagen, die gegen die von ihm ge­schaffene Welt und seine Weltregierung erhoben werden, und zwar vom Standpunkt einer teleolo­gischen, d. h. die Zweckmäßigkeit der Weltordnung in den Vordergrund stellenden Weltanschauung aus.

1. Da der Zweckgedanke ein die Philosophie immer wieder beschäftigendes Problem ist, ist die Theodicee eines der Gebiete, auf denen sich Theo­logie und Philosophie häufig begegnen. Der Ausdruck stammt ja auch von einem theologisch und kirchlich sehr interessierten Philosophen, G. W. Leibniz (s. d.), der in seiner Schrift Essais de Théodicée sur la bonté de Dieu, la liberté de l’homme et l’origine du mal (1710) dem Skeptizismus des Franzosen P. Bayle entgegentrat, wie er besonders in dessen Dictionnaire historique et critique hervortrat, einen rational begründeten Optimismus entgegensetzte. Leibniz sucht den Nach­weis zu erbringen, daß das Übel und das Böse, dessen Entstehung und Dasein als unvereinbar ent­weder mit der Allmacht Gottes oder mit seiner Hei­ligkeit, Gerechtigkeit und Liebe empfunden wird, von Gott nur da zugelassen sei, wo dadurch eine größere Vollkommenheit des Ganzen ermöglicht werde. Die Welt wäre ohne die in ihr vorhandenen Übel zwar besser, aber nicht möglich; somit sei diese Welt die beste unter den möglichen Welten. Diese Auffassung hat das Denken im 18. Jahrh, lange beherrscht, wurde aber durch das Erdbeben von Lissabon schwer erschüttert (vgl. W. Lütgert, Die Er­schütterung des Optimismus durch das Erdbeben von Lissabon 1755 in den „Beiträgen zur Förde­rung christlicher Theologie“, 5. Jahrgang 1901; O. Lempp, Das Problem der Theodicee in der Philo­sophie und Literatur des 18. Jahrh.s, 1910). I. Kant, der in der Schlußbetrachtung zu seiner „Geschichte und Naturbeschreibung des Erdbebens am Ende des Jahres 1755“ noch durchaus in den Bahnen der Leibniz’schen Beweisführung ging, sagte sich entsprechend seinen in der „Kritik der reinen Vernunft“ niedergelegten Erkenntnissen von jedem Versuch einer philosophischen Theodicee förmlich los (Über das Mißlingen aller philosophischen Ver­suche in der Theodicee, 1791).

Trotzdem hat man in der Philosophie immer wieder Wege gesucht, um des ungeheuren Problems, das in der gleichzeitigen Tatsache eines offensichtlich zweckvoll aufgebauten Kosmos und einer ebenso unbestreitbaren viel­fachen Sinnlosigkeit des Weltverlaufs liegt, Herr zu werden. Besonders von dem ausgesprochensten Antikantianer der Neuzeit und seiner Schule, Franz Brentano (1838—1917) wird mit Hilfe einer das ganze Dasein erfassenden Werttheorie der Versuch gemacht, unter Modifikation des Leib­niz’schen Entwurfs eine Theodicee herzustellen (vgl. be­sonders: Gg. Katkov, Untersuchungen zur Wert­theorie und Theodicee, 1938). Auch hier geht es um den Nachweis, daß Gott die beste der denkbar mög­lichen Welten geschossen habe; aber Gott wird nicht wie bei Leibniz dadurch entlastet, daß der Ur­sprung des Bösen im freien Willen gesucht wird (Brentano formuliert: Indeterminismus ist Atheis­mus); auch nicht dadurch, daß die Güter und die Übel summiert und das Vorwiegen der ersteren konstatiert wird. Vielmehr wird zu zeigen ver­sucht, daß nichts, was zur Besserung des Weltver­laufs beitragen kann, fehlt, daß vielmehr alle Vor­aussetzungen für den Fortschritt der Welt gegeben seien. „Die Mannigfaltigkeit der Wege zum Fort­schritt, der bei verschiedenen Arten der Unvollkom­menheiten und Daseinsunwürdigkeiten einsetzen kann, die Kumulierung der Güter in den verschie­densten Kombinationen ergibt eine Möglichkeit eines unübersehbaren Reichtums von Wesen, die in einer besten Welt nicht fehlen dürfen.“ — So anerkennenswert die Motive solcher Theodiceeversuche sind (ihr Hintergrund ist die Absicht, die Menschheit vor den verhängnisvollen Folgen des vollendeten Atheismus zu bewahren), so hinterlassen sie doch alle einen unbefriedigenden Eindruck, weil das an­gestrebte Ziel, der Freispruch Gottes vor dem Fo­rum der menschlichen Vernunft, nicht bloß uner­reichbar ist, sondern dem Wesen Gottes und der Stellung des Menschen zu ihm im tiefsten Grunde widerspricht.

