Søren Kierkegaard über Hiob und dessen Wort „Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s ge­nommen, der Name des Herrn sei gelobt!“: „Nur der Weichling könnte wünschen, dass Hiob nicht da wäre; damit er je eher je lieber jeden Gedanken fahren lassen, jede Bewegung in der widerwärtigsten Ohnmacht aufgeben, sich selbst in der elendesten und erbärmlichsten Vergessenheit auslöschen könnte.“

Hiob

Von Søren Kierkegaard

Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen, der Name des Herrn sei gelobt.

Da stand Hiob ans, und zerriß sein Kleid, und raufte sein Haupt und fiel auf die Erde, und betete an, und sprach: Ich bin nacket von meiner Mutter Leibe kommen, nacket werde ich wieder dahinfahren. Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen; der Name des Herrn sei gelobt![1]

Nicht bloß den nennen wir einen Lehrer der Menschen, der durch eine besonders glückliche Gunst, oder mit unermüdlicher Mühe und durchgreifender Ausdauer die eine oder andere Wahrheit entdeckte oder ergründete, das Erworbene als eine Lehre hinterließ, welche die folgenden Geschlechter zu verstehen und in diesem Verstehen sich zuzueignen streben; sondern auch den, vielleicht in noch strengerem Sinn, nennen wir einen Lehrer der Menschheit, der nicht nur Lehre anderen zu übergeben hatte, sondern dem Geschlecht sich selbst als ein Vorbild hinter­ließ, sein Leben als eine Führung für jeden Menschen, seinen Namen als eine Bürgschaft für die Vielen, seine Tat als eine Aufmunterung für die Versuchten. Ein solcher Lehrer und Führer der Menschheit ist Hiob, dessen Bedeutung keineswegs in dem liegt, was er gesagt hat, sondern in dem, was er getan hat. Wohl hat er eine Aussage hinterlassen, die durch ihre Kürze und Schönheit zum Sprichwort geworden ist, bewahrt von Ge­schlecht zu Geschlecht, und keiner hat vermessen etwas hinzugefügt oder etwas weggenommen; aber die Aussage selbst ist nicht der Führer, und Hiobs Bedeutung liegt nicht darin, daß er sie sagte, sondern darin, daß er nach ihr handelte. Das Wort selbst ist wohl schön und der Überlegung wert, aber wenn ein anderer es gesagt hätte, oder wenn Hiob ein anderer gewesen wäre, oder wenn er es bei einer anderen Gelegenheit gesagt hätte, so wäre auch das Wort selbst ein anderes geworden, bedeutungsvoll, wenn anders es dies war, als ausgesagtes, aber nicht bedeutungsvoll dadurch, daß er handelte, indem er es aus­sagte, daß die Aussage selbst eine Tat war. Wenn Hiob sein ganzes Leben angewendet hätte, um dieses Wort einzuschärfen, wenn er es als die Summe und Vollendung dessen betrachtet hätte, was ein Mensch vom Leben lernen soll, wenn er es be­ständig bloß von sich weg gelehrt hätte, aber niemals selbst es versucht, niemals selbst gehandelt, indem er es aussagte, so wäre Hiob ein anderer, seine Bedeutung eine andere. Es würde Hiobs Name vergessen sein, oder es würde doch gleichgültig sein, ob man ihn wüßte, die Hauptsache wäre der Inhalt des Wortes, die Gedankenfülle, die in ihm läge. Wenn das Geschlecht das Wort angenommen hätte, so wäre es dieses, was das eine Geschlecht dem andern übergäbe; während es setzt da­gegen Hiob selbst ist, der das Geschlecht begleitet. Wenn das eine Geschlecht ausgedient, sein Werk vollbracht, seinen Streit ausgekämpft hat, so hat Hiob es begleitet; wenn das neue Ge­schlecht mit seinen unüberschaubaren Reihen und jeder Einzelne in diesen auf seinem Platze fertig steht, um die Wanderung zu beginnen, so ist Hiob wieder zur Stelle, nimmt seinen Platz ein, welcher ein Außenposten der Menschheit ist. Sieht das Ge­schlecht nur frohe Tage in glücklichen Zeiten, so folgt Hiob ge­treu mit, und wenn der Einzelne doch im Gedanken das Furcht­bare erlebt, geängstigt wird durch die Vorstellung, was das Leben an Entsetzen und Not bergen kann, daß niemand weiß, wann die Stunde der Verzweiflung für ihn schlägt, so sucht sein bekümmerter Gedanke hin zu Hiob, ruht in ihm, beruhigt sich durch ihn; denn er folgt getreulich mit und tröstet wohl nicht so, als hätte er ein für allemal gelitten, was nie wieder erlitten werden sollte, aber tröstet wie der, der zeugt, daß das Furchtbare erlitten worden ist, daß der Schrecken erlebt worden ist, daß der Kampf der Verzweiflung gekämpft worden ist, Gott zur Ehre, ihm zur Rettung, andern zu Nutz und Freude. In frohen Tagen, in glücklichen Zeiten geht Hiob an der Seite des Geschlechts und sichert ihm seine Freude, bekämpft den angst­vollen Traum, daß ein plötzlicher Schrecken einen Menschen überfallen sollte und Macht haben, seine Seele zu morden als seine gewisse Beute. Nur der Leichtsinnige könnte wünschen, das, Hiob nicht mit wäre, daß sein ehrwürdiger Name ihn nicht daran erinnern sollte, was er zu vergessen sucht: daß es Schrecken gibt im Leben und Angst; nur der Selbstsüchtige könnte wünschen, daß Hiob nicht da wäre, damit die Vor­stellung von seinem Leiden mit ihrem strengen Ernst seine ge­brechliche Freude nicht stören sollte, ihn aufschrecken aus seiner in Verhärtung und Verlorenheit berauschten Sicherheit. In sturmvollen Zeiten, wenn der Grund des Daseins wankt, wenn der Augenblick bebt in angstvoller Erwartung dessen, was kommen soll, wenn jede Erklärung verstummt beim Anblick des wilden Aufruhrs, wenn das Innerste des Menschen sich windet in Verzweiflung und in der Seele Bitterkeit zum Himmel schreit, so geht Hiob noch zur Seite des Geschlechts und bürgt dafür, daß ein Sieg ist, bürgt dafür, daß, wenn auch der Ein­zelne im Streite verliert, doch ein Gott ist, der, wie Er jede Versuchung menschlich macht, selbst wenn ein Mensch in der Versuchung nicht bestände, doch ihren Ausgang so machen wird, daß wir ihn ertragen können, ja, herrlicher als irgendeine menschliche Erwartung. Nur der Trotzige könnte wünschen, daß Hiob nicht da wäre, damit er seine Seele ganz von der letzten Liebe freimachen könnte, die doch noch im Klageschrei der Ver­zweiflung zurückblieb, damit er klagen, ja, das Leben so ver­fluchen könnte, daß nicht einmal ein Mitlaut von Glauben und Zuversicht und Demut in seiner Rede wäre, damit er in seinem Trotz den Schrei ersticken könnte, daß es nicht einmal scheinen sollte, als wäre da einer, den er herausforderte. Nur der Weichling könnte wünschen, daß Hiob nicht da wäre; damit er je eher je lieber jeden Gedanken fahren lassen, jede Bewegung in der widerwärtigsten Ohnmacht aufgeben, sich selbst in der elendesten und erbärmlichsten Vergessenheit auslöschen könnte.

