Peter Brunner über die Christus-Anamnese im Wortgottesdienst (Leiturgia, 1954): „Der lebendige erhöhte Herr ist in dem von seinem Wort und Werk kündenden Wort gerade als Jesus, gerade in seinem ge­schichtlichen und jetzt verklärten Menschsein real präsent.“

Über die Christus-Anamnese im Wortgottesdienst

Von Peter Brunner

1. Das innergemeindliche Wort als Christus-Anamnese

Die zum Gottesdienst versammelte Gemeinde ist durch die Proklamation des apostolischen Evangeliums Jesu Christi berufen und gesammelt worden. Ihre Glieder kommen von der Annahme des an die Völkerwelt ergehenden, königlichen Rufes Jesu her. Sie kommen von der empfangenen Taufe her, durch die sie Glieder an dem einen Leibe des Gekreuzigten-Erhöhten geworden sind. Alles kommt für sie nun darauf an, daß sie in Christo bleiben. Das schließt aber in erster Linie ein, daß sie in jenem Wort bleiben, das sie gerettet und neu geschaffen hat. Die innergemeindliche Wortver­kündigung ist daher in erster Linie der sich stets fortsetzende Ruf zu dem einen Evangelium, durch das sich für die Glaubenden alles gewandelt hat. Dieses inner­gemeindliche Wort ist damit gleichzeitig der sich stets fortsetzende Ruf zu der einmal empfangenen Taufe. Diese zum Evangelium und zur Taufe zurückrufende Wort­verkündigung stellt die Gemeinde je und je in ihren Ursprung hinein, der sie trägt und ihr Leben gestaltet bis an das Ende. Die Gemeinde „weiß“ eigentlich alles, was sie zum Heil braucht. Das geht gerade aus den neutestamentlichen Briefen immer wieder hervor. Aber sie muß an das „erinnert“ werden, was sie weiß. Das ihr einmal über­gebene Wort darf nicht in einer Vergangenheit versinken, es muß der Gemeinde gegen­wärtig bleiben (vgl. z. B. 1. Kor. 4,17; 15,1; 2. Tim. 2,14). Der ganze Römerbrief will nichts anderes sein als eine solche „Erinnerung“, die lebendig macht und lebendig erhält, was der Gemeinde bereits geschenkt ist (Röm. 15,15). In den neutestament­lichen Briefen sehen wir deutlich vor Augen, wie ein solches Erinnern geschieht.

Dieses Erinnern kann freilich nur so geschehen, daß das grundlegende Wort, das die Gemein­de berufen und gesammelt hat, selbst wieder für die Glaubenden bezeugt wird. Wenn die Gemeinde des sie begründenden Wortes und des sie hervorbringenden Sakramentes gedenkt, so soll sie sich nicht an ihre Erlebnisse erinnern, die die ein­zelnen damals gemacht haben, als sie zum Glauben kamen und die Taufe empfingen. An das Evangelium und an die Taufe erinnert man sich nicht wie an eine biographische Begebenheit oder an eine Geschichtszahl, die man vergessen hat und die man sich ins Gedächtnis zurückruft. Das Gedenken der Gemeinde an Evangelium und Sakrament ist kein neutraler Vorgang, der sich im psychologischen Bereich dessen abspielt, was wir heute „Erinnerung“ nennen. Dieses Gedenken schließt vielmehr ein, daß dadurch das Verstehen und das Denken und das Wollen und das Tun des Menschen nach Wesen, Art und Inhalt geformt und geprägt wird. Dieses Gedenken ist also eine die Existenz entscheidend bestimmende Macht. Denn es richtet sich auf die Sache, auf den Inhalt von Evangelium und Taufe, es ist erneutes Ergreifen, erneute Aneignung, erneute Hinnahme des im Evangelium und in der Taufe dargereichten Heiles.

