Gabriele Miller über Fridolin Stier, Ein Lehrer, bei dem es was zu lernen gab: „Wenn dann und wann ein Pfarrer in der Messe das Evangelium in der Stier-Fassung vorträgt, merkt man, dass die Gemeinde dem Text mehr Aufmerksamkeit entgegenbringt als üblicherweise. Ich bin sehr froh, dass ich zu jenen gehöre, die bei Stier eine bestimmte theologische Brille bekamen, mit der die ganze Theologie ein anderes Profil zeigt.“

Ein Lehrer, bei dem es was zu lernen gab. Zum 100. Geburtstag von Fridolin Stier

Von Gabriele Miller

Die Bibelübersetzungen Fridolin Stiers begeistern viele bis heute. Eine Schüle­rin und Weggefährtin erinnert an den Menschen dahinter: Weil er sein eigenes Ringen nicht heraushielt, bleibt seine Theologie lebendig.

Wer vor einem halben Jahrhundert anfing, in Tübingen Theologie zu studieren, den inte­res­sierten zunächst die verschiedenen Professo­ren, und der Alttestamentler, Fridolin Stier, der war für mich von der ersten Stunde an faszinie­rend. Doch diese Faszination galt nur für einen Teil der Studenten. Die anderen setzten sich lie­ber in Seminarräume und studierten eine Ein­führung ins AT durch. Da hätten sie mehr davon, meinten sie – doch wovon? Von Fakten und Na­men, Zeitangaben und Richtungen, alles schön sachlich aufgelistet und die verschiedenen Mei­nungen und ungesicherten Ergebnisse gegen­einander abwägend. Und wie war es bei Stier?

Meist kam er ein paar Minuten zu spät. Mantel unter dem Arm, Büchertasche in der an­deren Hand. Alles wurde in Windeseile neben das Lehrpult geworfen und schon hatte Stier an­gefan­gen. Wovon redete er eigentlich? Wenn man in der letzten Vorlesung war, konnte man – vielleicht – sich dunkel erinnern, welches Pro­blem den Professor beschäftigte. Zu Beginn des Semesters bekamen die Studenten (Studentin­nen waren an einer Hand abzuzählen) einen schön gegliederten Überblick. Diesem konnte man eine Weile lang so halbwegs folgen – so lan­ge, bis Stier an einer Frage hängen blieb: Nicht erst in der Vorlesung, sondern schon zu Hause an seinem mit Büchern und Manuskripten überla­denen Schreibtisch hatte das Problem ihn be­schäftigt. Und wenn er sich tagelang mit einer Frage herumgeschlagen hatte, dann konnte er nicht anders, als in der Vorlesung weiterzuden­ken, das heißt: denkend vor sich hin zu reden. Das anzuhören war manchmal sehr anstrengend. In den ersten Semestern kapierte man das kaum. Da liefen dann so und so viele Studenten weg und flüchteten sich in die Bibliothek. Wenn man aber aushielt – und ich machte das, ob ich nun verstand oder überhaupt nicht kapierte, was den Professor denn so sehr fesselte …

Man hat lange gebraucht, bis einem aufging, was denn nun »eigentlich« diesen Stier interes­sierte. Nach seinem Tod schrieb Gotthard Fuchs im »Ruhrwort« über den erst langsam bekannt werdenden Alttestamentler und seine Gottesbe­ziehung: »Das auch heute so beliebte Stichwort «Spiritualität» war ihm verdächtig, zu glatt, zu abstrakt, zu billig. Gottesleidenschaft das träfe sein Leben und Werk besser, wir sollten durch­aus von Mystik sprechen – in jener freilich erschütternden, aufrüttelnden, irritierenden Wei­se, die einzig die des lebendigen Gottes ist, der sein Volk und seine Getreuen führt, wohin sie nicht wollen.«

Erfahrungen

Ob ich etwas gelernt hätte, vor allem etwas, was ich hätte wiedergeben können – wenn ich so gefragt wurde, wusste ich keine Antwort. Doch man lernte bei Stier unheimlich viel, näm­lich und vor allem: auf das Wort zu hören, nach­zufragen, was das Wort denn bedeutet, über Le­xika zu schimpfen, weil sie Wortfamilien über­haupt nicht berücksichtigten. Man lernte viel, aber es war nichts, was man sofort als Faktum nennen konnte. Wenn es gar darum ging, ein­zelne hebräische Wörter im Deutschen entspre­chend wiederzugeben, dann konnte es sein, dass Stier im offenen Hörsaal einen Wutanfall bekam und keiner kapierte, was denn eigentlich los ist.

