Gemeinsam die Schrift „abhorchen“. Karl Steinbauer als Gemeindepfarrer
Von Johannes Rehm
Der Pfarrer Karl Steinbauer und seine bayerische Landeskirche hatten es ein Leben lang schwer miteinander. Seit seiner Vikarszeit machte Karl Steinbauer (2.9.1906-6.2.1988) es seiner Landeskirche bis zuletzt dadurch schwer, dass er sie unablässig auf die unbedingte Bindung an das biblische Wort verwies, und zwar auch in den praktischen Entscheidungen und den politischen Fragen der Zeit. Die Landeskirche und ihre herausragenden Vertreter waren mit dieser Geltung des biblischen Wortes grundsätzlich durchaus einverstanden. Schrift und Bekenntnis sollten in der bayerischen Landeskirche sehr wohl grundlegend sein, aber in den praktischen Bezügen und in den politischen Fragen gab es da ja auch noch andere Faktoren, so genannte „gegebene Tatsachen“ eben, die beachtet sein wollten. Genau darum ging lebenslang der Streit, denn solche politischen Rücksichten wollte Steinbauer keinesfalls nehmen und eine solche Tatsachen-Gläubigkeit nicht mitmachen.
Ich selbst lernte, so wie viele andere Pfarrerinnen und Pfarrer der bayerischen Landeskirche, Karl Steinbauer als alten Mann kennen, der im Erlanger theologischen Seminar und bei den unterschiedlichsten Gelegenheiten immer wieder seine Lebensgeschichte erzählte.[1] Das Besondere an den Erzählungen Steinbauers war nicht, dass sie meist die Zeit des Dritten Reichs betrafen, sondern dass er sein Leben und Erleben im Licht des biblischen Wortes deutete.[2] Das, was er mit und in Auseinandersetzung mit dem biblischen Wort erlebte, war Gegenstand seiner mündlichen Erzählungen wie seiner schriftlichen Aufzeichnungen. Steinbauer war, obwohl er nie Inhaber eines herausgehobenen Kirchenamts gewesen war, aufgrund seiner Haltung im so genannten Kirchenkampf und der daraus folgenden Inhaftierungen in seinem kirchlichen Umfeld nahezu allgemein bekannt. Aber verstanden wurde er deshalb noch lange nicht. Die einen, die er durch seine Erzählungen in der Nachkriegszeit positiv beeindruckte, etwa die Mitglieder seiner bayerischen Pfarrbruderschaft, hoben seinen Mut und seine Klarsicht hervor, die anderen, stärker amtskirchlich-lutherisch orientierten Pfarrer, rieben sich an seiner politischen und hierarchiekritischen Haltung und empfanden vor allem seinen „wilden Ton“ als unerträglich. Die Reaktionen, die positiven wie die verhalten negativen, galten meist primär der umstrittenen Person Steinbauers und setzten sich selten inhaltlich mit seiner Sache auseinander. Für die unbedingte Bindung an die heilige Schrift im Reden und Leben seiner Kirche stand er ein mit seiner ganzen Existenz. So lange Steinbauer lebte, war er als Person in seiner Landeskirche nicht zu übersehen und vor allem nicht zu überhören, aber er selbst und seine Geschichte waren gar nicht seine eigentlichen Themen. Dass dies so ist, wird sofort deutlich, wenn man sich die Mühe macht, seine vier Erinnerungsbände „Einander das Zeugnis gönnen“ daraufhin zu lesen, welche Bedeutung die Gemeinde für das Lebenszeugnis Karl Steinbauers hatte.[3] Im Folgenden will ich versuchen, die Geschichte Steinbauers mit der Gemeinde Jesu Christi zu Penzberg in Auszügen nachzuerzählen, indem ich die Erzählung Steinbauers selbst aufgreife, da ich diese Geschichte über die Person Steinbauers und seine Zeit hinaus für bedeutsam halte. Sie ist eine einzigartige Erfahrung im Blick auf die Gültigkeit des biblischen Worts in den praktischen Bezügen und den politischen Fragen der Zeit. Ein Bedenken der Geschichte Steinbauers unter dem Blickwinkel „Gemeinde“ erscheint mir derzeit von besonderer Aktualität zu sein, da in der evangelischen Kirche mehr denn je unklar und zweifelhaft zu sein scheint, was das in seinem Wesen eigentlich ist, „Gemeinde Jesu Christi“, und was ein Pfarrer oder eine Pfarrerin der Gemeinde Jesu Christi ist und zu tun hat. Nur so sind die langwierigen und verwirrenden Leitbild-Diskussionen der letzten Jahre zu erklären. Vielleicht kann da die Erfahrung Steinbauers Hilfe und Orientierung sein. Denn Steinbauer war jemand, der sehr genaue Vorstellungen davon hatte, was Pfarrer und Gemeinde sind und wer und was Amt und Gemeinde konstituiert und verbindet.
„Wir haben uns auch nicht als ‚Bekenntnisfront‘ gefühlt, sondern wir waren gemeinsam bemüht, als Gemeinde Jesu Christi den Weg der Nachfolge unter die Füße zu nehmen und einander das schuldige Zeugnis zu gönnen, wem gegenüber es auch notwendig werden möchte in Gemeinde, Kirchenleitung, Partei und Staat.“[4] So beschreibt Karl Steinbauer in seinen Lebenserinnerungen seine Zeit als Gemeindepfarrer in der oberbayerischen Diasporagemeinde Penzberg. Ein gemeinsamer Weg war es, den Pfarrer und Gemeinde in den Jahren 1933 bis 1938 unbeirrbar und gradlinig gingen. In der Geschichte des so genannten Kirchenkampfes kommt Karl Steinbauer und der evangelischen Gemeinde im damals roten Penzberg eine ganz besondere Bedeutung zu. Und dies nicht nur deshalb, weil die theologische und politische Konsequenz, mit der beide, Pfarrer und Gemeinde, diesen Weg verfolgten, Steinbauer als einzigem Geistlichen der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, die Verbringung ins Konzentrationslager Sachsenhausen einbrachte. Die besondere Bedeutung liegt auch darin, dass die entschiedene Haltung des Pfarrers gegenüber staatlichen Übergriffen in den Raum der Kirche wie gegenüber einer zaghaften Kirchenleitung vom Kirchenvorstand und der gesamten Gemeinde Penzberg mitgetragen und somit in dieser Form erst möglich gemacht worden ist. Die Persönlichkeit Karl Steinbauers, seine Stellung im Kirchenkampf und seine Predigtweise sind bereits verschiedentlich gewürdigt worden.[5] Sein Dienst als Gemeindepfarrer, das Zusammenwirken von Pfarrer und Gemeinde in dieser schweren Zeit, ja der Beitrag der Gemeinde zum Widerstand des Pfarrers stehen im Zentrum dieser Darstellung.