Darum kann auch das erinnernde Wort nichts anderes zum Inhalt haben als eben diese Sache, dieses Geschehen, diese Person Jesus Christus, sein Wort und Werk. Das innergemeindliche Wort ist als Evangeliums- und Tauf-Anamnese notwendig Christus-Anamnese. Die im Namen Jesu zum Gottesdienst versammelte Gemeinde ist der Ort, an dem das die Christus-Anamnese vollziehende Wort lebendig ist. Aus diesem Wort der gottesdienstlichen Christus-Anamnese sind auch die Evangelien entstanden, deren gottesdienstlicher Charakter durch die neutestamentliche Forschung in zu­nehmendem Maße deutlich geworden ist. So darf z. B. die Besonderheit des Johannesevangeliums gewiß in der Besonderheit der ihm zugrunde liegenden Christus-Ana­mnese erblickt werden, die in Worten wie Joh. 14,26; 16,13-15 angedeutet ist.

Weil diese Christus-Anamnese im Gottesdienst geschieht, geschieht sie in der wirksamen, lebendigen Geistgegenwart dessen, an den hier „erinnert“ wird. Gewiß bezieht sich alle Christus-Anamnese, auch die, die etwa auf Jesu Kreuz und Aufer­stehung konzentriert ist, auf ein geschichtliches Geschehen in der Vergangenheit. Darum kann die Christus-Anamnese nie losgelöst werden von einem Bericht, von der Weitergabe eines Berichtes über etwas, was damals dort geschehen ist. Aber weil diese Anamnese in der Pneumagegenwart dessen geschieht, den sie zum Inhalt hat, ist derselbe, von dem die Anamnese Worte und Taten der Vergangenheit berichtet, dabei mit seinem Wort und Werk selbst so gegenwärtig, wie nur Er seiner Gemein­de gegen­wärtig zu sein vermag. Gerade durch diese gottesdienstliche Anamnese vergegen­wärtigt sich der Herr in seiner Gemeinde selbst mit allem, was damals dort bei ihm und durch ihn geschah. Diese Selbstvergegenwärtigung des Herrn und des in ihm beschlossenen, damals dort vollzogenen Heilsgeschehens ist das allumfassende Ge­schenk, das durch die innergemeindliche Wortverkündigung in der Christus-Anamnese von dem dreieinigen Gott der Gemeinde beschert wird.

2. Die Christus-Anamnese als geistgewirkte Gegenwart des einmaligen Heilsgeschehens

Was im Gottesdienst der Kirche bei der Christus-Anamnese geschieht, ist die eschatologisch erfüllte Gestalt dessen, was schon im Gottesdienst Israels geschah. Die Forschungen von Mowinkel, Pedersen, Weiser, von Rad u. a. haben uns jedenfalls so viel gezeigt, daß die Berichte von der heiligen Ursprungsgeschichte Israels ihren Sitz in bestimmten kultischen Festen hatten. Wir können z. B. die Entstehung der fünf Bücher Mose nicht verstehen, wenn wir nicht erkennen, wie den literarischen „Quellen“, die in diesen Büchern zusammengeflossen sind, ein ursprünglich münd­liches Wort von der heiligen Geschichte Israels zugrunde liegt, das bei diesen kul­tischen Festen laut wurde. Diese kultischen Feste waren der Ort, an dem die großen Taten Gottes verkündigt wurden und das Gedächtnis seiner Wunder begangen wurde.

Entscheidend ist die Erkenntnis, daß die Offenbarungs- und Heilsgeschichte Gottes, die Ursprung, Fundament und Lebenswirklichkeit Israels in einem ist, durch dieses das „Gedächtnis“ im Kultus vollziehende heilige Wort in einer eigentümlichen, uns schwer faßbaren Weise für die Kultgemeinde eine gegenwärtige Realität, ein „Heute“ wird. Gerhard v. Rad hat eindrücklich gezeigt, wie dieses aus der kultischen Vergegenwärtigung stammende „Heute“ die gesamte Verkündigung des 5. Buches Mose geprägt hat, so daß dieses Buch darin „noch ganz jene leidenschaftliche Aktualisierung der heilsgeschichtlichen Ereignisse atmet, wie sie nur der Kultus … zustande bringt[1]. Er weist in diesem Zusammenhang z. B. auf Dtn. 5,2-4 hin:

„Jahwe, unser Gott, hat am Horeb einen Bund mit uns geschlossen. Nicht mit unseren Vätern hat Jahwe diesen Bund geschlossen, sondern mit uns hier, die wir alle heute noch am Leben sind. Von Angesicht zu Angesicht hat Jahwe aus dem Feuer heraus mit euch geredet auf dem Berge.

