Milan Kundera, Der entführte Westen oder die Tragödie Mitteleuropas (1983): „Und, um die Wahrheit zu sagen, sehe ich die Schuld Mitteleuropas schließlich in dem, was ich die ‚Ideologie der slawischen Welt‘ nennen möchte. Die Tschechen (trotz der ernsten Warnung ihrer repräsentativsten Persönlichkeiten) trugen sie ger­ne vor sich her, als sie sich naiv gegen die deutsche Aggressivität verteidigten; die Russen hingegen benutzten sie gerne, um ihre imperialen Ziele zu rechtfertigen.“

Der entführte Westen oder die Tragödie Mitteleuropas

Von Milan Kundera

1.

1956, im September, schickte der Direktor der ungarischen Nachrichtenagentur, wenige Minuten bevor sein Büro durch einen Raketenangriff zerstört wurde, eine verzweifelte Nachricht über die russische Offensive, die am Morgen gegen Budapest begonnen hatte, per Telex in die ganze Welt. Die Nachricht endete mit den Worten: „Wir sterben für Ungarn und für Europa“.

Was bedeutete dieser Satz? Er bedeutete sicherlich, dass die russischen Panzer Ungarn und damit Europa in Gefahr brachten. Aber in welchem Sinne war Europa in Gefahr? Waren die russischen Panzer bereit, die ungarischen Grenzen in Richtung Westen zu überschreiten? Nein. Der Leiter der ungarischen Nachrichtenagentur wollte sagen, dass die Russen mit ihrem Angriff auf Ungarn Europa selbst angriffen. Er war bereit zu sterben, damit Ungarn ungarisch und europäisch bleiben konnte.

Auch wenn die Bedeutung des Satzes klar zu sein scheint, gibt er uns weiterhin Rätsel auf. Hier, in Frankreich, in Amerika, sind wir daran gewöhnt zu glauben, dass es nicht um Ungarn oder Europa ging, sondern um ein politisches Regime. Man hätte nie gesagt, dass Ungarn als solches bedroht war, und noch weniger versteht man, warum ein Ungar, der mit seinem eigenen Tod konfrontiert ist, sich auf Europa beruft. Beruft sich Solschenizyn, wenn er die kommunistische Unterdrückung anprangert, auf Europa als einen Grundwert, für den es sich zu sterben lohnt?

Nein, „für sein Vaterland und für Europa sterben“ ist ein Satz, der weder in Moskau noch in Leningrad, sondern genau in Budapest oder Warschau gedacht werden könnte.

2.

Was bedeutet Europa eigentlich für einen Ungarn, einen Tschechen, einen Polen? Von Anfang an gehörten diese Nationen zu dem Teil Europas, der im römischen Christentum verwurzelt war. Sie waren an allen Phasen seiner Geschichte beteiligt. Das Wort „Europa“ ist für sie kein geografisches Phänomen, sondern ein geistiger Begriff, der mit dem Wort „Westen“ gleichbedeutend ist. In dem Moment, in dem Ungarn nicht mehr Europa, d. h. Westen ist, wird es von seinem eigenen Schicksal, von seiner eigenen Geschichte vertrieben: es verliert den Kern seiner Identität.

Das geographische Europa (das vom Atlantik bis zum Ural reicht) war schon immer in zwei Hälften geteilt, die sich getrennt voneinander entwickelten: Die eine war mit dem alten Rom und der katholischen Kirche verbunden (besonderes Zeichen: lateinisches Alphabet); das andere ist in Byzanz und der orthodoxen Kirche verwurzelt (besonderes Zeichen: kyrillisches Alphabet). Nach 1945 verschob sich die Grenze zwischen diesen beiden Europas um einige hundert Kilometer nach Westen, und einige Nationen, die immer als westlich galten, wachten eines Tages auf und stellten fest, dass sie sich im Osten befanden.

Infolgedessen bildeten sich nach dem Krieg drei grundlegende Situationen in Europa heraus: Westeuropa, Osteuropa und die komplizierteste Situation des Teils Europas, der geografisch im Zentrum, kulturell im Westen und politisch im Osten liegt.

Diese widersprüchliche Situation in Mitteleuropa, die ich als zentral bezeichne, kann uns ver­ständlich machen, warum sich hier seit 35 Jahren das Drama Europas konzentriert: der große ungarische Aufstand von 1956 mit dem blutigen Massaker, das ihm folgte; der Prager Früh­ling und die Besetzung der Tschechoslowakei 1968; die polnischen Revolten 1956, 1968, 1970 und die der letzten Jahre. Weder vom dramatischen Inhalt noch von der historischen Tragweite her lässt sich irgendetwas, was im geographischen Europa, weder in Touest noch in Test, geschieht, mit der Abfolge der Aufstände in Mitteleuropa vergleichen[1]. Jede dieser Auf­stände wurde von fast der gesamten Bevölkerung getragen. Ohne die Unterstützung Russlands hätten die Regime dort nicht länger als drei Stunden standhalten können. Die Ereignisse in Prag und Warschau können jedoch nicht als Drama Osteuropas, des Sowjetblocks oder des Kommunismus betrachtet werden, sondern als Drama Mitteleuropas.

In Russland sind solche Aufstände, die von der gesamten Bevölkerung unterstützt werden, undenkbar. Aber sie sind auch in Bulgarien undenkbar, einem Land, das bekanntlich der sta­bilste Teil des kommunistischen Blocks ist. Warum ist das so? Weil Bulgarien seit seinen Ursprüngen Teil der östlichen Zivilisation ist, dank der orthodoxen Religion, deren erste Mis­sionare übrigens Bulgaren waren. Die Folgen des letzten Krieges bedeuteten für die Bulgaren also einen erheblichen und bedauerlichen politischen Wandel (die Menschenrechte wurden dort nicht weniger mit Füßen getreten als in Budapest), aber nicht den Zusammenprall der Zivilisationen, den sie für die Tschechen, die Polen und die Ungarn darstellten.

3.

Die Identität eines Volkes oder einer Zivilisation spiegelt sich in der Gesamtheit der geistigen Schöpfungen wider, die gewöhnlich als „Kultur“ bezeichnet werden, und wird darin zusam­mengefasst. Wenn diese Identität tödlich bedroht ist, intensiviert und verschärft sich das kul­turelle Leben, und die Kultur wird zum lebendigen Wert, um den sich das ganze Volk schart. Aus diesem Grund spielten das kulturelle Gedächtnis sowie das zeitgenössische Schaffen in allen mitteleuropäischen Revolten eine so große und entscheidende Rolle wie nirgendwo und niemals in irgendeinem europäischen Volksaufstand.[2]

Schriftsteller, die sich in einem nach dem romantischen Dichter Sandor Petofi benannten Kreis zusammengeschlossen hatten, lösten in Ungarn eine große kritische Reflexion aus und bereiteten so die Explosion von 1956 vor. Es waren Theater, Film, Literatur und Philosophie, die jahrelang an der libertären Emanzipation des Prager Frühlings arbeiteten. Es war das Verbot einer Aufführung von Adam Mickiewicz, dem größten polnischen Dichter der Roman­tik, das 1968 den berühmten polnischen Studentenaufstand auslöste. Diese glückliche Verbindung von Kultur und Leben, von Schöpfung und Volk prägte die mitteleuropäischen Revolten mit einer unnachahmlichen Schönheit, von der wir, die wir sie miterlebt haben, für immer verzaubert bleiben werden.

Was ich im tiefsten Sinne des Wortes als schön empfinde, ist einem deutschen oder französi­schen Intellektuellen eher suspekt. Er hat den Eindruck, dass diese Aufstände nicht authentisch und wirklich volkstümlich sein können, wenn sie unter einem zu großen Einfluss der Kultur stehen. Es ist seltsam, aber für manche sind Kultur und Volk zwei unvereinbare Begriffe. Die Idee der Kultur verschmilzt in ihren Augen mit dem Bild einer Elite der Privilegierten. Daher begegneten sie der Solidaritätsbewegung mit weitaus mehr Sympathie als den vorangegangenen Revolten. Die Solidaritätsbewegung unterscheidet sich in ihrem Wesen nicht von diesen, sondern ist lediglich ihr Höhepunkt: die perfekteste (am besten organisierte) Vereinigung des Volkes und der verfolgten, vernachlässigten oder unterdrückten kulturellen Tradition des Landes.