Das Wort, das, wenn es genannt wird, sofort an Hiob er­innert, das Wort, das, wenn Hiobs Name genannt wird, sofort lebendig und in jedermanns Gedanken gegenwärtig wird, ist ein einfältiges und simples Wort, verdeckt keine heimliche Weis­heit in sich, die von den Tiefsinnigen erforscht werden müßte. Wenn das Kind dieses Wort lernt, wenn es ihm anvertraut wird als eine Mitgift, von der es nicht faßt, wozu es sie ge­brauchen soll, so versteht es das Wort, versteht wesentlich das­selbe dabei wie der Weiseste. Jedoch versteht das Kind es nicht, oder besser: es versteht Hiob nicht, denn was es nicht faßt, ist all dir Not und das Elend, in dein Hiob geprüft wurde. Davon kann das Kind nur eine dunkle Ahnung haben; und doch, wohl dem Kind, welches das Wort verstand, und den Eindruck bekam von dem, was es nicht faßte, daß es das Furchtbarste von allem sei, und, ehe Sorge und Widerwärtigkeit seinen Gedanken verschlagen machen konnten, die überzeugende und kindlich lebendige Entscheidung besaß, daß es in Wahrheit das Furchtbarste sei. Wenn der Jüngling seinen Gedanken diesem Worte zuwendet, so versteht er es, und versteht wesentlich das­selbe dabei, wie das Kind und wie der Weiseste. Jedoch versteht er es vielleicht nicht, oder besser: er versteht nicht Hiob, woher all die Not und das Elend kommen sollte, worin Hiob geprüft ward; und doch, wohl dem Jüngling, der das Wort ver­stand, und demütig unter das sich beugte, was er nicht ver­stand, ehe Trübsal seinen Gedanken eigensinnig machte, als ent­deckte er, was keiner zuvor gekannt hätte. Wenn der Altere das Wort überlegt, so versteht er es und versteht wesentlich dasselbe dabei, wie das Kind und wie der Weiseste. Er versteht auch die Not und den Kummer, in welchem Hiob geprüft ward, und doch versteht er vielleicht nicht Hiob, denn er kann nicht verstehen, wie Hiob imstande war, es zu sagen; und doch, wohl dem Manne, der das Wort verstand und bewundernd festhielt, was er nicht verstand, ehe Kummer und Not ihn mißtrauisch machten, auch gegen Hiob. Wenn der Geprüfte, der den guten Streit stritt, indem er des Wortes gedachte, es nennt, so ver­steht er das Wort und versteht wesentlich dasselbe dabei, wie das Kind und wie der Weiseste, er versteht Hiobs Elend, er versteht, wie Hiob es sagen konnte. — Er versteht das Wort, er erklärt es, wenn er auch nie darüber redete, herrlicher als der, der ein ganzes Leben brauchte, um dieses Wort allein zu erklären.

