2000 Gäste beim Mittelschwäbischen Kirchentag [Sonntag, 18. Juli 1954]
Landesbischof D. Meiser im festlich geschmückten Burtenbach — „Wir wollen Brücken bauen“
Burtenbach. Der Mittelschwäbische Kirchentag vereinte hier über 2000 Gäste, die aus nah und fern mit Fahrrädern, Autos und Omnibussen in den alten evangelischen Marktflecken gekommen waren. Die Bewohner Burtenbachs hatten alle erdenkliche Mühe aufgewandt, den Ort für den Besuch der vielen Glaubensgenossen und vor allem des Herrn Landesbischofs D. Meiser zu schmücken. Zahlreiche Kirchenfahnen und Flaggen in den bayerischen und den Bundesfarben säumten die Straßen. Die Häuser waren mit Tannen- und Eichengrün sowie Girlanden geziert. Transparente an den Ortseingängen und am Kirchberg entboten den Gästen ein herzliches Willkommen.
Bereits am Vorabend hatten die Jugendgruppen des Dekanats ihre Zelte im Schertlinhauspark aufgeschlagen. Nach Einbruch der Dunkelheit versammelten sie sich zusammen mit ihren Jugendleitern unter zahlreicher Beteiligung der Bevölkerung am Lagerfeuer unweit des Zeltplatzes. Frohe Stimmung herrschte bei Gesang und beim Erzählen von Erlebnissen. Jugendpfarrer v. Rennenkampff, Ichenhausen, sprach in ergreifenden Worten aus seinem Leben, über Begegnungen mit Gott und über die Gefahren, die gerade in der heutigen Zeit überall lauern. Nach dem Abendsegen zog die junge Schar wieder in ihre Zelte.
Der Posaunenchor leitete mit einem Choralblasen vom Kirchberg den eigentlichen Festtag ein. An der Bismarcklinde empfing Pfarrer Brüderlein[1] mit den Kirchenvorständen und dem Patronatsherrn den hohen Gast, Herrn Landesbischof D. Meiser, der mit Dekan Schübel[2] eintraf. Nach der Begrüßung geleitete ihn ein Spalier der Jugendgruppen, der Volksschüler und der Bevölkerung zum Gotteshaus. Am Fuße des Kirchbergs wurde der hohe Gast von Herrn Bürgermeister Schuler begrüßt. Der Kirchenchor unter Leitung von Herrn Kantor Heinz sang zum Empfang zwei Choräle. Die Schülerin Renate Vogt überreichte einen Blumenstrauß und trug ein Gedicht vor.
Pausenlos trafen anschließend die zahlreichen Autobusse mit den Glaubensgenossen ein. Die festlich geschmückte Kirche konnte die vielen Gäste nicht fassen. Es war jedoch vorgesorgt, daß die Besucher in dem im Schertlinhauspark stehenden Großzelt Platz fanden, in dem eine Lautsprecheranlage die dort versammelte Gemeinde den Gottesdienst miterleben ließ. In Begleitung von Herrn Dekan Schübel, dem Ortspfarrer und den über 20 Geistlichen der Pfarrgemeinden Mittelschwabens betrat der Oberhirte die Kirche. Die Eingangsliturgie hielt Pfarrer Brüderlein. Der Landesbischof stellte die Festpredigt unter das Bibelwort Matth. 7, 24—29. In der Geschichte unseres Volkes habe es sich erwiesen, daß es nur einen beständigen Lebensgrund gibt, nämlich das Bleiben in der Rede Jesu. Angesichts der widergöttlichen Mächte in der Welt gelte es, daß wir uns in unseren Taten als festgegründete Christen erweisen. Herr Kirchenrat Schübel machte die Besucher mit der Bedeutung und mit dem Sinn des anläßlich des Kirchentages eingeweihten Taufnischenfreskos bekannt. Er lobte in diesem Zusammenhang auch die Opferfreudigkeit der Pfarrgemeinde, die durch ihre zahlreichen Spenden einen großen Teil beigetragen habe, daß nicht nur das Gotteshaus renoviert werden konnte, sondern darüber hinaus auch noch zahlreiche andere kirchliche Bedürfnisse erfüllt wurden.
In einem Vortrag nach dem Gottesdienst machte Herr Pfarrer Brüderlein die Gäste mit der Geschichte des Ortes vertraut. In großen Zügen schilderte er den Werdegang des Ortes. Er erläuterte, wie vor über 400 Jahren der damalige Besitzer Burtenbachs, Ritter Sebastian Schertlin, den evangelisch-lutherischen Glauben einführte und wie die Gemeinde heute als eine evangelische lebe.