Die erste Bewährungsprobe kam auf Pfarrer und Gemeinde sehr schnell nach der Machtergreifung in Form der von Hitler angeordneten Kirchenwahlen zu. Als frisch nach Penzberg versetzter exponierter Vikar war der damals 26jährige Karl Steinbauer, der trotz anfänglicher Begeisterung aufgrund des Verhaltens Hitlers zum Mord von Potempa der nationalsozialistischen Bewegung kritisch gegenüberstand, herausgefordert, sich zu diesem offensichtlichen Versuch der „Machtübernahme“ im Raum der Kirche zu verhalten. Am 15. Juli erreichte ihn die Anordnung des Landeskirchenrats, innerhalb von 9 Tagen, am 23. Juli 1933, den Kirchenvorstand zu wählen, obwohl keine Instanz außerhalb der Kirche nach geltendem Recht befugt war, solche Kirchenwahlen anzuordnen.[6] Steinbauer sah darin eine Verkehrung von „Unrecht“ in Recht und eine Aufhebung des seiner Meinung gegebenen „status confessionis“. Für ihn war klar: „In solch verwirrender Situation muss die Einzelgemeinde allein ihren Weg suchen.“[7] Der Kirchenvorstand der Gemeinde Penzberg und ihr Pfarrer behalfen sich so, dass die angeordnete „Neuwahl“ als Wiederholung der vorhergehenden Wahl mit demselben Wahlvorschlag durchgeführt wurde. Steinbauer berichtet, es hätte zwar eine dramatische Gemeindeversammlung gegeben, in der Parteimitglieder ihre Wahl gegen alte Sozialdemokraten im bisherigen Kirchenvorstand durchsetzen wollten. Aber er, Vikar Steinbauer, hätte bei dieser Versammlung immer wieder die kirchliche Wahlordnung vorgelesen, nach der die Treue zu Gottesdienst und Sakrament und eben nicht die Parteizugehörigkeit für die Wahl zum Kirchenvorsteher ausschlaggebend seien. „Die Gemeinde blieb in Ruhe bei ihrem Entschluss.“[8] Die politische Situation stellte für die Gemeinde Penzberg und ihren Pfarrer eine nicht unerhebliche theologische Herausforderung dar. „Für die auf die Gesamtkirche und auf die Gemeinden zukommenden Fragen waren zu damaliger Zeit weder Gemeinde noch Pfarrer vorbereitet und gerüstet. Dass die ganze Gemeinde selbständig und verantwortlich zu handeln hätte, war gerade im Raum der lutherischen Kirche kaum je im Bewusstsein, geschweige denn in Übung … Wir haben uns alle nur langsam auf die uns vor die Füße gelegten Entscheidungen sozusagen unerfahren hingetastet. So zwar, dass wir in unseren Kirchenvorstandssitzungen, Bibelstunden und sonstigen Gemeindezusammenkünften immer wieder die uns gestellten Probleme miteinander vom Wort Gottes her und aufs Wort Gottes hin bewegt haben.“[9] Die einzelne Kirchengemeinde ist nach Steinbauers theologischer Auffassung als um . Wort und Sakrament versammelte Gemeinschaft handelndes Subjekt und übt selbständig Kirchenleitung durch das Zusammenwirken von Pfarrer und Gemeinde aus. Dabei geht es nicht um einen Drang zur Unabhängigkeit von der Kirchenleitung, sondern um Wahrnehmung von Verantwortung im Gehorsam gegen Gottes Gebot. Kirchenleitung wird konkret ausgeübt, indem Pfarrer und Gemeinde in Gemeindeversammlungen und Kirchenvorstandssitzungen auf dem Hintergrund der aktuellen Ereignisse gemeinsam die Schrift „abhorchen“[10]. Dabei spricht Steinbauer selbst nicht von politischen Ereignissen, auf die es zu reagieren gelte. Nicht um einen abstrakten Gegensatz von „Staat“ und „Kirche“ geht es ihm, sondern er sieht in der Politik eine „Begegnung lebendiger Menschen“, wobei den einen das „Amt der Verkündigung“ und den anderen das „Amt der Obrigkeit“ aufgetragen ist.[11] Auch in den schmerzlichsten Konflikten mit dem Staat gilt es, den handelnden Personen gegenüber die Feindesliebe zu wahren, sie bleiben „Brüder auf Hoffnung“[12].