So war es in jener Szene mit der Chassidi­schen Geschichte, mit der er eines Tages, ohne anzusagen, was er denn vorlesen werde, die Vor­lesung begonnen hatte. Alles hörte aufmerksam zu, aber es lag in der Luft, dass keiner verstand, was eigentlich der »Aufhänger« war und warum der Text von Stier vorgelesen wurde. Nun war Stier sehr sensibel. Mitten im Satz ergriff er sei­nen Zettel, zerknüllte ihn und warf ihn neben sich auf den Boden. »Ach was, Sie verstehen ja doch nicht, was ich da vorlese!« Grabesstille. Wie sollte das jetzt weitergehen? Ich saß ganz außen links in der zweiten Reihe, stand auf, holte den zerknüllten Zettel vom Boden, strich ihn wieder glatt und legte ihn Stier auf sein Pult Und ohne ein Wort zu verlieren, setzte Stier neu an und las die Geschichte ganz vor. Beim Fortgang der Stun­de wurde allen klar, was denn die Geschichte »ohne Aufhänger« zu Beginn sollte.

Was habe ich also in diesen Vorlesungen ge­lernt? Ein Verständnis für alttestamentliche Spra­che, biblische Problematik überhaupt und vor al­lem: nicht alles hinnehmen, was irgendwo In ei­nem »gescheiten« Buch steht. In meinem ersten Semester schon sprach Stier viel über einen jü­dischen Bibelübersetzer und er zitierte ihn am laufenden Band. Wie sollte eine Schwäbin, der der Name Huber geläufig war, kapieren, dass der dauernd mit großer Verehrung zitierte Mensch Martin Buber hieß!

Seine noch vor der Hitlerzeit herausgekom­menen ersten Bände des AT standen in keinem Seminar. Ich sah die Ausgabe zum ersten Mal bei Stier auf seinem Schreibtisch aufgereiht. Bu­ber verstand etwas von Sprache und hatte in seiner Übersetzung darauf geachtet, das ständig gleiche hebräische Wort auch im Deutschen mit dem gleichen wiederzugeben. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, als ich zum ersten Mal von Stier hörte: So etwas müsste es auch für das NT geben.

Stier und Buber

Fridolin Stier und Martin Buber – wie hat­ten die beiden persönlich sich kennengelernt? Das kam durch die schlaue Vermittlung zweier seiner Studentinnen, die bei Stier in der riesen­großen Wohnung in einer Art »Wohngemein­schaft« lebten. Stier wurde von denen, die ihn nicht näher kannten, als steif und zurückhaltend erfahren. Er hätte Martin Buber auf keinen Fall von sich aus angesprochen. Kurz und gut: Die beiden Studentinnen brachten es fertig, Martin Buber mit seiner Frau Paula in Stiers Wohnung zu locken.

Dass die beiden sich auf biblischem Boden mehr als gut verständigen würden, das war je­dem sicher, der auch nur eine Ahnung von der Art biblischen Interesses der beiden hatte. Beiden Biblikern ging es um die Sprache, besser gesagt: um das Wort, das gefunden werden musste, um das in hebräischer bzw. griechischer Sprache ge­schriebene Wort in die eigene zu übertragen, ohne das Gesagte zu verfälschen. So war es denn auch, als die beiden einander gegenüber saßen. Doch es gab auch noch andere Beziehungsübe­reinstimmungen.

