Jürgen Roloff, Kirche im Neuen Testament: „Aus der gottesdienstlichen Teilhabe an der Gabe des Sakraments gewinnt die Kirche ihre Teilhabe an den Lebensfunktionen Jesu Christi im Sinne des gegenseitigen Dienens aller ihrer Glieder.“

Kirche im Neuen Testament

Von Jürgen Roloff

1. Begriff

Der Begriff ekklēsia entstammt dem Bereich des Politischen und bezeichnet die aus den stimmberechtigten freien Männern bestehende Volksversammlung (Act 19, 39) oder, allgemeiner, die öffentliche Versammlung (Act 19, 32.40). Der spezifische christliche Begriffsgebrauch knüpft jedoch weder hier an, noch hat er ein etymologisches Verständnis im Sinne einer Ableitung aus ek und kaleo im Blick, nach dem ekklēsia »die (Gesamtheit der) Herausgerufenen« bezeichnen konnte, hinter ihm steht vielmehr das Alte Testament und das apokalyptische Judentum. Die Selbstbezeichnung der Jerusalemer Urgemeinde als ekklēsia tou teou (»Kirche Gottes«; vgl. Gal 1, 13) dürfte Übersetzung von (aram.) (qehal el (1QM 4, 10; 1QSa 1, 25 [em]) sein und damit deren Bewußtsein widerspiegeln, das »endzeitliche Aufgebot Gottes« zu sein, d.h. die Schar der von Gott als Mitte und Kristallisationskern des endzeitlichen Gottesvolkes Berufenen. Der einfache Begriff ekklēsia ist durchweg als Verkürzung des ursprünglichen Terminus ekklēsia tou teou zu verstehen, d.h. die Näherbestimmung durch den Genitivus auctoris »Gottes« ist jeweils mitzudenken (vgl. 1 Kor 14, 4; Phil 3, 6).

2. Jesus

Viel diskutiert wurde die Frage des Verhältnisses des vorösterlichen Jesus zur Kirche. Nach dem übereinstimmenden Urteil heutiger Forschung hat Jesus weder die Kirche direkt gegründet noch indirekt ihre Entstehung nach seinem Tod ins Auge gefaßt und vorbereitet. Gegen beides spricht neben dem Fehlen des Begriffs ekklēsia in der Jesusüberlieferung (Mt. 16,18; 18,17 sind sekundäre nachösterliche Bildungen) und der Naherwartung Jesu die konstante Ausrichtung seines Wirkens auf das Volk Israel. Strittig ist hingegen, ob und in welchem Sinn eine Kontinuität zwischen dem vorösterlichen Wirken Jesu und der nachösterlichen Kirche besteht: Ist die Kirche der Ersatz für Israel nach dem Scheitern des Versuches Jesu zu dessen Sammlung, wobei allenfalls in der Person Jesu als des Sammelnden und Berufenden eine Kontinuität gegeben wäre (Kümmel)? Ist die von Jesus gesammelte Jüngergemeinde der »Heilige Rest« Israels, der sich heilsgeschichtl. nachösterlich zur Kirche und zur erlösten Menschheit erweitert (Schmidt)? Oder ist die Kirche das nach dem Willen Jesu in seiner endzeitlichen Fülle und Weite gesammelte und erneuerte Israel? Für letzteres spricht u.a. die programmatische Weite und Inklusivität der Zuwendung Jesu zu Israel. Es ging Jesus nicht um die Restitution des empirisch vorfindlichen Israel, sondern um die eschatologische Neuschöpfung Israels nach dem Willen Gottes. In diese Richtung deuten gleichermaßen die Einsetzung des Zwölferkreises als Zeichen der Erneuerung des Zwölfstämmevolkes in seiner endzeitlichen Fülle (Mt 19,28) wie auch die Hinwendung zu den Zöllnern und Sündern, mit der Jesus dem Anspruch Gottes auf Gewinnung und Sammlung auch der fernsten Glieder seines Volkes Raum gibt. Zur Verkündigung des Reiches Gottes gehört als notwendiges Korrelat der Gedanke an ein Volk, in dem Gottes Name in der Weise geheiligt wird, daß sein Heil sich durchsetzt und in konkreten Formen menschlichen Miteinanders Gestalt gewinnt (Lk 11, 2). Konkret dürfte Jesus seinen Tod in den Zusammenhang der Durchsetzung dieses Heils in Israel ge­stellt haben. Indem er mit den Zwölfen das letzte Mahl feierte (Mk 14, 17), eignete er ihnen als den symbolischen Repräsentanten Israels sein sühnendes Sterben »für die Vielen« (Mk 14, 24), d.h. für alle Glieder des Gottesvolkes, und damit eine neue Lebensmöglichkeit in heilvoller Gemeinschaft zu.