Wenn vom Widerstand des Pfarrers Steinbauer die Rede ist, so geht es dabei in den Jahren 1933-1938 wesentlich auch um den Widerstand der Gemeinde, die sein Eintreten für die Freiheit der Verkündigung voll aktiv mittrug. Er selbst schreibt: „Anfänglich meinte ich, alle Entscheidungen, soweit es irgend anging, allein auf meine Schultern nehmen zu sollen, ohne Kirchenvorsteher und Gemeinde damit zu belasten. Es geschah aus der gutmeinenden Absicht, die Gemeinde zu schonen, wohl auch aus dem unbestimmten Empfinden, die Gemeinde könne die Folgen nicht tragen. Mir wurde zunächst nicht bewusst, dass darin letztlich auch Unglaube Raum hatte, der es dem Herrn nicht zutraute, Seine Gemeinde tüchtig zu machen zum Bekennen.“[13] Das gemeinsame Bekenntnis von Pfarrer und Gemeinde macht nicht zuletzt das Besondere des Beitrags Steinbauers zum Kirchenkampf aus. Dazu trug sicher bei, dass Steinbauer die gesamte Gemeinde ständig über den Kampf der Bekennenden Kirche im Gebiet des Deutschen Reiches informierte. Als Reichskirchenleitung sahen die Penzberger die Vorläufige Kirchenleitung der Bekennenden Kirche in Dahlem an, während sie den Reichsbischof Ludwig Müller und den Reichskirchenausschuss Kerris nie anerkannten, da der Reichsbischof nicht rite vocatus in sein Amt eingesetzt worden war.[14] Für das gottesdienstliche Leben der Bekennenden Kirche, zu der die Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Penzberg sich zugehörig fühlte, war die Fürbittenliste mit den Namen inhaftierter Geistlicher und Gemeindeglieder ein wichtiges Anliegen. „Die Informierung, die Bekanntgabe der neuesten Fürbittenliste usw. geschah regelmäßig und bewusst fast ausschließlich im Kirchenraum vor der zum Gottesdienst versammelten Gemeinde, nicht selten schon in der Predigt oder bei den Abkündigungen, in der Regel unmittelbar im Anschluss an den Gottesdienst. Das hatten wir auch von der Bibel gelernt. Gemeindegliedern, die solches Tun anfänglich befremdet hat, wurde von der Bibel her dafür Verständnis geöffnet“.[15] Unter Berufung auf die alttestamentlichen Propheten und die Öffentlichkeit des Zeugnisses der neutestamentlichen Gemeinde legte Steinbauer auf die größtmögliche Öffentlichkeit des Glaubenszeugnisses wert. Diese Haltung galt gerade gegenüber der Polizei. „In den späteren Zeiten des Kirchenkampfes saßen fast regelmäßig die zur Überwachung des Gottesdienstes beauftragten Gendarmen dabei. Das war für beide Teile nur heilsam … Über den gesamtbiblischen Tatbestand des rechten Gehorsams gegen die Obrigkeit waren sie besser orientiert als mancher Pfarrer oder Theologieprofessor.“[16]
Die Gemeinde stand auch dann noch zu ihrem Pfarrer, als dieser in Konflikt mit seiner Kirchenleitung und insbesondere mit Landesbischof Hans Meiser geriet. Bei einer Pfarrvereinsversammlung am 18. Juli 1933 kam es zum Eklat, als Meiser sich für die Wahl Ludwig Müllers zum Reichsbischof ausgesprochen hatte mit den Worten: „Es kommt jetzt nicht so sehr darauf an, den kirchlich geeignetsten Mann zu wählen, sondern es kommt alles darauf an, den Vertrauensmann des Führers zu wählen.“[17] Taktische Gründe waren es also, die Meiser für die Wahl von Müller und gegen Friedrich von Bodelschwingh ins Feld führte. Steinbauer war entsetzt, hielt sich aber mit einer Wortmeldung noch zurück. Zum offenen Konflikt mit Meiser kam es erst 1934. Der Reichsbischof Ludwig Müller hatte sich als untragbar erwiesen, und die lutherischen Landesbischöfe wollten sich im Januar 1934 bei einer Audienz beim Führer von Müller lossagen. Aus der Presse erfuhr die kirchliche Öffentlichkeit dann jedoch, dass die Bischöfe sich bei dieser Gelegenheit erneut zum Reichsbischof sowie zur Treue zum Dritten Reich und dem Führer bekannt hatten.[18] Bei einer Pfarrerversammlung am 1. Februar 1934 kam es daraufhin zum Eklat. Steinbauer warf dem Landesbischof Verleugnung des Bekenntnisses, Verrat der Kirche und Verrat an den Pfarrern im Notbund vor. In einem Schreiben vom 4.2.1934 legte er seine Gründe für die Kritik am Verhalten des Landesbischofs dar: „Der Bischof hat mein Vertrauen verloren. Er hat das Bekenntnis, die Kirche, Christus verleugnet und den Männern des Staates das Christuszeugnis nicht gegönnt. Diesen Schritt darf die Kirche nicht mitmachen, sonst wird die ganze Kirche der Häresie schuldig.“[19] Die Reaktion des Landeskirchenrats ließ nicht lange auf sich warten. Mit Schreiben vom 9.2.1934 wurde dem exponierten Vikar Steinbauer seine Amtsenthebung mit der Begründung mitgeteilt, er habe im Blick auf das Verhalten des Reichskanzlers von Erpressung gesprochen und damit „sein Mandatsgebiet verlassen und die Würde des Reichskanzlers, in dem sich die Hoheit des neuen Staates verkörpert, verletzt“[20].
Karl Steinbauer informierte die ganze Gemeinde Penzberg, indem er in einer Gemeindeversammlung eingehend über die Hintergründe seiner Amtsenthebung berichtete. Bei dieser Gelegenheit wurde eine Entsendung einer Gemeindeabordnung nach München zum Landeskirchenrat beschlossen, die darauf dringen sollte, die Amtsenthebung rückgängig zu machen. Die Solidarisierung der Gemeinde mit ihrem Pfarrer hatte insofern Erfolg, als die Maßnahme der Amtsenthebung abgewandelt wurde zu einem kurzen Interim Steinbauers als Privatvikar des Pfarrers von Schwandorf.[21]
Der Konflikt um Reichsbischof Müller eskalierte: Es kam zum Bruch zwischen den lutherischen Bischöfen, einschließlich Meisers, und dem Reichsbischof. Der Staat versuchte im Herbst 1934 die Eingliederung der bayerischen Landeskirche in die Reichskirche zu erzwingen. Am 11.10.1934 wurde der Landesbischof für abgesetzt erklärt, der Landeskirchenrat beurlaubt und über Meiser der Hausarrest verhängt.[22] Als Reaktion auf staatliche Zwangsmaßnahmen gegen die Kirchen erfolgte aber ein von den nationalsozialistischen Machthabern so nicht erwarteter Aufstand der Gemeinden. Auch die Gemeinde Penzberg-Kochel-Seeshaupt protestierte schriftlich gegen die staatlichen Übergriffe. „Mit Empörung und schwerer Besorgnis haben wir von dem der Kirche Jesus Christi unwürdigen, brutalen und rechtswidrigen Eingriffe der derzeitigen Reichskirchenregierung in unsere bayerische Landeskirche gehört. Wir protestieren feierlich gegen diese neuen Gewaltakte, die auch den feierlichen Zusagen des Herrn Reichskanzlers widersprechen, und erklären, dass wir uns allein aus diesem Grunde schon nie dieser Reichskirchenregierung unterstellen können. Mehr noch aber verbietet uns unser Glaube an das freie, lautere, unverfälschte Evangelium, wie wir es von Luther und unseren reformatorischen Vätern überkommen haben, ja zu sagen zu all den Irrlehren der so genannten Deutschen Christen, die ja mit Hilfe von Polizeigewalt die Machtherrschaft in der Deutschen Evangelischen Kirche ausüben.“[23] Es kam landesweit zu Protestkundgebungen, die insofern einen gewissen Erfolg hatten, als sie zu einem weitgehenden Rückzug von Staat und Partei aus einer direkten Einmischung in die Kirchenpolitik zugunsten einer Deutschen Reichskirche führten.
