Martin Buber, Biblischer Humanismus: „Die eigentliche Wirkung tut nur das ursprüng­liche Wort im Geheimnis seiner Gesprochenheit: wenn man es so nach­spricht, dass es jetzt und hier gesprochen ist. Das biblische Wort ist über­setzbar, weil es einen Gehalt hat, mit dem es an den Menschen ergeht. Es ist unübersetzbar, weil es ein Sprachgeheimnis hat, mit dem es an Israel ergeht. Im Zentrum eines biblischen Humanismus steht der Dienst an dem unübersetzbaren Wort.“

Biblischer Humanismus

Von Martin Buber

Als 1913 ein von mir versammelter und geleiteter kleiner Kreis pädagogisch interessierter Juden den Plan eines jüdischen Landerziehungsheims beriet, dessen Ausführung dann der Weltkrieg vereitelt hat, stellte ich das Lehrprogramm der zu errichtenden Anstalt unter den Begriff eines heb­räischen Humanismus. Damit wollte ich sagen, daß, wie das Abendland eine Reihe von Jahrhunderten lang der Sprache und dem Schrifttum der Antike die menschenbild­nerischen Kräfte abgewann, in unserm Erzie­hungsbau der Mittelraum der Sprache und dem Schrifttum des klassi­schen Israel gebührt als den Mächten, denen wir ein neues zentrales Wir­ken ermöglichen müssen, damit sie aus dem Stoff des gegenwärtigen Lebens und seiner Aufgaben den Menschen einer neuen jüdischen Wür­digkeit gestalten.

Als ich 16 Jahre später auf dem XVI. Zionistenkongreß knapp ausspre­chen wollte, was ich in dem gegenwärtigen Erziehungssystem des jü­dischen Palästina vermisse, was ich ihm wün­sche, fand ich wieder keinen anderen Namen dafür als den eines »hebräischen Humanismus im reals­ten Sinn«. In diesen neu hinzugefügten drei Worten »im realsten Sinn« sind die Erfahrungen eingefaßt, die ich in drei Jahrzehnten mit der na­tionaljüdischen Bewegung gemacht hatte. Sie hatte das Volk als solches aktiviert, die Sprache als solche erneut, ohne innerhalb beider, innerhalb der Geschichte, innerhalb der Literatur mit seherischer Erkenntnis und Forderung zwischen echten und falschen Werten zu scheiden, ohne dem Überkommenen Ordnung und Gericht zu entnehmen. Sie hatte ver­kannt, daß die Urform dieses Volkes aus ordnender und richtender Tat entstanden, die große Urkunde dieser Sprache auf ordnendem und rich­tendem Wort gegründet war, und daß eine formale »Renaissance« ein aufgeblasenes Unding ist, daß vielmehr von der Wiedergeburt der normativen Urkräfte die Zukunft der auf dem alten Heimat­boden neu beginnenden Gemeinschaft abhängt. Hebräischer Humanis­mus heißt Gestaltung eines hebräischen Menschen, und ein hebräischer Mensch ist etwas ganz anderes als ein hebräisch sprechender Mensch.

Konrad Burdach hat in einer bedeutenden Abhandlung[1], die das Grundwesen des abendländi­schen Humanismus bestimmen will, mit hoher Berechtigung auf einen Spruch aus Dantes »Gastmahl« hingewie­sen: »Eines jeden Dinges höchstes Verlangen, das ihm vom Anbeginn die Natur eingepflanzt hat, ist es, zu seinem Urgrunde zurückzukehren.« Im Anschluß an dieses Wort erblickt Burdach in der »Rückkehr zum menschlichen Urgrund, und zwar nicht in spekulativem Denken, son­dern in einer konkreten Umgestaltung des gesamten inneren Le­bens« das Ziel der geistigen Bewegung, die wir Humanismus zu nennen gewohnt sind. Der Humanist nimmt die Antike nicht in ihrer Ge­samtheit als historische Materie hin, er nimmt das von ihr auf, was sei­ner Art nach jene »Rückkehr« zu fördern ihm tauglich erscheint. So fühlt Goethe in Rom »in Gegenwart plastischer Kunstwerke der Alten« sich »durchaus auf den Menschen in seinem reinsten Zustand zurückgeführt«[2]. Auch ein hebräischer Humanis­mus kann nur einer seheri­schen Auslese entspringen, die aus dem Judentum den hebräischen Menschen herausschaut, als den jüdischen Menschen in seinem reinsten Zustand. So wird unser Humanismus auf die Bibel hingeleitet.