Von Rad bemerkt dazu: „Die Gottesoffenbarung am Sinai ist nichts Vergangenes, nicht eine historische Angelegenheit für die lebende angeredete Generation, sondern gerade für sie hat sie eine lebensbestimmende Wirklichkeit. Diese Umkehrung der Zeiten hätte in einem literarischen Entwurf keinen Sinn … Aber im Erleben des Kultus, wo vergangenheitliches, gegenwärtiges und zukünftiges Handeln Gottes zu­sammenfällt zu einer unerhörten Aktualität für den Glauben, da ist dieser Satz allerdings möglich, ja notwendig.“Die bei den kultischen Festen vorgetragene Über­lieferung von der heiligen Geschichte Israels bedeutete „nicht nur Erin­nerung an vergangenes, sondern jeweils gegenwärtiges Leben und Geschehen[2].

Die urtümliche Kraft solcher Vergegenwärtigung hat in der späteren Zeit gewiß nachgelassen. Aber sie ist nicht verschwunden. So ist z. B. das Passah auch zur Zeit Jesu noch etwas ganz anderes als ein modernes Erinnerungsfest. Die, die da Passah feiern, sind beim Auszug aus Ägypten mit dabei. Sie sind, dadurch, daß sie das Fest feiern, selbst wieder in die Situation des Auszuges versetzt. Die Feier ist durchaus gegenwartsbezogen, wie jene Bestimmung des Mischnatraktates über die Passahfeste deutlich erkennen läßt, in der es heißt: „In jeder Generation ist man verpflichtet, sich so anzusehen, als ob man selbst aus Ägypten ausgezogen wäre[3].

Fragt man nach den Gründen, die es ermöglichen, daß durch das heilige Wort im kultischen Vollzug die heilige Geschichte Israels als Gegenwart in der Gemeinde steht, so wird man auf zweierlei zugleich achten müssen: auf den Offenbarungscharakter jener geschichtlichen Ereignisse und auf den Offenbarungscharakter des auf jene Ereignisse bezogenen Wortes. In diesem Offenbarungscharakter treffen sich jene Er­eignisse in der Geschichte und dieses sie im Gottesdienst gegenwärtig setzende Wort. Das heißt aber: sie treffen sich in Gott, in Gottes Handeln. In diesem besonderen, auf die Verwirklichung des eschatologischen Heiles direkt ausgerichteten Handeln Gottes, aus dem das Heilsereignis in der Geschichte und das dieses Ereignis ver­gegenwärtigende Wort hervorgehen, sind das geschichtliche Ereignis und das Wort von diesem Ereignis unlöslich verbunden.

Schon das Offenbarungsereignis in der Geschichte hat gleichsam eine „Wortnatur“. Es wird geschaffen durch das Machtwort, das Gott spricht. Ist das Ereignis als ein Ereignis in der Geschichte abgeschlossen, so versinkt doch nicht die Wortwirklichkeit dieses Ereignisses in den Abgrund der historischen Vergangenheit. In der Wort­wirklichkeit des Ereignisses bleibt das Ereignis selbst auf jede Gegenwart bezogen und ragt in jede Gegenwart hinein, in der diese Wortwirklichkeit selbst ausgesprochen wird. Gott sorgt dafür, daß diese Wortwirklichkeit des in der Geschichte eingetretenen Heilsereignisses tatsächlich ausgesprochen wird. Er gibt seinen Knechten sein Wort, das jenes in dem geschichtlichen Ereignis eingeschlossene rettende Offenbarungs­handeln Gottes aufschließt, als solches rettende offenbarende Handeln Gottes ent­hüllt und durch solche Enthüllung das Heilsereignis in seiner offenbarenden, rettenden Macht je dort gegenwärtig setzt, wo dieses Wort im Vollzug des „Gedächtnisses“ ausgesprochen, ausgerufen, verkündet wird.