4.

Man könnte mir Folgendes entgegnen: Geben wir zu, dass die mitteleuropäischen Länder ihre bedrohte Identität verteidigen, aber das macht ihre Situation nicht so spezifisch. Russland be­findet sich in einer ähnlichen Situation. Auch es ist dabei, seine Identität zu verlieren. Denn es ist nicht Russland, sondern der Kommunismus, der Nationen ihres Wesens beraubt und dem das russische Volk als erstes zum Opfer fiel. Es ist aber nicht so, dass die Russen die anderen russifizieren wollen, sondern dass die zutiefst a-nationale, kontra-nationale und supra-nationale Sowjetbürokratie ein technisches Werkzeug benötigt, um ihren Staat zu ver­einheitlichen.

Ich verstehe diese Logik, und ich verstehe auch die Verletzlichkeit der Russen, die darunter leiden, dass man den verhassten Kommunismus mit ihrem geliebten Heimatland verwechseln könnte.

Aber auch ein Pole muss darunter verstanden werden, dessen Heimat, mit Ausnahme einer kurzen Periode zwischen den beiden Kriegen, seit zwei Jahrhunderten von Russland versklavt ist und in dieser Zeit eine ebenso geduldige wie unerbittliche Russifizierung erfahren hat.

An der östlichen Grenze des Westens, die Mitteleuropa darstellt, war man schon immer empfindlicher gegenüber der Gefahr der russischen Macht. Und nicht nur die Polen. Frantisek Palacky, der große Historiker und die repräsentativste Persönlichkeit der tschechischen Politik des 19. Jahrhunderts, schrieb 1848 den berühmten Brief an das revolutionäre Parlament in Frankfurt, in dem er die Existenz des Habsburgerreichs als einziges mögliches Bollwerk gegen Russland rechtfertigte, „diese Macht, die, da sie heute eine ungeheure Größe hat, ihre Kraft mehr steigert, als irgendein westliches Land es je tun könnte“. Palacky warnte vor den imperialen Ambitionen Russlands, das versuche, eine „Universalmonarchie“ zu werden, d. h. die Weltherrschaft anzustreben. Die „Universalmonarchie Russlands“, so Palacky, „würde das gewaltige und unaussprechliche Unheil, das Unheil ohne Maß und ohne Grenzen“ sein.

Palacky zufolge sollte Mitteleuropa die Heimat gleichberechtigter Nationen sein, die mit ge­genseitigem Respekt und unter dem Schutz eines gemeinsamen, starken Staates ihre unterschiedlichen Eigenheiten pflegen sollten. Obwohl sich dieses Ziel nie vollständig verwirklichte, blieb es dennoch mächtig und einflussreich, da es von allen großen mitteleuropäischen Geistern geteilt wurde. Mitteleuropa wollte das kondensierte Bild von Europa und seinem vielfältigen Reichtum sein, ein kleines erzeuropäisches Europa, ein miniaturisiertes Modell des Europas der Nationen, das auf der Regel beruht: maximale Vielfalt auf minimalem Raum. Wie konnte sie nicht entsetzt sein über Russland, das sich auf die entgegengesetzte Regel stützte: minimale Vielfalt auf maximalem Raum?

Denn nichts konnte Mitteleuropa und seiner Leidenschaft für Vielfalt fremder sein als das uniformierende, uniformierende, zentralisierende Russland, das mit furchtbarer Entschlossen­heit alle Nationen seines Reiches (Ukrainer, Weißrussen, Armenier, Letten, Litauer usw.) in ein sowjetisches Volk verwandelte.) in ein einziges russisches Volk (oder, wie man heute, im Zeitalter der verallgemeinerten Mystifizierung des Vokabulars, lieber sagt, in ein einziges sowjetisches Volk) verwandelte.

Ist der Kommunismus jedoch die Absage an die russische Geschichte oder vielmehr ihre Er­füllung?

Er ist sicherlich sowohl seine Verneinung (Verneinung seiner Religiosität, z. B.) als auch sei­ne Erfüllung (Erfüllung seiner zentralistischen Tendenzen und seiner imperialen Rivalen).

Aus der Sicht Russlands ist der erste Aspekt, der der Diskontinuität, am auffälligsten. Aus der Sicht der versklavten Länder wird der zweite Aspekt, der der Kontinuität, am stärksten empfunden .[3]

5.

Aber stelle ich Russland der westlichen Zivilisation nicht in einer zu absoluten Weise entge­gen? Ist Europa, obwohl es in seinen westlichen und östlichen Teil geteilt ist, nicht trotzdem eine einzige Entität, die im alten Griechenland und im sogenannten jüdisch-christlichen Den­ken verwurzelt ist?

Selbstverständlich ist das so. Die weit zurückreichenden antiken Wurzeln verbinden Russland mit uns. Während des gesamten 19. Jahrhunderts näherte sich Russland Europa an. Die Faszi­nation war gegenseitig. Rilke erklärte Russland zu seiner geistigen Heimat und niemand konnte sich der Kraft des großen russischen Romans entziehen, der untrennbar mit der ge­meinsamen europäischen Kultur verbunden ist.

Ja, all das ist wahr, und die kulturelle Verlobung der beiden Europas wird in guter Erinnerung bleiben[4]. Aber es ist nicht weniger wahr, dass der russische Kommunismus die alten antiwest­lichen Obsessionen Russlands energisch wiederbelebt und es brutal aus der westlichen Ge­schichte herausgerissen hat.

Ich möchte noch einmal betonen, dass Russland am besten an der östlichen Grenze des Westens als Anti-Westen wahrgenommen wird; es erscheint nicht nur als eine der europäischen Mächte unter vielen, sondern als eine besondere Zivilisation, als eine andere Zivili­sation.

Czeslav Milosz beschreibt dies in seinem Buch Ein anderes Europa: Im 16. und 17. Jahr­hundert erschienen die Moskauer den Polen als „Barbaren, gegen die man an fernen Grenzen Krieg führte. Man interessierte sich nicht sonderlich für sie… Aus dieser Epoche, in der sie nur die Leere im Osten vorfanden, entstand bei den Polen die Vorstellung von einem Russ­land, das sich ‘da draußen’, außerhalb der Welt befand[5].“

Als „barbarisch“ erscheinen diejenigen, die ein anderes Universum repräsentieren. Die Russen repräsentieren es für die Polen immer. Kasimierz Brandys erzählt diese schöne Geschichte: Ein polnischer Schriftsteller traf Anna Achmatowa, die große russische Dichterin. Der Pole beklagte sich über seine Situation: Alle seine Werke waren verboten. Sie unterbrach ihn: „Wurden Sie jemals inhaftiert?“ Der Pole antwortete, dass dies nicht der Fall sei. „Sind Sie wenigstens aus dem Schriftstellerverband vertrieben worden? – Nein. – Worüber beschweren Sie sich dann?“ Achmatowa war aufrichtig verwirrt.

Und Brandys kommentiert: „Das sind die russischen Tröstungen. Nichts erscheint ihnen schrecklich genug im Vergleich zu Russlands Schicksal. Aber diese Tröstungen sind bedeu­tungslos. Das russische Schicksal ist nicht Teil unseres Bewusstseins; es ist uns fremd; wir sind nicht dafür verantwortlich. Es lastet auf uns, aber es ist nicht unser Erbe. Das war auch meine Beziehung zur russischen Literatur. Sie hat mich erschreckt. Bis heute bin ich entsetzt über einige Kurzgeschichten von Gogol und über alles, was Saltykow-Schtschedrin schreibt. Ich würde es vorziehen, ihre Welt nicht zu kennen, nicht zu wissen, dass es sie gibt[6].