Ein hebräischer Mensch ist zwar nicht ein biblischer Mensch, denn die »Rückkehr«, die hier gemeint ist, kann naturgemäß nicht ein Streben nach der Wiederholung oder Fortsetzung eines längst Gewesenen bedeu­ten, sondern nur eins nach dessen Erneuerung in echt gegenwärtiger Er­scheinung; wohl aber ist ein hebräischer Mensch nur einer zu nennen, der ein bibelwürdiger Mensch ist. Unsere Bibel aber besteht aus Weisung, Mahnung und Zwiesprache mit dem Wei­senden und Mah­nenden. Nur ein Mensch, der tun und hören will, was der Mund des Unbe­dingten ihm gebieten wird, ist ein bibelwürdiger Mensch. Ein heb­räischer Mensch kann nur der sein, der sich von der Stimme, die in der hebräischen Bibel zu ihm redet, anreden läßt und ihr mit seinem Leben Rede steht.

Selbstverständlich decken sich die beiden Begriffe nicht. Selbstver­ständlich gilt von dem Satz, daß jeder hebräische Mensch bibelwürdig sein müsse, die Umkehrung nicht. Der hebrä­ische Mensch ist der, der sich von der Stimme, die in der hebräischen Bibel zu ihm redet, in deren hebräischer Sprache anreden läßt. Das ist der Sinn des biblischen Humanismus.

Humanismus geht von dem Geheimnis der Sprache aus und auf das Geheimnis der mensch­lichen Person zu. Die Wirklichkeit der Sprache soll im Geist der Person wirkend werden. Die Wahrheit der Sprache soll sich in der Existenz der Person bewähren. Das hat humanistische Erziehung gemeint, solang sie lebendig war.

Biblischer Humanismus geht von dem Geheimnis der hebräischen Sprache aus und auf das Geheimnis des hebräischen Menschen zu. Die Erfüllung jener in diesem ist es, was die bib­lisch-humanistische Erziehung meint. Sie will den Juden von heute zu seinem Urgrund zurück­führen. Sein Urgrund aber ist da, wo er die Stimme des Unbedingten hebräisch erschallen hört.

Dem biblischen Humanismus ist es um eine »konkrete Umgestaltung« unseres gesamten – und nicht unseres inneren Lebens allein zu tun. Die­se konkrete Umgestaltung kann nur von einer Wiedergeburt der norma­tiven Urkräfte aus erfolgen, die zwischen Recht und Unrecht, Wahr und Falsch scheiden und denen das Leben sich unterwirft. Die Urkräfte sind uns im Wort, im biblischen Wort überliefert. Auch wer wie ich das bib­lische Wort nicht an die Stelle der Stim­me treten zu lassen, es nicht als ihre absolute, zureichende, unwandelbar gültige Aussprache anzuerken­nen vermag, auch dem muß es gewiß sein, daß wir das Normative nicht anders wahrhaft wiedererlangen können, als indem wir uns dem bib­lischen Wort erschließen, darin es eben als Urkraft erscheint: Urkraft, vermöge derer eine Gemeinschaft ein ihr Kundge­tanes vernimmt und annimmt, Urkraft, vermöge derer der Führer dieser Gemeinschaft ihr, ohne es sich selber irgend zuschreiben zu können, vielmehr als ein Of­fenbartes kundtut, was sie vernehmen und annehmen soll. Wir sind nicht mehr Gemeinschaft, die dessen mächtig ist, aber wenn wir uns dem biblischen Wort auftun, wenn der Einzelne sich von ihm in sein persönliches Leben treffen läßt, das Walten des Normativen in sich auf­nimmt, dann dürfen wir hoffen, daß die so – verschieden und doch ge­meinsam – Ergriffenen wieder zur Gemeinschaft in jenem Ursinn zu­sammenwachsen.