3. Urgemeinde

Bestimmend für das Selbstbewußtsein der Jerusalemer Urgemeinde war die Überzeugung, daß Gott durch die Auferweckung Jesu von den Toten die Endzeit habe anbrechen lassen und daß somit die Vollendung der von Jesus begonnenen Sammlung Israels an der Zeit sei. Darin, daß die maßgeblichen Glieder des Jüngerkreises Jesu, vorab Petrus und die Zwölf, kurze Zeit nach den ersten Erscheinungen des Auferstandenen in Galiläa nach Jerusalem übersiedelten, um dort mit ihrem Zeugnis öffentlich in Erscheinung zu treten – so der vermutlich historische Hintergrund des Pfingstberichts (Act 2) –, steckt bereits ein ekklesiologisches Programm: Jerusalem war Mitte und Heilsort Israels; dort war die Sammlung des Gottesvolkes zu erwarten; dort sollte danach die endzeitliche Völkerwallfahrt auch ihr Ziel finden. Es mag in nachösterlicher Zeit Gruppen von Jesusanhängern in Galiläa gegeben haben; die Ansätze zur Entstehung von Kirche verbinden sich jedoch ausschließlich mit Jerusalem. Von großer Bedeutung waren Erfahrungen der Wirkung des Geistes in der Kirche, die als Erfüllung alttestamentlicher Verheißungen für die Heilszeit (Act 2, 16-21; Gal 3, 2-5; 4, 6f) und als Manifestation der Herrschaft des erhöhten Christus verstanden wurden. Die Eingliederung in dessen Herrschaftsbereich und damit zugleich die Unterstellung unter die Macht des Geistes erfolgte durch die Taufe »auf den Namen« Jesu Christi (Act 2, 38). Die geistgewirkte endzeitliche Heiligkeit und Reinheit der Kirche fand in einem rigoristischen Ethos sichtbaren Ausdruck. Kirchenzuchtmaßnahmen galten als Akte, in denen der Heilige Geist selbst seine Herrschaft gegen Normenübertreter verteidigte (Act 5, 1-11; 1 Kor 5, 1-5).

Als zentrales Problem stellte sich schon früh das Verhältnis der Kirche zu Israel heraus. Zwei Erfahrungen bedurften der theologischen Verarbeitung: Einerseits stellte die Verweigerung des Glaubens an Christus durch die Mehrzahl der jüdischen Menschen den Anspruch der Kirche, endzeitliche Sammlung ganz Israels zu sein, in Frage, andererseits ließ die Gewinnung von Gottesfürchtigen (Act 10, 1-11, 18) und Heiden für den Glauben, die sich hauptsächlich im Gefolge der Mission der hellenistischen Judenchristen vollzog (Act 11, 19-24), die ausschließliche Bindung der Kirche an Israel zu einer von den Fakten überholten Fiktion werden. Das Apostelkonzil (ca. 48) brachte zwar die grundsätzliche Anerkennung der christusgläubigen Heiden ohne Gesetz und Beschneidung als Glieder der Kirche und damit als Angehörige des Volkes Gottes (Gal 2, 1-20), doch bedeutete dies keine endgültige Problemlösung.

4. Paulus

Eine grundsätzliche theologische Klärung führte Paulus durch die Verbindung von Ekklesiologie und Rechtfertigungsbotschaft herbei: Ausgehend von dem Antagonismus zwischen Christus und dem Gesetz zeigte er, daß im gesetzesfreien Evangelium der endzeitliche Heilswille Gottes seine eindeutige Gestalt gewinnt und daß darum die Zugehörigkeit von Heiden zur Kirche ohne Gesetz, allein aus Glauben, nicht nur eine Randmöglichkeit, sondern die legitime Gestalt von Kirche schlechthin darstellt (Gal 3, 10-14). Paulus löste jedoch den Zusammenhang zwischen Kirche und Israel nicht auf, sondern definierte ihn in heilsgeschichtlicher Perspektive neu: Das empirische Israel bleibt trotz seiner Verweigerung des Glaubens das Volk der Verheißung, dem Gottes endzeitliches Handeln zugesagt ist. Die jetzt glaubenden Heiden werden zur Kirche, indem sie dem Volk der Verheißung eingepflanzt werden (Röm. 11, 17-24). Auch sonst hat Paulus in der Reflexion über die Kirche neue Akzente gesetzt, z.B. in seiner Betonung der ekklesiologischen Funktion seines Apostelamtes (1 Kor 1, 1f; Röm 1, 5 u.ö.). Als Bote des Auferstandenen bringt der Apostel das Evangelium so zur Geltung, daß dadurch Gemeinde als konkret vom Evangelium gestalteter geschichtlichen Lebenszusammenhang von Menschen entsteht. Die Verbindung der Kirche mit Christus veranschaulicht Paulus durch das wohl an das Abendmahl (1 Kor 10, 16) anknüpfende Bild vom Leib Christi (1 Kor 12). Aus der gottesdienstlichen Teilhabe an der Gabe des Sakraments gewinnt die Kirche ihre Teilhabe an den Lebensfunktionen Jesu Christi im Sinne des gegenseitigen Dienens aller ihrer Glieder.

