Walter Jens, Es begibt sich aber zu der Zeit. Zur Weihnachtsgeschichte: „Wie in einem Rene-Clair-Film die Kamera vom Himmel über der Metropole auf die Dächer, von den Dächern auf eine Mansarde, von der Mansarde auf einen Vogelbauer, vom Vogelbauer auf den Kopf eines Kanarienvo­gels schwenkt, so lässt der Erzähler Lukas seine Geschichte in Rom beginnen, im Bannkreis des Kaisers, spinnt, in den oberen Rängen verweilend, sein Garn fort, indem er, weit weg schon von der Fürsten­loge, in Syrien einen gewissen Cyrenius mit ins Spiel bringt, gelangt danach ins Parkett, spricht vom – immer noch großen – Galiläa, um endlich, ganz hinten, wo im Theater einmal die Stehplätze waren, nach Nazareth und Bethlehem zu gelangen.“

Es begibt sich aber zu der Zeit. Zur Weihnachtsgeschichte

Von Walter Jens

In jenen Tagen befahl Kaiser Augustus
allen Einwohnern des Reichs,
sich in Steuerlisten eintragen zu lassen.
Es war die erste Volkszählung;
sie wurde durchgeführt,
als Quirinius Statthalter in Syrien war –
und alle brachen auf,
um sich eintragen zu lassen:
jeder ging in seine Heimatstadt.
Auch Joseph zog von Galiläa,
aus der Stadt Nazareth,
nach Judäa hinauf,
in die Stadt Davids, die Betlehem heißt;
denn er stammte aus Davids Haus
und wollte sich eintragen lassen:
zusammen mit Maria,
die seine Braut war
und ein Kind erwartete.
Als sie in Betlehem waren,
kam für sie die Zeit der Niederkunft,
und sie gebar ihren ersten Sohn,
wickelte ihn in Windeln
und legte ihn in eine Krippe im Stall.
Denn im Haus war keine Bleibe für sie.
In ihrer Nähe aber waren in dieser Nacht
Hirten auf dem Feld
und hielten Wache bei ihren Herden:
Da stand auf einmal
ein Engel des Herrn neben ihnen,
und die Hirten ängstigten sich sehr.
Aber der Engel sagte zu ihnen:
»Habt keine Furcht!
Seht, ich verkündige euch,
daß eine große Freude
bald das ganze Volk ergreifen wird;
denn heute wurde euch
in der Stadt Davids
der Retter geboren:
euer Herr, der Messias.
Und dies ist das Zeichen für euch:
Ihr werdet ein Kind finden,
das in Windeln gewickelt
in einer Krippe liegt.«
Plötzlich standen neben dem Engel
die Scharen des himmlischen Heers;
sie priesen Gott und riefen:
»In den Himmeln: Gottes Macht!
Licht! Und Herrlichkeit!
Auf der Erde: Gottes Frieden!
Frieden allen, die er liebt!«

Lukas 2,1–14 – übersetzt von Walter Jens

An Idyllik und Traulichkeit, Sentimentalität und biedermeierliches Glück kein Gedanke, an Winterflocken und altdeutsche Stube, Fach­werk und Backwerk erst recht nicht. Kein Weihnachtsbaum leuchtet, kein Karpfen steht auf dem Tisch. Die Weihnachtsgeschichte, wie sie genannt wird (besser: der Bericht über die Geburt eines Kindes im bescheidenen Milieu), beginnt im Stil einer weltlichen Chronik.