Unter biblischem Wort aber ist hier nicht dessen Gehalt, sondern das Wort selber zu verste­hen. Die eigentliche Wirkung tut nur das ursprüng­liche Wort im Geheimnis seiner Gesprochenheit: wenn man es so nach­spricht, daß es jetzt und hier gesprochen ist. Das biblische Wort ist über­setzbar, weil es einen Gehalt hat, mit dem es an den Menschen ergeht. Es ist unübersetzbar, weil es ein Sprachgeheimnis hat, mit dem es an Israel ergeht. Im Zentrum eines biblischen Humanismus steht der Dienst an dem unübersetzbaren Wort.

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Die Bezeichnung eines Humanismus habe ich für unsere pädagogische Provinz gewählt, weil auch hier den Tiefen der Sprache der Baustoff für die Struktur der Person abgewonnen wer­den soll. Aber mit dem Beiwort »biblisch« wird doch alles von Grund aus anders. Denn das ist von Grund aus andere Sprache nicht nur, es ist von Grund aus anderes Spre­chen und anderer Spruch.

Das Wort der griechischen Antike ist abgelöst und ausgeformt. Es wird dem Block des fakti­schen Gesprochenwerdens enthoben, mit dem Mei­ßel der Denkkunst, der Redekunst, der Dichtkunst behauen, in das Reich der Gestalt versetzt. Es würde als roh und unbrauchbar, als barbarisch gelten, wenn ihm Unmittelbarkeit anhaften bliebe. Erst wenn es reine Gestalt wur­de, gilt es.

Das Wort der hebräischen Bibel hat seine Reinheit nicht in der Gestalt, sondern in der Ur­sprünglichkeit; wo es einer Bearbeitung unterlag, die sich als Kunst wußte, verunreinigte sie es. Das biblische Wort hat da seine ganze biblische Mächtigkeit, wo es in der Unmittelbarkeit, in der Gesprochenheit verblieben ist. Daß ein Psalm Aufschrei und nicht Gedicht, daß Prophetenrede Anruf und nicht formgerechte Allokution ist, das gehört wesentlich zur Biblizität des biblischen Wortes. In der Bibel verwandelt sich die Stimme des sprechenden Menschen nicht, sie bleibt wie sie ist, und doch erscheint sie als aller Beiläufigkeit entrückt, sie ist eben ursprünglich. Darum aber auch ist es im Bereich dieses Wortes möglich geworden, daß die vermenschte Gottesstimme, in menschlichem Idiom ertönend, von Menschenlettern eingefangen, doch nicht wie der Part eines Gottes in den Epiphanien der griechischen Tragödie vor uns re­det, sondern zu uns.

Weil das Wort der griechischen Antike bearbeitetes, gehämmertes Wort ist, weil es Werk ist, tendiert es zum Monologischen. Die Luft des einsamen, bildnerischen Geistes umgibt es auch noch auf der Tribüne. Es tut der Haltung des athenischen Rhetors keinen Abbruch, daß er seine Reden entwirft und einübt; ein Prophet, der das täte, wäre ausgewischt. In der sokrati­schen Ironie birgt sich ein elementares Unbewegtbleiben im Verkehr; wo in der Bibel ein Gedanke sich äußert, blickt der Sprecher sorgend auf den Hörer. Wen immer der tragische Chor anredet, Men­schen oder Götter, letztlich ist es Anrede nicht, der schicksalkündende Gesang erfüllt sich in sich selber; der Psalmenchor, der gebetet hat: »Erlöse uns deiner Huld zu willen!«, horcht nun in der Stille, ob er erhört worden ist. Unverklärt und ungedämpft bewahrt das biblische Wort den dialogischen Charakter der lebendigen Wirklichkeit.