Die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Ideologie wurde von Steinbauer nicht nur im Rahmen des Sonntagsgottesdienstes geführt. Es erfolgte auch eine intensive Schulungsarbeit in der Gemeinde. Steinbauer versuchte, vom biblischen Gottesglauben her die Gemeinde zuzurüsten zur Auseinandersetzung mit der Rassenideologie der Deutschen Christen und dem „Mythos des 20. Jahrhunderts“ von Rosenberg. Steinbauer berichtete, dass viele Gemeindeglieder, die aus Arglosigkeit die Nationalsozialisten gewählt hatten, tief betroffen und verunsichert waren von der kirchen- und evangeliumsfeindlichen Haltung der nationalsozialistischen Ideologie, die ihnen angesichts der religiösen Verbrämung des Nationalsozialismus nicht bewusst geworden war.[24] Ein wichtiger Bestandteil der Gemeindearbeit waren Hausbesuche Steinbauers in seiner weit verzweigten Diasporagemeinde, bei denen oft die tages- und kirchenpolitischen Themen der Zeit persönlich und angstfrei durchgesprochen wurden. Im August 1935 sollte Steinbauer aufgrund einer Beschwerde bezüglich seiner Predigt erstmalig verhaftet werden. Da kein gültiger Haftbefehl vorlag, konnte Steinbauer in einem Gespräch die Polizeibeamten von der Unmöglichkeit einer Verhaftung überzeugen. Allerdings verlor die Gemeinde darauf einen Gottesdienstraum im Diasporaaußenort Walchensee, den ein Hotelbesitzer zur Verfügung gestellt hatte. Steinbauer wurde in diesem Zusammenhang wegen seiner Predigt zum Landesbischof zitiert. Daraufhin fanden die Gottesdienste in einem Privathaus eines Gemeindeglieds statt.[25]
Der erste offene Konfliktfall Steinbauers war eine NS-Auferstehungsfeier für die „Gefallenen der Bewegung“ am 8.11.1935 in München. Da Vikar Steinbauer die angeordnete Beflaggung verweigerte, machte er sich eines „Vergehens gegen das Reichsflaggengesetz“ schuldig und wurde vom Amtsgericht Weilheim „zur Gefängnisstrafe von zwei Wochen und zu den Kosten des Verfahrens verurteilt“[26]. Der zweite offene Konflikt bestand in der Verweigerung des Geläuts der Kirchenglocken und der Beflaggung der Kirchen vor und nach der 99% „Ja-Wahl“ am 29.3.1936. Steinbauer war der Meinung: „Die Kirche, die Gemeinde Christi ist kein subalternes Staatsunternehmen.“[27] Steinbauer war aufgrund eigener Beobachtungen und verschiedener Gespräche zu der Überzeugung gekommen, dass es sich bei der Wahl um eine kontrollierte und manipulierte Wahl handelte. „Unsere Glocken rufen zum Wort der Wahrheit und zum Gebet. Ich würde mich schämen, wieder auf die Kanzel zu gehen, wenn ich wissentlich solchen Betrug mit Glockenläuten gedeckt hätte.“[28] Daraufhin erfolgte eine Anzeige und außerdem eine Vorladung vor die Kirchenleitung. Im Hinblick auf das angeordnete Glockengeläut ermahnte Landesbischof Meiser Karl Steinbauer: „Die Kirchenleitung allein trägt die Verantwortung und nicht Sie. Wir müssen darauf bestehen, dass Sie sich in Zukunft entsprechend verhalten und meinen Weisungen gehorchen.“[29] Daraufhin antwortete Steinbauer unter Berufung auf sein evangelisch-lutherisches Ordinationsverständnis mit dem bis heute in der bayerischen Landeskirche zum geflügelten Wort gewordenen Diktum: „Bischof der evangelischen Gemeinde in Penzberg bin ich und nicht Sie. Dazu bin ich installiert. Das ist zwar in mancher Hinsicht notvoll, aber ich kann und darf mir diese Verantwortung von niemandem abnehmen lassen.“[30] In seinem Amtsverständnis oder, wie Steinbauer lieber sagte, „Diakonie-Verständnis“ beruft er sich auf die Schrift.[31] Dagegen argumentiert Meiser in einem Schreiben an Steinbauer als Reaktion auf dessen Erklärung zur Nichtbeflaggung der Kirchen dienstrechtlich: „Durch die Nichtbeflaggung Ihrer Kirchen verweigern Sie den Gehorsam gegenüber Ihrer vorgesetzten Behörde. Wir müssen Ihnen ernstlich die Frage vorlegen, ob Sie Ihren Ungehorsam vor Gott und Ihrem christlichen Gewissen rechtfertigen können.“[32] In einem ausführlichen Schreiben an den Landeskirchenrat verteidigte Steinbauer noch einmal seine Haltung in der Frage der Beflaggung, insbesondere gegen den theologisch nicht belegten Vorwurf der Schrift- und Bekenntniswidrigkeit seines Handelns. Dabei ging er auch auf sein Amtsverständnis ein: „Grundsätzlich ist der jüngst ordinierte Vikar in gleicher Weise zum Bischofsamt ordiniert wie der Herr Landesbischof, und davon kann und darf sich niemand, auch ich nicht, entbinden lassen … Das ist evangelische Lehre, die freilich besonders in solchen Zeiten, in denen wir leben, große Not bedeutet, aber wir sind nun eben nicht katholische, sondern evangelische Pfarrer, und haben diese Not zu tragen.“[33] Seinen Dienst verstand er so streng auf Bibel und Bekenntnis hin ausgerichtet, dass er zu der Überzeugung kam, er könne und wolle nicht mehr Pfarrer sein, falls die gegen ihn von der Kirchenleitung erhobenen Vorwürfe zutreffen würden: „Wenn ich aber schon wider Schrift u. Bekenntnis stehe, so ist das eine so ungeheuerlich ernste Sache, dass man mit mir wirklich von der Sache her darum ringen muss, mich wieder für Schrift u. Bekenntnis zu gewinnen, oder wenn ich tatsächlich unbelehrbar bin, muss ich verlangen, mich aus der Vollmacht des heiligen Predigtamtes u. Zeugenamtes, aus dem Dienst der Kirche zu entlassen. Was in meinem Fall ja umso leichter geht, weil ich noch Vikar bin.