Die Worte über Gogol drücken natürlich keine Ablehnung von Gogols Kunst aus, sondern den Schrecken der Welt, die diese Kunst heraufbeschwört: Diese Welt verzaubert und zieht uns an, wenn sie weit weg ist, und sie offenbart ihre ganze schreckliche Fremdheit, sobald sie uns in der Nähe umgibt: Sie besitzt eine andere (größere) Dimension des Unglücks, ein anderes Bild von Raum (ein Raum, der so riesig ist, dass sich ganze Nationen darin verlieren), einen ande­ren Rhythmus der Zeit (langsam und geduldig), eine andere Art zu lachen, zu leben und zu sterben.[7]

Deshalb empfindet das Europa, das ich als Mitteleuropa bezeichne, die Veränderung seines Schicksals nach 1945 nicht nur als politische Katastrophe, sondern als Infragestellung seiner Zivilisation. Der tiefere Sinn ihres Widerstands ist die Verteidigung ihrer Identität; oder anders ausgedrückt: Es ist die Verteidigung ihrer Westlichkeit.

6.

Man macht sich keine Illusionen mehr über die Regime in den Satellitenstaaten Russlands. Aber man vergisst den Kern ihrer Tragödie: Sie sind von der Landkarte des Westens ver­schwunden.

Wie ist es zu erklären, dass diese Seite des Dramas nahezu unsichtbar geblieben ist?

Dies lässt sich erklären, indem man Mitteleuropa selbst diabolisch in die Verantwortung nimmt.

Die Polen, Tschechen und Ungarn hatten eine bewegte, zersplitterte Geschichte und eine weni­ger starke und weniger kontinuierliche Staatstradition als die großen europäischen Völker. Auf der einen Seite von den Deutschen, auf der anderen Seite von den Russen eingeengt, verbrauchten diese Nationen im Kampf um ihr Überleben und ihre Sprache zu viel Kraft. Da sie nicht in der Lage waren, ausreichend in das europäische Bewusstsein einzudringen, blieben sie der am wenigsten bekannte und zerbrechlichste Teil des Westens, der sich zudem hinter dem Vorhang der bizarren und schlecht zugänglichen Sprachen verbarg.

Das österreichische Kaiserreich sah eine große Chance, in Mitteleuropa einen starken Staat zu gründen. Leider waren die Österreicher zwischen dem arroganten pangermanischen Nationalis­mus und ihrer eigenen mitteleuropäischen Mission gespalten. Es gelang ihnen nicht, einen föderativen Staat gleichberechtigter Nationen zu errichten, und ihr Scheitern wurde zum Unglück für ganz Europa. Unzufrieden ließen die anderen mitteleuropäischen Nationen das Kaiserreich 1918 zerschlagen, ohne zu erkennen, dass es trotz seiner Unzulänglichkeiten unersetzlich war. So verwandelte sich Mitteleuropa nach dem Ersten Weltkrieg in eine Zone verwundbarer Kleinstaaten, deren Schwäche Hitler die ersten Eroberungen und Stalin den endgültigen Triumph ermöglichte. Vielleicht sind diese Länder im kollektiven Unterbewusstsein der Europäer immer noch gefährliche Unruhestifter.

Und, um die Wahrheit zu sagen, sehe ich die Schuld Mitteleuropas schließlich in dem, was ich die „Ideologie der slawischen Welt“ nennen möchte. Ich sage „Ideologie“, weil es sich dabei um eine politische Mystifikation handelt, die im 19. und 20. Jahrhundert erfunden wurde. Die Tschechen (trotz der ernsten Warnung ihrer repräsentativsten Persönlichkeiten) trugen sie ger­ne vor sich her, als sie sich naiv gegen die deutsche Aggressivität verteidigten; die Russen hingegen benutzten sie gerne, um ihre imperialen Ziele zu rechtfertigen. „Die Russen nennen gerne alles Russische slawisch, um später alles Slawische russisch nennen zu können“, verkün­dete bereits 1844 der große tschechische Schriftsteller Karel Havlicek[8], der seine Lands­leute vor ihrer dummen und unrealistischen Russophilie warnte. Unrealistisch, weil die Tsche­chen während ihrer tausendjährigen Geschichte niemals direkten Kontakt mit Russland hatten. Trotz der sprachlichen Verwandtschaft gab es keine gemeinsame Welt mit ihnen, keine gemeinsame Geschichte, keine gemeinsame Kultur, während die Beziehungen der Polen zu den Russen ein Kampf auf Leben und Tod waren.

Vor etwa sechzig Jahren schrieb Josef Konrad Korzeniowsky, bekannt als Joseph Conrad, irritiert von der Etikette des „slawischen Geistes“, die man ihm und seinen Büchern aufgrund seiner polnischen Herkunft gerne anheftete: „Nichts ist dem polnischen Temperament mit seinem ritterlichen Gefühl für moralische Zwänge und seinem übertriebenen Respekt für indi­viduelle Rechte fremder als das, was man in der literarischen Welt den „slawischen Geist“ nennt.“ (Wie ich ihn verstehe! Auch ich kenne nichts Lächerlicheres als diesen Kult der dunk­len Tiefen, diese ebenso laute wie leere Sentimentalität, die man „slawische Seele“ nennt und die man mir gelegentlich zuschreibt[9])!

Nirgendwo sonst wurde die Idee der slawischen Welt zum Gemeinplatz der globalen Historio­graphie[10]. Die Teilung Europas nach 1945, die diese sogenannte „Welt“ vereinte (und auch die armen Ungarn und Rumänen einbezog, deren Sprache natürlich nicht slawisch ist, aber wer würde sich schon mit so etwas beschäftigen), konnte daher als eine fast natürliche Lösung erscheinen.

7.

Ist es also die Schuld Mitteleuropas, dass der Westen sein Verschwinden nicht einmal be­merkt hat? Nicht ganz. Zu Beginn unseres Jahrhunderts wurde sie trotz ihrer politischen Schwäche zu einem großen Kulturzentrum, vielleicht sogar zum größten. Die Bedeutung Wiens in dieser Hinsicht ist heute allgemein bekannt, aber man kann nie genug betonen, dass die Originalität der österreichischen Hauptstadt ohne den Hintergrund anderer Länder und Städte, die ihrerseits durch ihre eigene Kreativität an der gesamten mitteleuropäischen Kultur teilhatten, nicht denkbar ist. Während Schönbergs Schule das Zwölftonsystem begründete, fand der Ungar Bela Bartok, meiner Meinung nach einer der zwei oder drei größten Musiker des 20. Jahrhunderts, noch die letzte originelle Möglichkeit der auf dem tonalen Prinzip basierenden Musik. Prag schuf mit den Werken von Kafka und Hasek ein großes romanhaftes Gegenstück zu den Werken der Wiener Musil und Broch. Die kulturelle Dynamik der nicht-deutschsprachigen Länder verstärkte sich noch nach 1918, als Prag die Initiative des Prager Sprachkreises und seines strukturalistischen Denkens in die Welt brachte[11]. Die große Drei­einigkeit Gombrowicz, Schulz, Witkiewicz gab in Polen einen Vorgeschmack auf die euro­päische Moderne der 1950er Jahre, insbesondere auf das sogenannte Theater des Absurden.

Es stellt sich die Frage: War diese ganze große kreative Explosion nur ein geografischer Zu­fall? Oder war sie in einer langen Tradition, in einer Vergangenheit verwurzelt? Anders ausgedrückt: Kann man Mitteleuropa als einen echten kulturellen Komplex mit einer eigenen Geschichte bezeichnen? Und wenn es einen solchen Komplex gibt, kann man ihn geographisch definieren? Wo liegen seine Grenzen?

Es wäre vergeblich, sie genau definieren zu wollen. Denn Mitteleuropa ist kein Staat, sondern eine Kultur oder ein Schicksal. Seine Grenzen sind imaginär und müssen in jeder neuen histo­rischen Situation neu gezogen werden.

