Helmut Merklein, Kreuz. Biblisch-theologisch: „Im gekreuzigten, ‚für uns zum Fluch gewordenen‘ Christus (Galater 3,13) kann der homo peccator sich selbst wiederfinden, um in ihm eine neue Identität (die des alter Christus) zu gewinnen (3,28). Der Glaubende hat daher sein Fleisch (ein für allemal) gekreuzigt (5,24), so dass er (bleibend) ein mit Christus Gekreuzigter ist (2,19), in dem dieser selbst lebt (2,20).“

Kreuz. Biblisch-theologisch

Von Helmut Merklein

Das Kreuz ist Hinrichtungsinstrument, ursprünglich ein „Pfahl“ (staurós; vgl. lateinisch crux, Marter­holz), der bei den Römern in der Regel einen Querbalken hatte; „kreuzigen“ (stauroũn) bezeichnet die entsprechende Hinrichtungsart.

1. In diesem Sinn verwenden die synoptischen Evangelien (u. Apg) die Begriffe zunächst zur Angabe der konkreten Todesart Jesu (in Mk 15 und parr.). Im Licht des Auferweckungskeryg­mas bekommt die Rede vom „Gekreuzigten“ (Part. Perf.) bleibende christologische Bedeutung (Mk 16,6 par. Mt 28,5). Im Anschluß daran betont Lukas die heilsgeschichtliche Notwendigkeit des Kreuzestodes (Lk 24,7.20 [26]) und die Rechtfertigung des Gekreuzigten durch die Auferweckung (Apg 4,10; 2,36; vgl. 5,30; 10,39 [„ans Holz hängen“]; 13,29). Das Wort vom „Kreuz tragen“, ursprünglich eine Metapher für die Märtyrertum-Bereitschaft, wird im Kontext der Evangelien zum Bild für die Radikalität der vor allen verlangten Nachfolge Jesu (Lk 14,27 Q), die grundsätzlich den Einsatz des Lebens (Mt 10,28f. [Red. Q]; Mk 8,34f. par. Mt 16,24f.) und konkret die „tägliche“ Bewährung (Lk 9,23f.) verlangt.

2. Das Johannes-Evangelium verwendet den Begriff Kreuz (kreuzigen) ausschließlich für die konkrete Todesart Jesu (Joh 19). Sachlich rückt der Kreuzestod über den Begriff des „Erhöhens“ in einen dezidiert christologischen Verweiszusammenhang, in dem Kreuzigung und sessio ad dexteram patris zusammenfallen (3,14; 8,28; 12,32ff.). Die Erhöhung am Kreuz stellt sicher, daß die Rückkehr des Gesandten vom Vater die Verherrlichung des (fleischgewordenen) Menschensohnes ist, so daß sich im Kreuz die bereits im Irdischen ansichtige Herrlichkeit vollendet (1,14; 12,23.28; 13,31). Insofern kann man von einer johanneischen theologia crucis sprechen (Kohler, Knöppler).