“[34] Die Anzeige wegen Nichtbeflaggung der Kirchen am 1. Mai 1936 führte zur ersten Verhaftung Steinbauers am 20. Juni 1936 und zur Inhaftierung ins Weilheimer Amtsgerichtsgefängnis. Gegen die Verhaftung ihres Pfarrers erhob der Kirchenvorstand Einspruch: „Die ev.-luth. Gemeinde Penzberg-Seeshaupt-Kochel, rechtmäßig vertreten durch ihren gewählten Kirchenvorstand – und dieser weiß hierbei nahezu die gesamte Gemeinde hinter sich, insbesondere die Gemeinde Penzberg – erhebt hiermit Einspruch gegen die Inhaftnahme ihres Pfarrers Karl Steinbauer von Penzberg. Die Gemeinde hält die Grundlage, auf der ihr Pfarrer steht und handelt, für theologisch und moralisch unantastbar. Die Gemeinde weiß, dass ihr Seelsorger nach seinem an die Heilige Schrift und unser Bekenntnis gebundenen Gewissen und im Glaubensgehorsam handelt … Der Gemeinde ist es unverständlich, dass sein Zeugnis für Wahrheit und Recht als politische Hetze missverstanden werden könne … In dieser festen Überzeugung bekennt sich die Gemeinde Penzberg-Seeshaupt-Kochel zu ihrem Seelsorger, dem Vikar Karl Steinbauer – Penzberg in aller Treue und erbittet seine alsbaldige Freilassung zum Dienst am Wort Gottes und an seiner Gemeinde.“[35] Namentlich unterschrieben war dieser Einspruch von den Kirchenvorstehern der Gemeinde. Am 2. Juli wurde Steinbauer dann aus dem Weilheimer Gefängnis entlassen, 5 Tage später jedoch wegen ständiger staatsabträglicher Hetze für das gesamte Reichsgebiet ein allgemeines Redeverbot und für Oberbayern ein Aufenthaltsverbot gegen ihn verhängt. Ausgenommen vom Redeverbot waren Kasualien, nicht jedoch das „Auftreten als Kanzelredner“[36]. Bei einem Gespräch Steinbauers mit dem Landesbischof wurde vereinbart, dass der Inhalt des Schreibens des Bezirksamts Weilheim als untragbar zurückgewiesen wird, Steinbauer jedoch einen Urlaub antritt unter der Bedingung, dass er anschließend wieder seinen Dienst in Penzberg in vollem Umfang aufnehmen kann. Man war sich einig: „Es ist nicht zu vermeiden, dass dieser Fall durchgestanden wird, da die ganze Situation (Predigt- und Aufenthaltsverbot) grundsätzlicher Art ist und auch rein grundsätzlich behandelt werden muss.“[37] In der Frage der Vorordnung des Predigtbefehls erhielt Steinbauer auch Rückendeckung von seinen Kollegen im Pfarrkapitel.[38] Nach der Rückkehr aus dem Urlaub wurde Steinbauer eröffnet, dass alle Verhandlungen des Landeskirchenrats mit den staatlichen Stellen mit dem Ziel einer Aufhebung des Predigt- und Aufenthaltsverbots keinen Erfolg hatten. Das allein war bitter genug. Viel betrüblicher aber noch war für ihn, dass er vom Landeskirchenrat nun bedrängt wurde, die Ausweisung und die ebenfalls geforderte Predigtkontrolle anzuerkennen.[39] Im Landeskirchenrat versuchte man nun einen ganzen Tag lang Steinbauer zu überzeugen, er müsse die Ausweisung anerkennen. „Da zufällig der gesamte Landeskirchenrat tagt, werde ich vor die Vollsitzung aller Oberkirchenräte gestellt, die offensichtlich über mein ungebrochenes ‚Nein‘ laufend unterrichtet waren. Der Landesbischof eröffnet mir den einstimmigen Beschluss, ich müsse die Ausweisung anerkennen, weil nach Scheitern aller Verhandlungen weiterer Widerstand sinnlos sei. Ich meinerseits konnte nur auch der Vollsitzung erklären, ich könne es unter keinen Umständen auf mein Gewissen nehmen, in solcher Sache den Präzedenzfall zu machen. Ich getraue mir nicht, dem Beschluss des Landeskirchenrats Folge zu leisten.“[40] Steinbauer konnte in jener Vollsitzung einen Kompromiss erzielen: Er findet sich bereit, die Ausweisung anzunehmen, allerdings unter der Bedingung, dass er außerhalb Oberbayerns, und zwar in Augsburg, eine Kanzel zur Verfügung gestellt bekommt. Zudem werden erneut Verhandlungen mit dem Staat aufgenommen, die auf eine Rücknahme der Ausweisung abzielen sollen, andernfalls würde er sofort nach Penzberg zurückkehren.[41]
In dieser Situation wurde die Gemeinde Penzberg durch ihren Kirchenvorstand erneut aktiv und forderte in einem Schreiben an den Landeskirchenrat die Rückkehr ihres Pfarrers: „Der Kirchenvorstand erklärt unter Hinweis auf die Besprechung mit den Mitgliedern des Landeskirchenrates vom 22.6. neuerdings, dass er unter gar keinen Umständen in die endgültige Versetzung seines Pfarrers Steinbauer willigen wird. Der Kirchenvorstand erwartet, dass der Landeskirchenrat nichts unterlässt, um die Aufhebung des entgegenstehenden Ausweisungsbefehls zu erreichen. Sollten diese Bemühungen nicht zum Ziele fuhren, so muss der Kirchenvorstand von dem Landeskirchenrat erwarten, dass er Herrn Vikar Steinbauer auch gegen das Aufenthaltsverbot wieder an seinen Amtssitz Penzberg zurückberuft als an den Ort, dem er durch seine Ordination die Ausübung des geistlichen Amtes schuldet. Der Kirchenvorstand fühlt sich verpflichtet, dieses allgemeine dringende Anliegen der Gemeinde mit allem Ernst und Nachdruck zu Gehör zu bringen und schon heute zu erklären, dass die Gemeinde selbst ihren Pfarrer zurückrufen würde, wenn ihr die Landeskirche ihren Vikar länger als durch die Verhandlungsauflage geboten ist, vorenthält.“[42]