Fridolin Stier hatte Jahre lang eine pech­schwarze Katze im Haus. Die hatte einen »Rie­cher«, wen sie mochte und wen sie nicht leiden konnte (letzteres meist auf Gegenseitigkeit be­ruhend). Von dieser Mutzi und Martin Buber schreibt Stier:

»Wenn ich an Martin Buber denke, fällt mir Mutzi ein. Schwarz – selbstbewusst – verspielt – kontaktfreudig – eigenwillig – charmant: un­sere Katze. Sie hatte ihr eigenes Maß im Umgang mit Menschen. (…) Wählerisch nicht nur in dem, was sie fraß, ebenso wählerisch in ihrem Um­gang. Besucher wurden kritisch betrachtet – an­genommen oder abgelehnt.
Mutzi hatte ein gutes Gedächtnis; sie er­kannte die Gäste auch nach längerer Zeit wie­der. Die einmal getroffene Entscheidung galt. Martin Buber begegnete Mutzi in unserem lan­gen, ein wenig dämmerigen Flur. Die beiden standen sich in gebührendem Abstand gegen­über. Mutzi zögerte, ob sie dem Fremden den Weg freigeben sollte.
Martin Buber sprach sie an; er sagte: ›Ich weiß, du und deinesgleichen – ihr habt eure ei­genen Gedanken.‹ Da war der Bann gebrochen. Mutzi drehte sich um und ging dem Gast mit er­hobenem Schwanz voran ins Zimmer. Nach dem Essen zog sich Muzi – wie gewohnt – in den Bettkasten zurück, um Mittagsschlaf zu halten, Martin Buber auf der Couch davor. Die Katze schmiegte sich an den Schlafenden – eine schwarze Pfote im weißen Bart.«

Ein Bibelübersetzer?

Was das heißt und welche Mühe an dieser Bezeichnung hängt, wird von Fridolin Stier kurz und bündig so umschrieben: »Wer übersetzt, muss ver-setzen. Der Treue verschworen, muss er sie brechen. Die Sprachen wollen, sie können nicht anders. Eine jede spricht Himmlisches und Irdisches, Menschliches und Dingliches je anders gesehen und erfahren, je anders gefühlt und ge­wertet, erkannt und bezogen – wie Maler, die den gleichen Berg malen, verungleichen Spra­chen das Gleiche.«[1] Und der Übersetzer fährt dann fort: »Um des Wortes willen gebietet die Treue, es mit den Wörtern genau zu nehmen. Aber mit einem Maximum an Wörterrichtigkeit ist dem Wort noch nicht der ganze Dienst getan. Denn nicht in den Wörtern nur west das Wort, es lebt und leibt im Satz: im baulichen Gefüge, im An- und Auslauf, im Vor- und Nacheinander der Handlung und des Handelnden. In der La­gerung der Akzente, in der Rhythmik, bis hinein in die sinnenhaften Elemente der Laute schafft sich das Wort, der Seele vergleichbar, seinen ganzen Leib.«

Jeder, der Fridolin Stier kannte, weiß, dass das für ihn nicht nur dahingeschriebene Pro­grammreden waren. Er konnte tagelang mit ei­ner Formulierung schwanger gehen. Mancher Gast im Hause Stier hat erfahren, dass er unvor­bereitet mit einer Frage überfallen wurde: Was verstehen Sie unter »Gerechtigkeit?« – Muss Je­sus »demütig« sein? – Wie würden Sie »Amen« übersetzen? – Darf man das immer wiederkeh­rende »siehe« einfach weglassen? – »Ermahnt« oder »ermutigt« Paulus seine Gemeinden? – Ver­stehen Sie das Wort »Aberwitz«?

Jahre lang rang der Alttestamentler mit den biblischen Sprachen; schließlich – von Martin Bubers AT-Übersetzung herausgefordert – fing er an, die gleichen Prinzipien auch für eine Über­tragung des NT anzuwenden.