Nur der Versuchte, der das Wort prüfte, indem er selbst geprüft ward, nur er erklärt das Wort richtig, nur einen solchen Schüler, nur einen solchen Erklärer wünscht Hiob, nur er lernt von ihm, was zu lernen ist, das Schönste und das Seligste, im Verhältnis zu dem alle andere Kunst oder Weisheit sehr un­wesentlich ist. Darum nennen wir Hiob recht eigentlich einen Lehrer der Menschheit, nicht einzelner Menschen, weil er vor jeden sich stellt als ein Vorbild, jedem mit seinem herrlichen Beispiel winkt, jeden in seinen schönen Worten anruft. Wäh­rend wohl zuweilen der Einfältigere, der weniger Begabte, oder der von Zeit und Umständen minder Begünstigte, wenn nicht in Neid, so doch in bekümmertem Mißmut Gabe und Gelegen­heit sich wünschte, um fassen und sich darein vertiefen zu können, was die Weisen und Gelehrten zu verschiedenen Zeiten ergründet haben, eine Begierde in seiner Seele fühlte, selbst auch andere belehren zu können und nicht immer bloß selbst die Belehrung entgegenzunehmen, so versucht Hiob ihn nicht also. Was sollte auch die menschliche Weisheit hier helfen; sollte sie vielleicht suchen, das verständlicher zu machen, was der Einfältigste und das Kind leicht verstanden und ebensogut verstanden wie der Weiseste? Was sollte die Kunst der Beredsamkeit und die Macht des Wortes hier helfen; sollten sie imstande sein, in dem Reden­den oder in irgendeinem andern Menschen hervorzubringen, was der Einfältigste ebensogut vermag wie der Weiseste — die Tat! Sollte nicht eher die menschliche Weisheit alles schwieriger machen, sollte die Kunst der Überredung, die doch in all ihrer Herrlichkeit niemals auf einmal das Verschiedene auszusagen vermag, das auf einmal in eines Menschen Herzen wohnt, nicht eher die Kraft der Handlung betäuben und sie einschlummern lassen in weitläufiger Überlegung! Aber ob dieses nun auch feststeht und als Folge davon der Einzelne es zu vermeiden strebt, mit seiner Rede störend zwischen den Streitenden und das schöne Vorbild einzudringen, das jedem Menschen gleich nahe ist, daß er nicht, indem er ihm die Weisheit mehrt, auch den Gram mehre, und darauf achtet, daß er nicht sich selbst in prächtigen Worten menschlicher Überredung fange, welche un­fruchtbar sind, so folgt daraus doch keineswegs, daß die Über­legung und die Entwicklung nicht ihre Bedeutung haben sollten. Wenn der Überlegende das Wort vorher nicht kennte, so wäre es ihm ja allzeit von Nutzen, daß er es kennen lernte; wenn er das Wort wohl kennte, aber in seinem Leben keinen Anlaß ge­habt hätte, es zu prüfen, so wäre es ihm ja von Nutzen, wenn er verstehen lernte, was er einmal vielleicht brauchen sollte; wenn er das Wort geprüft, aber es betrogen hätte, wenn er auch meinte, daß es das Wort war, das ihn betrogen hatte, so wäre es ja von Nutzen, wenn er es noch einmal überlegte, ehe er in der Unruhe des Streites und in der Eile des Kampfes wieder die Flucht von dem Worte weg ergriff. Vielleicht könnte die Überlegung einmal ihre Bedeutung für ihn bekommen, es könnte vielleicht geschehen, daß die Überlegung lebendig und gegenwärtig in seiner Seele bliebe, gerade wenn er sie brauchte, und die verwirrten Gedanken des unruhigen Herzens zu durch­dringen, es könnte vielleicht geschehen, daß, was die Über­legung stückweise verstand, sich sammelte, auf einmal wieder­geboren im Augenblick der Entscheidung; daß, was die Über­legung in Vergänglichkeit säte, auferstand am Tage der Not im unvergänglichen Leben der Tat.

Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s ge­nommen, der Name des Herrn sei gelobt!

In einem Lande gegen Morgen wohnte ein Mann, sein Name war Hiob, er besaß gesegnete Länder, zahllose Herden und fruchtbare Felder, „seine Rede hat die Gefallenen aufge­richtet, und die bebenden Knie hat er gekräftigt“, in seinem Zelt war selig zu wohnen wie in des Himmels Schoß, und in diesem Zelt wohnte er mit sieben Söhnen und drei Töchtern, und bei ihm in diesem Zelt wohnte „Gottes Geheimnis“. Und Hiob war ein alter Mann; seine Freude im Leben war die Freude der Kinder, über die er wachte, daß sie ihnen nicht zum Ver­derben gereichen sollte. Als er eines Tages allein an seinem Herde saß, während seine Kinder zum Fest in des erstgeborenen Bruders Hause versammelt waren, als er Brandopfer geopfert hatte für jedes besonders, da beschickte er auch sein Herz zur Freude im Gedanken an die der Kinder. Wie er dasaß in der Freude stiller Sicherheit, da kam ein Bote, und ehe der ausgeredet hatte, kam ein anderer Bote, und während dieser noch redete, kam der dritte Bote, aber der vierte kam von seinen Söhnen und Töchtern, daß das Haus eingestürzt sei und sie alle begraben habe. „Da stand Hiob auf und zerriß sein Kleid, und raufte sein Haupt, und fiel auf die Erde und betete an.“ Sein Leid brauchte nicht viele Worte, ja, er sagte auch nicht ein einziges, nur seine Gestalt zeugte, daß sein Her; gebrochen sei. Könnte man es anders wünschen, oder hatte der, der seine Ehre dareinsetzt, nicht trauern zu können am Tage des Leides, nicht seine Scham darin gehabt, auch nicht sich freuen zu können am Tage der Freude? Oder ist der Anblick einer solchen Unveränderlichkeit nicht unerfreulich und unerquicklich, ja empörend, wem es auch erschütternd ist, den ehrwürdigen Greis, der eben noch in der Freude des Herrn mit seinem väterlichen Antlitz saß, nun hingeworfen auf der Erde mit zerrissenem Kleid und zer­rauften, Haupte zu sehen! Als er nun so ohne Verzweiflung mit menschlichem Gefühl dem Leide sich hingegeben hatte, war er hurtig zu richten zwischen Gott und sich, und die Worte seines Urteils sind diese: „Ich bin nacket von meiner Mutter Leibe kommen, nacket werde ich wieder dahinfahren.“ Hiermit war der Streit entschieden, und jede Forderung, die vom Herrn etwas verlangen wollte, was er nicht geben will, oder etwas zu behalten begehrt, als wäre es nicht gegeben, war in seiner Seele zum Schweigen gebracht. Dam folgt das Bekenntnis dieses Mannes, den nicht das Leid allein zur Erde geworfen hatte, sondern auch die Anbetung: „Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen, der Name des Herrn sei ge­lobt!“ —