Von Augustus ist die Rede, dem fernen Kaiser, und von einer Berech­nung des Steueraufkommens in der gesamten von Rom aus über­schaubaren Welt. Zeit- und Ortsangaben prägen eine karge Erzäh­lung, die dem Gesetz langsamer Annäherung folgt. Wie in einem Rene-Clair-Film die Kamera vom Himmel über der Metropole auf die Dächer, von den Dächern auf eine Mansarde, von der Mansarde auf einen Vogelbauer, vom Vogelbauer auf den Kopf eines Kanarienvo­gels schwenkt, so läßt der Erzähler Lukas seine Geschichte in Rom beginnen, im Bannkreis des Kaisers, spinnt, in den oberen Rängen verweilend, sein Garn fort, indem er, weit weg schon von der Fürsten­loge, in Syrien einen gewissen Cyrenius mit ins Spiel bringt, gelangt danach ins Parkett, spricht vom – immer noch großen – Galiläa, um endlich, ganz hinten, wo im Theater einmal die Stehplätze waren, nach Nazareth und Bethlehem zu gelangen.

Ein weiter Weg vom kaiserlichen Rom bis zu einem orientalischen Provinznest, von Augus­tus, den jedermann kennt, über Cyrenius, der schon fast ein Unbekannter ist, bis zum Anonymus, der zufällig den Namen Joseph trägt. Von Rom nach Bethlehem, von Augustus zu Joseph: das ist ein Salto mortale am Rande des Paradox. Größer und höher und dramatischer kann einer nicht einsetzen; bescheidener, niedriger, erbarmungswürdiger nicht enden.

Man beginnt unter den Himmeln der Macht und erreicht sein Ziel in der Kläglichkeit der Provinz: dort, wo ein Mann und eine Frau sich auf den Weg machen, primär, um sich in die Steuerlisten eintragen zu las­sen, sekundär (jetzt folgt das zweite Paradox), um ein Kind zur Welt kommen zu lassen, den ersten Sohn eines einfachen Mannes und einer ihm verlobten jungen Frau, die kein »vertrautes Weib«, sondern ein junges Mädchen ist.

Keine Spur von ehelicher Gemeinschaft und langlangem Umgang. Das Paar ist einander versprochen, und das Kind kommt früh. Die Niederkunft erfolgt nicht in traulich-behaglicher Umgebung, son­dern, zur Frühjahrszeit (winters waren die Herden nicht auf dem Feld) in einem Ambiente, das eher erbarmungswürdig als lichtgebend war. Die Krippe: eine Futterraufe. Der Stall eine Höhle, die, am Rande der Karawanserei, von jenem Unrat bedeckt gewesen sein muß, den Tiere nun einmal machen – Tiere, die keine Märchenwesen, sondern laut schmatzende und herzhaft verdauende Ochsen, Rinder, Esel sind, ganz gewöhnliches Vieh also.

Martin Luther, der einen Sinn für realistische Details hatte, tat gut daran, in seinen Weihnachtspredigten zur bunten Feder zu greifen und plastisch auszumalen, was im biblischen Bericht eher nüchtern und karg chiffriert worden ist: »Daß sich solchs eines jungen Weibs« – Kir­chenpostille von 1522 –, »die ihr erst Mal gebären sollt, niemand hat erbarmet, niemand ihren schwangeren Leib zu Herzen nommen, nie­mand angesehen, daß sic in fremden Orten nit hat das aller mindste, das einer Kindbetterin not ist! Sondern allda… ohn Licht, ohn Feuer, mitten in der Nacht, im Finstern allein ist, niemand beut ihr einigen Dienst an, wie man doch natürlich pflegt schwangeren Weibern, da ist jedermann voll und toll in der Herberge… daß sich dies Weibs nie­mand annimmt! Ich acht auch, sie hab sich selbst nit so bald vorsehen ihrer Geburt, sie wäre sonst vielleicht zu Nazareth blieben. Nun denk, was mögens für Tüchle gewesen sein, da sie ihn einwickelt, vielleicht ihr Schleier oder was sie hat mögen entbehren an ihrem Leibe… daß sie aber in Josephs Hosen soll ihn gewickelt haben… das laut allzu lugerlich und leichtfertig.«