Im 14. Jahrhundert brachte die Karlsuniversität in Prag tschechische, österreichische, bayeri­sche, sächsische, polnische, litauische, ungarische und rumänische Intellektuelle (Professoren und Studenten) zusammen, wobei bereits der Keim für eine multinationale Gemeinschaft gelegt wurde, in der jeder das Recht auf seine eigene Sprache hat: In der Tat entstanden unter dem indirekten Einfluss dieser Universität (der Reformator Jan Hus war dort Rektor) die ersten Bibelübersetzungen ins Ungarische und Rumänische.

Es folgten die Hussitenrevolution, die internationale Ausstrahlung der ungarischen Renais­sance zur Zeit Mathias Korvins, die Bildung des Habsburger Reiches als Personalunion der drei unabhängigen Staaten Böhmen, Ungarn und Österreich, die Kriege gegen die Türken und die Gegenreformation im 19. In dieser Zeit trat die mitteleuropäische Kultur dank der außerordentlichen Blüte der Barockkunst, die diese riesige Region von Salzburg bis Wilno vereinte, wieder in voller Pracht hervor. Auf der europäischen Landkarte wurde das barocke Mitteleuropa (gekennzeichnet durch die Vorherrschaft des Irrationalen und die dominierende Rolle der bildenden Künste und vor allem der Musik) zum Gegenpol des klassischen Frankreich (gekennzeichnet durch die Vorherrschaft des Rationalen und die dominierende Rolle der Literatur und Philosophie). In dieser Zeit des Barocks liegen die Wurzeln der außergewöhnlichen Entwicklung der mitteleuropäischen Musik, die von Haydn bis Schonberg, von Liszt bis Bartok die Revolution der gesamten europäischen Musik in sich vereint.

Im 19. Jahrhundert standen sich in den nationalen Kämpfen (der Polen, Ungarn, Tschechen, Kroaten, Slowenen, Rumänen und Juden) Nationen gegenüber, die zwar unverbunden, isoliert und in sich gekehrt waren, aber dennoch die gleiche große existentielle Erfahrung machten: eine Nation, die zwischen ihrer Existenz und ihrer Nichtexistenz wählt, d. h. zwischen ihrem authentischen nationalen Leben und der Eingliederung in eine größere Nation.

Auch die Österreicher, die dominierende Nation des Reiches, konnten sich der Notwendigkeit dieser Entscheidung nicht entziehen; sie mussten sich zwischen ihrer österreichischen Identi­tät und ihrer Verschmelzung mit der größeren deutschen Einheit entscheiden. Auch die Juden konnten dieser Frage nicht ausweichen. Der Zionismus, der übrigens auch in Mitteleuropa entstand, wählte nur den Weg aller mitteleuropäischen Nationen, indem er die Assimilation ablehnte.

Das 20. Jahrhundert hat andere Situationen gesehen: Der Zusammenbruch des Imperiums, der russische Anschluss und die lange Periode der mitteleuropäischen Revolten, die nichts anderes sind als eine riesige Wette auf die unbekannte Lösung.

Was die mitteleuropäische Gemeinschaft definiert und bestimmt, können daher nicht die politischen Grenzen sein (die unauthentisch sind und immer durch Invasionen, Eroberungen und Besetzungen auferlegt werden), sondern die großen gemeinsamen Situationen, die Völker zusammenbringen und sie immer wieder anders gruppieren, in imaginären und sich ständig verändernden Grenzen, innerhalb derer das mime Gedächtnis, die mime Erfahrung und die mime Traditionsgemeinschaft bestehen bleiben.

8.

Sigmund Freuds Eltern stammten aus Polen, aber der kleine Sigmund verbrachte seine Kindheit in meiner Heimat Mähren, wo er Edmund Husserl und Gustav Mahler mimte; auch der Wiener Romancier Joseph Roth hatte seine Wurzeln in Polen; der große tschechische Dichter Julius Zeyer wurde in Prag in einer deutschsprachigen Familie geboren, und die tschechische Sprache war die von ihm gewählte. Im Gegensatz dazu war die Muttersprache von Hermann Kafka tschechisch, während sein Sohn Franz die deutsche Sprache vollständig annahm.

Der Schriftsteller Tibor Déry, die Schlüsselfigur des ungarischen Aufstands von 1956, stamm­te aus einer ungarisch-deutschen Familie, und mein lieber Danilo Kis, ein hervorragender Romanautor, ist ein ungarischer Jugoslawe. Welch ein Gewirr von nationalen Schicksalen bei den repräsentativsten Persönlichkeiten!

Und alle, die ich gerade genannt habe, sind Juden. In der Tat wurde kein Teil der Welt so tief vom jüdischen Genie geprägt. Die Juden, die überall fremd und überall zu Hause waren und sich über nationale Streitigkeiten erhoben, waren im 20. Jahrhundert das wichtigste kosmopolitische und integrierende Element Mitteleuropas, sein intellektueller Kitt, die Verdichtung seines Geistes und der Schöpfer seiner geistigen Einheit. Deshalb liebe ich sie und halte ihr Erbe mit Leidenschaft und Nostalgie in Ehren, als wäre es mein eigenes persönliches Erbe.

Noch etwas anderes macht mir die jüdische Nation so lieb; in ihrem Schicksal scheint mir das mitteleuropäische Schicksal konzentriert zu sein, sich zu spiegeln, sein symbolisches Bild zu finden. Was ist Mitteleuropa? Die unsichere Zone kleiner Nationen zwischen Russland und Deutschland. Ich betone die Worte: kleine Nation. Denn was sind die Juden anderes als eine kleine Nation, die kleine Nation schlechthin? Die einzige von allen kleinen Nationen zu allen Zeiten, die die Imperien und den verheerenden Lauf der Geschichte überlebt hat.

Aber was ist eine kleine Nation? Ich schlage Ihnen meine Definition vor: Die kleine Nation ist eine Nation, deren Existenz jederzeit in Frage gestellt werden kann, die verschwinden kann und die das weiß. Ein Franzose, ein Russe oder ein Engländer stellen sich gewöhnlich keine Fragen über das Überleben ihrer Nation. Ihre Hymnen sprechen nur von Größe und Ewigkeit. Nun beginnt die polnische Hymne mit der Zeile: „Noch ist Polen nicht untergegangen…“.

Mitteleuropa als Hort kleiner Nationen hat seine eigene Sicht der Welt, eine Sicht, die auf einem tiefen Misstrauen gegenüber der Geschichte beruht. Die Geschichte, diese Göttin von Hegel und Marx, diese Verkörperung der Vernunft, die über uns urteilt und uns schiedsrichterlich behandelt, ist die Geschichte der Sieger. Die mitteleuropäischen Völker sind jedoch keine Sieger. Sie sind untrennbar mit der europäischen Geschichte verbunden, sie könnten ohne sie nicht existieren, aber sie stellen nur die Kehrseite dieser Geschichte dar, ihre Opfer und Außenseiter. In dieser ernüchternden historischen Erfahrung liegt die Quelle der Originalität ihrer Kultur, ihrer Weisheit, ihres „Geistes des Nicht-Ernsthaften“, der sich nicht um Größe und Ruhm schert. „Wir sollten nicht vergessen, dass wir uns nur dann der Geschichte als solcher widersetzen können, wenn wir uns der Geschichte von heute widersetzen.“ Diesen Satz von Witold Gombrowicz würde ich gerne in das Eingangstor zu Mitteleuropa eingravieren.[12]

Deshalb war in dieser Region der kleinen Nationen, die „noch nicht untergegangen sind“, die Verwundbarkeit Europas, ganz Europas, deutlicher und früher sichtbar als anderswo. Denn in unserer modernen Welt, in der die Macht dazu neigt, sich immer mehr in den Händen einiger weniger Großer zu konzentrieren, laufen alle europäischen Nationen Gefahr, bald zu kleinen Nationen zu werden und deren Schicksal zu erleiden. In diesem Sinne erscheint das Schicksal Mitteleuropas als Vorwegnahme des europäischen Schicksals im Allgemeinen, und seine Kultur gewinnt von Anfang an eine enorme Aktualität.