Und wie die Artung des Wortes hier und dort grundverschieden ist, so wird das Wort hier und dort grundverschieden erkannt, Grundverschiedenes wird von ihm gelehrt oder berichtet. Der Logos der Griechen ist; er ist ewigseiend (Heraklit); und wenn der Prolog des hellenisierenden Johannes-Evangeliums wie die hebräische Bibel mit einem »Im Anfang« beginnt, läßt er sogleich das völlig unhebräische »war das Wort« fol­gen. Im Anfang der biblischen Schöpfungsgeschichte ist das Wort nicht, es geschieht, es wird gesprochen. Hier gibt es kein »Wort«, das nicht ge­sprochen wird; das einzige Sein des Wortes ist sein Gesprochensein; aber alles Sein der seienden Dinge kommt vom Gesprochensein, Gesprochenwerden des Urworts her: »er selber sprach, und es ward«. Die Griechen lehren das Wort, die Juden berichten es.

Die Verschiedenheit des Wesens überträgt sich in die der erzieheri­schen Wirkung. Der abendländische Humanismus empfängt die Sprache als Gebild, und so geht er auf »eine Befreiung der eigentlich bildneri­schen Kräfte des Menschen« (Burdach) aus; das »geistige Imperium«, das er errichten will, »darf man das Apollinische heißen«. Bildnertum ist über die Welt gesetzt; bildnerisch ist die höchste Macht des Geistes, zum Gebild will sie die Person, zum Gebild die Polis vollenden. Ein an­deres muß das Gesetz eines biblischen Humanismus sein. Er empfängt die Sprache als Geschehen, als das Geschehen in der Gegenseitigkeit; so muß er denn auf ein Geschehen, und zwar auf ein Geschehen in der Gegenseitigkeit abzielen. Er meint nicht die in sich beschlossene Person, sondern die offene; nicht die Gestalt, sondern die Beziehung; nicht die Bewältigung des Geheimnisses, sondern die Unmittelbarkeit zu ihm; nicht den Denker und Meister des Worts, sondern seinen Hörer und Vollstrecker, seinen Beter und Künder. Und er meint nicht den vollkom­menen Bau der Polis, nicht das freie und beherrschte Zusammenspiel der Glieder eines Staatsleibes, sondern die »Eda«, die gegenwärtige Ge­meinschaft all dieses Volks untereinander, zwischen Mensch und Mensch die echte Unmittelbarkeit der »Gerechtigkeit« und der »Liebe«, der »Holdschaft« und der »Treue«, – diese Eda aber als »Eda Gottes«, denn sich als Gemeinschaft erfüllend leistet das Volk dem Anspruch sei­nes Herrn die rechtmäßige Antwort, es erfüllt das Wort. Personhaft und volkhaft erfüllt sich das Wort nicht im Gebild, sondern in der Bewäh­rung.

Bewährung aber gibt es nicht in der Dauer, wie sie dem Werk, dem Gebild zugehört, es gibt sie nur im faktischen Augenblick. Der biblische Humanismus kann nicht, wie der abendländische, über die Problematik des Augenblicks erheben; er will zum Standhalten in ihr, zur Bewährung in ihr erziehen. Diese Wetternacht hier, diese niederzuckenden Blitze, diese Androhung des Verderbens: entflieh dem in keine Welt des Logos, in keine der vollkommenen Gestalt, halte Stand, höre im Donner das Wort, gehorche, erwidre! Diese furchtbare Welt ist die Welt Gottes. Sie fordert dich an. Bewähre dich als Gottes Mensch in ihr!

So spräche sich im biblischen Humanismus eine Wiedergeburt der normativen Urkräfte Israels aus.

Quelle: Martin Buber, Werke, Bd. 2: Schriften zur Bibel, Heidelberg: Lambert Schneider, 1964, S. 1085-1092.


[1] Über den Ursprung des Humanismus; abgedruckt in dem Buch »Reformation, Renaissance, Humanismus« (1918).

[2] Vgl. Burdach a. a. O. 201.

Hier der Text als pdf.

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