Was hier zuerst die Überlegung anhält, ist, daß Hiob sagte: „Der Herr hat’s gegeben.“ Hat dieses Wort mit dein Anlaß selbst denn etwas zu tun; enthält es nicht etwas anderes, als was in der Begebenheit selbst lag? Wenn ein Mann in einem Augenblick alles verlöre, was ihm teuer war, und das Teuerste von allem verlöre, so wird der Verlust vielleicht ihn so über­wältigen, daß er nicht einmal damit sich tröstet, ihn auszusagen, ob er auch in seinen, Innersten mit Gott sich bewußt bleibt, daß er alles verloren hat. Oder er wird den Verlust mit seinem zermalmenden Gewicht ans seiner Seele nicht ruhen lassen, son­dern er wird ihn gleichsam von sich wälzen und in des Herzens Bewegung sagen: „Der Herr hat’s genommen“. Und auch dies ist wohl des Preises und der Nachahmung wert, so dem Herrn in Schweigen und Demut zu Füßen zu fallen, auch ein Solcher rettete seine Seele im Streit, wenn er auch alle Freude verlor. Aber Hiob! In dem Augenblick, wo der Herr alles nahm, sagt er nicht zuerst: „Der Herr hat’s genommen“, sondern er sagte zuerst: „Der Herr hat’s gegeben“. Das Wort ist kurz, aber bezeichnet vollständig in seiner Kürze, was es bezeichnen soll, daß Hiobs Seele nicht zermalmt ward in der stummen Unter­werfung des Leides, sondern daß sein Herz zuerst sich ausweitete in Dankbarkeit, daß der Verlust des Ganzen zuerst ihn dank­bar machte gegen den Herrn, daß Er ihm all den Segen ge­geben hatte, den Er nun von ihm nahm. Es ging ihm nicht, wie Joseph voraussagt, daß in den sieben teueren Jahren all die Fülle, die in den sieben fruchtbaren war, wird ganz ver­gessen werden. Seine Dankbarkeit war wohl eine andere, als in jener nun schon gleichsam längst entschwundenen Zeit, da er alle gute und alle vollkommene Gabe aus Gottes Hand mit Dankbarkeit annahm; aber doch war seine Dankbarkeit auf­richtig, wie seine Vorstellung von Gottes Güte es war, die nun in seiner Seele lebendig ward. Nun erinnerte er sich ain alles, was der Herr gegeben hatte, an einzelnes vielleicht sogar mit größerer Dankbarkeit, als da er es empfing; es war nicht weniger schön geworden, weil es weggenommen war, auch nicht schöner, sondern noch schön wie einst, schön, weil der Herr es gegeben, und was ihm mm schöner scheinen konnte, war nicht die Gabe, sondern Gottes Güte. Er gedachte des reichen Wohl­standes, sein Auge ruhte noch einmal ans den fruchtbaren Fel­dern, und folgte den zahllosen Herden, er erinnerte sich, welche Freude es ist, sieben Söhne und drei Töchter zu haben, nun brauchte es kein Opfer außer das der Dankbarkeit dafür, daß er sie gehabt hatte. Er gedachte derer, die seiner vielleicht noch mit Dankbarkeit sich erinnerten, der Vielen, die er unterwiesen hatte, deren lasse Hände er gestartet, deren bebende Knie er gekräftiget hatte. Er gedachte der Tage seiner Herrlichkeit, da er mächtig und angesehen im Volke war, da die Jungen sich versteckten aus Ehrfurcht vor ihm, da die Alten vor ihm auf­standen und stehenblieben. Er erinnerte sich mit Dankbarkeit, daß sein Schritt nicht schwankte auf dem Wege der Gerechtig­keit, daß er den Armen gerettet hatte, der klagte, und die Vater­losen, die keine Hilfe hatten, und noch in diesem Augenblick war deshalb „des Verlassenen Segen über ihm“, wie vor­dem. Der Herr hat’s gegeben, ist ein kurzes Wort, doch für Hiob bezeichnete es so viel; denn Hiobs Gedächtnis war nicht so kurz, und seine Dankbarkeit nicht vergeßlich. Da ruhte die Dankbarkeit in seiner Seele mit ihrer stillen Wehmut; er nahm einen milden und freundlichen Abschied von allem zusammen, und in diesem Abschied verschwand das alles wie eine schöne Erinnerung, ja es schien, als wäre es nicht der Herr, der es nahm, sondern Hiob, der es Ihm zurückgab. Indem deshalb Hiob gesagt hatte, der Herr hat’s gegeben, war sein Sinn wohl vorbereitet, Gott auch mit dem nächsten Wort zu ge­fallen: „Der Herr hat’s genommen“.

