Kajin wurde verdammt, Repräsentant seines Bruders zu sein
Von Elazar Benyoëtz
Kajin hat seinen Bruder erschlagen, gestellt, versuchte er seine ihn selbst überwältigende Tat zu leugnen: »Bin ich der Hüter meines Bruders?« (Genesis 4,9) Als Gott aber sprach: »Die Stimme des Bluts deines Bruders schreit zu mir auf von dem Boden« (4,10), ging er in sich und erschrak: Sein Herz sah aus wie der Stein, mit dem er seinen Bruder erschlagen hat – schwer zu heben, kaum zu tragen, unerträglich. Er sprach: »Meine Schuld ist größer als meine Kraft, sie zu tragen.« (4,13) Adams erster heiliger Tropfen, der erste Menschensohn, ein Erschütterer, den die Einsicht bezwang. Kurzsichtig in seiner Tat, weitsichtig in seiner Reue: Sie forderte nicht nur die Sühne heraus, sie machte auch, daß Abels Blut nicht ganz vergebens vergossen wurde. Von da an datieren Reue und Umkehr, das erste Gespräch eines Menschen mit Gott und der erste Kompromiß.
Kajin wird sein Leben nicht ungestraft beschließen. Der Erstgeborene hatte noch einiges für die Menschheit zu tun, aber auch für Gott zu zeugen. Kein Wort aus seinem Mund, das nicht denkwürdig war und geblieben ist.
An ihrem schieren Anfang setzte Kajin der Brüderlichkeit ein Ende. Er konnte nicht genau wissen, was er tut, aber einsehen, was er tat: Er führte den Tod in die Welt ein und sprach der Reue ihr erstes Wort.
Kajin für Nazi zu setzen ist biblisch wie sprachlich eine Roheit, moralisch wie religiös ein Frevel
Quelle: Elazar Benyoëtz, Allerwegsdahin. Mein Weg als Jude und Israeli ins Deutsche, Zürich-Hamburg: Arche, 2001, S. 188.