Man muss nur die größten mitteleuropäischen Romane[13] lesen: In Brochs Die Schlafwandler erscheint die Geschichte als ein Prozess des Werteverfalls; Musils Der Mann ohne Eigenschaf­ten schildert eine euphorische Gesellschaft, die nicht weiß, dass sie morgen untergehen wird; in Haseks Der tapfere Soldat Schweik ist die Simulation von Idiotie die letzte Möglichkeit, seine Freiheit zu bewahren; Kafkas romanhafte Visionen erzählen uns von der Welt ohne Erinnerung an die Welt nach der historischen Zeit. Das gesamte große mitteleuropäische Schaffen, von unserem Jahrhundert bis heute, könnte als eine lange Meditation über das mögliche Ende der europäischen Menschheit verstanden werden.

9.

Heute ist Mitteleuropa von Russland unterjocht, mit Ausnahme des kleinen Österreichs, das eher durch Glück als durch Notwendigkeit seine Unabhängigkeit bewahrt hat, das aber, aus dem mitteleuropäischen Umfeld gerissen, den größten Teil seiner Eigenart und seine Bedeu­tung verliert. Das Verschwinden des mitteleuropäischen Kulturzentrums war sicherlich eines der größten Ereignisse des Jahrhunderts für die gesamte westliche Zivilisation. Ich wiederhole daher meine Frage: Wie war es möglich, dass er unbemerkt und unbenannt blieb?

Meine Antwort ist einfach: Europa hat das Verschwinden seiner großen kulturellen Heimat nicht bemerkt, weil Europa seine Einheit nicht mehr als kulturelle Einheit empfindet.

Worauf beruht die Einheit Europas?

Im Mittelalter beruhte sie auf der gemeinsamen Religion.

In der Neuzeit, als sich der mittelalterliche Gott in den Deus absconditus verwandelte, wurde die Religion durch die Kultur ersetzt, die zur Verwirklichung der höchsten Werte wurde, durch die sich die europäische Menschheit verstand, definierte und identifizierte.

Nun scheint mir, dass in unserem Jahrhundert ein weiterer Wandel stattfindet, der ebenso wichtig ist wie der, der das Mittelalter von der Neuzeit trennt. So wie Gott einst der Kultur seinen Platz abtrat, so tritt heute die Kultur an seine Stelle.

Aber auf was und auf wen? In welchem Bereich werden die höchsten Werte erreicht, die Europa vereinen können? Technische Errungenschaften? Der Markt? Die Medien? (Wird der große Dichter durch den großen Journalisten ersetzt?) Oder die Politik? Aber welche? Die rechte oder die linke? Gibt es über diesem ebenso dummen wie unüberwindbaren Manichä­ismus noch ein erkennbares gemeinsames Ideal?

Ist es das Prinzip der Toleranz, der Respekt vor dem Glauben und dem Denken anderer? Aber wird diese Toleranz, wenn sie keine reiche Schöpfung und kein starkes Denken mehr schützt, nicht leer und nutzlos? Oder kann man die Resignation der Kultur als eine Art Erlösung verstehen, der man sich in Euphorie hingeben muss? Oder wird der Deus absconditus zu­rückkehren, um den freigewordenen Platz einzunehmen und sich sichtbar zu machen? Ich weiß es nicht, ich weiß es nicht. Ich glaube nur zu wissen, dass die Kultur ihren Platz geräumt hat.

Hermann Broch war schon in den 1930er Jahren von dieser Idee besessen. Er sagte zum Bei­spiel: „Die Malerei ist eine völlig esoterische Angelegenheit geworden, die in die Welt der Museen gehört; es gibt kein Desinteresse mehr an ihr und ihren Problemen, sie ist fast das Relikt einer vergangenen Periode.“

Damals waren diese Worte überraschend, heute sind sie es nicht mehr. In den vergangenen Jahren führte ich eine kleine Umfrage für mich selbst durch, indem ich die Menschen, die ich traf, unschuldig nach ihrem zeitgenössischen Lieblingsmaler fragte. Ich stellte fest, dass nie­mand einen zeitgenössischen Lieblingsmaler kannte und dass die meisten von ihnen überhaupt keinen kannten.

Das ist eine Situation, die noch vor dreißig Jahren, als die Generation von Matisse und Pi­casso noch lebte, undenkbar gewesen wäre. Inzwischen hat die Malerei an Gewicht verloren und ist zu einer Randaktivität geworden. Liegt es daran, dass sie nicht mehr gut war? Oder weil wir den Geschmack und die Bedeutung für sie verloren haben? Immerhin lässt uns die Kunst, die den Stil der Epochen schuf und Europa jahrhundertelang begleitete, im Stich, oder wir geben sie auf.

Was ist mit der Poesie, der Musik, der Architektur und der Philosophie? Auch sie haben die Fähigkeit verloren, die europäische Einheit zu formen und ihre Grundlage zu sein. Dies ist eine Veränderung, die für die europäische Menschheit genauso wichtig ist wie die Entkolo­nialisierung Afrikas.

10.

Franz Werfel verbrachte das erste Drittel seines Lebens in Prag, das zweite in Wien und das dritte in der Emigration, zuerst in Frankreich und dann in Amerika; eine typisch mitteleuro­päische Biographie. 1937 befand er sich mit seiner Frau, der berühmten Mahler-Witwe Alma, in Paris, wo er von der Organisation für intellektuelle Zusammenarbeit des Völkerbundes zu einem Kolloquium über die „Zukunft der Literatur“ eingeladen wurde. In seinem Vortrag wand­te sich Werfel nicht nur gegen den Hitlerismus, sondern gegen die totalitäre Gefahr im Allgemeinen, gegen die ideologische und journalistische Verblödung unserer Zeit, die die Kultur töten werde. Er beendete seinen Vortrag mit einem Vorschlag, von dem er glaubte, dass er den infernalischen Prozess bremsen könnte: die Gründung einer Weltakademie der Dichter und Denker. Ihre Mitglieder sollten unter keinen Umständen von Staaten delegiert werden. Die Auswahl der Mitglieder sollte ausschließlich auf der Grundlage des Wertes ihrer Werke erfolgen. Die Zahl der Mitglieder sollte zwischen 24 und 40 liegen und aus den bedeutendsten Schriftstellern der Welt bestehen. Die Aufgabe dieser von Politik und Propaganda unabhängigen Akademie sollte darin bestehen, „der Politisierung und Barbarisierung der Welt entgegenzutreten“.

Dieser Vorschlag wurde nicht nur nicht angenommen, sondern sie wurde auch offen verspottet. Natürlich war er naiv. Es war schrecklich naiv. Wie sollte man in der absolut politisierten Welt, in der die Künstler und Denker bereits alle unwiderruflich „engagiert“ waren, diese unabhängige Akademie gründen? Sie konnte nur den komischen Anschein einer Ansammlung schöner Seelen erwecken.

Und doch schien mir dieser naive Vorschlag rührend, weil er das verzweifelte Bedürfnis verriet, in einer Welt ohne Werte noch eine moralische Autorität zu finden. Er war nichts weiter als der ängstliche Wunsch, die unhörbare Stimme der Kultur, die Stimme der Dichter und Denker[14], hörbar zu machen.

Diese Geschichte verschmilzt in meinem Gedächtnis mit der Erinnerung an den Morgen, an dem die Polizei, nachdem sie die Wohnung eines meiner Freunde, eines berühmten tsche­chischen Philosophen, durchwühlt hatte, tausend Seiten seines philosophischen Manuskripts beschlagnahmte. Kurz darauf spazierten wir durch die Straßen von Prag. Wir gingen vom Burgberg, wo er wohnte, hinunter in Richtung der Halbinsel Kampa und überquerten die Manes-Brücke. Er versuchte, sich einen Spaß daraus zu machen: Wie sollte die Polizei seine philosophische Sprache entziffern, die ziemlich hermetisch war? Aber kein Witz konnte den Schmerz lindern oder den Verlust von zehn Jahren Arbeit wiedergutmachen, den dieses Manuskript bedeutete, von dem der Philosoph keine einzige Kopie besaß.