3. Am striktesten hat Paulus den faktischen Kreuzes-Tod als theologia crucis im Sinn eines soteriologischen Konzeptes reflektiert. Die Paradoxie eines gekreuzigten Christus (vgl. Hengel), der den Heiden eine „Torheit“ (schon der Gedanke an die Kreuzesstrafe ist dem römischen Bürger zuwider; vgl. Cicero: Pro Rabirio 16) und den Juden ein „Ärgernis“ ist (ein gekreuzigter Messias ist dem zeitgenössischen Judentum unbekannt; eine bestimmte Auslegungstradition bezieht Dtn 21,23 auf die Kreuzigung: Tempelrolle 64,7-13), wird für Paulus geradezu zum Kriterium, daß er nicht menschliche, son­dern Gottes Weisheit verkündet, durch deren Torheit Gott die Glaubenden retten will (1Kor 1,17-25; vgl. 2Kor 13,4). Der Gekreuzigte erscheint als Geheimnis der göttlichen Weisheit, die, der Welt verborgen, nun durch den Geist geoffenbart wird (1Kor 2,6-10). Das „Wort vom Kreuz“ (1Kor 1,18) bzw. der „Gekreuzigte“ (1Kor 2,2; vgl. Gal 3,1) werden zum Inbegriff der christlichen Heils­botschaft (vgl. Phil 2,8). Dieses gnoseologische Paradox wird in Gal sachlich vertieft. Die Be­schneidung (für Heiden) zu fordern, hieße, das „Ärgernis“ des (heilsbedeutsamen) Kreuz zu beseitigen (5,11; vgl. 6,12; Phil 3, 18). Gal 3,13 referiert ausdrücklich Dtn 21,23 („verflucht ist jeder, der am Holze hängt“) und deutet den stellvertretend „für uns“ erlittenen Tod Jesu der traditionellen (von Jes 53 beeinflußten) Sterbeformel konsequent als Fluchtod („für uns zur Fluch gewor­den“; vgl. als Übergang 1Kor 1,13: „für euch gekreuzigt werden“). Die Parallele in 2Kor 5,21 (Gott hat ihn „für uns zur Sünde gemacht“) läßt erkennen, daß die Zuspitzung, die Chri­stus zum „Fluch“ bzw. zur „Sünde“ werden läßt, in Analogie zum Sündopfer (Lev 4,5.16) gedacht ist, bei dem im Tod des Opfertieres der Tod des Sünders symbolisch vollzogen wurde. Im gekreuzigten, „für uns zum Fluch gewordenen“ Christus (Gal 3,13) kann der homo peccator sich selbst wiederfinden, um in ihm eine neue Identität (die des alter Christus) zu gewinnen (3,28). Der Glaubende hat daher sein Fleisch (ein für allemal) gekreuzigt (5,24 Aorist), so daß er (bleibend) ein mit Christus Gekreuzigter ist (2,19 Perf.; vgl. 6,14), in dem dieser selbst lebt (2,20). In Röm 6,6 wird der Gedanke auf die Taufe angewendet, in der „unser alter Mensch mitgekreuzigt wurde” (Aorist).

4. Die paulinische theologia crucis wird fortgeführt, wenn in Kol der Gedanke der kosmischen Versöhnung strikt an das Kreuz gebunden wird (1,20; vgl. 2,14f.) bzw. in Eph das Kreuz als Ermöglichung der einen Kirche (aus Juden und Heiden) erscheint (2,16). In der Nähe der paulinischen Tradition steht 1Petr 2,24, wo Jes 53,4.12 („er selbst hat unsere Sünden getragen …“) auf das Kreuz hin konkretisiert wird („… in seinem Leib an das Holz“). Als Zeichen des Spottes und der Schande erscheint das Kreuz Hebr 6,6; 12,2.

Lit.: L. Morris: The Cross in the NT. Grand Rapids 1965; E. Dinkler: Signum Crucis. Tübingen 1967; E. Brandenburger: Staurós, Kreuzigung Jesu und Kreuzestheologie: Wort und Dienst 10 (1969) 17-43; G. Delling: Der K.-Tod Jesu in der urchr. Verkündigung. Göttingen 1972; und Luz: Theologia crucis als Mitte der Theol. im NT: EvTh 34 (1974) 116-141; H.-W. Kuhn: Jesus als Gekreuzi­gter in der frühchr. Verkündigung bis z. Mitte des 2. Jh.: ZThK 72 (1975) 1-46; H.-R. Weber: Kreuz Überl. und Deutung der Kreuzigung Jesu im ntl. Kulturraum. Stuttgart 1975; M. Hengel: Mors turpissima crucis: Rechtfertigung. FS E. Käsemann. Tübingen-Göttingen 1976, 125-184; F.-J. Ortkemper: Das Kreuz in der Verkündigung des Paulus. Stuttgart 1976; C. Andresen-G. Klein (Hg.): Theologia crucis – signum crucis. FS E. Dinkler. Tübingen 1979; H. Weder: Das Kreuz Jesu bei Paulus. Göttingen 1981; EWNT 3, 639-649 (H.-W. Kuhn); H. Kohler: Kreuz und Menschwerdung im Johannes-Ev. Zürich 1987; H. Merklein: Stud. zu Jesus und Paulus. Tübingen 1987, 1-106; C.B. Cousar: A Theology of the Cross. Minneapolis 1990; TRE 19, 713-725 (H.-W. Kuhn); K. Kertelge: Grundthemen pln. Theol. Freiburg 1991, 62-80; R. Hoppe: Der Triumph des Kreuzes. Stuttgart 1994; T. Knöppler: Die theologia crucis des Johannes-Ev. Neukirchen-Vluyn 1994; NBL 2, 546-549 (H.-W. Kuhn).

LThK3, Bd. 6 (1997), Sp. 442-444.

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