Alles hängt hier an der Erkenntnis, daß in den Taten Gottes, die auf die Verwirk­lichung seines eschatologischen Heiles abzielen, Gottes neuschaffende Kraft und Macht wirksam ist. Diese aktuell schaffende Gegenwart Gottes in den geschichtlichen Heilsereignissen ist eine Macht und Kraft, die nicht in dem Zeit- und Raumpunkt jener Ereignisse eingesperrt werden kann, deren Auswirkungen auch nicht wie bei anderen geschichtlichen Ereignissen nur auf den Wirkungszusammenhang des raum- zeitlichen Kontinuums angewiesen sind. Dadurch, daß Gott ein Wort von diesen Taten zusammen mit einem von ihm gestifteten „Gedächtnis“ dieser Taten gegeben hat, sprengt diese in den geschichtlichen Heilsereignissen aktuell schaffende Dynamis Gottes die alles historische Geschehen eingrenzenden Schranken von Raum und Zeit. Daher wird in der gottesdienstlichen Wortanamnese das Volk Gottes von dem Heils­ereignis damals und dort als einem gegenwärtigen Werk Gottes unmittelbar getroffen, ja selbst das noch ausstehende, zukünftige Heilshandeln Gottes ragt schon im voraus in diese gottesdienst­liche Gegenwart hinein. „Durch das Gedenken wird ein Ereignis oder eine Person dem Subjekt reale Gegenwart. Die Tätigkeit des Objektes ist hierbei ein Überspringen, das sich sowohl in der Kategorie Raum wie Zeit vollzieht. Das Normale ist der Eintritt der Vergangen­heit in die Gegenwart, aber auch die Herein­nahme der Zukunft in die Gegenwart läßt sich belegen[4].

Wenn Gott zur Herbeiführung seines eschatologischen Heiles im Raume der Ge­schichte seine Heilstaten verwirklicht, so kündet sich in diesen Taten die Kraft der letzten Dinge an. Der Herr aller Mächte, aller Zeiten und aller Räume hat in dem geschichtlichen Heilsereignis seine endzeitliche Heilsmacht schon wirksam werden lassen. Diese endzeitliche Heilsmacht Gottes ist der für die Erhaltungsordnung gel­tenden Raum- und Zeitgebundenheit in der Kraft des Neuschöpfers herrschaftlich überlegen. Mit den geschichtlichen Heilstaten und mit dem sie schaffenden und kün­denden Wort steht diese endzeitliche, neuschaffende Heilsmacht Gottes herrschaftlich in dem geschichtlichen Dasein des Volkes Gottes und reißt es im gottesdienstlichen Geschehen in den Horizont der letzten Dinge hinein.

