Von Martin Buber
Es gibt zwei Gattungen führerischer Menschen. Von dem einen sagt man: »Ich glaube an ihn«. Von dem andern: »Ich vertraue ihm«.
An einen glauben, das heißt nicht etwa meinen, daß er immer das Richtige sage und tue, wohl aber, daß das Unrichtige »richtig«, nämlich billigens- und befolgenswert werde, wenn und weil er es ist, der es sagt oder tut. Auch wenn man sich bemüht zu erweisen, daß er »recht« habe, weiß man im Grunde, daß es einem hier auf Recht und Unrecht, also auf den Maßstab außerhalb der Person, nicht mehr ankommt. Die Wahrheit besteht nur noch von der Person Gnaden. Also ist es die Wahrheit nicht, was man hier so nennt.
Einem vertrauen, ist etwas anderes. Das heißt gewiß sein, daß dieser Mensch, dem man vertraut, in einem ganz bestimmten positiven Verhältnis zur Wahrheit steht, zu der wirklichen Wahrheit. In was für einem Verhältnis denn? Doch nicht als ihr Abgesandter? Das freilich nicht; aber als ihr Diener. Wer der Wahrheit dient, kann sich ebensogut wie andre Menschen irren: aber seine Irrtümer weisen auf die Wahrheit hin, sie sind ihr zugewandt, sie führen auf sie zu. Einem Menschen vertrauen heißt, an die Wahrheit glauben, der man dienen kann, an die Wahrheit, die nicht von unsern Gnaden, sondern von deren Gnaden wir bestehn.
An Menschen glauben, daraus bündelt sich zu allen Zeiten und in allen Völkern der große Fascio der Heiden – Menschen vertrauen, daraus wächst zu allen Zeiten und in allen Völkern der »heilige Stamm« Israels.
Ich sehe immer deutlicher unsern rechten Weg dahin, daß an die Stelle des »Glaubens« an Menschen das Vertrauen trete. Wir brauchen Führer. Aber wir brauchen Führer, denen wir nicht um ihretwillen folgen, sondern um ihrer Dienstherrin, um ihres Dienstherrn willen – wie immer sie ihn nennen: an ihrer Dienstart erkennen wir, daß es der rechte ist. Und geht ihnen die Fähigkeit ab, mit aufrührendem oder anordnendem Wort sicher und sicherheitweckend die Menge zu bewegen, sie vermögen das Unscheinbare und Wichtigste: das Raten, das Mahnen, das Weisen. Sie stellen uns immer wieder vor die strengen Strahlen der Wahrheit. Sie führen, indem sie lehren. Ihrer ist die heimliche Weltgeschichte.
Solch ein Rater und Warner, solch ein Lehrer und Führer ist Achad Haam. In seiner Gegenwart fühlt man ganz trübungsfrei dieses schlichte, heilsame, trostreiche: Ich vertraue. Ja, ein Mann des Vertrauens! Möchte das Volk am eignen Verhältnis zu ihm lernen, weniger zu »glauben« und mehr zu vertrauen!
Quelle: Jüdische Rundschau, 31. Jg., Nr. 60, 3. August 1926, S. 433.