Martin Buber, Zur Verdeutschung der Preisungen (1935): „Die Bibel will als Ein Buch gelesen werden, so dass keiner ihrer Teile in sich beschlossen bleibt, vielmehr jeder auf jeden zu offengehalten wird; sie will ihrem Leser als Ein Buch in solcher Intensität gegenwärtig werden, dass er beim Lesen oder Rezitieren einer gewichtigen Stelle die auf sie beziehbaren, insbesondre die ihr sprachidentischen, sprachnahen oder sprach­verwandten erinnert und sie alle einander erleuchten und er­läutern.“

Zur Verdeutschung der Preisungen (1935)

Von Martin Buber

Der Übersetzer der Schrift wird durch die »Preisungen«, ihrer Gestalt und ihrem Stil nach, vor manche neue Aufgabe gestellt, so daß ein Anlaß gegeben erscheint, über einige wich­tige Punkte dem Leser Auskunft zu erteilen[1].

Der Text, der hier verdeutscht wurde, ist der maſsoretische, überlieferte. Diesen zu erfassen ist die unausweichliche Auf­gabe des Übersetzers. Ihm ist ein fester Bestand anvertraut, dem gegenüber jede, auch die verlockendste Konjektur als Willkür erscheinen muß. Da es schlechthin keine zuverlässige Methode gibt, »hinter« den Text, zu einem »ursprünglicheren« Wortlaut zu gelangen, muß die Übertragung, die das Original vertritt – zum Unterschied von Kom­mentaren, die es bunt um­säumen – halten und übermitteln, was dasteht. Nur in den sel­tenen Grenzsituationen, wo ihm Sinn und Zusammenhang schwer beeinträchtigt, aber durch eine geringfügige Änderung wiederherstellbar erscheinen, wird der Übersetzer sich befugt und verpflichtet erachten, sie in der besonderen Verantwor­tung seines Amtes vorzunehmen.

Die Bemühung, den maſsoretische Text zu wahren, geht von der Anschauung aus, daß man hinter das Vorhandene nicht zu­rückgreifen kann, ohne die Wirklichkeit durch vielfältige und widereinander streitende Möglichkeiten zu ersetzen; man muß zu verstehen suchen, was der »Redaktor«, der für die Textge­stalt Verantwortliche, mit dieser gemeint hat, man muß dem letzten Bewußtsein zu folgen suchen, da man zu einem frühe­ren nur scheinbar vorzudringen vermag. Mit ebenderselben Anschauung hängt die Wortwahl dieser Übertragung zusam­men, als einer Übertragung, die sich zum Ziel gesetzt hat, nicht biblische Nationalliteratur, sondern die Bibel zu ver­deutschen, der es also um die Erfassung eines – gleichviel, aus wie vielen und wie mannigfachen Stücken zusammengewach­senen, aber eben doch echte Einheit gewordenen Ganzen zu tun ist.

Die Bibel will als Ein Buch gelesen werden, so daß keiner ihrer Teile in sich beschlossen bleibt, vielmehr jeder auf jeden zu offengehalten wird; sie will ihrem Leser als Ein Buch in solcher Intensität gegenwärtig werden, daß er beim Lesen oder Rezitieren einer gewichtigen Stelle die auf sie beziehbaren, insbesondre die ihr sprachidentischen, sprachnahen oder sprach­verwandten erinnert und sie alle einander erleuchten und er­läutern, sich miteinander zu einer Sinneinheit, zu einem nicht ausdrücklich gelehrten, sondern dem Wort immanenten, aus seinen Bezügen und Entsprechungen hervortauchenden Theologumenon zusammenschließen. Das ist nicht eine von der Auslegung nachträglich geübte Verknüpfung, sondern unter dem Wirken dieses Prinzips ist eben der Kanon entstanden, und man darf mit Fug vermuten, daß es für die Auswahl des Aufgenommenen, für die Wahl zwischen verschiedenen Fas­sungen mitbestimmend gewesen ist. Aber unverkennbar wal­tet es schon in der Komposition der einzelnen Teile: die Wie­derholung lautgleicher oder lautähnlicher, wurzelgleicher oder wurzelähnlicher Wörter und Wortgefüge tritt innerhalb eines Abschnitts, innerhalb eines Buches, innerhalb eines Bücherver­bands mit einer stillen, aber den hörbereiten Leser überwälti­genden Kraft auf. Man betrachte von dieser Einsicht aus die sprachlichen Bezüge etwa zwischen Propheten und Pentateuch, zwischen Psalmen und Pentateuch, zwischen Psalmen und Propheten, und man wird immer neu die gewaltige Synoptik der Bibel erkennen.