Vielleicht war da der, welcher am Tage des Leides auch sich erinnerte, daß er frohe Tage gesehen hatte; da ward seine Seele noch ungeduldiger. „Hätte er nie die Freude gekannt, würde der Schmerz ihn nie überwältigt haben, denn was ist doch Schmerz anderes als eine Vorstellung, die der nicht hat, der nichts anderes kennt, aber nun hatte die Freude gerade ihn gebildet und entwickelt, den Schmerz zu fühlen.“ Da blieb zu seinem eigenen Verderben die Freude bei ihm; sie war niemals verloren, sondern nur vermißt, und versuchte ihn im Mangel mehr als je. Was seiner Augen Luft gewesen war, das begehrte das Auge wieder, und die Undankbarkeit in ihm strafte, indem sie es schöner vorgaukelte, als es je gewesen war; woran seine Seele sich erfreut hatte, danach dürstete er nun, und die Un­dankbarkeit strafte, indem sie es ihm köstlicher ausmalte, als es je gewesen war; was er einmal vermocht hatte, das wollte er nun wieder vermögen, und die Undankbarkeit strafte mit Traumbildern, die niemals Wahrheit gehabt hatten. Da ver­dammte er seine Seele, lebendig sich auszuhungern in des Mangels nie gesättigtem Sehnen. — Oder es erwachte eine verzehrende Leidenschaft in seiner Seele, daß er nicht einmal die frohen Tage auf die rechte Weise genossen, noch alle Süße aus ihrer wollüstigen Fülle gesaugt hätte. Wenn ihm nur eine kleine Stunde noch vergönnt würde, wenn er seine Herrlichkeit bloß eine kurze Zeit wieder zurückbekäme, daß er an der Freude sich sättigen und dadurch Gleichgültigkeit gegen den Schmerz gewinnen könnte. So gab er seine Seele einer brennen­den Unruhe hin, er wollte nicht sich selbst gestehen, ob der Genuß, den er begehrte, eines Menschen würdig wäre, ob er nicht eher Gott dafür danken müßte, daß seine Seele nicht so wild war in der Zeit der Freude, wie sie jetzt es geworden war; er wollte nicht erschrecken bei dem Gedanken, daß seine Begierde Gelegenheit zur Verlorenheit war; er wollte nicht darüber sich bekümmern, daß elender als all sein Elend der Wurm der Be­gierde in seiner Seele war, der nicht sterben wollte. — Viel­leicht war da der, welcher im Augenblick des Verlustes auch sich erinnerte, was er besessen hatte, aber sich vermaß, den Ver­lust verhindern zu wollen, indem er ihn sich verständlich machte. War es auch verloren, sein trotziger Wille sollte doch vermögen, es bei sich zu behalten, als wäre es nicht verloren. Er wollte nickt streben, den Verlust zu tragen, sondern er wählte, seine Kraft in einem ohnmächtigen Trotz zu verspielen, sich selbst zu verlieren in einem wahnwitzigen Besitz des Verlorenen. Oder er entfloh im selben Augenblick feige jeder demütigen Be­strebung, im Verständnis mit dem Verlust zu bleiben. So öffnete die Vergessenheit ihren Abgrund nicht so sehr für den Verlust, als für ihn, und er entging nicht so sehr dem Verlust in der Vergessenheit, als er selbst sich wegwarf. Oder er suchte lügnerisch, das Gute zu betrügen, daß ihm einmal geschenkt worden war, als wäre es niemals schön gewesen, hätte ihn niemals erfreut, er meinte seine Seele zu stärken durch elenden Selbstbetrug, als wäre da Kraft in der Unwahrheit. — Oder seine Seele ward ganz gedankenlos, und er überzeugte sich, daß sein Leben nicht so schwer sei, wie er es sich einbildete, daß sein Schrecken nicht sei, wie er beschrieben wird, nicht so schwer zu tragen sei, wenn man, wohl zu merken, wie er es tat, es nicht so schrecklich fand, so zu werden. Ja, wer könnte fertig werden, wem er davon reden wollte, was oft genug geschehen ist, und wohl oft genug in der Welt sich wiederholen wird; würbe nicht weit eher er müde werden, als die Leidenschaft, mit neuer und neuer Erfindsamkeit das Erklärte und das Ver­standene zu neuer Täuschung zu verwandeln, in der sie sich selbst betrog! Lasset uns deshalb lieber zu Hiob zurückkehren! Am Tage des Leides, als alles verloren war, dankte er zuerst Gott, der es gab, betrog weder Gott noch sich selber, und während alles erschüttert und umgestürzt war, blieb er dennoch, was er von Anfang gewesen war, „schlecht und recht, gottesfürchtig“. Er bekannte, daß des Herrn Segen gnädig zu ihm gewesen war, er dankte dafür, darum blieb er nun nicht bei ihm zurück wie eine nagende Erinnerung. Er bekannte, daß der Herr sein Tun reich und über alle Maßen gesegnet hatte, er dankte, darum blieb die Erinnerung nicht wie eine verzehrende Unruhe zurück. Er verbarg nicht vor sich selbst, daß alles von ihm genommen war, darum blieb der Herr, der es nahm, zurück in seiner aufrichtigen Seele. Er floh nicht den Gedanken, daß es verloren war, darum blieb seine Seele stille, bis des Herrn Erklärung ihn wieder besuchte, und seinen Sinn wie das gute Erdreich in Geduld wohl bestellt fand.