Wir diskutierten die Möglichkeit, einen offenen Brief an das Ausland zu richten, um aus der Beschlagnahmung einen internationalen Skandal zu machen. Uns war klar, dass wir uns nicht an eine Institution oder einen Staatsmann wenden sollten, sondern nur an eine Persönlichkeit, die über der Politik steht, an jemanden, der einen unbestreitbaren, in Europa allgemein aner­kannten Wert vertritt. Also an eine Persönlichkeit der Kultur. Aber wo war sie?

Plötzlich wurde uns klar, dass es diese Persönlichkeit nicht gab. Ja, es gab große Maler, Dra­matiker und Musiker, aber sie nahmen in der Gesellschaft nicht mehr den privilegierten Platz der moralischen Autoritäten ein, die Europa als seine geistigen Vertreter akzeptieren würde. Die Kultur existierte nicht mehr als der Bereich, in dem die höchsten Werte verwirklicht wurden.

Wir gingen zum Platz der Altstadt, in dessen Nähe ich damals wohnte, und fühlten eine riesi­ge Einsamkeit, eine Leere, die Leere des europäischen Raums, aus dem die eigene Kultur langsam herauswachsen würde.[15]

11.

Die letzte Erinnerung an den Westen, die die mitteleuropäischen Länder aus ihrer eigenen Erfahrung haben, ist die der Zeit von 1918 bis 1938. Diese Erinnerung ist ihnen wichtiger als jede andere Epoche ihrer Geschichte (wie heimlich durchgeführte Umfragen belegen). Ihr Bild des Westens ist daher das des Westens von gestern; des Westens, in dem die Kultur noch nicht ganz ihren Platz eingenommen hatte.

In diesem Sinne möchte ich einen bedeutenden Umstand hervorheben: Die mitteleuropäischen Aufstände wurden nicht von Zeitungen, Radio oder Fernsehen, d.h. von den Medien, unterstützt. Sie wurden durch Romane, Poesie, Theater, Kino, Geschichtsschreibung, Literaturzeitschriften, populäre Komödien und philosophische Diskussionen vorbereitet, durchgeführt und realisiert, d. h. durch Kultur. Die Massenmedien, die für einen Franzosen oder Amerikaner ein Abbild des modernen Westens sind, spielten bei diesen Aufständen keine Rolle (sie waren dem Staat völlig unterworfen).[16]

Als die Russen die Tschechoslowakei besetzten, war die erste Folge davon die vollständige Zerstörung der tschechischen Kultur als solcher. Diese Zerstörung hatte drei Ausrichtungen: Erstens zerstörte sie das Zentrum der Opposition; zweitens untergrub sie die Identität der Nation, so dass sie leichter von der russischen Zivilisation geschluckt werden konnte; drittens setzte sie der Moderne ein gewaltsames Ende, der Epoche, in der die Kultur noch die Verwirklichung höchster Werte darstellte.

Diese dritte Konsequenz scheint mir am wichtigsten zu sein. Denn die Zivilisation des russischen Totalitarismus ist die radikale Negation des Westens, wie er an der Schwelle zur Neuzeit entstanden war, gegründet auf das denkende und zweifelnde Ego, charakterisiert durch das kulturelle Schaffen, das als Ausdruck dieses einzigartigen und unnachahmlichen Egos verstanden wurde. Die russische Invasion warf die Tschechoslowakei in die „Nach-Kultur-Epoche“ und machte sie angesichts der russischen Armee und des allgegenwärtigen Staatsfernsehens entwaffnet und nackt.

Noch erschüttert von diesem dreifach tragischen Ereignis, dem Einmarsch in Prag, kam ich nach Frankreich und versuchte, meinen französischen Freunden das Massaker an der Kultur zu erklären, das nach dem Einmarsch stattfand: „Stellt euch vor! Wir haben alle Literatur- und Kulturzeitschriften liquidiert! Alle, ohne Ausnahme! Das hat es in der tschechischen Geschichte noch nie gegeben, nicht einmal unter der Nazi-Besatzung während des Krieges!“

Meine Freunde sahen mich mit einer verlegenen Nachsicht an, deren Sinn ich erst später erkannte. Denn als in der Tschechoslowakei alle Zeitschriften aufgelöst wurden, wusste die ganze Nation davon, und sie spürte mit Angst die enorme Tragweite dieses Ereignisses[17]. Wenn in Frankreich oder England alle Zeitschriften verschwänden, würde niemand sie bemerken, nicht einmal ihre Herausgeber. In Paris, selbst in den kultivierten Kreisen, diskutiert man beim Abendessen über Fernsehsendungen und nicht über Zeitschriften. Denn die Kultur hat ihren Platz bereits aufgegeben. Ihr Verschwinden, das wir in Prag als eine Katastrophe, einen Schock, eine Tragödie erlebten, erlebten wir in Paris als etwas Banales und Bedeutungsloses, kaum Sichtbares, als ein Nicht-Ereignis.

12.

Nach der Zerstörung des Reiches verlor Mitteleuropa seine Stadtmauern. Hat es nach Ausch­witz, das die jüdische Nation von seiner Oberfläche fegte, nicht seine Seele verloren? Und existiert es noch, nachdem es 1945 aus Europa herausgerissen wurde?

Ja, seine Schöpfung und seine Aufstände zeigen, dass es „noch nicht untergegangen“ ist. Aber wenn Leben bedeutet, in den Augen derer, die man liebt, zu existieren, dann existiert Mitteleuropa nicht mehr. Genauer gesagt: In den Augen seiner geliebten Europäer ist es nur ein Teil des Sowjetreichs und nicht mehr und nicht weniger.

Und warum sollte sie das wundern? Aufgrund seines politischen Systems ist Mitteleuropa der Osten; aufgrund seiner Kulturgeschichte ist es der Westen. Da Europa aber dabei ist, den Sinn für seine eigene kulturelle Identität zu verlieren, sieht es in Mitteleuropa nur sein politisches System; mit anderen Worten: es sieht in Mitteleuropa nur Osteuropa.

Mitteleuropa muss sich daher nicht nur der schweren Kraft seines großen Nachbarn entgegenstellen, sondern auch der immateriellen Kraft der Zeit, die unwiderruflich die Epoche der Kultur hinter sich lässt. Deshalb haben die mitteleuropäischen Revolten etwas Konservatives, ich würde fast sagen Anachronistisches: Sie versuchen verzweifelt, die vergangene Zeit wiederherzustellen, die vergangene Zeit der Kultur, die vergangene Zeit der Neuzeit, denn nur in dieser Zeit, nur in der Welt, die eine kulturelle Dimension behält, kann Mitteleuropa noch seine Identität verteidigen, kann es noch als das wahrgenommen werden, was es ist.

Seine wahre Tragödie ist also nicht Russland, sondern Europa. Europa, dieses Europa, das für den Leiter der ungarischen Nachrichtenagentur einen so hohen Wert darstellte, dass er bereit war, für es zu sterben, und er starb. Hinter dem Eisernen Vorhang ahnte er nicht, dass sich die Zeiten geändert haben und dass in Europa Europa nicht mehr als Wert empfunden wird. Er ahnte nicht, dass der Satz, den er per Telex über die Grenzen seines flachen Landes hinaus­schickte, antiquiert klang und nie verstanden werden würde.

Ursprünglich auf Französisch erschienen unter dem Titel „Un Occident kidnappé. ou la tragédie de l’Europe centrale“, Le Débat, 1983/5, Nr. 27, Seiten 3-23.


