Pfingsten 1945 im sowjetischen NKWD-Internierungslager Rothenstein (Königsberg)
Von Hans Graf von Lehndorff
Was sind uns alles für Kranke und Sterbende durch die Hände gegangen! Ich denke etwa an Pfarrer Lubowski, der in der Hitlerzeit seiner Abstammung wegen immer als Unterdrückter leben mußte und als kranker Mann unter die Russen geraten war. In elendem Zustand hatten wir ihn ins Lazarett geholt und wieder so weit auf die Beine bekommen, daß er die Führung der von den Russen angeordneten Listen übernehmen konnte. Dann machte eine Rippenfellentzündung seinem Leben plötzlich ein Ende. Oder an einen alten Mann, der aus dem Keller zu uns getragen wurde. Er war mit Läusen so bedeckt, daß man ihn nur mit einem Ameisenhaufen vergleichen konnte. Seinen Pelz trug ich an einer Stange auf den Boden zum Auslüften. Mit kaum verständlicher Stimme teilte er mir mit, er sei früher Direktor der Cranzer- und Samlandbahn gewesen und habe deswegen Angst vor der Vernehmung. Ich möchte es doch um des Himmels willen nicht weitersagen. Eine Stunde später war er tot. Es ist oft so, daß sie schnell sterben, wenn sie erst bei uns gelandet sind. Die Spannung hat sie noch so lange am Leben erhalten, wenn die nachläßt, schlafen sie in Frieden ein.
In der zweiten Hälfte erst besinnt sich der Mai endlich auf den Frühling. Der Löwenzahn fängt an zu wachsen und findet als Salat bei uns großen Anklang; denn das Essen besteht nach wie vor aus Grütze, wenn diese auch langsam etwas dicker zu werden beginnt.
Am 20. Mai ist Pfingsten. Zum erstenmal strahlt die Sonne vom wolkenlosen Himmel, den ganzen Tag über. Der Kommandant hat uns erlaubt, einen Gottesdienst zu halten. Er hat sogar persönlich Interesse dafür gezeigt und den Dolmetscher gefragt, ob er selber wohl daran teilnehmen dürfe. Es gäbe zwar keinen Gott, und in Rußland würden die Leute nur Priester, um faulenzen zu können. Ob das in Deutschland auch so sei. Unser Dolmetscher hat ihm darauf geantwortet, das könne schon vorkommen; im allgemeinen sei es aber nicht so, da Gott entschieden gegen das Faulenzen sei, was ihm der ungläubige Oberst dann auch prompt und mit Wohlwollen bestätigt hat. Als er aber schließlich doch nicht zum Gottesdienst erscheint, nehmen wir an, daß es mit seinem Interesse nicht so weit her ist, wie wir angenommen haben.
Durch die beiden weitgeöffneten Fenster des Operationsraumes fluten Sonnenlicht und Warme. Die Wände sind mit frischem Grün verkleidet. Rechts und links neben dem Altartisch stehen in Steintöpfen ein paar große vollblühende Goldregenzweige. Sogar ein Kruzifix hat sich gefunden. Unser Pflegepersonal hat es fertiggebracht, frische Wäsche anzuziehn, was für ein festliches Bild! Etwa hundert Menschen drängen sich herein. Die Lieder haben wir auf Zettel schreiben und verteilen lassen. Pfarrer Reiss, der sich nur mit Mühe aufrecht hält, hat die Liturgie übernommen, während Giese die Predigt hält. Für eine Stunde ist alle Erdenlast aufgehoben. Danach, als der Raum sich leert, sehe ich zufällig den Kommandanten draußen aus der Nähe unserer Fenster wegschleichen. Ob er wohl die ganze Zeit dort gestanden hat? Was für ein armes Volk, diese Sieger!
Als ich ganz in Gedanken unseren Schlafraum betrete, pralle ich zurück. Was ist das?! Alle vier Betten sind mit Wäsche bezogen! Die drei Genossen stehen schon ganz verklärt daneben. Wir fragen nicht, aus was für Schmutzhaufen Erika und Waltraut diesen Reichtum hervorgeholt haben. Solche Augen finden auch da noch etwas, wo sonst niemand mehr hinsieht. Wir essen gerade noch unsere Mittagsgrütze, dann liegen wir still und selig in den Buntkarierten. Die Tür zum Nebenraum bleibt offen. Da steht in einem Steintopf der strahlend schöne Goldregenbusch. ‹Zungen, zerteilt, wie von Feuer.› Es ist ganz Pfingsten geworden.
Auch unsere Zungen scheinen gelöst von dem Bann, der so lange auf ihnen lag. Giese und Klein halten am Abend und auch an den folgenden Tagen Andacht in verschiedenen Krankenräumen, in denen man darum gebeten hat. Auch ich habe wieder Mut gewonnen, zu den Kranken über einen Bibeltext zu sprechen. Im Keller der Ruhrabteilung hat die Stationsschwester — keine gelernte Krankenpflegerin, aber ein Mensch von großer Kraft und Herzenswärme — einen kleinen Tisch mit zwei Kerzen zurechtgemacht und ein Kruzifix aufgestellt. Riesig fällt mein Schatten in den Raum. Ins Dunkel hinein fällt das Sprechen nicht schwer, und das Evangelium vom reichen Mann und dem armen Lazarus gibt die Worte von selbst. Denn viele von denen, die jetzt sterbend auf den Brettern liegen, waren früher wohlhabende Leute. Ich sage ihnen, daß Gott uns nicht verdammen will, sondern daß Seine Güte aus dem reichen Mann noch zu Lebzeiten den armen Lazarus macht, um ihm Gelegenheit zu geben, Seine Herrlichkeit zu erkennen und sich ihr aufzutun. Als ich später durch die Reihen gehe, finde ich zwei von den Männern schon tot.
Quelle: Hans Graf von Lehndorff, Ostpreußisches Tagebuch. Aufzeichnungen eines Arztes aus den Jahren 1945-1947, München: Biederstein, 1961, S. 134-136.