Der Herr hat’s genommen.“ Sagte hier Hiob nicht etwas anderes, als was Wahrheit war, brauchte er nicht einen entfernteren Ausdruck für etwas, das mit einem näheren zu be­zeichnen war? Das Wort ist kur; und bezeichnet den Verlust des Ganzen, es fällt uns natürlich, jetzt es ihm nachzusagen, da die Aussage selbst ja ein heiliges Sprichwort geworden ist; aber fällt es lins deshalb allzeit ebenso natürlich, Hiobs Gedanken damit zu verbinden? Oder waren es nicht die ans Saba, die seine friedlichen Herden überfielen und seine Knechte nieder- hieben; redete der Bote, der die Nachricht brachte, von etwas anderem? Oder war es nicht der Blitz, der die Schafe ver­zehrte und ihre Hirten, redete der Bote, der die Nachricht brachte, von etwas anderem, wenn er ihn auch das Feuer Gottes nannte? War es nicht ein großer Wind von der Wüste her, der das Haus umfließ und seine Kinder begrub, nannte der Bote einen andern Täter, oder nannte er einen, der den Sturm ausgesandt hätte? Dennoch sagte Hiob: „Der Herr hat’s ge­nommen“, und im selben Augenblick, wo er die Botschaft emp­fing, verstand er, daß der Herr es war, der alles genommen hatte. Wer klärte Hiob hierüber auf, oder war dies ein Zeichen seiner Gottesfurcht, daß er so alles auf den Herrn wälzte, oder wer berechtigte ihn, es zu tun, und sind wir nicht frommer, wie, die wir uns zuweilen lange bedenken, so zu reden?

Da war vielleicht der in der Welt, welcher alles verlor. Und er setzte sich hin, zu überlegen, wie es doch zugegangen sei. Aber das Ganze blieb ihm unerklärlich und dunkel. Seine Freude ver­schwand, als wäre sie ein Traum, und die Bekümmerung blieb bei ihm wie ein Traum, aber wie er aus der Herrlichkeit jener in das Elend dieser geworfen worden war, das bekam er niemals zu wissen; es war nicht der Herr, der es genommen hatte, es war ein Zufall. Oder er überzeugte sich, daß es der Menschen Trug und Hinterlist war, oder ihre offenbare Gewalt, die es ihm entrissen hatte, wie die aus Saba Hiobs Herden und ihre Wächter niedergehauen hatten. Da empörte sich seine Seele gegen die Menschen, er meinte, Gott Recht widerfahren zu lassen, indem er es Ihm nicht vorwarf. Er verstand ganz wohl, wie es geschehen war, und die nähere Erklärung, die er besaß, war, daß diese Menschen es getan hatten, und die ent­ferntere Erklärung war, daß die Menschen böse und ihre Herzen verderbt seien. Er verstand, daß die Menschen seine Nächsten sind, um ihm zu schaden, vielleicht hätte er es auf eine ähnliche Weise verstanden, wenn sie ihm genützt hätten; aber daß der Herr, der fern im Himmel wohnt, ihm näher sein sollte als der Mensch, der ihm am nächsten war, ob dieser Mensch ihm nun Gutes oder Böses tat, von dieser Vorstellung war sein Gedanke weit entfernt. Oder er verstand ganz wohl, wie es zugegangen war, und wußte es mit der Beredsamkeit des Ent­setzens zu beschreiben. Denn wie sollte er nicht verstehen, daß, wenn das Meer in seiner Wildheit rast, wenn es aufsteht gegen den Himmel, die Menschen und ihre schwachen Hütten hinge­worfen werden wie in einem Spiel, daß, wenn der Sturm in seinem Rasen vorwärts stürzt, menschliche Arbeit nur ein Kinderspiel ist, daß, wenn die Erde wankt in der Elemente Angst, und wenn die Berge seufzen, die Menschen und ihre herrlichen Werke wie ein Nichts im Abgrund versinken. Und diese Erklärung genügte ihm, vor allem dazu, seine Seele gleichgültig gegen alles zu machen; denn wahr ist es, daß, was auf Sand gebaut ist, umzustürzen nicht einmal ein Sturm nötig ist, aber war es deshalb auch wahr, daß ein Mensch nicht anderswo bauen und wohnen und seine Seele retten kann! Oder er verstand, daß er selbst es verschuldet hatte, daß er nicht klug gewesen war; hätte er zur Zeit richtig gerechnet, wäre es nicht geschehen. Und diese Erklärung erklärte alles, nachdem sie zuerst erklärt hatte, daß er sich selbst verpfuscht und es sich unmöglich gemacht hatte, etwas vom Leben zu lernen, und namentlich unmöglich, etwas von Gott zu lernen.