Ich habe anderswo Beispiele für bewußte Wiederholungen eigentümlicher Art angeführt. Bau und Sinn vieler Psalmen werden erst von da aus deutlich. Aber die einer besonderen Absicht entbehrende Wiederkehr von Grundworten untersteht dem gleichen objektiven Prinzip des Aufeinanderbezogenseins der Stellen. Positive Grundworte wie cheſsed, zedek, emet, negative wie awen, schaw, offenbaren ihre Sinnweite und -tiefe nicht von einer einzigen Stelle aus, die Stellen ergänzen, unterstützen einander, Kundgebung strömt dauernd zwischen ihnen, und der Leser, dem ein organisches biblisches Gedächtnis zu eigen geworden ist, liest jeweils nicht den einzelnen Zusammenhang für sich, sondern von der Fülle der Zusammenhänge umschlungen. Die latente Theologie der Schrift wirkt unmittelbar da, wo sich der Gehalt der einzelnen Grundworte solcherart aus verschiedenen Sätzen, verschiedenen Textformen, verschiedenen Äußerungsstufen als der gleiche auftut. Wohl ist nicht das Wort, sondern der Satz natürliches Glied der lebendigen Rede und das Wort ihm gegenüber das Produkt einer Analyse, aber der biblische Satz will biblisch erfaßt werden, d. h. in der Atmosphäre, die sich durch die Wiederkehr der gleichen Grundworte erzeugt. Daß die ein wirkungsstarkes Eigenleben führen, macht den Zusammenhang des Psalmenbuchs, macht auch Kunstgebilde wie der litaneiartige 119. Psalm erst voll verständlich.

Dieses innere Band sichtbar zu machen, ist ein Dienst, in den auch der Übersetzer gestellt ist. Er kennt die Macht der Träg­heit, der Geläufigkeit, des Drüberweglesens, im Hebräischen wie im Deutschen; er weiß, wie die von Kind auf Bibellesen­den dieser Macht besonders leicht verfallen; er muß das Seine aufbieten, um ihr Einhalt zu tun. Dazu gehört, daß er, wo es nottut und wo es angeht, das prägnante, einprägsame Wort wähle, das, wo es wiederkehrt, sogleich wiedererkannt wird, und dabei auch ein ungewohntes nicht scheue, wenn die Sprache es gern aus einer vergessenen Kammer hergibt; dazu ge­hört, daß er, wo es nottut und wo es angeht, einen hebräischen Wortstamm durch einen einzigen deutschen wiederzugeben bestrebt sei, einen nicht durch mehrere, mehrere nicht durch einen. Wo es nottut; denn bei geistig wenig betonten oder un­betonten Worten wird man den Grundsatz – soweit nicht das Amt aller Übersetzer auch hier zu üben ist, die Synonyme nicht durcheinander zu werfen, sondern in ihrer Sinndifferenzie­rung zu belassen[2] – lockern oder aufheben dürfen. Und wo es angeht; denn oft wird sich aus den besonderen Bedingthei­ten einer Stelle die Pflicht ergeben, sie als Ausnahme zu behan­deln. Jeder Dolmetscher ist ja unter eine Doppelheit von Ge­setzen gestellt, die einander zuweilen zu widerstreiten schei­nen: das Gesetz der einen und das der andern Sprache; für den die Schrift Übertragenden tritt eine andere Doppelheit hinzu: das Gesetz, das aus dem Eigenrecht der einzelnen Stelle, und das andere, das aus der biblischen Ganzheit spricht. Aber wie jene zwei sich aus der Tatsache versöhnen, vielmehr verbün­den, daß es nur vorletztlich Sprachen, letztlich aber – unhörbar und doch unüberhörbar – die eine Sprache des Geistes, »jene einfache, allgemeine Sprache« [Goethe] gibt, so überwindet sich der Widerstreit zwischen Recht des Satzes und Recht des Buches immer neu aus der Tatsache, daß beide ihren Sinn von der einen dialogischen Begegnung ableiten, die dort der mensch­lichen Person und dem Augenblick, hier dem Volke und der Weltzeit gilt, dem Volk, in das die eigenständige Person, und der Weltzeit, in die der eigenständige Augenblick gefügt ist. Was der Übersetzer jeweils als Kompromiß anzusehen ge­neigt ist, kann auch einem andern Bereich als dem seiner menschlichen Armut entstammen.