Es gibt von Stier – nach seinem Tod he­rausgekommen – zwei Bände mit »Aufzeich­nungen», zusammengestellt aus den schwarzen kleinen Heften, in denen er seine täglichen Er­fahrungen verzeichnete.[2] Immer wieder ist vom Lernen neuer orientalischer Sprachen die Rede. Dass Arabisch dazugehörte, war selbstverständ­lich. Dass solche Kenntnisse auch im Alltag nütz­lich sein können, beschreibt Carl Friedrich von Weizsäcker, von dem im zweiten Band der Auf­zeichnungen ein paar Szenen angehängt sind, in folgender Szene vom April 1945: »Stier erlebte den Einzug französischer Truppen in seiner Hei­mat, im Allgäu, wohin er gegangen war, um sei­ner Mutter beizustehen. Eine marokkanische Einheit besetzte das Dorf und schickte sich an, das Vieh der Bauern zu schlachten und auf offe­nem Platz im Feuer zu braten, und mehr zu tun als ›nur‹ das! Fridolin Stier zog sein schönstes Messgewand an, trat auf die Marokkaner zu und rezitierte ihnen auf Arabisch die erste Sure des Koran. Dann lehrte er sie, dass Gott durch den Mund des Propheten geboten hatte, ihre Mit­menschen zu schonen, und sie ließen vom Scha­dentun ab.«

Wer war dieser Fridolin Stier?

Geboren wurde er am 20. Januar 1902 in Karsee bei Wangen im schwäbischen Allgäu und starb am 2. März 1981 in Tübingen. Seiner Kin­der- und Jugendzeit verdankt Stier seine unver­wechselbare Muttersprache – den typischen Sprachduktus, dem er sein Leben lang treu blieb. Am Oberhof wuchs Stier auf als Ältester von acht Kindern – von früh an eng mit der Natur und dem bäuerlichen Leben verbunden.

Eine Theologin der ersten Generation, Mar­ta Sonntag, schreibt im zweiten Band der Stier­aufzeichnungen: »Als Studenten besuchten wir Fridolin Stier eines Tages in seiner Heimat Karsee bei Wangen im Allgäu. (…) An jenem Sommer­tag führte er uns durch die Wiesen und Felder, zog tief den Duft des frischen Öhmds ein und be­gann Geschichten aus seiner Kinder- und Ju­gendzeit zu erzählen. Und wir sahen den bar­füßigen Hütebuben, der – die herbstliche Kühle spürend – die Füße in den dampfenden Kuhfla­den wärmte, und den stets zu Abenteuern auf­gelegten Lausbuben.«

Heimatlich waren ihm auch die ersten Kir­schen, die ersten Erdbeeren im Jahr. Er genoss sie wie ein großes Geschenk. Und als ein heftiges Erdbeben das auf Knollenmergel gebaute, ge­fährdete Haus auf dem Tübinger Österberg, in dem er lange Jahre gewohnt hatte, erschütterte, beachtete er die Aufregung in seiner Umgebung nicht. Er schaute vielmehr zuerst nach den Schwalben, die in einer Mauerspalte nisteten.

Vater und Ortspfarrer betreuten Fridolins Vorbereitung auf das Progymnasium. Nach dem so genannten »Landexamen« absolvierte er bis zum Abitur das niedere Konvikt in Rottweil. Das war der damals übliche Weg zum Theologiestu­dium. So zog er anschließend ins Tübinger Wil­helmsstift und studierte von 1922 bis 1926 ka­tholische Theologie und orientalische Sprachen: Arabisch, Syrisch, Äthiopisch, Koptisch und die Keilschriftsprache.

1927 empfing Fridolin Stier die Priester­weihe und war als Vikar in Heilbronn und Stutt­gart tätig. 1928/29 wurde er zu weiteren Studi­en am Päpstlichen Bibelinstitut in Rom vom See­lsorgedienst beurlaubt. Danach war Stier Repetent für Dogmatik (ausgerechnet!) und Al­tes Testament am Tübinger Wilhelmsstift. 1932 promovierte er mit einer Dissertation über »Gott­es Engel im Alten Testament« und wurde ein Jahr später zum Lehrbeauftragten für Altes Testament an der katholisch-theologischen Fakultät der Uni­versität Tübingen ernannt.