2. An diesem Punkt setzt die Theodicee der Bibel ein, vor allem des biblischen Bu­ches, das sich ausdrücklich mit diesem Problem be­schäftigt, des Buches Hiob. Hier wird der Ankläger Gottes durch den Hinweis auf die Größe, Wunder­barkeit und Unerklärlichkeit der Natur zum Schwei­gen gebracht. Ausgangspunkt für die christliche und theologische Theodicee ist aber nicht diese im Rahmen der alttest. Gottes- und Naturerkenntnis mögliche Betrachtung. Schon im A.T. (Ps. 73,26: „Wenn ich nur dich habe“, und dann besonders in den apostolischen Briefen: „Achtet es für eitel Freude, wenn ihr in Anfechtung fallet“, Jak. 1,2) wird ein ähnlicher Weg gegangen, wie ihn die Brentano’sche Philosophie sucht; der Wert des­sen, was der Christ durch Gott empfängt, und der zeitlichen Güter wird gegeneinandergehalten (Rö. 8,18: die Leiden dieser Zeit sind nicht wert der Herrlichkeit, die an uns geoffenbart werden soll). Ausgangspunkt für die christliche Theodicee ist wie für den Skeptizismus die Erfahrung, aber nicht die Erfahrung der Übel und des Bösen, sondern die Erfahrung, daß Gott dem, der an ihn glaubt, die Mittel gegeben hat, von der Schuld der Sünde frei zu werden und die Seligkeit der Gottesgemeinschaft auch unter dem Druck des Übels, ja sogar mit des­sen Hilfe zu erringen und festzuhalten. Diese Mit­tel sind von Gott her gesehen Christus und das ihn verkündigende Wort, vom Menschen her gesehen der das Wort sich aneignende Glaube. „Der Christ weiß von keinem Ratschluß Gottes, dessen vermit­telnder Gegenstand nicht der Versöhner wäre. Mit­hin weiß er auch von keinem Weltgedanken Got­tes, in dem von der Sünde abgesehen, d. i. der nicht Heilsrat wäre“ (Kähler, Wissenschaft der christlichen Lehre, S. 241). Das Wort der Offenbarung läßt uns nicht über eine ideale Welt phantasieren, son­dern lehrt uns Gott in dieser ganz realen, durch das Böse und das Übel entstellten Welt suchen und fin­den. Vor allem aber verbietet es uns, Gott als ein Wesen zu betrachten, an das wir Fragen zn stellen haben; vielmehr sind wir Menschen die nach ihrem Tun und Lassen Gefragten, die der Rechtfertigung bedürfen, sie aber nicht zu leisten vermögen. Der Hinweis der Schrift auf den Satan, der in der Theodicee nicht zu entbehren ist, dient der Widerlegung der Meinung, Gott als Schöpfer sei auch der Ur­heber des Bösen, rechtfertigt aber nicht den Men­schen von der Anklage, daß er der Versuchung zum Bösen erlegen sei. Indem aber der Mensch diese Rechtfertigung durch Gottes Gnade um Christi wil­len empfängt und so mit Gott versöhnt wird, wird er auch mit der Welt und dem Weltverlauf, also auch mit seinem Schicksal versöhnt (Röm. 5,1—5); denn die Aufhebung der Schuld ist etwas viel Grö­ßeres und Wunderbareres als die Wegnahme eines zeitlichen Übels (Mt. 9,5f.). Es gehört zu den sicher­sten Erfahrungstatsachen in der christlichen Ge­meinde, daß ein Leben in Schuld ein viel schlim­meres Übel ist als ein Leben in Krankheit oder Ar­mut und ein Leben in Gott ein viel höheres Gut als ein Leben in Gesundheit und Reichtum. Endlich wird alle Theodicee überflüssig, wenn als der wahre Welt­zweck begriffen wird die Schaffung eines Reiches seliger Geister, die an Gottes Herrlichkeit teilha­ben, weil sie durch Christus die Kundschaft Gottes und damit auch die Erbschaft des ewigen Lebens empfangen haben (Gal.4,7; (auch E. Brunner: „Die Bibel hat an der Stelle, wo die Philosophie die Theodicee hat, die Eschatologie“ [Gott und Mensch, S. 19]). Die Realisierung dieser Gotteskindschaft und des mit ihr verbundenen Anspruchs wird we­der durch das Böse noch durch das Übel verhindert; im Gegenteil, beides ist erfahrungsgemäß das stärkste Mittel, durch das der Mensch gezwungen wird, seine Ziele höher zu stecken und seines Lebens eigentlichen Sinn zu entdecken, durch das auch der bewußte Christ noch empfänglicher wird für die Einwirkung Gottes und seines Geistes und Wor­tes.