Aber auch dem einzelnen biblischen Buch, dem einzelnen bib­lischen Bücherverband kann dem Ganzen gegenüber solch ein Eigenrecht zustehen, so daß in diesem Raum etwelche Wörter anders als sonst übersetzt werden dürfen und sollen, weil die Art und der Stil dieses Teils der Bibel es fordern, weil etwa das eine oder andre Wort hier unsinnlicher, abstrakter geworden ist, oder auch weil gerade durch die Abweichung von der bis­herigen Wiedergabe nun eine einheitliche innerhalb des einzel­nen Buches ermöglicht wird, die ihre spezifische Wichtigkeit hat. Überall wird nach dem für die Absicht der Übertragung höheren Wert zu fragen und danach zu entscheiden sein.

Ich will hier zunächst an fünf Grundworten die strenge, dann an ein paar andern Beispielen die aufgelockerte Methode dar­legen.

Von den fünf sind die drei positiven im »Buch der Preisungen« ebenso gleichmäßig wie in den früheren, die zwei negativen noch gleichmäßiger übersetzt worden.

Cheſsed, zedek und emeth, zentrale Begriffe der biblischen Theo­logie, die göttliche Tugenden verherrlichen und dem Men­schen, der »in den Wegen Gottes« gehen soll, zur Nachahmung darstellen, sind alle drei Begriffe der Übereinstimmung, der Zuverlässigkeit. Cheſsed ist eine Zuverlässigkeit zwischen den Wesen, und zwar wesentlich die des Bundesverhältnisses zwi­schen dem Lehnsherrn und seinen Dienstmannen, ganz über­wiegend die Bundestreue des Herrn, der seine Diener erhält und beschützt, sodann auch die der Untertanen, die ihrem Herrn treu ergeben sind. Der diesem Gegenseitigkeitsbegriff entsprechende deutsche Wortstamm ist »hold«: sowohl das Ad­jektiv hold wie das Nomen Huldbezeichnen ursprünglich auch die Treue von unten nach oben [»dem Schutzherrn mit redli­chem Herzen hold und gewärtig zu sein«, heißt es bei Niebuhr], der »Holde« hieß mittelhochdeutsch der Lehnsmann, und in unserem »huldigen« lebt diese Seite des Begriffs fort; aber auch dessen ästhetische Verselbständigung, wie sie von Jes 40,6 gefor­dert wird, gibt der deutsche Wortstamm mit »Holdheit« her. In den Psalmen sind Gottes chaſsidim seine Holden, seine treue Gefolgschaft. Zedek ist die weitere und vielfältigere Konzeption: es bedeutet die Zuverlässigkeit eines Handelns einem äu­ßeren oder inneren Sachverhalt gegenüber; einem äußeren ge­genüber, indem es ihn zur Geltung bringt, ihm Raum schafft, ihm sein Recht werden läßt; einem inneren, indem es ihn ver­wirklicht, ihn aus der Seele in die Welt setzt. Der einzige deutsche Wortstamm, der beiden Bedeutungen Genüge tut [wogegen das dem Stamm schafat entsprechende »recht« nur auf die erste trifft], ist »wahr«: Wahrheit, Wahrhaftigkeit, Bewahrheitung [des Unschuldigen im Gericht], Wahrspruch, Wahr­brauch [der mit ehrlicher Intention getane Brauch], Bewäh­rung stecken den Umfang des Begriffes ab. Emeth schließlich bezeichnet die Zuverlässigkeit schlecht­hin, auch die ganz in­nere, und kann, wie das stammeszugehörige emuna, nur vom Wortstamm »trau« aus einheitlich erfaßt werden; emeth ist we­sentlich die Treue, und emuna kommt ihm zuweilen so nah, daß es da nicht wie sonst durch »Vertrauen«, sondern ausnahms­weise [ich habe hier lange aber vergeblich zu widerstreben ver­sucht] durch das gleiche Wort »Treue« wiedergegeben werden muß.