Von diesem alttestamentlichen Hintergrund aus muß das aufgefaßt werden, was sich im Gottesdienst der Kirche ereignet, wenn dort die Christus-Anamnese als Evangeliumsverkündigung vollzogen wird, sei es in der Verlesung der grundlegenden apostolischen Christus-Anamnese, sei es in der Auslegung dieses apostolischen Wortes durch die Predigt oder in dem von der Gemeinde im Psalm und Lied verkündigten Wort. Was bereits für das heilige Wort im Gottesdienst des Alten Bundes gilt, kommt zu seiner Erfüllung im Gottesdienst der Kirche Jesu Christi. Denn in Jesus ist das eschatologische Heil Gottes verwirklicht. In Jesus ist die auf die Verwirklichung dieses Heiles hinzielende Geschichte selbst an ihrer Vollendung und an ihrem Ende ange­langt. Damit ist aber durch das Heilshandeln Gottes in Jesus das Ende der Geschichte selbst angebrochen[5]. Dieses Ende der Geschichte wird bewirkt von der ganzen messianischen Geschichte Jesu auf Erden, in ganz besonderer Weise aber durch sein Kreuz und seine Auferstehung. In dem Tod des Messias, in dem Tod des Menschen, der Gottes ewiger Sohn ist, in dem Schritt Gottes, durch den er diesen toten Menschen durch Tod und Grab hindurch in die Glorie seines Lebens führt, werden alle Welten und Mächte aus den Angeln gehoben. In diesem Geschehen ist das Ende der Welt da. Durch Karfreitag und Ostern, durch den Gottesschritt von Karfreitag zu Ostern tut Gott seinem Volk eine Tür auf, durch die seine Welt, sein Reich, seine Herrschaft in der durch Jesus Christus frei gewordenen und ausgelösten Dynamis über die neue Menschheit der Glaubenden jetzt schon hereinbricht — trotz der noch bestehenden, alten, vergehenden Welt. Diese Geschichte Jesu Christi, dort in Palästina damals unter den Statthaltern der Cäsaren Roms geschehen, bricht selbst die Tür auf, durch die diese Geschichte — unbeschadet ihrer geschichtlichen Einmaligkeit — in die neue Welt des jetzt anbrechenden Reiches Gottes eintritt. Das, was als alte Erdengeschichte noch besteht, hat nicht mehr die Kraft, nach diesem end­zeitlichen Durchbruch die Geschichte Jesu in sich einzuschließen. Pontius Pilatus und der Cäsar in Rom bleiben in diese noch bestehende alte Erdengeschichte eingeschlossen und wirken nur mit dem Schwergewicht aller bloß „histori­schen“ Ereignisse in der Fläche des raum-zeitlichen Kontinuums, das zu der Erhaltungsordnung dieser irdischen Menschenwelt gehört. Daß aber Gottes ewiger Sohn ins Fleisch gekommen ist, am Kreuze starb, aus dem Grabe auferstand, dieses Geschehen ist in der herrschaftlichen eschatologischen Freiheit Gottes hindurchgestoßen durch die Mächte der Äonen, es ist hindurchgebrochen durch die von Gott für die alte Erdengeschichte gesetzten Schranken von Raum und Zeit, dieses Geschehen steht in der Endherrschaft Gottes und darum in der königlichen eschatologischen Freiheit des Reiches, das währt in die Ewigkeiten der Äonen.

Dazu muß aber sofort ein zweites hinzugefügt werden. Gottes Heilstat in Jesus vollendet sich darin, daß Gott durch ihn die Mittel stiftet, durch die diese in dem Jesusgeschehen beschlossene Geschichte aus ihrer eschatologischen Freiheit heraus, zu der sie selbst durchgebrochen ist, dennoch schon auf dieser Erde in Zeit und Raum für uns Menschen faßbar, greifbar, annehmbar und dadurch wirksam wird und alle, die durch den Glauben an ihr Anteil gewinnen, in den eschatologischen transitus ver­setzt. Wir wissen: diese Mittel sind Evangelium, Taufe und Abendmahl. Wir sprechen hier von der Evangeliumsverkündigung als einem Glied in diesem Gefüge der Mittel. Luther hat im Großen Katechismus in der Auslegung des Dritten Artikels deutlich ausgesprochen, wie dieses von Gott gestiftete Mittel des Wortes zur Vollendung seines in Jesus beschlossenen Heilshandelns dazugehört[6]. Das Kreuz ist nicht die Rettung ohne das apostolische Wort vom Kreuz, die Versöhnung in Christo ist nicht die Ver­söhnung ohne das Wort und den Dienst der Versöhnung (2. Kor. 5,18-20). „Das Kreuz Christi fordert das Wort vom Kreuz, um wirksam zu werden, die Versöh­nung fordert das Wort von der Versöhnung, um an die Menschen heranzukommen… Der Glaube hängt an der Auferweckung Jesu, aber das geschieht nicht ohne ihre Verkündigung, sondern durch sie hindurch … Das Geschehene muß gesagt werden, es schreit nach Verkündigung. Mit diesem unlöslichen Ineinander der Sache und ihres Gesagtwerdens hängt ohne weiteres zusammen der mündliche Charakter des grund­legenden Wortes bei Paulus[7]. In der Tat, zwischen dem Heilsgeschehen und der apostolischen Kunde von diesem Geschehen besteht ein „unlösliches Ineinander“.Im Wort vom Kreuz greift das Kreuzesgeschehen selbst in der Kraft seiner eschatologischen Freiheit und Gegenwärtigkeit nach den Menschen. In dem Wort von der Versöhnung geschieht die Versöhnung in der Kraft dessen, was am Kreuze geschah.