Man sieht, so gern Luther, ist er einmal ins Erzählen und Phantasieren gekommen, sich gehen läßt, von der Menge spricht, die, unbeküm­mert um das Geschehen im Viehstall, »voll und toll« ist, und so sehr es ihn fasziniert, sich Gedanken über die Herkunft der Windeln zu ma­chen – eine Grenze gibt es doch: Josephs Hosen, gar »bemackelte« … das denn doch nicht! Ansonsten aber: Wieviel Spaß an der Genre-Malerei, beim Reformator, wieviel Lust, das sparsam Angedeutete mit breitem Pinselstrich in ein Gemälde zu verwandeln. Je öfter Dok­tor Martinus über den Text Lukas 2, Vers 1 bis 14 zu predigen hatte, desto köstlichere Nuancen fielen ihm ein, desto elementarer wurde seine Lust, fabulierend in ein Erzählen zu geraten, das nicht nur den Text paraphrasierte, sondern Weiterungen bedachte, moralische Er­wägungen hinzufügte und Interpretationen vortrug, die aus wenigen Zeilen eine sozialkritische Moritat entwickelten.

Weshalb, lautet 1544, wiederum in der Hauspostille, die Frage, kam niemand der Schwangeren mit Leintuch und Polster zu Hilfe? Wo blie­ben die Kissen? Gab es im Wirtshaus kein einziges Federbett? Und das Leintuch? In Truhen verschlossen? Warum – Fragen, die immer neue Fragen nach sich ziehen – war die »Kindbetterin« gezwungen, sich zu erkälten? Weshalb mußte die arme Frau in ihrer Leibesnot auch noch den Mantel hergeben, während man ein paar Meter weiter, in der – vom Stall durch eine Welt getrennten! – Herberge praßte, soff und Aufwand mit Gewändern trieb? Weshalb – Luther, in Fahrt geraten, mag nicht mehr enden, die Phantasie reißt ihn hin – stand niemand dem Vater zur Seite, diesem armen, hilflosen, jedoch bemühten Men­schen (Joseph »hat auch müssen das beste tun«), als er, drinnen im Wirtshaus, um Wasser für die junge Frau im Kuhstall bat? »Pfui dich an, du schändliches Bethlehem, man sollt die Herberg mit Schwefel anstecken. Denn wäre die Jungfrau Maria eine Bettlerin… oder ein unehrliche Frau gewesen, die ihr Ehr hintangesetzt, so sollt man doch zur solchen Zeit, ihr zu dienen, willig und geneigt sein.«

Da zielt die Weihnachtsgeschichte darauf ab, die Frechheit der Welt, ihr Protzen und Prahlen mit Jesu Elend und Armut zu kontrastieren: »Hier dienet er uns und legt sich in unseren Schlamm.« Die Welt aber, die zum Papst- und Kardinals- und Bischofs- und Pfaffenreich herun­tergekommene Welt des Kaisers Augustus… in Brand gesetzt solle sie werden! Der Hofstaat zu Rom: das Teufels-Reich, das Gegen-Reich des Stalls! Die Macht dieser Welt: Abbild der Herberge, in deren Bannkreis sich die Satten und Betrunkenen die Ohren zuhalten, um die Schreie der Kreißenden im Stall nicht zu hören.

Das Weihnachtsgeschehen: eine Idylle? Luther, der wußte, was Hun­ger, Qual und Armut war, hätte den »Stille Nacht, heilige Nacht«- Sänger und den Leser einer vermeintlich sentimentalen Geschichte ausgelacht – wenn ihm überhaupt klargeworden wäre, was solche Schönfärberei sollte. Er, Doktor Martinus, las die Weihnachtsge­schichte mit frommem, aber auch mit zornigem Herzen, als Partei­gänger der armen Leute und als Verächter der Reichen, als Sympathi­sant jener Maria, der gegenüber er ein Leben lang in »katholischer« Andacht verharrte, als Kumpan des Joseph und als Verächter der er­barmungslosen Macht: »Pfui dich an, du schändliches Bethlehem, man sollt die Herberg mit Schwefel anstecken.«

Auf der anderen Seite aber, ungeachtet solcher weltlichen Flüche, hat es kaum einen Leser der Weihnachtsgeschichte gegeben, der die große Bewegung des Textes so genau herausgehoben hat wie Martin Luther: den »Schwung« der Geschichte, die von Rom nach Bethlehem und dann, gegenrhythmisch, unter die Himmel führt, aus säkularem in spirituellen Bereich, vom Cäsaren zum Engel des Herrn, von den Steuereintreibern zu den Boten, die umleuchtet sind von der Klarheit des Herrn!