Während bei diesen drei positiven Grundbegriffen in den Psalmen nur die Gleichmäßigkeit der Wiedergabe zu wahren war, mußten die beiden angeführten negativen hier strenger als sonst erfaßt werden. Bei awen ist der Grund dafür offenkundig. Auch wenn man nicht mit Mowinckel annimmt, daß damit schwarze Magie gemeint sei, muß man die ungeheure Wucht erkennen, die das Wort gerade in den Psalmen hat: es bezeichnet hier das Böse als Macht, und zwar so, daß es zumeist dessen Tätigkeit umgreift, zuweilen aber auch an das Erleiden dieser Tätigkeit rührt. Ich weiß kein andres Wort, das hier so zulänglich wäre wie »Harm«. Die in andern Teilen der Bibel ungleichmäßige Übersetzung mußte hier einer einheitlichen weichen, um im Zusammenschluß aller Stellen die gemeinte wirkende und erduldete Macht des Bösen deutlich erscheinen zu lassen.

Einen wesensverschiedenen, durch die Beziehung auf ein anderes Buch gebotenen Grund hat die Vereinheitlichung der Wiedergabe von schaw. Schaw ist das Fiktive, – und zwar zum Unterschied z. B. von hewel, Dunst oder Tand, das Fiktive besonders als dem die Realität angemaßt wird, das sich daher bis zum eigentlich Widergöttlichen, Widerwirklichen steigern kann. Wörter wie »eitel«, »nichtig«, »falsch« sind nicht stark genug, um diese Weltmacht des Götzentums zu benennen; es gibt nur ein einziges deutsches Wort, das dies vermag, und das ist »Wahn«. Darum ist die zen­trale schaw-Stelle, die des Dekalogs, in unsrer Verdeutschung so wiedergegeben: »Trage nicht Seinen deines Gottes Na­men auf das Wahnhafte« [nicht »Du sollst den Namen … nicht freventlich aussprechen«; naſsa ohne kol kann wohl anheben, aber nicht aussprechen bedeuten], d. h. belege nicht eine auf­geblähte Fiktion mit dem Namen der höchsten Wirklichkeit, und die auf diese Stelle über das schaw im Verhältnis zu Gott bald [2.Mose 23,1] folgende[3] mit gleichem Verb über das schaw im Verhältnis zum Mitmenschen so: »Trage nicht Wahngerücht um!« Dem Schaw ergibt sich eben nicht bloß, wer vom Wahn aus, sondern auch wer auf den Wahn hin redet oder handelt, nicht bloß wer Wahn übt, sondern auch wer Wahn erzeugt; in den Psalmen kommt diese Bedeutung von schaw, als »Sug­gerie­ren« des Fiktiven, frevelhaftes Spielen mit dem im andern erzeugten oder zu erzeugenden Wahn, Trugspiel, Wahnspiel, 12,3, 20,4, 41,7 und 144,8.11 vor. Aber auch die Dekalogwendung kehrt zweimal in den Psalmen wieder, und es sind außer jenen Stellen des Pentateuchs die einzigen in der Bibel, an denen naſsa la-schaw steht; an der einen, 139,20, heißt es von den »Gegnern Gottes«, daß sie ihn »zu Ränken besprechen«, und es, dieses Besprechen, also den besprochenen Namen »hinheben auf das Wahnhafte«; an der andern, 24,4, wird »der am Herzen Lautere« gepriesen, »der zum Wahnhaften nicht hob seine Seele« [von hier aus erweist sich wieder die Hinfälligkeit der angeblichen Bedeutung »aussprechen«], d. h. der seine Seele nicht der weltmächtigen Fiktion ergab. Diese beiden Stellen wollen mit dem Dekalog­spruch zusammengehört werden. Von ihrem Pathos geht etwas auf alle Psalmverse über, in denen das Wort schaw wiederkehrt, und dieses Pathos muß in der Übertragung erhalten werden: wie 31,7 nicht »schlechte Nichtigkeiten« [Duhm] oder »nichtige Götzen« [Gunkel], son­dern »Dunstgebilde des Wahns«, und wie 60,13 nicht »eitel ist ja der Menschen Hilfe«, sondern »Befreiertum von Menschen ist Wahn«, so ist 89,48 nicht »zu welcher Nichtigkeit« oder» für nichts«, sondern »zu wie Wahnhaften hast du erschaffen alle Menschenkinder«, und 127,2 nicht »eitel für euch steht ihr früh auf« oder »umsonst daß ihr frühe aufsteht«, sondern »Wahnheit ists euch, die ihr überfrüh aufsteht« zu übertragen. So erst steht in der Breite des Psalmenbuches die mächtige Fiktion in ihren mannigfachen Untaten sichtbar genug der Wirklichkeit ge­genüber.