Doch wer könnte fertig werden, wenn er erzählen wollte, was geschehen ist, und was wohl oft genug im Leben sich wieder­holen wird? Würde er nicht eher müde werden, zu reden, als der sinnliche Mensch, sich selbst zu betören in scheinbaren und täuschenden und betrügerischen Erklärungen? Lasset uns deshalb uns abkehren von dem, wo nichts zu lernen ist, außer soweit wir nicht im voraus schon wußten, daß wir dieser Welt Unter­richt verschmähen müßten, und zurückkehren zu ihm, von dem die Wahrheit zu lernen ist, zu Hiob, und zu seinem frommen Wort: „Der Herr hat’s genommen“. Hiob führte alles zu Gott hin; er hielt seine Seele nicht ans und löschte den Geist nicht aus mit Überlegungen und Erklärungen, die doch nur Zweifel gebären und nähren, wenn auch der, welcher in ihnen ruht, es nicht merkt. Im selben Augenblick, wo es von ihm genommen war, wußte er, daß es der Herr war, der es genommen hatte, und darum blieb er im Verlust im Verständnis mit dem Herrn, bewahrte im Verlust die Vertraulichkeit des Herrn; er sah den Herrn und darum sah er nicht die Verzweiflung. Oder sieht der allein Gottes Hand, der sieht, daß Er gibt, und nicht auch der, der sieht, daß Er nimmt? Oder sieht der allein Gott, der Ihn Sein Antlitz zu sich wenden sieht, und sieht der nicht auch Gott, der Ihn sich den Rücken kehren sieht, wie Moses be­ständig ja nur des Herrn Rücken sah? Aber der, welcher Gott sieht, bat die Welt überwunden, und darum hat Hiob in seinem frommen Wort die Welt überwunden, war in seinem frommen Wort größer und stärker und mächtiger als die ganze Welt, die hier wohl ihn nicht in Versuchung führen wollte, sondern ihn überwinden mit ihrer Macht, ihn dazu bringen, niederzusinken vor ihrer grenzenlosen Gewalt. Wie sind doch des Sturmes wilde Boten so schwach, ja fast kindisch, wenn sie einen Men­schen zwingen wollen, vor ihnen zu zittern, indem sie ihm alles entreißen, aber er antwortet ihnen: „Du bist es nicht, der es tut, es ist der Herr, der nimmt!“ Wie ist der Arm des Gewalttätigen so ohnmächtig, des Schlauen Klugheit so erbärmlich, wie ist alle menschliche Macht nur fast ein Gegenstand des Mitleids, wenn sie den Schwachen in verzweifelte Unterwerfung stürzen wollen, indem sie ihm alles entreißen, und er dann glaubend sagt: „Du bist es nicht, du vermagst nichts, es ist der Herr, der es nimmt.“

Des Herrn Name sei gelobt!“ Also überwand Hiob nicht bloß die Welt, sondern er tat, was Paulus seiner kämp­fenden Gemeinde wünscht, er stand fest, nachdem er alles überwunden hatte. Ach, da war vielleicht der in der Welt, welcher alles überwand, aber in dem Augenblick fiel, wo er ge­siegt hatte. „Des Herrn Name sei gelobt!“ Also blieb der Herr derselbe, und sollte Er so nicht gepriesen werben, wie allzeit? Oder hatte der Herr wirklich sich verändert? Oder blieb der Herr nicht in Wahrheit derselbe, wie Hiob es blieb? Des Herrn Name sei gelobt! Also nahm der Herr nicht alles, denn die Lob­preisung nahm Er nicht von ihm, und den Frieden im Herzen, den Freimut im Glauben, von dem er ausging, nahm Er ihm nicht weg, sondern des Herrn Vertraulichkeit war noch bei ihm wie vordem, vielleicht innerlicher als vordem; denn nun gab es ja nichts, das auf irgendeine Weise seinen Gedanken von ihm wegziehen konnte. Der Herr nahm es alles, da sammelte Hiob gleichsam alle seine Sorge und „warf sie auf den Herrn“, und da nahm Er auch die von ihm, und nur die Lobpreisung blieb zurück, und in ihr des Herzens unvergängliche Freude. Denn wohl ist Hiobs Haus ein Sorgenhaus, wenn je ein Haus das war, aber wo dieses Wort ertönt: „Des Herrn Name sei gelobt“, hat doch die Freude auch ihr Heim; und wohl steht Hiob vor uns mit des Leides ausdrücklichem Bild in seinem Antlitz und in seiner Gestalt, aber der, welcher dieses Wort sagt, gibt doch auch der Freude Zeugnis, wie Hiob es tut, wenn sein Zeug­nis auch nicht an den Frohen sich wendet, sondern an den Be­kümmerten, und redet noch verständlich zu den Vielen, die Ohren haben zu hören. Denn das Ohr des Bekümmerten ist auf eigene Weise gebildet, und wie das Ohr des Liebenden wohl viele Stimmen hört, aber eigentlich doch nur eine, die nämlich, die geliebt ist, so hört wohl auch das Ohr des Bekümmerten viele Stimmen, aber sie fahren vorbei und bringen nicht ein in sein Herz. Wie Glaube und Hoffnung ohne Liebe doch nur ein tönend Erz und eine klingende Schelle sind, so ist alle die Freude, die in der Welt verkündigt wird, in welcher das Leid nicht mitgehört wird, nur tönend Erz und klingende Schelle, die das Ohr kitzelt, der Seele aber eine Widerwärtigkeit ist. Aber diese Stimme des Trostes, diese Stimme, die in Schmer; bebt und doch Freude verkündet, sie hört das Ohr des Be­kümmerten, sie birgt sein Herz, sie stärkt und leitet ihn, die Freude selbst in der Tiefe des Leides zu finden.