Zum Mittagessen hatten viele Besucher freundliche Aufnahme bei den Einwohnern Burtenbachs gefunden. Die Kirchenvorsteher des Kirchenbezirks weilten im Gasthaus „Zum Lamm“, wo der Landesbischof ihnen für ihren Arbeitseifer in den Gemeinden dankte und sie dabei zugleich zu weiterer tätiger Mithilfe ermunterte. Als Beispiel stellte der Bischof die Kirchenvorsteher in der Ostzone hin, die unter weit größeren Lasten und Gefahren der Kirche treu dienen.
Die Hauptveranstaltung am Nachmittag fand im geschmückten Festzelt statt. Herr Regierungspräsident Martini, der schon morgens am Gottesdienst teilgenommen hatte, und Landrat Merckel wurden in den Reihen der Ehrengäste herzlich willkommen geheißen. Darin zeige sich, wie der Bischof sagte, daß bei uns glücklicherweise Kirche und Staat zu einem fruchtbaren Miteinander gefunden haben — zum Wohle unseres Volkes. Die Jugendgruppen grüßten den Bischof mit zwei Liedern. Eine jugendliche Sprecherin aus Dillingen faßte das, was die Jungen und Mädchen bewegt, in trefflicher Weise zusammen. Der Herr Landesbischof antwortete ihr und damit allen Jugendlichen sichtlich erfreut von ihren Worten. Er ermahnte die Jugend, treu zum evangelischen Glauben zu stehen und durch ihre Lebensführung anderen ein Vorbild zu sein. Herr Kirchenrat Nagengast aus Stuttgart hielt einen eindrucksvollen Vortrag über das Thema „Wir wollen Brücken bauen“. Die lutherischen Evangelischen, die die Hälfte aller Evangelischen auf der Welt darstellen, haben große Aufgaben zu erfüllen, betonte er, nämlich die durch die beiden Weltkriege zerrissenen oder auch stark heimgesuchten Gemeinden caritativ zu stärken. Dabei falle es unserer deutschen evangelisch-lutherischen Kirche zu, nachdem uns unsere Brüder in Amerika nach 1945 enorme Hilfe geleistet haben, nun selbst da zu helfen, wo Not herrscht. Wo die politischen Mächte Brücken sprengen, da haben wir als Kirche Brücken zu bauen.
Die vereinigten Kirchen- und Posaunenchöre umrahmten den Gemeindenachmittag durch ihre Darbietungen. Herr Pfarrer Brüderlein dankte in seinem Schlußwort dem Herrn Landesbischof, allen Gästen und Gemeindegliedern für ihr Erscheinen. Ein besonderes Lob sprach er den vielen freiwilligen Helfern von Burtenbach aus. Trotz der Beeinträchtigung durch den zeitweiligen Regen ist der mittelschwäbische Kirchentag von allen Beteiligten als ein gelungenes Fest und Erlebnis empfunden worden.
Günzburger Zeitung vom 20. Juli 1954.
[1] Alfred Brüderlein, geb. 1896 Lübeck, gest. 1979 Burtenbach, 1925 Pfr. Deutenheim, 1929 Ahornberg, Schriftführer des Nationalsozialistischen Evangelischen Pfarrerbundes (NSEP), 1936 Studienrat städtisches Mädchenlyzeum in Bayreuth, 1940 Studienprofessor, 1947 Amtsaushilfe Fischbach bei Nürnberg, 1948-1963 Pfarrer Burtenbach.
[2] Albrecht Schübel, geb. 11.11.1894 Winterhausen, gest. 25. 3. 1974 München, Teilnahme am Ersten Weltkrieg, 1921 Ordination, 1920 Hilfsgeistlicher und Verweser Marktredwitz, 1923-1925 Pfr. München, 1933 Eintritt in die NSDAP, 1934 Pfr. beim WKdo VII, 1935 Heeresoberpfr., 1938 Wehrmachtdekan, 1939-1941 beim AOK 7, 1941-1943 Heeresgruppe C, 1943/44 im Stab des OK der Heeresgruppe Nord, 1944 bei der Kriegspfarrerreserve im OKH, 1945 Verweser Mindelheim, 1947 Dekan und Pfr. Neu-Ulm und Leipheim, 1952 Kirchenrat, 1955 i. R.