Steinbauer berichtete, dass die Erklärung der Penzberger bei der Kirchenleitung wie eine Bombe einschlug. Der Landeskirchenrat war in heller Aufregung und über die Erklärung des Kirchenvorstands empört. „Wie kann ein Kirchenvorstand sich unterstehen, kirchenregimentliche Befugnisse sich anzumaßen!“[43] Aber zunächst musste Steinbauer in Augsburg Dienst tun und unterlag einer Predigtzensur durch die Kirchenleitung, die er als eine notvolle Einschränkung der Freiheit der Verkündigung empfand. Ihm ging es zuallererst darum, ein Zeichen dafür zu setzen, dass ein Predigtverbot wegen des Predigtbefehls Jesu nicht anerkannt werden kann.[44] Für Steinbauer war die Berufung auf die Ordination und die damit gegebene „unbedingte“ Bindung an das Wort Gottes entscheidend. Letztere schließt andere Bindungen aus und lässt keine Vorbehalte zu. Zuallererst gilt, dass man Gott mehr gehorchen muss als den Menschen. Daraus folgerte Steinbauer, dass ein Pfarrer sich einem staatlichen Predigtverbot nicht fügen kann und sich insbesondere nicht durch staatlichen Zwang hindern lassen darf, seinen Verkündigungsauftrag an seiner Ortsgemeinde wahrzunehmen: „Ein Predigtverbot kann ein Pfarrer nicht anerkennen, weil er durch die Ordination gebunden ist; eine Ausweisung kann er nicht anerkennen, weil er durch die Installation gebunden ist. Wobei beides ineinander geht und kaum zu trennen ist.“[45] Auch der Kirchenvorstand betonte, die „Sukzession des Gehorsams“ dürfe nicht abreißen[46], und Steinbauer ging in den vereinbarten Urlaub mit der festen Absicht, anschließend nach Penzberg zurückzukehren. Tatsächlich hatten die Bemühungen von Kirchenleitung und Gemeinde um die Rückkehr Steinbauers nach Penzberg Erfolg. Jedenfalls wurde mit Schreiben vom 26.9.1936 von der Bayerischen Politischen Polizei das Aufenthaltsverbot für den Regierungsbezirk Oberbayern aufgehoben, so dass er ungehindert und ohne Auflagen seinen Dienst in Penzberg wieder aufnehmen konnte.[47]
Die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Ideologie war damit noch lange nicht vorbei. Anfang 1937 waren bibelfeindliche Anschläge der Hitlerjugend für Steinbauer erneut Anlass für eine schriftliche Auseinandersetzung mit verschiedenen staatlichen Stellen, die ihm die Ausweisung aus Bayern wegen ständiger staatsabträglicher Hetze einbrachte.[48] Es folgte ein lebhafter und erregter Austausch von Briefen zwischen Steinbauer und der Kirchenleitung. Am 16. Juni 1937 wurde Steinbauer wegen Abnahme der Anschläge der Hitler-Jugend zum zweiten Mal verhaftet.[49] Er wurde ins Weilheimer Gefängnis eingeliefert. Am nächsten Tag aber lag bereits der Einspruch der Gemeinde gegen die Verhaftung Steinbauers vor. „Die Evang.-Luth. Gesamtgemeinde Penzberg-Seeshaupt-Kochel erhebt hiermit Einspruch gegen die Inhaftnahme ihres Pfarrers Karl Steinbauer und beantragt seine alsbaldige Freilassung. Die Gemeinde kennt den Grund der Verhaftung nicht; sie weiß aber, dass ihr Pfarrer – ohne irgendwie politisch wirken zu wollen – in vorbildlicher Treue und echtem Glaubensgehorsam einen guten Kampf für die Wahrheit und gegen die Unwahrheit kämpft, einen Kampf, dem er als Christ und Diener des Evangeliums nicht ausweichen kann und darf … In diesem festen Glauben bekennt sich die Gemeinde Penzberg-Seeshaupt-Kochel zu ihrem Seelsorger, dem Pfarrer Karl Steinbauer, in aller Treue und erbittet seine baldigste Freilassung zum Dienst am Wort Gottes, dem er gehorcht, und damit an seiner Gemeinde.“[50] Doch zunächst einmal war der Einspruch der Gemeinde erfolglos und Steinbauer musste eine 6-monatige Haftstrafe antreten. Wie alle weiteren Zeiten, die er später noch im Gefängnis verbringen musste, nutzte er diese Zeit zum intensiven Bibelstudium und zu konzentrierter theologischer Arbeit, so dass er in der Rückschau sagen konnte: „Die insgesamt eineinhalb Jahre Haftzeit sind ja rein zeitmäßig mindestens drei gütig gewährte zusätzliche Studiensemester Gottes auf der Hochschule des Gefängnisses, auf der auch Paulus an verschiedenen Orten immatrikuliert war …“[51] Während der Zeit im von Penzberg aus gesehen nahen Weilheim besuchten Gemeindeglieder und Freunde Steinbauer regelmäßig. Wurden sie nicht vorgelassen, sangen und pfiffen sie vor seiner Gefängniszelle Choräle; Posaunenchöre spielten unter dem Gefängnisfenster Steinbauers als Ausdruck der Verbundenheit und zur Stärkung des Inhaftierten. Durch Briefe nahm der Pfarrer von der Gefängniszelle aus aktiv am Leben seiner Gemeinde Anteil.[52] In ihren Gottesdiensten betete die Penzberger Gemeinde wiederum jeden Sonntag für die Haftentlassung ihres Pfarrers, und als diese dann wirklich erfolgte, versammelte sich die Gemeinde sogleich in der Kirche, um dort auf ihren Pfarrer zu warten.[53]Im Jahr 1938 endete die bewegte Zeit Steinbauers als exponierter Vikar der Gemeinde Penzberg.