Wir haben von Hiob geredet und ihn zu verstehen gesucht in seinem frommen Wort, ohne daß deshalb die Rede einem sich aufdrängen wollte; aber sollte sie deshalb ganz ohne Be­deutung ober ohne Anwendung sein, und niemanden etwas an­gehen? Wenn du selbst versucht würdest wie Hiob und wie er die Prüfung beständest, so paßte sie ja gerade ans dich, wenn anders wir richtig von Hiob geredet haben. Wenn du bis seht im Leben nicht versucht worden warst, so paßt sie ja für dich. Denkst du vielleicht, daß dieses Wort nur bei einer solchen außerordentlichen Begebenheit wie der, in die Hiob gestellt war, Anwendung findet, ist es vielleicht deine Erwartung, daß, wenn eine solche dich träfe, der Schrecken selbst dir diese Stärke geben, in dir diesen demütigen Mut entwickeln würde? Hatte nicht Hiob ein Weib, und was lesen wir von ihr? Vielleicht meinst du, daß der Schrecken selbst nicht diese Macht über einen Men­schen erlangen kann, wie die tägliche Knechtschaft in weit ge­ringeren Widerwärtigkeiten. So sieh du denn zu, daß du nicht der Knecht einer Drangsal wirst, ebensowenig wie der eines Menschen, und lerne von Hiob vor allem, aufrichtig gegen dich zu sein, daß du dich nicht betrügst mit eingebildeter Kraft, mit welcher du eingebildete Siege gewinnst in eingebildetem Streit. — Vielleicht sagst du, wenn der Herr es doch von mir genommen hätte, aber mir ward nichts gegeben; vielleicht meinst du, daß dieses wohl keineswegs so furchtbar ist, wie Hiobs Leiden, aber daß dieses Wort zehrender sei, und also doch ein schwererer Streit. Wir wollen nicht mit dir streiten; denn selbst wenn dein Streit es wäre, wäre doch der Streit darüber unnütz und eine Steigerung der Schwierigkeit. Aber darin bist du ja doch einig mit uns, daß du von Hiob lernen kannst, und wenn du gegen dich selbst redlich bist und die Menschen liebst, kannst du nicht wünschen, Hiob fahren zu lassen, um dich hinauszuwagen in bisher ungekannte Not und uns andere in Unruhe zu haken, bis wir aus deinem Zeugnis lernen, daß auch in dieser Schwie­rigkeit Sieg möglich ist. So lerne du denn von Hiob, zu sagen: „Des Herrn Name sei gelobt“, das paßt ja für dich, wenn das Vorhergehende auch weniger paßte. — Oder meinst du viel­leicht, daß solches dir nicht geschehen konnte? Bist du ein Weiser oder ein Verständiger, und dies ist dein Trost? Hiob war der Lehrer der Vielen. Bist du jung, lind die Jugend deine Sicher­heit? Hiob war auch jung gewesen. Bist du alt, dein Grabe nahe? Hiob war ein Greis, als das Leid ihn einholte. Bist du mächtig, ist dirs der Beweis deiner Befreiung? Hiob war an­gesehen im Volk. Ist Reichtum deine Sicherheit? Hiob besaß den Segen der Länder. Sind Freunde deine Burgen? Hiob war von allen geliebt. Vertröstest du dich auf Gott? Hiob war des Herrn Vertrauter. Hast du diese Gedanken wohl überlegt, oder fliehst du sie nicht eher, daß sie dir nicht ein Geständnis abzwingen sollen, das du, jetzt vielleicht, eine schwermütige Stimmung nennst. Und doch ist da kein Versteck in der weiten Welt gefunden, wo der Kummer dich nicht finden wird, und doch hat nie dieser Mensch gelebt, der mehr zu sagen vermöchte als du vermagst, daß du nicht weißt, wann das Leid dein Haus besuchen soll. So sei du ernst gegen dich selbst, hefte dein Auge auf Hiob; wenn er dich auch erschreckt, das ist es ja nicht, was er will, wenn du selbst es nicht willst. Du könntest ja doch nicht wünschen, wenn du ausschaust über dein Leben und dir es abgeschlossen denkst, dieses Bekenntnis abgeben zu müssen: „Ich war der Glückliche, der nicht war wie andere Menschen, der nichts erlitten hat in der Welt, der jeden Tag für sich selber sorgen oder besser, nur neue Freuden bringen ließ.“ Ein solches Bekenntnis, selbst wenn es wahr wäre, würdest du dir doch nie wünschen, ja, es würde deine eigene Beschämung enthalten; denn wenn du auch geschont worden wärest, wie kein anderer, du würdest doch sagen: „Wohl ward ich selbst nicht versucht, aber doch ward mein Sinn oft ernst beim Gedanken an Hiob und bei der Vorstellung, daß kein Mensch Zeit noch Stunde weiß, wo die Botschaften zu ihm kommen sollen, die eine furchtbarer als die andere.“

Quelle: Søren Kierkegaard, Religiöse Reden, übers v. Theodor Haecker, München: Wiechmann, S. 101-124.


[1] Hiob 1,20f.

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