Alle diese Erfahrungen, die das Übel als mit der Heiligkeit und Güte Gottes nicht unverein­bar, ja sogar das Böse als in seinen Heilsplan ein­gestellt betrachten lassen, sind nur dem Glau­ben möglich, d. h. der Fähigkeit, auch gegen den Augenschein an den in Christus offenbaren Gott zu glauben. Je stärker dieser Glaube an Gott noch mit eudämonistischen und egozentrischen Gedanken und Trieben durchsetzt ist, desto schwerer wird es auch dem Christen, zu der soteriologischen und eschatologischen Theodicee durchzudringen. Die verschiedene Art, wie innerhalb der H. Schrift das Theodiceeproblem angefaßt und gelöst wird, hängt mit der Verschie­denartigkeit der Stufen der Gotteserkenntnis in­nerhalb des A.T.s und im Verhältnis des A.T.s zum N.T. zusammen. Das Buch Hiob und der Pre­diger Salomo haben zum Hintergrund die eudämonistische Volksfrömmigkeit. Der Prediger erliegt dem Pessimismus; im Buch Hiob wird ein Weg zur Überwindung des Pessimismus gezeigt. In den Psalmen haben wir ein unaufhörliches Ringen einer geläuterten Gotteserkenntnis mit einer eudä­monistischen Frömmigkeit vor uns. In den Pro­pheten ist der Gottesgedanke so gewaltig, daß auch der Weltlauf mit seinen Übeln theozentrisch be­trachtet wird (Amos 3,6). Im N.T. wird die Frage nach dem Verhältnis von Sünde und Übel, die mit den Theodiceeproblemen aufs engste zusammenhängt, von Jesus selbst in klarer Weise beantwortet (Luk. 13,1—5; Joh. 9,3); vor allem aber stellt sein Lei­den und Sterben auch die Übel, die seine Gemeinde zu erdulden hat, so sehr in das Licht göttlicher Not­wendigkeit, Liebe und Weisheit, daß in der aposto­lischen Verkündigung die Frage der Theodicee nur noch eine untergeordnete Stellung einnimmt. Die sog. paulinische Theodicee Röm. 9—11, die von der Offen­barung Gottes im Sturz Israels handelt, kann diese Bezeichnung nur im übertragenen Sinn füh­ren. Auch für Paulus rechtfertigt sich Gott vor den Menschen durch das, was er den Glaubenden ge­geben hat, gibt und geben wird; er bedarf keines menschlichen Anwalts.

Calwer Kirchenlexikon, Bd. 2, Stuttgart: Calwer, 1941, S. 1151-1153.

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