Ich breche meine Nacherzählung hier ab, obwohl die konfliktträchtige Geschichte Steinbauers mit seiner Landeskirche und deren Leitung hier nicht aufhört. Man könnte sie noch schier endlos weitererzählen, so wie er selbst zu Lebzeiten im Kollegenkreis oder besonders gern vor Studierenden endlos weiter erzählt hat. Auch war sein Streit mit der Kirchenleitung nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches eben nicht zu Ende, denn die Schrift war aus seiner Sicht in der Nachkriegszeit so wenig Zentrum kirchlichen Redens und Gestaltens wie sie es in der Zeit zuvor gewesen war.[54] Hätte Steinbauer seinen Konzentrationslageraufenthalt nicht überlebt, hätte seine Kirche in ihm einen Märtyrer gehabt, auf den man sich bei gegebenem Anlass berufen hätte können. So hat er aber wie durch ein Wunder Drittes Reich und Krieg überlebt und blieb seiner Kirche bis zum Dienstende erhalten als ein „schwieriger Pfarrer“. Mit meiner Nacherzählung möchte ich dazu beitragen, die Geschichte dieses „schwierigen“, aber sicher gerade deshalb so bemerkenswerten Pfarrers vor dem Vergessen zu bewahren und zur Auseinandersetzung mit ihr anzuregen. Falsch verstandene Verklärung der Vergangenheit in Form einer BK-Romantik hilft der Kirche sicher nicht weiter, genauso wenig wie Heldenverehrung, die Steinbauer für seine Person stets kategorisch ablehnte. Gerade für unsere Zeit, in der ein Pfarrerbild vom Pfarrer als Mystagogen Konjunktur hat oder manche wirtschaftsorientierte Kollegen sich als leitende Angestellte eines religiösen Dienstleistungsunternehmens verstehen, halte ich das Selbstverständnis des Pfarrers Karl Steinbauer für ein hilfreiches und weiterführendes Korrektiv. Die Heilige Schrift war für ihn eindeutig Zentrum seiner persönlichen theologischen Existenz wie seiner pfarramtlichen Praxis.[55] Für ihn war völlig klar: Das Studium der Schrift ist vornehmste Dienstpflicht des Pfarrers. Die Kirche leistet sich Pfarrer und Pfarrerinnen dafür, dass diese über die Schrift nachdenken, ihre theologischen Studien treiben und die Gemeinde zum eigenen Hören auf die Schrift anregen und anleiten. Von seinem Beruf sprach Steinbauer als von einem Handwerk. So berichtete er im Zusammenhang mit seiner ersten Verhaftung von seiner Ausrüstung, die er mit in seine Zelle nahm: „… ein Bleistiftspitzer ist genehmigt, auch alle Bücher, Bibel, Gesangbuch, Losung, griechisches N.T. Mit Wörterbuch und Schmöller Konkordanz, eben das notwendigste Pfarrershandwerkszeug.“[56] Im Gefängnis machte er eine beglückende Erfahrung: Das Werkzeug hilft! Er schreibt: „Die Schriftworte waren nicht hohle Zitate, sie erwiesen sich als jung, taufrisch und lebenskräftig, über viele Jahrhunderte hinweg.“[57]
Hätte sich nun diese Freude an der Schrift auf seine private Frömmigkeit beschränkt, dann hätte auch die Kirchenleitung daran keinen Anstoß genommen. Aber sein Schriftstudium führte nun eben auch zu allgemein- und kirchenpolitischen Konsequenzen. Unerträglich schwierig für seine kirchlichen Vorgesetzten war er dadurch, dass er das implizite kirchliche Axiom einer „Hierarchie des Schriftverständnisses“, wonach ein Landesbischof oder Oberkirchenrat die Schrift besser verstünde als ein Pfarrer oder gar ein kleiner Vikar, nicht anerkannte und immer wieder deutlich sagte, dass ein solches Denken und Verhalten unbiblisch sei.
Steinbauers Verständnis des Pfarramts als Handwerk eigenständiger Schriftauslegung, das er in schwierigster Zeit gelebt und durchgehalten hat, muss dringend in Erinnerung gerufen werden, weil es in den letzten Jahrzehnten in der evangelischen Kirche weitgehend verloren gegangen ist. Liest man die Pfarrstellen-Ausschreibungen in den Amtsblättern evangelischer Landeskirchen, fällt eine Vielzahl von Erwartungen an den Pfarrer, an die Pfarrerin auf, die mit dem „Dienst am Wort“ nichts zu tun haben und damit nicht zu vereinbaren sind. Die zu erwartende zeitliche Belastung durch Gremienarbeit, Teamsitzungen, soziales Entertainment, öffentliche Selbstinszenierungen, Gruppen und Kreise ist bei vielen Ausschreibungen so ausufernd, dass gar keine Zeit bleiben kann für das Schriftstudium als Zentrum der persönlichen theologischen Existenz des Pfarrers und der Pfarrerin. Durch eine solche schriftvergessene Vielgeschäftigkeit verfehlt der Pfarrer aber gerade die Gemeinde, lässt sie allein mit ihren Schwierigkeiten und Zweifeln im Umgang mit der Schrift. In der gemeinsamen Bindung an die Schrift als Zeugnis ihres gekreuzigten und auferstandenen Herrn sind Pfarrer und Gemeinde aneinander gewiesen. Die Auslegung der Schrift hat deshalb an oberster Stelle der Dienstpflichten einer Pfarrerin und eines Pfarrers zu stehen. Eine vornehmlich formale Berufung auf Schrift und Bekenntnis ist nicht hinreichend, sondern die Schrift beansprucht Geltung in allen aktuellen Konflikten des Lebens und der Zeit. Dabei war Steinbauer kein naiver Biblizist, sondern legte die Bibel vom Zentrum der Rechtfertigungsbotschaft her aus. Die in vieler Hinsicht einmalige und originelle Persönlichkeit Karl Steinbauers eignet sich sicher nicht als zur Nachahmung empfohlenes pastoraltheologisches Modell für alle Zeiten. Trotzdem muss gesehen werden, dass wir in kirchlicher wie gesellschaftlicher Weise vor ähnliche Konflikte gestellt sind. Die imponierende biblische Konzentration in Steinbauers ganzem Tun und Sein sollte von uns Nachgeborenen nicht vorschnell beiseite geschoben werden, denn sie war es, die Steinbauer half, in schwerer und verwirrender Zeit Kurs zu halten. Sie enthob ihn auch der Suche nach der eigenen Identität und der Sorge um das eigene Profil. Beides hatte er ganz selbstverständlich, weil er es sich schenken ließ beim einsamen oder gemeinsamen „Abhorchen“ der biblischen Botschaft.
