Von Fridolin Stier
Ijjob aus Us, hochangesehen und an Gütern reich gesegnet, verliert plötzlich, in einer raschen Folge von Katastrophen Kind und Knecht, Haus und Hof, alles. Ihn selber befällt, das vernichtende Geschick besiegelnd, der Aussatz. Unversehens ward die Existenz des Mannes bis auf den Grund zerstört.
Solch Schlimmes ist auch anderen widerfahren. Vielen, Unzähligen geschiehts, allorts, allzeit. Nur einige Fälle überdauern das große Vergessen, haften im Gedächtnis der Menschheit und finden ihre Dichter und Deuter. Krösus, Polykrates, auch Ijjob. Die Erinnerung an den Fall Ijjob ist älter als das sie bezeugende Buch. Was sie nährte, war weniger die Größe des Unheils, das Ijjob verdarb, als der Skandal, daß es gerade ihn betraf – den notorisch gerechten und frommen Mann, Gottes getreuesten Knecht. Unverständliches, Unrecht ist geschehen an Ijjob, und Gott hat es selber getan – wer anders, wenn er der Allwirkende ist? Und ist er der Allgerechte – warum? Diese Frage wird immer nur von Menschen gestellt, die in den Gewißheiten, die sie voraussetzt, leben. Sie erkennen im Fall Ijjob den ihrigen, den Fall ihrer eigenen Existenz. Von allem Anfang an steht das individuelle Geschick des Ijjob in der Mitte des überindividuellen Anliegens, an seinem Falle das Sein Gottes zum Menschen und des Menschen Sein zu Gott zu erfragen. Darum erscheint alle Berichterstattung über Ijjob von vornherein als Interpretation seines Falles aus Teilnahme, aus Selbstbetroffenheit. Die drei Freunde, wie später Elihu, ringen um die theologische Bewältigung des Falles. Die Lösungen, die sie fanden, erweisen sich als Versuche, das Problem als solches durch die Wegnahme einer seiner Komponenten aus dem Weg zu räumen. – Ijjob selber aber ringt nicht als Theologe mit dem Problem, sondern als Mensch mit Gott. Ijjob „stellt“ Gott. Ihm geht es nicht um Antwort auf eine Frage, sondern darum, daß Gott ihm auf seine Frage Red und Antwort stehe. Ijjob fordert Gott zur gerichtlichen Verantwortung. Wir berauben das Buch des Ungeheuerlichen, das es bezeugen will, nämlich den Antritt eines Menschen zum Prozeß gegen Gott, wenn wir in seiner prozessualen Anlage nicht mehr sehen als literarische Form.
Quelle: ‚Das Buch Ijjob‘ Hebräisch und Deutsch, übertragen, ausgelegt und mit Text- und Sacherläuterungen versehen von Fridolin Stier, München: Kösel 1954; S. 217.