Anders verhält es sich mit Wörtern, die die.se Betonung und Assoziationsdichtigkeit nicht haben. So braucht z. B. das kaum betonte ra nicht einheitlich wiedergegeben zu werden [daß da­bei »böse« bevorzugt wurde, liegt daran, daß dieser Wort­stamm die geforderte Doppelbedeutung von Missetat und Un­glück mit größerer Intensität als andre darbietet]. Ein mittlerer Weg durfte da eingeschlagen werden, wo ein Wort zwar sein eignes Pathos besitzt, aber seine begriffliche Sonderheit nicht so ausgeprägt ist, daß eine einheitliche Behandlung geboten er­schiene. Solcherart ist z. B. der gewichtige, aber nicht scharf determinierte Wortstamm aſaſ. Man durfte hier, zumal eine durchaus befriedigende deutsche Entsprechung wohl nicht zu finden wäre, der Vielfältigkeit des Begriffs, der Macht, Trotz, Wehr und Sieg umfaßt, Rechnung tragen; doch mußte, um die verbindenden Linien nicht zu verwischen, innerhalb der Gruppen zusammengehöriger Lieder eine Verknüpfung und auch zwischen den Gruppen nach Möglichkeit Übergänge her­gestellt werden [dabei wurde das zwar kaum etymologisch, wohl aber volksetymologisch hierher gehörende maoſ zur Ab­hebung von oſ durch Komposita wiedergegeben].

Ein Wort, dessen einheitliche Wiedergabe, so notwendig sie an den entscheidenden Stellen und allen mit ihnen in Bezie­hung stehenden ist, von vornherein nicht als eine unbedingte angesehen werden konnte und im Psalmenband eine weitere Auflockerung erfahren mußte, ist ruach. Es war von den Ab­sichten dieser Verdeutschung aus unumgänglich, diesem Wort, das in einer elementaren Einheit die Bedeutungen »Geist« und »Wind« umschließt, seine Sinnlichkeit zu bewahren, die dieses Umschließen ermöglicht, und das war die Sinnlichkeit nicht eines Dings, sondern eines Geschehens und mußte es bleiben; da aber das Wort »Geist«, das ursprünglich diese dynamische Sinnlichkeit besaß, sie längst verloren hat, mußte eins wie »Braus« herangezogen werden, das sich zu »Geistbraus« und »Windbraus« gabelte. Aber »Geistbraus« war nur da angemes­sen, wo vom Geist als dem von Gott ausgehenden schöpferi­schen begeistenden Geistessturm die Rede ist, nicht wo es sich um den abgelösten und in sich beschlossenen Menschengeist handelt, der eben verdinglicht als »Geist« auftreten muß; und ebenso war »Windbraus« nur [außer noch an Stellen, wo »Geist« und »Wind« nah beieinander stehen und ihre Einheit nicht ver­lorengehen darf] da zulässig, wo der Naturvorgang als ein von oben kommender, als einer, in dem der Schöpfungsbraus nach­weht, empfunden werden sollte, nicht aber wo lediglich der Ablauf der Naturerscheinung gemeint und also das bloße »Wind« angefordert war. Im Buch der Preisungen tritt, trotz der Schöpfungshymnen, die es enthält, jenes Ursprüngliche gegen Pentateuch, Geschichtsbücher und Propheten weit zu­rück.

