Jan Twardowski (1915-2006) über sich selbst und seine Gedichte (2000)
Ich stelle mir manchmal drei Fragen: Warum schreibe ich? Für wen schreibe ich? Was denke ich über meine eigenen Gedichte?
Ich führe kein Tagebuch. Meine Erlebnisse, Ergriffenheit und Begegnungen mit der Welt und den Menschen halte ich in Gedichten fest.
Gedichte sind eine Art Gespräch, in dem der Autor etwas von seinen eigenen Erfahrungen mitteilen möchte. Ich schreibe so, als würde ich mit jemandem sprechen, der mir nahesteht. Für mich ist das Gedicht die Suche nach Kontakt mit einem anderen Menschen. Ich möchte jeden erreichen. Es freut mich, dass Leser außerhalb des polnischen Sprachraums die Gedichte verstehen – in ihrer eigenen Sprache.
Als Priester lebe ich in zwei Welten:
In der äußeren – der Medien, die von einer infizierten, unwahren, schrecklichen Welt menschlicher Sünden berichten,
und in der inneren – den menschlichen Bekenntnissen, den Beichten.
Ich weiß, dass selbst wenn ein Mensch sich von Gott entfernt – er leidet. Es gibt ein Kreuz des Glaubens und des Unglaubens.
Ich möchte immer besser schreiben. In der heutigen Welt begegnen wir oft dem Werk angesehener Geister, die von Verzweiflung, Relativismus, Unglauben, Materialismus und Postmodernismus durchdrungen sind. Das religiöse Gedicht kann als zu schwach erscheinen, zu sehr übertönt. Aber es gibt dennoch einen Leser – einen, der Hoffnung, Wahrheit, Authentizität sucht und sich nicht von dem leiten lässt, was gerade Mode ist.
In einer Welt des Unglaubens versuche ich vom Glauben zu sprechen, in einer Welt ohne Hoffnung – von Hoffnung, in einer Welt ohne Liebe – von Liebe.
Gedichte bewahren das, was mit Füßen getreten wird. In einer Zeit der Computer und Technik zeigen sie sich als etwas Menschliches, Herzliches, das nicht von Hass, Zorn und Streit vergiftet ist. Sie bringen Ordnung und Harmonie. Sie desinfizieren die heutige Wirklichkeit.
Es mangelt heute an religiösen Gedichten. Allein die Tatsache, dass der Vorschlag zu ihrer Veröffentlichung gemacht wurde, zeigt, dass es ein Bedürfnis danach gibt.
Ich mag es nicht, sogenannte Interpretationen zu dem zu liefern, was ich schreibe. Ich überlasse das Urteil den Lesenden. Die hier präsentierte Auswahl ist eine Wanderung durch meine erlöste Welt, in der das Leiden nicht immer ein Unglück ist – es kann eine Prüfung der Treue gegenüber dem Geheimnis sein, und der Tod ist eine Begegnung mit Gott, der die Liebe ist.
Jan Twardowski (1915-2006)