Der Mensch — ein „Wort-Wesen“
Von Alfons Deissler
Der Mensch ist mehr als ein „Vernunft-Wesen“, er ist ein „Wort-Wesen“. Denken ist „Sprechen im Herzen, bzw. zu seinem Herzen“, Meditieren ist „murmeln“ bzw. „in sich hineinsprechen“. Im inneren und äußeren Wort wird der Mensch erst voll Mensch. Im Reden erschließt er sich sowohl dem „Du“ und „Wir“ der Mitmenschen wie dem dieses „Du“ ermöglichenden und alle „Du-heit“ umfassenden „DU“ Gottes. Dabei liegt eine Wechselbeziehung von Person und Wort vor: die Person „macht“ nicht nur das Wort, das Wort wirkt auch, entfaltend auf die Person zurück. Letzteres vergisst oder verkennt der „moderne Mensch“ allzu leicht, wenn er dem Reden nur die Funktion zuerteilt, „redlich“ die jeweilige individuelle Befindlichkeit auszudrücken. Wer sich nicht mehr ein vorgeprägtes Dichter- oder Weisheitswort zu eigen macht und damit in ihnen sich gleichsam wiederfindet, muss dies mit einer geistig-personalen Schrumpfung bezahlen. Selbstverständlich bleibt im Bereich des Betens das selbstgeformte Sprechen zu Gott hin unverzichtbar, aber ein aus tiefer Gottes- und Welterfahrung formuliertes Gebet eines wortkundigen Erfahrenen schafft die Möglichkeit, die individuelle Enge und Seichtheit in eine größere Weite und Tiefe hin zu öffnen. Die Psalmisten sind solche „Erfahrene“, die uns mit ihrem gedichteten und damit „verdichteten“ Wort keine fremden Worthülsen überstülpen, sondern unsere Beterqualität entfalten helfen. Ihre Außen- und Innenwelt hat zwar andere Kulissen als die unsere, aber der Bühnenboden ist ein währender: das Stehen und Reden des Gottesvolkes und seiner Glieder vor ihrem Gott.
Quelle: Alfons Deissler, Wie wir als Christen die Psalmen beten, Diakonia 11, Heft 2, 1980, S. 81-89, hier S. 83f.