Es gibt aber Fälle, wo Art und Stil dieses Buchs, oder der dich­terischen Bücher der Bibel überhaupt, zu radikaleren Ände­rungen der Wortwahl nötigten. So verlangt der Wortstamm tamam hier eine andere Behandlung als bisher: während die Adjektive tamim und tam im Pentateuch sinngeschieden sind und das zweite mit »schlicht«, das erste aber, wo es eine Eigen­schaft der Seele bezeichnet, mit »ganz« übertragen wurde, das allein dem Gehalt von Imperativen wie 1.Mose 17,1 und 5.Mose 18,13 gerecht werden kann, nähern sie sich einander in den Geschichts- und Künder-Büchern und verschmelzen im Psalmen­buch, wie auch in den beiden nachfolgenden, zu einem einzi­gen Grundwort, welches – die beiden Adjektive mit den zu­gehörigen Substantiven umfassend – insbesondre für die Psal­men den Charakter eines führenden Begriffs gewinnt, dessen starkem Ethos eine annähernd einheitliche Wiedergabe ge­bührt. Diese Wiedergabe kann in der Atmosphäre der Psal­men nicht mehr von »ganz«, nur noch von »schlicht« aus ver­sucht werden.[4] Wenn diesem auch nicht die Absolutheit von »ganz« eignet, so hat es doch eine edle Anschaulichkeit, die den üblichen Übersetzungen »fromm«, »vollkommen« abgeht.

Zu einer entschiedeneren Wendung hat mich die veränderte Haltung des Wortstamms pala in diesem Buch genötigt. Wir hatten ihm die Übersetzung durch »Wunder« ferngehalten, weil die Etymologie hier, wie in so vielen anderen Fällen, etwas Konkreteres, Direkteres und damit für unsere Aufgabe einer erneuten Vergegenwärtigung der Bibel (was sich keineswegs mit ihrer »Modernisierung« berührt) Wertvolles anbot[5]: den Sinn des Abgesonderten, Abgerückten, Entrückten, nämlich unserm Griff und Begriff Entrückten, also den Sinn der Transzendenz nicht abstrakt, sondern in leiblicher Gegenwart. So ließen wir die Bibel nicht von Wundem Gottes, sondern von seinen entrückten Taten und Werken reden. Und damit gehorchten wir dem Original, wo es eben diese Konkretion aufwies, sei es in den unmittelbaren Erfahrungen jener Taten und Werke in der geschehenden Geschichte, sei es in der prophetischen Schau der so waltenden Macht. In den Psalmen – in denen der Wortstamm weit öfter vorkommt als in allen ihnen vorangehenden Büchern zusammen – herrscht eine veränderte Situation: eine der Distanz. Der Mensch, der hier die niflaot Gottes verherrlicht, meint damit zwar etwas, was auch an ihm, in seinem eignen Schicksal wirkt oder dessen Wirken er erbittet oder erwartet, aber er verherrlicht es in Zusammenhängen, von denen er, eben durch jene Berichte der Erfahrung und jene Verkündigungen der Schau, gehört hat. Das pele ist ein dichterischer Terminus geworden, der – mit Ausnahme von Stellen, an denen (wie 13,11) die Grundbedeutung durchscheint – rechtmäßig durch »Wunder« zu verdeutschen ist.