5. Schriften der dritten Generation

Die theologische Reflexion über die Kirche gewinnt in den neutestamentlichen Schriften der dritten Generation starkes Gewicht. Dabei treten neben der Kirche-Israel-Thematik die Fragen nach der Identität der Kirche auf ihrem Weg durch die Geschichte sowie nach ihrem Verhältnis zum Staat und zur nichtchristlichen Gesellschaft in den Vordergrund, wobei die Antworten unterschiedlich ausfallen.

5.1. Die Kirche-Israel-Thematik wird im Matthäus und der Johannesapokalypse, zwei Schriften aus judenchristlicher Tradition also, radikal im Sinne einer Substitutionstheorie gelöst, die die Kirche an die Stelle des seines heilsgeschichtlichen Ranges verlustig gegangenen Israel treten läßt. Lukas dagegen betont das Miteinander von Juden und Heiden in der Kirche als Ziel der von Gott gesetzten Heilsgeschichte, ähnlich der Epheserbrief (Eph 2, 11-14).

5.2. Die Frage nach der Bewahrung der Identität der Kirche wird v. a im paulinischen Traditionskreis durch eine starke Gewichtung von Tradition und Amt beantwortet, wobei beide Größen als durch die Apostel, vorab durch Paulus, begründet und normiert gelten Die apostolische Tradition wird als das Fundament der Kirche angesehen (Eph 2, 20), ihre Wahrung und Weitergabe sowie die Abwehr von Irrlehre sind die Hauptaufgaben des gemeindlichen Leitungsamtes (1 Tim 6, 20). In schroffer Differenz dazu setzen die in ihrem theologischen Ansatz der frühchristlichen Prophetie verpflichteten Johanneischen Schriften auf die bleibende Gegenwart des prophetischen Geistes als des vollmächtigen Interpreten des erhöhten Christus für die Kirche (Joh 14, 26). Einen ganz eigenen Weg geht das Matthäus-Evangelium, für das die Identität der Kirche in ihrem Gehorsam gegenüber den Geboten des messianischen Lehrers Jesus gründet (Mt 7, 24-27; 28, 20).

5.3. Das Verhältnis der Kirche zu Staat und Gesellschaft wird im paulinischen Traditionskreis vorsichtig-positiv gesehen. Die Kirche kann zumindest damit rechnen, daß ihr Verhaltenszeugnis in der Öffentlichkeit werbend und damit auch verändernd wirkt. Am weitesten gehen hier die Pastoralbriefe, die unter Verweis auf die Inkarnation der Kirche eine sittliche Erziehungsaufgabe an allen Menschen zuweisen (Tit 2, 11; 3, 4). Demgegenüber rechnen die johanneischen Schriften (Joh 15, 18; 1Joh 3, 13), v.a. aber die Johannesapokalypse, mit einer schroffen Diastase von Kirche und Gesellschaft. Zwischen der »Stadt« Gottes, dem durch Gottes Gegenwart bestimmten Gemeinwesen (Apk 21) und der »großen Stadt«, der vom feindseligen Widerstand gegen Gott und seine Herrschaft geprägten gesellschaftlichen Große (Apk 13; 17), kann es keinen Ausgleich geben (Apk. 12, 17).

Lit.: Schmidt, K.L.: Art ekklēsia, ThWNT Bd. 3 (1938) 502-539 – Schnackenburg, R.: Gottes Herrschaft und Reich, Freiburg 1959 – Stendahl, K.: Art. Kirche II., RGG3 Bd. 3 (1959) 1297-1304 (dort ältere Literatur!) – Schrage, W.: ‚Ekklesia‘ und ‚Synagoge‘, ZThK 60 (1963) 178-202 – Trilling, W.: Das wahre Israel. Studien zur Theologie des Matthäus, München 1964 – Kümmel, W.G.: Jesus und die Anfänge der Kirche, in: Gräßer, E. u.a. (Hgg.): Heilsgeschehen und Geschichte, Marburg 1965, 289-309 – Hainz, J.: Ekklesia. Strukturen paulinischer Gemeinde-Theologie und Gemeinde-Ordnung, Regensburg 1972 – Müller, K. (Hg.): Die Aktion Jesu und die Re-Aktion der Kirche. Jesus von Nazareth und die Anfänge der Kirche, Würzburg 1972 – Frankemölle, H.: Jahwebund und Kirche Christi, Münster 1974 – Heinz, G.: Das Problem der Kirchenentstehung in der deutschen protestantischen Theologie des 20. Jahrhundert, Mainz 1974 – Theißen, G.: Studien zur Soziologie des Urchristentums, Tübingen 1979 – Roloff, J.: Art. ekklēsia, EWNT Bd. 1 (1980) 998-1011 – Lohfink, G.: Wie hat Jesus Gemeinde gewollt?, Freiburg/Basel/Wien 1982 – Klaiber, W.: Rechtfertigung und Gemeinde. Eine Untersuchung zum paulinischen Kirchenverständnis, Göttingen 1982 – Kertelge, K.: Die Wirklichkeit der Kirche im Neuen Testament, in: Kern, W. u.a. (Hgg.): Handbuch der Fundamentaltheologie, Bd. 3, Freiburg/Basel/Wien 1986, 98-121.

EKL3, Bd. 2/6 (1989), Sp. 1053-1057.

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