[1] Könnte man den Aufstand der Berliner Arbeiter im Jahr 1953 zu diesen Revolten zählen? Ja und nein. Das Schicksal Ostdeutschlands hat einen besonderen Charakter. Es gibt keine zwei Polen, aber Ostdeutschland ist nur ein Teil Deutschlands, dessen nationale Existenz in keiner Weise bedroht ist. Dieses Stück spielt in den Händen der Russen die Rolle einer Geisel, gegenüber der Westdeutschland und die UdSSR eine sehr spezielle Politik verfolgen, die nicht für die mitteleuropäischen Nationen gilt und die, wie mir scheint, eines Tages auf ihre Kos­ten gehen wird. Vielleicht ist das der Grund, warum die Sympathie zwischen Ost- und Nicht-Ostdeutschen nicht sehr spontan ist. Das wurde deutlich, als die fünf Armeen des Warschauer Pakts die Tschechoslowakei besetzten. Die Russen, Bulgaren und Ostdeutschen waren furchterregend und gefürchtet. Im Gegensatz dazu könnte ich Dutzende Geschichten über die Polen und Ungarn erzählen, die alles daran setzten, ihre Ablehnung der Besat­zung zu zeigen, und sie offen sabotierten. Wenn man zu diesem polnisch-ungarisch-tschechischen Einverständ­nis die wirklich enthusiastische Hilfe, die Österreich den Tschechen damals anbot, und die antisowjetische Wut, die die Jugoslawen erfasste, hinzufügt, stellt man fest, dass die Besetzung der Tschechoslowakei den traditionel­len mitteleuropäischen Raum von Anfang an mit einer frappierenden Klarheit hervortreten ließ.

[2] Das Paradoxon ist für den ausländischen Beobachter schwer zu verstehen: Die Zeit nach 1945 ist zugleich die tragischste Epoche Mitteleuropas, aber auch eine der größten in seiner Kulturgeschichte. Ob im Exil (Gombro­wic, Milosz), als Schaffen im Untergrund (Tschechoslowakei nach 1968) oder schließlich als von den Behörden, die dem Druck der öffentlichen Meinung nachgeben mussten, geduldete Aktivität – der Film, der Roman, das Theater und die Philosophie, die in dieser Zeit dort entstanden sind, stellen Gipfelpunkte des europäischen Schaffens dar.

[3] Leszek Kolakowski sagte (Zeszyty literacke Nr. 2, Paris, 1983): „Obwohl ich wie Solschenizyn glaube, dass das Sowjetsystem den Zarismus an Unterdrückung übertroffen hat … würde ich nicht so weit gehen, das System zu idealisieren, gegen das meine Vorfahren unter schrecklichen Bedingungen gekämpft haben, gestorben sind, gefoltert wurden und Demütigungen erlitten haben …“ (Zeszyty literacke Nr. 2, Paris, 1983). Ich glaube, dass Solschenizyn dazu neigt, den Zarismus zu idealisieren, was weder ich noch wahrscheinlich irgendein anderer Pole akzeptieren kann.“

[4] Die beste russisch-westliche Ehe ist das Werk Strawinskys, das die gesamte tausendjährige Geschichte der westlichen Musik zusammenfasst und gleichzeitig durch seine musikalische Vorstellungskraft zutiefst russisch bleibt. Eine weitere ausgezeichnete Ehe wurde in Mitteleuropa in zwei wunderbaren Opern des großen Russo­philen Leos Janacek geschlossen: eine nach Ostrovski (Katia Kabanova, 1924), die andere, die ich sehr bewun­dere, nach Dostojewski (Aus dem toten Haus, 1928). Es ist jedoch sehr symptomatisch, dass diese Opern in Russland nie aufgeführt wurden und dass ihre Existenz dort unbekannt ist. Das kommunistische Russland lehnt Bündnisse mit dem Westen ab.

[5] Selbst der Nobelpreis hat die dumme Gleichgültigkeit der europäischen Verleger gegenüber Milosz nicht er­schüttert. Letztendlich ist er zu subtil und ein zu großer Dichter, um eine Persönlichkeit unserer Zeit zu werden. Seine beiden essayistischen Bücher, Das gefangene Denken (1953) und Das andere Europa (1959), aus denen ich mein Zitat entnommen habe, sind die ersten feinen, nicht manichäischen Analysen des russischen Kommu­nismus und seines Drangs nach Westen.

[6] Ich habe das Manuskript der amerikanischen Übersetzung dieses Buches von Brandys, das auf Polnisch Miesi­ace (Die Monate) und auf Englisch Warsaw Diary heißt, in einem Atemzug gelesen. Wenn Sie nicht an der Oberfläche der politischen Kommentare bleiben und in das Wesentliche des polnischen Dramas eindringen wollen, sollten Sie sich dieses großartige Buch nicht entgehen lassen! Es wird bald auf Französisch erscheinen.

[7] Der schönste und klarste Text, den ich je über Russland als besondere Zivilisation gelesen habe, ist Ciorans Text Russland und das Virus der Freiheit, der in seinem Buch Geschichte und Utopie (1960) veröffentlicht wurde. Die Versuchung zu existieren (1956) enthält weitere ausgezeichnete Gedanken über Russland und Euro­pa. Cioran ist, wie mir scheint, einer der wenigen Denker, der die Frage nach Europa noch in ihrer vollen Dimension stellt. Es ist übrigens nicht der französische Schriftsteller Cioran, der sie stellt, sondern der Mitteleuropäer Cioran, der aus Rumänien stammt, einem Land, das „zum Verschwinden geschaffen und perfekt organisiert ist, um verschlungen zu werden“ (Die Versuchung, zu existieren). Man denkt über Europa nur als verschlungenes Europa nach.

[8] Karel Havlicek Borovsky war zweiundzwanzig Jahre alt, als er 1843 nach Russland reiste, wo er ein Jahr lang blieb. Er kam als begeisterter Slawophile dort an und wurde schnell zu einem der ernsthaftesten Kritiker Russ­lands. Er formulierte seine Ansichten in Briefen und Artikeln, die später in einem kleinen Buch gesammelt wurden. Hier sind weitere „Briefe aus Russland“, die fast im selben Jahr wie die von Custine geschrieben wurden. Sie entsprechen den Urteilen des französischen Reisenden. (Die Ähnlichkeiten sind oft amüsant. Custine: „Wenn Ihr Sohn mit Frankreich unzufrieden ist, befolgen Sie meinen Rat: Sagen Sie ihm, er soll nach Russland gehen. Wer dieses Land gründlich kennengelernt hat, wird für immer zufrieden sein, woanders zu leben.“ Havlicek: „Wenn Sie den Tschechen einen echten Dienst erweisen wollen, bezahlen Sie ihnen eine Reise nach Moskau.“) Diese Ähnlichkeit ist umso wichtiger, als Havlicek, ein Plebiszit und tschechischer Patriot, nicht der Voreingenommenheit oder antirussischer Vorurteile verdächtigt werden kann. Havlicek ist aufgrund seines Einflusses auf Palacky und vor allem Masaryk eine sehr repräsentative Persönlichkeit der tschechischen Politik des 19.Jahrhunderts.

[9] Es gibt ein lustiges kleines Buch mit dem Titel How to be an Alien, in dem Fauteur im Kapitel „Soul and understatement“ über die slawische Seele spricht. „Die schlimmste Art von Seele ist die große slawische Seele. Diejenigen, die sie besitzen, sind gewöhnlich sehr tiefgründige Denker. Sie sagen zum Beispiel gerne: „Es gibt Zeiten, in denen ich so fröhlich bin, und es gibt Zeiten, in denen ich so traurig bin. Wie können Sie mir das erklären?“ Oder: „Ich bin so rätselhaft. Es gibt Zeiten, in denen ich gerne jemand anderes wäre, aber nicht der, der ich bin.“ Oder: „Wenn ich um Mitternacht allein in einem Wald bin und von einem Baum zum anderen springe, denke ich oft, dass das Leben seltsam ist.“

Wer wagt es, sich über die große slawische Seele lustig zu machen? Natürlich ist der Autor ungarischer Ab­stammung, George Mikes. Nur in Mitteleuropa erscheint die slawische Seele lächerlich.

