Emanuel Hirsch, Die Stillung des Sturms. Predigtmeditation zu Markus 4,35-41: „Man sitzt auf einmal mit den Jüngern im Boot. Und man sitzt darin nicht als einer, der im voraus weiß, dass alle Angst und Bangigkeit wirklich töricht ist, weil der zum Kreuzestod Ersehene noch durch viel größere Fährnisse hindurchkommen wird. Nein, man ist ganz in die Gegenwart jener Sturmesfahrt versunken. Das unenthüllte Geheimnis, welches um die Jünger weht, haucht einen selber an. Und so allein kann denn echter Glaube an Jesus als den vom Vater gesandten Sohn sich gebären.“

Die Stillung des Sturms. Predigtmeditation zu Markus 4,35-41

Von Emanuel Hirsch

Die Geschichte gehört, wenn man einige geringe Überma­lungen fortnimmt, dem allerältesten evangelischen Bericht an. Daß die ins Boot schlagenden Wellen das Schiff ganz voll Wasser laufen lassen, daß Jesus außer dem Winde auch dem Meere ein Heischewort zuruft, ist Verstärkung des ursprüng­lich Erzählten. Auch hat Jesus nach dem ältesten Erzähler zu den Jüngern nichts gesagt als: „Warum seid ihr so bange?“ Die zweite Frage: „Wie kommts, daß ihr keinen Glauben habt?“ ist spätere Zutat. Die Fassungen Matth. 8, 23 bis 27 und Luk. 8, 22-25 sind Überarbeitungen des Markusberichts. Ob­wohl es für die Meditation auf die Einzelheiten des Vorgangs nicht ankommt, tut der Prediger gut, sich an den Markusbericht zu halten und die angegebenen Übermalungen stillschweigend auszuschalten. Vor allem hüte er sich, auf die bei Matthäus sich findende erbauliche Erweiterung des Worts Jesu an die Jünger, welche unsrer frommen Sprache den Begriff der Kleingläubig­keit zugebracht hat, das Hauptaugenmerk zu richten. Jesus selbst hat in dieser Geschichte dem Meditierenden das Wesent­liche und Wichtige zu sein. Die Jünger sind lediglich Kontrast­figuren.

Der äußere Vorgang als solcher bietet nichts Verwunder­liches. Auf solchen großen Binnenseen, wie der See Genezareth einer ist, sind plötzlich aufspringende und ebenso plötzlich wieder vergehende Sturmböen nicht eben selten. Schon man­ches Schiff ist durch sie in ernste Gefahr geraten und dann „wie durch ein Wunder“ vorm Untergang bewahrt geblieben. Daß Jesus sich zu Beginn der Überfahrt auf einem Kissen schlafen legt, ist nur natürlich. Er hat nach dem Erzählzusammenhang bei Markus, der als geschichtlich gelten darf, den Tag über vom Boot aus dem am Ufer versammelten Volk gepredigt und ist dann, ohne noch einmal an Land zu gehn, überraschend, fast fluchtartig, abgefahren. An der Tatsache, daß er, von den Jüngern aufgeweckt, dem tosenden Wind ein anherrschendes „Schweig“ zugerufen hat, ist Zweifel nicht möglich. Begreiflich, wenn die Jünger bei diesem Ablauf der Geschehnisse des Glaubens sind, ein Wunder erlebt zu haben und eine Scheu vor der dem Wind gebietenden Hoheit Jesu empfinden. Wie aber hat Jesus alles erlebt und verstanden? Seine schlichte Frage an die Jünger drückt nichts aus als Verwunderung über ihre Bangigkeit. Mit dem grübelnden Versuch, durch den Schleier der äußeren Vorgänge hindurch das verborgene Ge­schehen in Jesu Seele zu ertasten, muß die Meditation ein­setzen. Nur indem Jesus selbst mit dem Geheimnis seines Gottesverhältnisses zu uns zu sprechen beginnt und uns ein Licht auf unserm Wege zum Ewigen wird, ist, die meditative Gleichzeitigkeit wirklich geworden, aus der eine Predigt sich gebären kann.