Hoch beginnend, im Niederen ankommend, im Stall, bei den Hirten und beim Getier, und dann ausschwingend zum Größten und Höchsten, zur himmlischen Prophetie, zur Verkündung des Frie­densreiches und des Äons gewaltiger Freude: dies ist die Bewegung eines Textes, der mit einem Blick auf den fernen Kaiser beginnt und mit der Evokation der Menschen guten Willens schließt, der friedli­chen und freundlichen kleinen Leute, die Gottes Liebe gewiß sein dürfen.

Die Weihnachtsgeschichte: der bekannteste Text der Weltliteratur, um und um gewendet, und dennoch fähig, immer neue, überraschende, hier komische, dort tieftraurige Züge sichtbar zu machen.

Die Weihnachtsgeschichte: ein Text, der, im Sinne Ernst Blochs, nicht in abweisender Ferne belassen, aber auch nicht dem Hier und Jetzt unterstellt sein will – vielmehr ein alter Text, der derart über-setzt sein will, daß er die jeweilige Gegenwart trifft und mit-bedeutet.

Die Weihnachtsgeschichte: ein Stück Prosa, das nicht gelassen nach­erzählt, sondern parteiisch, betroffen, subjektiv, sanft und zornig aus­gemalt werden muß: gut Luthersch also oder gut Brechtisch, zum Bei­spiel.

Die gute Nacht

Der Tag, vor dem der große Christ
Zur Welt geboren worden ist
War hart und wüst und ohne Vernunft.
Seine Eltern, ohne Unterkunft
Fürchteten sich vor seiner Geburt
Die gegen Abend erwartet wurd.
Denn seine Geburt fiel in die kalte Zeit.
Aber sie verlief zur Zufriedenheit.
Der Stall, den sie doch noch gefunden hatten
War warm und mit Moos zwischen seinen Latten
Und mit Kreide war auf die Tür gemalt
Daß der Stall bewohnt war und bezahlt.
So wurde es doch noch eine gute Nacht
Auch das Heu war wärmer, als sie gedacht.
Ochs und Esel waren dabei
Damit alles in der Ordnung sei.
Eine Krippe gab einen kleinen Tisch
Und der Hausknecht brachte ihnen heimlich einen Fisch.
(Denn es mußte bei der Geburt des großen Christ
Alles heimlich gehen und mit List.)
Doch der Fisch war ausgezeichnet und reichte durchaus
Und Maria lachte ihren Mann wegen seiner Besorgnis aus
Denn am Abend legte sich sogar der Wind
Und war nicht mehr so kalt, wie die Winde sonst sind.
Aber bei Nacht war er fast wie ein Föhn.
Und der Stall war warm und das Kind war sehr schön.
Und es fehlte schon fast gar nichts mehr
Da kamen auch noch die Dreikönig daher!
Maria und Joseph waren zufrieden sehr.
Sie legten sich sehr zufrieden zum Ruhn
Mehr konnte die Welt für den Christ nicht tun.

Weihnachten: Licht im Dunkel, Glanz inmitten großer Finsternis, der Schimmer im Stall und die Helle vom Himmel herab, während die Erde noch im Dämmern liegt – von solchem frommen Gegensatz will Brecht, der 1925 die Weihnachtsgeschichte unbekümmert und frisch nacherzählt, nicht viel wissen. Ihm geht es um eine realere, der Not unwirtlicher Nachkriegs-Zeitläufte angemessene Antithese, um das Wechselspiel von Wärme, die freundlich, menschlich, vernünftig ist, und einer Kälte, wie sie die Obdachlosen auf der Straße erle­ben.

