Reinhold Schneider über Leiden und Schmerz: „Ein jedes Leid kann geheiligt werden, indem es angenommen wird vor dem Kreuz, ein jedes hat seine Stelle in der Glaubenswelt; … dass wir uns aber des Leidens und des Kreuzes rühmen dürften, weil sie allein uns gehören, darf vielleicht auch für ein Leiden dieser Art in Anspruch genommen werden.“

Über Leiden und Schmerz

Von Reinhold Schneider

Ein jedes Leid kann geheiligt werden, indem es angenommen wird vor dem Kreuz, ein jedes hat seine Stelle in der Glaubenswelt; die Lehre des heiligen Franziskus, daß wir uns aller Gaben Gottes – seien es auch die höchsten Gnaden und selbst wunderwirkende Kräfte – nicht rühmen dürften, da sie nicht unser seien; daß wir uns aber des Leidens und des Kreuzes rühmen dürften, weil sie allein uns gehören, darf vielleicht auch für ein Leiden dieser Art in Anspruch genommen werden. Die große uranfängliche Trauer, die von den Dingen einströmt in die ihnen verwandte, zugeneigte Seele, ist vielleicht unüberwindlich, aber das heißt doch nur, daß sie eine Last ist, die dem Menschen auferlegt ist auf Lebenszeit: er kann sie nicht abwerfen; aber er kann sich bewähren, indem er sie trägt, und er würde seiner Aufgabe gewiß nicht gerecht werden, wenn er sein Leid abschwächen und mit täuschendem Frieden die Nacht erhellen wollte, die nur von oben erhellt werden kann, oder aber erst mit dem Dasein endet. Der Schmerz, den wir als solchen nicht gewollt haben, der uns vielmehr überlassen worden ist als unser Anteil an Schuld und Not, an der Verlorenheit der Dinge und ihrem Angewiesensein auf die Gnade, will angenommen und ausgetragen werden; er soll als solcher weder bejaht noch gepriesen werden: aber er ist da; und wenn er bestimmt ist, auf eine uns vielleicht verborgene Weise mitzuhelfen an der Ausbreitung des Lichts und der Überwindung der Mächte, die ihm entgegenstehen, so kann es nur dadurch geschehen, daß wir diesen Schmerz erkennen und ergreifen in seiner ganzen Unbarmherzigkeit.

Quelle: Reinhold Schneider, Der Katarakt – Lenaus geistiges Schicksal, in: Ders., Über Dichter und Dichtung, Köln-Olten: Jakob Hegner, 1953, S. 11-46, hier S. 20f.

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