Was an Jesus zuerst auffällt, ist eine fast unerklärliche Entrücktheit oder Fernheit, die dem Tosen des Sturmwindes überhaupt keinen Ernst, keine Wirklichkeit beizumessen scheint. Er droht mit kurzem Schweigegebot — in der ursprünglichen Fassung ist es nur ein einziges kleines Wort —, so wie man nichtigem, vergeblich schrecken wollendem Spuk begegnen könnte. Der Wind hat keine Macht an ihm und dem Boot, darinnen er schläft. Er versteht nicht, wie die Jünger gleich erschreckten Kindern das Possenspiel des Windes ernst nehmen können. Wissen sie denn nicht, daß diese launischen Gewalten ihm und den mit ihm Fahrenden überhaupt nichts anhaben können? Nun stehen ja auch sonst Menschen mit besonderem Sendungsbewußtsein den äußeren Gewalten kühl und über­legen gegenüber. Caesar sprach in ähnlicher Lage zu dem bangenden Schiffer: „Du trägst Caesar und sein Glück.“ Aber es ist da ein Unterschied. Jesus fühlt sich nicht — hat nach seiner Lage auch wahrlich keinen Grund dazu — als der sieg­hafte Held, der Liebling des Schicksals oder wie man es nun ausdrücken will. Nicht der Glücksgöttin gegenüber ist der Sturmwind ein ohnmächtiger Spukgeist. Die Gewalt, welche für Jesus die alles bestimmende Wirklichkeit ist, ist heiliger, eben deshalb aber auch dunkler und geheimnisschwerer.

Wir müssen es Jesus abspüren, daß er es überall einzig und allein mit dem Willen und der Gewalt seines himmlischen Vaters zu tun hat. Dies spiegelt sich auch in seinem Gebets­wort: „Dein Wille geschehe.“ Wenn wir es ihm betend nach­sprechen, so erreichen wir auch nicht von ferne den schweren ernsten Sinn, den es für ihn hatte. Die Menschen, Dinge, Na­turgewalten, Wirkzusammenhänge, sie sind für ihn überhaupt keine echte unabhängige Wirklichkeit gewesen, wie sie es unserm natürlichen Sinn unweigerlich bleiben. Alles, was ihn in der Welt umringte und umdrängte, war ihm wie ein einziges Sprechen des Vaters zu ihm, das er zu erleiden, nach seinem ihn meinenden Sinn zu verstehen hatte. Menschen und Dinge konnten an ihm nur das vollbringen, was der Vater wollte. Sie konnten ihn auch nur zu dem Handeln und Denken und Sprechen rufen, das nach seinem innersten Gefühl der Vater ihm mit der Beziehung zu diesem Menschen- und Weltgewoge auferlegte. Wo er des Vaters Willen in sich spür­te und erkann­te, da konnte kein Schein andrer widerstrebender Macht ihn beirren. Dieser Schein war ihm nur wie ein durchsichtiger Schleier. Daher auch seine Heilungsvollmacht, wo er sie hatte. Wenn ihn in dem Zutrauen und Verlangen der Menschen der Ruf des Vaters erreichte, so ward ihm gewiß, was durch sein Wort nun nach des Vaters Willen geschehen muß­te. Er­reichte ihn solch Rufen aus der verborgenen Tiefe nicht, so war er machtlos. Es gibt einige seltsame Worte von ihm, welche dies Lebensgefühl aussprechen. So der Satz, daß der Glaube, d. h. das vertrauende Gewahren des Willens des Vaters, Berge versetze.