Die große Kälte in einer Welt, wo im Zeichen des Tanzes um das gol­dene Kalb Nächstenhaß statt Nächstenliebe regiert – dieses Leitmotiv früher Brechtscher Lyrik bestimmt auch den Hymnus auf die gute Nacht: Es ist kalte Zeit, ein Winter, in dem die Tage sich wie Men­schen gebärden, die einander als Wölfe begegnen – hart, wüst und ohne Vernunft.

Und dagegen dann der kleine, warme, freundliche Bezirk, in dem der Versemacher Brecht mit hurtiger Geste das vertraute Inventar der Krippenspiele versammelt: »Ochs und Esel waren dabei, damit alles in der Ordnung sei.« Aus der ehrfurcht gebietenden Legende wird im Nu eine zeitgenössische, im Bayerischen angesiedelte Moritat: Der mit Moos zwischen den Latten ausgestopfte Stall könnte in Schwaben oder Altbayern stehen. Und auch die Menschen nehmen sich wie Zeit­genossen aus: ein Elternpaar ohne Unterkunft, das unmittelbar vor der Geburt seines Kindes schließlich doch noch einen Stall findet und ihn sogar bezahlen kann – eine Hütte, die warm ist (das Heu sogar wärmer als gedacht) und eine Nacht lang beinahe so etwas wie einen Märchen­platz bietet, mit einer Krippe, die als Tisch dient, mit einem reich­lichen Fischgericht, mit einem plötzlichen Einbruch von gelinder Luft, mit dienstbaren Geistern und angenehmen Besuchern.

Jesu Geburt in einem bayerischen Stall bei einfallendem Föhn – ein Wunder in unvernünftiger Zeit, das alle Furcht und Verzagtheit als unbegründet erweist. Statt der Angst bestimmen Zufriedenheit, Wärme und Sich’s-wohl-sein-Lassen die nächtliche Stunde. Behag­lichkeit stellt sich ein, der Stall wird beinahe zur Nobelherberge (»der Fisch war ausgezeichnet«: Maria und Joseph als plebejische Gourmets!), und am Ende ist, nach soviel Mirakeln, sogar ein Hauch von Ausgelassenheit spürbar. Die Kindsmutter lacht den allzu besorgten Kindsvater aus.

Eine Idylle also, diesmal, im Gegensatz zur lukanischen Erzählung? Ein bayerisches Krippenbild, anmutig und bäuerlich-traulich? Im Ge­genteil. Das Glück im Stall verweist, als Wunder und Ausnahme, nachdrücklicher, als es die dramatischste Grau-in-grau-Schilderung könnte, auf die harte Kälte da draußen und damit auf einen von Un­vernunft bestimmten Äon, zu dem auch jener große Christ gehört, der, so Brecht, nur heimlich und unter Aufwand von viel List geboren werden konnte. Jesus von Nazareth, für den die Welt nicht mehr tun konnte, als ihm in der Nacht von Bethlehem ein paar Stunden der Ruhe und des Friedens zu schenken. (Danach: Verfolgung, Verhöh­nung, Einsamkeit, elender Tod.)

So betrachtet verweist die Gute Nacht in Brechts Gedicht schon auf die Böse Nacht, die Nacht von Bethlehem auf die Nacht von Golga­tha. Das kleine Glück macht großes Elend um so sichtbarer. Unver­hofftes (betont durch die Wiederholung der Worte doch noch) bleibt freundliche Ausnahme, die eine schreckliche Regel bestätigt: Wo Krieg die Stunde regiert, ist Zu-Friedenheit nur in der Zeitenthobenheit der Guten Nacht möglich.