In dieser Erkenntnis ist eingeschlossen, daß das Kreuzesgeschehen als Heils­geschehen nur im Wort vom Kreuz erschlossen ist. Nur in dieser von Gott gestifteten Verkündigung der Heils­botschaft ist das Heilsgeschehen als solches präsent. „Eben darin ist das Heilsgeschehen eschatologisches Geschehen, daß es nicht zu einem Faktum der Vergangenheit wird, sondern ständig in der Gegenwart neu geschieht … Im Worte ist also das Heilsgeschehen präsent[8]. Durch die kerygmatische Verkün­digung, durch die gottesdienstliche Anamnese stehen die Worte und die Taten Jesu, stehen sein Kreuz und seine Auferstehung mitten in der Gemeinde in eschatologisch-herrschaftlicher Freiheit und doch im Wort greifbar, faßbar, konkret gegenwärtig wie Speise und Trank auf dem gedeckten Tisch.

Diese Gegenwart des einmaligen geschichtlichen Heilsereignisses, die Christus durch Wort und Geist seiner Gemeinde schenkt, ist seine eigene, pneumatische, wortgebundene Selbst­vergegenwärtigung. Der lebendige erhöhte Herr ist in dem von seinem Wort und Werk kündenden Wort gerade als Jesus, gerade in seinem ge­schichtlichen und jetzt verklärten Menschsein real präsent. Darum ist in dieser seiner wortgebundenen Pneumagegenwart alles mit gegenwärtig, was in seiner Leiblichkeit an ihm und durch ihn für unser Heil geschehen ist. Das Wort von Jesus, der durch Jesus ausgegossene Geist und das irdische, jetzt verherrlichte leibhaftige Menschsein Jesu, diese drei sind in der gottesdienstlichen Anamnese kraft der gottheitlichen Stiftung Jesu Christi eins. Weil in der Evangeliumsverkündigung die Selbstvergegen­wärtigung des mit dem ewigen Sohn in der unio hypostatica geeinten Menschseins Jesu zu unserem Heil Ereignis wird, darum wird auch das in dem Menschsein Jesu auf dieser Erde geschehene, endzeitliche Heilshandeln Gottes selbst konkret gegenwärtig.

Quelle: Peter Brunner, Zur Lehre vom Gottesdienst der im Namen Jesu versammelten Gemeinde, in: Karl Ferdinand Müller/Walter Blankenburg (Hrsg.), Leiturgia. Handbuch des evangelischen Gottesdienstes, Bd. 1: Geschichte und Lehre des evangelischen Gottesdienstes, Kassel: Johannes Stauda-Verlag, 1954, S. 209-214.


[1] G. v. Rad, Das formgeschichtliche Problem des Hexateuchs, 1938. S. 25 f.

[2] A. Weiser, Die Psalmen, 1, 1950, S. 12 f. Vgl. auch S. 14 f. Im einzelnen mag hier noch manche Frage offen bleiben. Aber die für uns entscheidende Erkenntnis von der „vergegenwärtigenden“ Funk­tion des die Heilsgeschichte bezeugenden heiligen Wortes darf als gesichert gelten. Vgl. jetzt auch W. Marxsen, Repräsentation im Abendmahl?, in: MPTh, Jahrg. 41. (1952), S. 72 f.

[3] Pesachim X,5, zit. bei Billerbeck IV, S. 68.

[4] W. Marxsen, a.a.O., S. 72.

[5] Vgl. R. Asting, Die Verkündigung des Wortes im Urchristentum, 1939, S. 742 f.

[6] Gr. Kat. II, 38 f.

[7] O. Schmitz, a. a. O., S. 17.

[8] R. Bultmann, Theologie des Neuen Testaments, Tüb. 1958 ff., S. 297 u. 303.

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