Wurzel dieses Wirklichkeitsgefühls Jesu ist sein Sohnesbewußtsein. Er hatte kein anderes Leben als das Erleiden des väterlichen Willens, der ihn zum Träger und Vollbringer des Evangeliums vom Gottesreich machte. Sein Reden, sein Tun, sein Leiden bis in den Tod hinein war ihm nichts als der geheimnisvolle Weg, auf dem der Vater dies Evangelium den Menschen offenbarte und gerade den ihn selbst vernich­tenden Widerspruch durch die Frommen der Gesetzesreligion zur letzten und höchsten Bekundung des Wunders der göttli­chen Liebe werden ließ. Der Kern dieses Sohnesbewußtseins ist in Jesus gewesen vom Beginn seines Auftretens an. Von den Tagen zu Caesarea Philippi an ist es durchgeklärt zu der Gewißheit, als der leidende Menschensohn nach des Vaters Willen den Todesweg nach Jerusalem gehen zu sollen. Die in der Bergpredigt stehenden Worte vom Nichtsorgen gehören in die Zeit von Jesu Zug in den Tod. Sie sind, recht verstanden, ein Ausdruck der seltsam tiefen und erschütternden Gestalt, die Jesu Gewißheit von der Liebe des Vaters hatte. Erbeben vor dem Geheimnis und ein inneres Ja zu dem ihm Bestimm­ten sind vermählt mit dem Erfahren einer überirdischen Ge­borgenheit.

Schon in den Tagen der Sturmfahrt ist dies alles in Jesus da gewesen als dunkle, ahnungsschwere Tiefe des Bewußt­seins. Der Bruch mit den Pharisäern und Schriftgelehrten war schon erfolgt. Die Verbindung der ihm feindlichen Führer der Frommen mit dem Landesherrn von Galiäa stand bevor. Die Predigt vom Boot aus mit der Absicht, von der heimischen Westküste des Sees fortzufahren ins Heidenland drüben im Osten nimmt sich wie ein Vorbote des endgültigen Scheidens von Galiläa aus, welches dann Jesu einsame Entscheidungs­zeit vor Caesarea Philippi eingeleitet hat. Als einer, welcher die aus des Vaters Willen mit ihm sich gebärende Stunde nahen fühlt, ist Jesus damals mit seinen Jüngern über den See ge­fahren. Ist diese Deutung richtig, so fällt auf die Entrücktheit und Ferne, mit welcher ihm des Windes Tosen und Drohen ein unwirklicher Spuk wird, das rechte Licht. Es kann ihm nichts geschehen von irgendeiner Gewalt und Macht in der Natur oder unter den Menschen. Des Vaters Wille behütet und bewahrt ihn für … ja wofür? Für die Stunde, die dunkle schwere Stunde, deren nun der Sohn harren muß. Wie kann man sich da fürchten vor den ins Boot schlagenden Wellen und den heulenden Stimmen der Windsbraut?

Dies Bewußtsein Jesu hat mit dem der Sternenmenschen und Geschichtshelden und Glückskinder eine Gemeinsamkeit: ebensowenig wie diese steht er unter der Herrschaft und Ge­walt des Augenblicks. Ebenso wie diese weiß er: es gibt nichts, das ihn fortreißen könnte von dem ihm bestimmten Wege. Dennoch, es ist eine abgrundtiefe Kluft da, welche jedes Ver­gleichen zur Narretei, jedes Verstehen herüber und hinüber zur Unmöglichkeit macht. Nicht der Traum von einer großen Mög­lichkeit läßt Jesus den Sturm verachten oder besser kaum gewahren. Die durch den Tod, den eigenen Tod hindurch sich erfüllende ewige Liebe des Vaters selbst, die doch nur mit Zittern und Zagen geahnt und geglaubt werden kann, ist das seine Entrücktheit und Fernheit und Gelassenheit Tragende. Wahrlich, man versteht es, wenn in den Begleitern nicht Be­wunderung der großen Gewalt Jesu, sondern Scheu vor dem Unheimlichen und Verborgenen dieser Hoheit sich regt. Sie spüren deutlicher vielleicht als später, daß hier ein Unbe­greifliches, ein das Menschensinnen Verzehrendes sich kundtut.