Bethlehem als eine Art von Feuerstelle in einer Epoche der Eiszeit: Ganz so weit, wie es auf den ersten Blick scheint, ist Brechts Gedicht von Lukas denn doch nicht entfernt – zuallerletzt in jenem wunderba­ren sechsundzwanzigsten Vers, in dem der Nicht-Christ B. B. jenem jesuanischen Geist Reverenz zollt, der mit dem Kult des »großen Christ« nicht das Geringste, mit dem Hoffnungs-Traum der armen Leute in aller Welt hingegen sehr viel zu tun hat: Und der Stall war warm und das Kind war sehr schön.

Bertolt Brechts Variation der Weihnachtsgeschichte – eine unter jenen Tausenden, von denen in diesem Band eine Auswahl vorgestellt wird: Nacherzählungen, die sich widersprechen oder einander ergänzen, leise und burleske, fromme und provozierende Geschichten, Verse vor oder nach Auschwitz, der großen Kehre, jenseits derer sich der Bericht über die Geburt eines Juden in jüdischer Umgebung anders liest als zuvor. Der Stern am Himmel ist ein gelber Judenstern. Geschichten über Geschichten – ausgemalt in klassischer Manier oder, mit dem Raffinement der Moderne, parabolisch verfremdet. Trockene Chroniken oder Verse, die dem einen zynisch, dem anderen reali­tätsgetreu, eher verhalten als dreist erscheinen. Alexandrinische Prosa Seit an Seit mit Strophen von inniger Schlichtheit, hüben traurig und rückwärts gewandt, drüben mit zeitbezogenem Ingrimm; fromme Af­firmation gefolgt vom Paradox der Prophetie.

Vierzehn Verse, soviel wird auf den folgenden Seiten sichtbar, haben Bemühungen provoziert, zwei Jahrtausende lang, deren Ertrag Bi­bliotheken füllt. Die Geschichte von Jesu Geburt: ein kurzer, legendärer Bericht, der noch längst nicht zu Ende erzählt ist, sondern in jeder Zeit, zumal nach jeder Krise und jeder neuen Erfahrung, Belehrung und Deutung, nach jeder Wandlung des Selbst- und Weltverständnis­ses anders erzählt werden will, frisch und wie zum erstenmal, im Alltäglichen der Gegenwart, in bürgerlicher Festivität des Weih­nachtsfests oder in der Unheiligen Nacht angesiedelt, in Krieg und Verfolgung, um, ex negatione, das – verspielte? – Heil der Nacht von Bethlehem als Gegenbild sichtbar zu machen.

Eine »offene« Geschichte also, ein Märchen, das im Zeichen des Frie­dens ein gutes Ende nehmen mag, zugleich aber auch ein Bericht, der, sollte der Mensch die Genesis widerrufen, hinfällig wird. Jesus von Nazareth – ein Mann, von dem kein Lebewesen mehr berichten kann. Die Geburt des Kindes: ein Ereignis, das zurückgenommen wurde.

Wie immer sie ausgedeutet werden mag – hier liegt eine Geschichte vor, die ernstgenommen sein will… in welchem Ausmaß, das zeigen die poetischen Glossen, Variationen und Noten, die Bestätigungen und Widerrufe der Moritat: von Paul Gerhardts »Fröhlich soll mein Herze springen« bis zu Peter Huchels »Vor Stalingrad verweht die Chaussee. Sie führt in die Totenkammer aus Schnee.«

Aber so faszinierend, widerspruchsvoll und verwirrend die Transpositionen und christophorischen Übertragungen der Geschichte auch sein mögen: Den letzten und eigentlichen Text hat der Leser zu schrei­ben; denn es geht beim Bericht über die Geburt Jesu im doppelten Sinn um seine Geschichte.

Quelle: Walter Jens (Hrsg.), Es begibt sich aber zu der Zeit. Texte zur Weihnachtsgeschichte, Stuttgart: Radius-Verlag, 21989, S. 7-15.

Hier der Text als pdf.

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