Für Wortstämme, die nur an einzelnen Stellen notwendiger­weise eine Entsinnlichung erfahren haben, mag sawach [50,14.23 auch 43,4 und 84,4] als Beispiel dienen; es bedeutet ursprünglich »schlachten« als Opferhandlung, hier aber »opfern«. Erwähnt mag hier auch maschal werden, das einen parallelistisch ge­bauten Versspruch bedeutet und daher durch »Gleich wort« o.ä. wiedergegeben wird, aber zuweilen, wie 44,15, abstrakter, als »Gleichnis« verstanden werden darf.

Anders verhält es sich mit einem Wort, das fünfundzwanzigmal in den Psalmen, achtmal in den Proverbien und nur zehnmal in der übrigen Bibel vorkommt, mit jenem aschre, das man wortgetreu etwa durch »O der Seligkeiten des …« zu übersetzen hätte. An den paar Stellen, wo man ihm vor den Psalmen begegnet, ist es durch »Glück zu dem …« wiedergegeben worden. Für die Psalmen aber, wo aschre fast durchaus dazu dient, den gottverbundenen Menschen zu preisen, reicht jene Wiedergabe nicht zu. Aber auch »glücklich« ist nicht groß und rein genug dazu, es verfehlt die Emphase der wichtigsten Stellen und versagt schon beim ersten Wort des Buchs; und noch ungenügender ist das neutrale »wohl ihm«, das seine Schwäche vollends erweist, wenn man die Stellen, an denen das entsprechende Verb steht, 41,3 und 72,17, von da aus übertragen möchte; diese beiden Stellen lassen sich auch von dem weit zulänglicheren »Heil« aus nicht bewältigen, das zudem etliche Male mit »heilig« oder mit »heilen« störend zusammengeriete. Es gibt nur ein deutsches Wort, das dem, was mit aschre gemeint ist, wenn auch nicht grammatisch so doch sinnhaft entspricht; das ist eben das Wort »selig«, wenn man es nur der ihm durchaus nicht ursprünglichen Jenseitigkeit entkleidet und es, eben durch die Einstellung in die psalmistischen Zusammenhänge (»daß er beseligt sei auf Erden« gibt in Psalm 41 den Grundton an) in dem natürlichen Charakter eines kräftigen Erdenheils beläßt, den das edle mittelhochdeutsche »saelde« hatte und den auch »selig« immer wieder, vornehmlich in der Dichtung des Goetheschen Zeitalters, aufweist.

Quelle: Martin Buber, Zur Verdeutschung der Preisungen. Beilage zu dem Werk „Das Buch der Preisungen“, verdeutscht von Martin Buber, Köln-Olten: Jakob Hegner, 1966.


[1] Die wichtigsten allgemeinen Grundsätze sind in einer der Verdeutschung der »Fünf Bücher der Weisung« beigegebenen Abhandlung dargelegt worden.

[2] Dieses Postulat wird auch heute noch von den Übersetzern des Alten Testaments unbeachtet gelassen; eine so bedeutende Psalmen­übersetzung wie die Gunkels gibt z. B. 4 verschiedene Wortstämme durch den einen »spott« und 5 verschiedene durch den einen »schrei« wieder.

[3] Auch in die Deuteronomiumsfassung des Dekalogs ist eine entsprechende Stelle aufgenommen worden, indem das scheker, Lü­ge, der Exodusfassung durch schaw ersetzt wurde, offenbar um auch hier den Spruch über das schaw im Verhältnis zu Gott durch einen über es im Verhältnis zum Mitmenschen zu ergänzen.

[4] Der Einheitlichkeit innerhalb des Psalmenbuchs mußte auch die Übereinstimmung zwischen 2. Sam 22 und Psalm 18 in den wortlautgleichen Teilen zum Opfer gebracht worden, was auch für einige andre Wörter zutrifft.

[5] Die Übersetzung geht nicht grundsätzlich, sondern nur in solchen Fällen vom Etymon aus.

Hier der Text als pdf.

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