Ist dies das eigentliche Geheimnis der Sturmfahrt, so fährt in die Geschichte eine lebendige Gegenwärtigkeit. Man sitzt auf einmal mit den Jüngern im Boot. Und man sitzt darin nicht als einer, der im voraus weiß, daß alle Angst und Bangigkeit wirklich töricht ist, weil der zum Kreuzestod Ersehene noch durch viel größere Fährnisse hindurchkommen wird. Nein, man ist ganz in die Gegenwart jener Sturmesfahrt versunken. Das unenthüllte Geheimnis, welches um die Jünger weht, haucht einen selber an. Und so allein kann denn echter Glaube an Jesus als den vom Vater gesandten Sohn sich gebären. Glaube wird immer nur da, wo heilige Scheu vor einem Geheimnis die Sinne und den Verstand umfängt. Glaube ist eben ein Hin­durchdringen von dem uns Erdenkindern natürlichen Wirklich­keitsgefühl zu dem Wirklichkeitsgefühl Jesu, welchem des Vaters dunkel-heiliger und doch gnädiger Wille die Wirklich­keit aller Wirklichkeiten wird.

So wird denn der Blick eines Herzens, welches die Sturm­fahrt miterlebt, auf das Geheimnis des sich über unsre Ban­gigkeit verwundernden Jesus den eigentlichen Inhalt der Predigt zu bilden haben. Zuerst erscheint diesem Herzen die drohend um es herumspielende Wirklichkeit der Welt die einzige zu sein. Jesus, in dem es den Gottesträger zu ahnen glaubte, schläft, ist gleichsam nicht da. Dies ist der Zustand des uns aller christlichen Erziehung zum Trotz natürlichen eigenen Blindseins für die ewige Welt, und dies Blindsein ist zutiefst Angst. Alsdann gewahrt dies Herz an dem von ihm aufge­weckten Jesus eine innere Übermacht und Unberührtheit im Verhältnis zu der uns Menschen Angst weckenden Gefahr. Die Wirklichkeit, die uns alles scheint, ist ihm ein Nichts. Dies weckt jene eigentümliche Mischung von Unglaube und Glaube, Nichtverstehen und Ahnen, Ehrfurchthaben und Unheim­liches fürchten, welche man Scheu nennen muß. Die Ewigkeit kündet sich an, wird aber als etwas zugleich Großes und Dunkles gespürt. Endlich, wenn Gott die Gnade gibt, über die Halbherzigkeit der Jünger zu Jesu Lebzeiten hinauszuwachsen, geht dem Herzen das Geheimnis Jesu auf, und dies Aufgehen darf dann der ganze echte Glaube heißen. Es geht dem Herzen aber so auf, daß es zugleich Trost und Gericht ist. Die Ewig­keit ist dem Herzen da als Friede und Geborgenheit mitten in den Stürmen der Welt. Der Bann der Scheinwirklichkeit ist insofern gebrochen, und das ist Trost, sogar der Trost über alle Tröstungen sonst. Indes diese Ewigkeit fordert eine Herzens­verwandlung, eine Bereitschaft zum ganzen Gotterleiden. Und welches Menschenherz bebte nicht zurück vor einer so unbe­greiflichen, so übergewaltigen Liebe, wie der Vater sie Jesus erweist? So kann die Bewegung hinein in den Glauben Jesu als des Menschensohns sich in uns nicht vollenden. Jesus behält Grund, sich unsrer Bangigkeit zu verwundern. Aber auch über dieser unsrer Schwachheit schwebt des Vaters ewige Gnade. Sie ist die Vergebung und Rechtfertigung, die da auch anfan­genden Glauben annimmt und nicht zurückstößt, und damit die Grundlage unsers Christenstandes hier auf Erden.

Wenn eine Predigt dies alles den Hörern innerlich gegen­wärtig zu machen weiß, wird es ihnen zur Nebensache werden, ob der Prediger an ein Naturwunder in gewöhnlichem Sinne glaubt oder nicht. Gelingen aber wird solche Predigt freilich allein dem Prediger, welcher bei der Meditation mit den Jün­gern zusammen im Boote gesessen hat.

Quelle: Emanuel Hirsch, Predigerfibel, Berlin: Walter de Gruyter, 1964, S. 199-205.

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