Quelle: Michael Krug/Ruth Lödel/Johannes Rehm (Hrsg.), Beim Wort nehmen. Die Schrift als Zentrum für kirchliches Reden und Gestalten. Friedrich Mildenberger zum 75. Geburtstag, Stuttgart: W. Kohlhammer, 2004, S. 365-377.
[1] Vgl. zum kirchengeschichtlichen Hintergrund: C. Nicolaisen, Nationalsozialistische Herrschaft, in: G. Müller u.a. (Hg.), Handbuch der evangelischen Kirche in Bayern, Bd. 2, St. Ottilien 2000, 297ff.
[2] Vgl. F. Mildenberger, Vorwärts ins Land der Verheißung – Karl Steinbauers prophetische Zeitdeutung, in: Korrespondenzblatt, 118. Jg., Nr. 8/9 2003, 125ff.
[3] Die Lebenserinnerungen Steinbauers sind in den Jahren 1983-1987 in vier Bänden unter dem Titel „Einander das Zeugnis gönnen“ Bd. 1-IV im Selbstverlag in Erlangen erschienen und mittlerweile vergriffen, im Folgenden zitiert als Zeugnis I-IV.
[4] Zeugnis I, 54.
[5] Vgl. F. Mildenberger/M. Seitz (Hg.), Gott mehr gehorchen: Kolloquium zum 80. Geburtstag von Karl Steinbauer, München 1986.
[6] Vgl. Zeugnis I, 56f.
[7] Ebd., 57.
[8] Ebd., 58.
[9] Ebd., 60f.
[10] Ebd., 61.
[11] Ebd., 61.
[12] Ebd., 61.
[13] Ebd., 72f.
[14] Vgl. ebd., 73.
[15] Ebd., 73 f.
[16] Ebd., 74f.
[17] Ebd., 95.
[18] Vgl. ebd., 106f.
[19] Ebd., 134.
[20] Ebd., 139.
[21] Vgl. ebd., 152f.
[22] Vgl. ebd., 199f.
[23] Ebd., 200.
[24] Vgl. ebd., 227ff.
[25] Vgl. ebd., 238f.
[26] Zeugnis II, 1f.
[27] Ebd., 3.
[28] Ebd., 4.
[29] Ebd., 5.
[30] Ebd., 6.
[31] 1.Tim. 1,12; 3,1 u. 2.Tim. 4,5.
[32] Ebd., 20.
[33] Ebd., 26.
[34] Ebd., 29.
[35] Ebd., 39f.
[36] Ebd., 43.
[37] Ebd., 47.
[38] Auf dem Bezirkskirchentag in Ebershausen wurde eine Erklärung von den Pfarrern beschlossen und namentlich unterzeichnet, in der es heißt: „Wir alle wissen uns mit Herrn Vikar Steinbauer unbedingt an das Wort Gottes gebunden; wir alle müssen und werden Gott mehr gehorchen als den Menschen; wir alle können uns weder einem Predigtverbot, das eine staatliche Stelle gegen uns ausspricht, fugen, noch können wir uns an der Verkündigung des Wortes Gottes innerhalb der Gemeinde, an die wir in der Installation gewiesen worden sind, hindern lassen. Aus diesem Grund erklären wir einmütig, dass die Sache des Herrn Vikar Steinbauer unsere eigene Sache ist“. Ebd., 49f.
[39] Vgl. ebd., 51.
[40] Ebd., 52.
[41] Vgl. ebd., 57.
[42] Ebd., 60f.
[43] Ebd., 66.
[44] Vgl. ebd., 69.
[45] Ebd., 78. Vgl. hierzu auch den Brief Steinbauers an die bayerische Politische Polizei, ebd., 86ff.; ähnlich argumentiert er auch in einem Schreiben an die Geheime Staatspolizei auf die Erteilung eines Aufenthaltsverbots „wegen seiner ständigen staatsabträglichen Hetze“ vom 5.4.1937 (vgl. ebd., 123) für das Land Bayern. „Am Pfingstmontag, dem 5. Juni 1933, bin ich in der Penzberger Kirche durch Herrn Dekan Meinzolt als ordinierter Prediger des Evangeliums und verantwortlicher Hirte der Evang.-Luth. Gemeinde Penzberg-Kochel- Seeshaupt in mein Amt eingesetzt worden. Auf Grund meiner Ordination und Installation und der dabei vor der Gemeinde und dem Herrn der Kirche übernommenen Verpflichtung ist es mir nicht möglich, Ihrer Anordnung Folge zu leisten und meine Gemeinde zu verlassen“, ebd. 124; vgl. Zeugnis III, 35ff.
[46] Vgl. ebd., 83.
[47] Vgl. ebd., 85.
[48] Vgl. ebd., 123. Steinbauer entfernt die entsprechenden Anschläge der HJ, denn „ich … bin Gemeindepfarrer und vor allem in diesem Fall Hirte und Seelsorger meiner Konfirmanden. Ich lasse meinen Konfirmanden solche Verlästerung der Bibel nicht vorsetzen und wage es auch nicht, die Lästerer ungewarnt zu lassen.“ Ebd., 132.
[49] Vgl. ebd., 166.
[50] Ebd., 169.
[51] Ebd., 174.
[52] Vgl. ebd., 219.
[53] Vgl. ebd., 223-225. Im Frühjahr 1938 erfolgte dann eine dritte Verhaftung und die Verbüßung einer Strafe aufgrund einer Denunziation im Bamberger Gefängnis. Vgl. ebd., 231ff.
[54] Vgl. H. Blendinger, Aufbruch der Kirche in die Moderne. Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern 1945-1990, Stuttgart u.a. 2000, 113ff.
[55] Vgl. C. Blendinger, Nur Gott und dem Gewissen verpflichtet: Karl Steinbauer – Zeuge in finsterer Zeit, München 2001; J. Rehm (Hg.), „Ich glaube, darum rede ich!“ Karl Steinbauer: Texte und Predigten im Widerstand, Tübingen 22001.
[56] Zeugnis II, 35.
[57] Ebd., 35.