1936 habilitierte sich Fridolin Stier. Die Be­rufung auf den Lehrstuhl für AT wurde ihm zwar zugesagt, aber immer wieder verschoben, denn er vertrat ja ein Fach, das im Dritten Reich als jü­disch und damit als »undeutsch« verpönt war. Im Jahr 1938 entzog dann das Kultusministe­rium auf höhere Weisung diesen Lehrstuhl der katholisch-theologischen Fakultät und errichtete dafür ein Ordinariat für Rassenkunde. Stier be­kam die Mitteilung, dass seine Ernennung aus grundsätzlichen Erwägungen nicht erfolgen könne. – 1940 begann er neben seiner Lehr­tätigkeit mit dem Studium der Medizin, in der Absicht, später als Arzt in die Mission zu gehen.

Als die Fakultät nach Beendigung des Krie­ges den Lehrstuhl zurückbekam, verlangte sie die Besetzung nach dem Vorschlag aus dem Jahr 1934. So erhielt Fridolin Stier endlich im Juli 1946 die Ernennungsurkunde zum ordentlichen Professor für Altes Testament.

Neue Zeit der Arbeit

Die Studenten waren froh, nun wieder ei­nen »rechtmäßigen« Professor für Altes Testa­ment zu haben. Sie schrieben auf, was sie ver­standen. Aber dann und wann kam der Augen­blick, da legten alle den Stift beiseite und hörten dem frei aus dem Herzen redenden Stier auf­merksam zu. Eine der Studentinnen schrieb da­rüber, dass es wie ein Vulkanausbruch war. Ein prophetischer Geist eiferte für den Grenzen und Bilder sprengenden Jahwe.

Texte, bei denen Stier immer wieder ver­weilte, waren jene, in denen die Geschichte Gottes mit den Menschen konkret wird: in Jona, im wandernden Elija, in Jeremía, in Amos, in Ab­raham, im kämpfenden Jakob, in Ijob. Viel später erst begriffen wir, wie sehr es seine eigenen, sehr persönlichen Fragen waren, die in jenen Texten aufbrachen.

Als Fridolin Stier im Oktober 1952 »zum Zwecke wissenschaftlicher Forschung« von der Lehrverpflichtung an der katholisch-theologi­schen Fakultät entbunden wurde, waren seine Schüler tief betroffen. Nur wenige wussten um den Zusammenhang mit seiner Lebensgeschich­te. Der erste Band seiner Aufzeichnungen, in dem der Schmerz um den Tod seiner Tochter durchbricht, gibt die Erklärung. Das Bekenntnis zu ihr wurde Fridolin Stier damals zum Ver­hängnis.

Ab 1955 hielt Stier Vorlesungen an der phi­losophischen Fakultät der Universität Tübingen über antike Religionen und Geistesgeschichte des Vorderen Orients. Als Emeritus ist Fridolin Stier vielen ein verehrter Lehrer geblieben: in Kursen, Vorträgen für Tübinger Theologen, im Priesterseminar in Rottenburg, bei zahlreichen Akademieveranstaltungen, in Rundfunkanspra­chen und durch seine Veröffentlichungen.

Einem Auftrag der Verlage Kösel und Pat­mos folgend begann Fridolin Stier mit unerhör­ter Gründlichkeit, Wort für Wort abwägend, die Übersetzung des Neuen Testaments. Wer die Hinweise dazu in seinen Notizen beachtet, ver­steht, warum diese Arbeit für ihn so mühsam war. Es gehörte aber auch zu seinem Persönlich­keitsbild, dass er diese »Schwerarbeit« unter­brach, sobald persönliche Anliegen von Mit­menschen an ihn herangetragen wurden. 1972 schloss er die erste Fassung seiner Übersetzung ab. Es ist als ausgesprochen tragisch zu bezeichnen, dass es ihm nicht vergönnt war, sein Werk zu vollenden. Noch wenige Monate vor seinem Tod – schon von großer Müdigkeit heimgesucht – arbeitete er mit einem Freund daran, zuletzt an der Vereinheitlichung der Übersetzung der sy­noptischen Evangelien. Wie viel er in den letzten Jahren noch an seiner Übersetzung gearbeitet hat, kann man leicht erkennen, wenn man den Text des schon 1965 veröffentlichten Markus- Evangeliums mit dem endgültigen Text ver­gleicht.