[10] Schlagen Sie zum Beispiel die Universalgeschichte in der Enzyklopädie der Plejaden auf. Sie werden den Reformator der katholischen Kirche, Jan Hus, im selben Kapitel finden – nicht mit Luther, sondern mit Iwan dem Schrecklichen! Und Sie werden vergeblich nach einem wesentlichen Text über Ungarn suchen. Da sie nicht in die „slawische Welt“ eingeordnet werden können, haben die Ungarn keinen Platz auf der Landkarte Europas.

[11] Das strukturalistische Denken entstand in den späten 1920er Jahren im Prager Sprachkreis. Dieser setzte sich aus tschechischen, russischen, deutschen und polnischen Gelehrten zusammen. In diesem sehr kosmopolitischen Umfeld entwickelte Mukarovsky in den 1930er Jahren seine strukturalistische Ästhetik. Der Prager Strukturalis­mus war organisch im tschechischen Formalismus des 19. Jahrhunderts verwurzelt. (Die formalistischen Tendenzen waren in Mitteleuropa stärker als anderswo, was, wie mir scheint, auf die dominierende Stellung der Musik und damit der Musikwissenschaft, die ihrem Wesen nach „formalistisch“ ist, zurückzuführen ist). Mukarovsky ließ sich von den jüngsten Impulsen des russischen Formalismus inspirieren und überwand dessen Einseitigkeit radikal. Die Strukturalisten waren die Verbündeten der Dichter und Maler der Prager Avantgarde (und nahmen damit die Allianz vorweg, die dreißig Jahre später in Frankreich entstand). Sie schützten durch ihren Einfluss die Kunst der Avantgarde vor der engstirnigen ideologischen Interpretation, die die moderne Kunst überall begleitete. Mukarovskys Werk, das in der ganzen Welt bekannt ist, wurde in Frankreich nie veröffentlicht.

[12] Zum Thema „mitteleuropäische Weltanschauung“ habe ich zwei Bücher gelesen, die ich sehr schätze: Das eine, eher literarische Buch heißt Mitteleuropa: Anekdote und Geschichte; es ist anonym (unterzeichnet: Josef K.) und kursiert maschinengeschrieben in Prag; das andere, eher philosophische Buch heißt Il mondo della vita: un problema político; Autor ist der genuesische Philosoph Vaclav Belohradsky. Das Buch wird demnächst auf Französisch erscheinen (bei Verdier) und verdient große Aufmerksamkeit. Die mitteleuropäische Problematik wird seit einem Jahr in einer sehr wichtigen Zeitschrift entwickelt, die von der Universität Michigan herausgegeben wird: Cross Currents, a Yearbook of Central European Culture.

[13] Der französische Schriftsteller, der sich seit jeher zum mitteleuropäischen Roman bekennt (dieser beschränkt sich für ihn nicht auf die Wiener Romantiker, sondern umfasst auch den tschechischen und polnischen Roman), ist Pascal Lainé. Er sagt in seinem Interviewbuch Si j’ose dire (Mercure de France) interessante Dinge darüber.

[14] Werfels Vortrag selbst war keineswegs naiv und wurde auch nicht älter. Sie erinnert mich an einen anderen Vortrag, den Robert Musil 1935 auf dem Kongress für die Verteidigung der Kultur in Paris hielt. Ähnlich wie Werfel sah er die Gefahr nicht nur im Faschismus, sondern auch im Kommunismus. Die Verteidigung der Kultur bedeutet für ihn nicht die Bindung der Kultur an einen politischen Mond (wie es damals jeder verstand), sondern im Gegenteil den Schutz der Kultur vor der Politisierung. Beide sind sich bewusst, dass die Hoffnungen der Kul­tur in der modernen Welt der Technik und der Medien nicht groß sind. Musils und Werfels Ansichten wurden in Paris sehr negativ aufgenommen. In all den kulturpolitischen Diskussionen, die ich um mich herum mitbekom­me, habe ich ihren Ausführungen jedoch kaum etwas hinzuzufügen und fühle mich in diesen Momenten sehr mit ihnen verbunden, ich fühle mich in diesen Momenten untrennbar mitteleuropäisch.

[15] Schließlich, nach langem Zögern, schickte er diesen Brief doch noch – an Jean-Paul Sartre. Ja, er war immer noch die letzte große Weltkulturfigur, aber gerade er war es, der in meinen Augen mit seinem Konzept des „Enga­gements“ die theoretische Grundlage für die Abdankung der Kultur als autonome, spezifische und irre­duzible Kraft gelegt hatte. Wie dem auch sei, er reagierte auf den Brief meines Freundes prompt mit einem in Le Monde veröffentlichten Text. Ich glaube nicht, dass die Polizei ohne diese Intervention dem Philosophen das Manuskript endlich (fast ein Jahr später) zurückgegeben hätte. Am Tag von Sartres Beerdigung kam mir die Erin­nerung an meinen Freund aus Prag wieder in den Sinn: Jetzt hätte sein Brief keinen Empfänger mehr ge­funden.

[16] Es gibt jedoch eine berühmte Ausnahme: In den ersten Tagen der russischen Besetzung der Tschechoslowakei waren es Radio und Fernsehen, die mit ihren illegalen Sendungen eine bemerkenswerte Rolle spielten. Aber auch dann dominierten die Stimmen der Kulturvertreter.

[17] Die Wochenzeitung Literarni noviny (Literarische Zeitung) mit einer Auflage von 300.000 Exemplaren (in einem Land mit zehn Millionen Einwohnern) wurde vom tschechischen Schriftstellerverband herausgegeben. Sie bereitete jahrelang den Prager Frühling vor und war später dessen Tribüne. Die Zeitung war anders aufgebaut als die Wochenzeitungen vom Typ Time, die sich in Amerika und Europa gleichermaßen verbreiteten. Sie war wirklich literarisch: Es gab lange Kolumnen über Kunst und Buchbesprechungen. Die Artikel über Geschichte, Soziologie und Politik wurden nicht von Journalisten, sondern von Schriftstellern, Historikern und Philosophen verfasst. Ich kenne keine europäische Wochenzeitung unseres Jahrhunderts, die eine so wichtige historische Rolle gespielt hat und die diese Rolle so gut gespielt hat. Die Auflagen der tschechischen literarischen Monatszeitschriften lagen zwischen 10.000 und 40.000 Exemplaren und erreichten trotz der Zensur ein beachtliches Niveau. In Polen haben Zeitschriften eine ähnliche Bedeutung: Heute gibt es dort Hunderte (!) Untergrundzeitschriften!

Hier der Text als pdf.

3 Kommentare

  1. Herr Teuffel,

    was soll uns dieser Text sagen? Gibt es „die Russen“ oder „einen“ russischen Geist? Muss man sich also vor ihnen hüten? Ist „der Russe“ Imperialist?

    Zum Europa-Gedanken ließe sich viel sagen, noch mehr zur Kultur.

    Bitte schreiben Sie ein paar Sätze, was ich mit diesem Text heute anfangen soll.

    Mit freundlichen Grüßen

    Jörg Radimsky

    1. Dieser Text von Milan Kundera ist ein historischer Text, der dennoch Gegenwartsrelevanz hat. Es geht um den Gegensatz von föderal versus imperial als politischer Primat.

  2. Sehr geehrter Herr Teuffel,

    was soll uns dieser Text sagen? Gibt es „die Russen“ oder „einen“ russischen Geist? Ist „der Russe“ Imperialist? Muss man sich also vor ihm hüten?

    Zum Europa-Gedanken ließe sich viel sagen, noch mehr zur Kultur.

    Bitte schreiben Sie ein paar Sätze, was ich mit diesem Text heute anfangen soll als Christ.

    Vielleicht verstehe ich den Text nicht. Kann sein.

    Mit freundlichen Grüßen

    Jörg Radimsky

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