Von den Reaktionen auf den ersten Band sei­ner Aufzeichnungen erfuhr Stier kurz vor seinem Tod. Lächelnd bekam er dies auf seinem Sterbe­bett gerade noch mit.

Am 2. März 1981 starb Fridolin Stier. Er sprach nicht vom Tod, aber er wusste genau, wie es mit seiner Leukämie stand. Oft wollte er allein sein; er erzählte uns die Geschichte von dem al­ten Hofhund daheim, der sich versteckte, als er seinen Tod kommen fühlte.

Auf seinem Grab in Tübingen findet man immer wieder ungewöhnliche Zeichen des Ge­denkens: eine Erdscholle mit ein bisschen Gras, einen Boskop-Apfel, ein Pilgerkreuz, an das schmiedeeiserne Grabkreuz gebunden. Spuren vom Besuch des Grabes durch aufmerksame Le­ser seiner Aufzeichnungen. Sie sagen mehr als ein Nachruf.

Die Herausgabe des Neuen Testaments

Durch die Zusammenarbeit von Freunden, Hörern und Lesern, dem »Verein zur Förderung der theologischen Wissenschaft« und des Bischöflichen Ordinariats Rottenburg ist es ge­lungen, die Ausgabe des Neuen Testaments, die Stier selber nicht mehr bis zur Drucklegung voll­enden konnte, möglich zu machen.[3]

Die drei Herausgeber des Stier’schen Neuen Testaments hatten eine mühevolle Aufgabe auf sich genommen. Der Text war passagenweise in großen Teilen mit der Maschine geschrieben und dann war daran herumkorrigiert worden, so dass manches fast nicht mehr zu lesen war. Hätten die drei Herausgeber und Freunde Frido­lin Stiers ihn nicht so gut gekannt, schon als Studierende in seinen Vorlesungen, dann als Mitbewohner/innen mit ihm in einer Art Wohngemeinschaft gelebt, sie hätten die vielen noch handgeschriebenen Texte nicht entziffern können.

Vor allem aber hatten sie die täglichen Dis­kussionen und das immer zum Fragen bereite In­teresse von Stier sehr wohl zu deuten gewusst. Die erste Auflage erschien (auch nach langen Ver­handlungen mit den Erben) erst 1989, in der Akademie Hohenheim der Diözese Rottenburg-Stuttgart mit einem Festakt und vielen Gästen gefeiert.

Wenn dann und wann ein Pfarrer in der Messe das Evangelium in der Stier-Fassung vor­trägt, merkt man, dass die Gemeinde dem Text mehr Aufmerksamkeit entgegenbringt als übli­cher­weise.

Ich bin sehr froh, dass ich zu jenen gehöre, die bei Stier eine bestimmte theologische Brille bekamen, mit der die ganze Theologie ein ande­res Profil zeigt. Gott sei Dank dafür (und Frido­lin Stier auch)!

Quelle: Diakonia 33 (2002), 287-292.


[1] Aus dem Nachwort zu seiner Markusübersetzung 1965.

[2] Fridolin Stier, Aufzeichnungen (Band 1: Vielleicht ist irgendwo Tag, 1981; Band 2: An der Wurzel der Berge, 1984), Freiburg im Breisgau.

[3] Das Neue Testament, übersetzt von Fridolin Stier. Aus d. Nachlass hg. von Eleonore Beck/Gabriele Miller/Eugen Sitarz, München-Düsseldorf 1989.

Hier der Text als pdf.

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