Martin Buber über Franz Kafka (Zwei Glaubensweisen): „Der Jude, sofern er nicht vom Ursprung getrennt ist, auch noch der exponierteste Jude, also Kafka, ist geborgen. Alles geschieht ihm, aber es kann ihm nichts geschehen. Wohl vermag er sich nicht mehr »im Versteck deiner Flügel« (Ps 61,5) zu bergen, denn der Zeit, in der er lebt, und mit ihr ihm, ihrem exponiertesten Sohn, verbirgt Gott sich.“

Über Franz Kafka (Zwei Glaubensweisen)

Von Martin Buber

Man kennt Kafkas Beitrag zur Metaphysik der »Tür«: die Parabel von dem Mann, der sein Leben vor einem bestimmten offenstehenden Tor verbringt, das zur Welt des Sinns führt, und vergeblich um Einlaß bettelt, bis knapp vor seinem Tod ihm mitgeteilt wird, daß es für ihn bestimmt war und nun geschlossen wird. Die Tür ist also noch offen; ja, jeder Mensch hat seine eigne Tür, und sie ist für ihn offen; aber er weiß es nicht und ist anscheinend nicht imstande, es zu wissen. Kafkas beide Haupt­werke sind Ausarbeitungen des Parabelmotivs, das eine, »Der Prozeß«, in der Dimension der Zeit, das andre, »Das Schloß«, in der des Raums; das erste befaßt sich demgemäß mit der Aussichtslosigkeit im Verkehr des Menschen mit seiner Seele, das zweite mit der in seinem Verkehr mit der Welt. Die Parabel selbst ist nicht paulinisch, die Ausarbeitungen sind es, nur, wie gesagt, unter Abstrich der Erlösung. Die eine handelt von dem Gericht, dem die Seele untersteht und sich willig unterstellt; aber die Welt beruht, die Grundordnung der Welt, die Folgerichtigkeit und Zuverlässigkeit alles Geschehens, die Gültigkeit aller Norm.« Eben dies erscheint mir als eine un­zulässige Ableitung des Wesens der Welt aus dem Wesen Gottes oder vielmehr um­gekehrt. Ordnung und Norm stammen aus der die Welt ins Sein setzenden und ihr das Gesetz gebenden Tat Gottes, nicht aus einem Gesetz, das sein eignes Sein be­stimmte.

Schuld, für die sie gerichtet werden soll, ist unformuliert, die Prozedur labyrinthisch und die Instanzen selber fragwürdig – ohne daß durch all dies die Rechtmäßigkeit der Rechtsprechung beeinträchtigt erschiene. Das andre Buch, das uns hier besonders angeht, beschreibt eine dem Re­giment einer schlampigen Bürokratie appellos ausgelieferte Landschaft als unsere Welt. Was zu oberst des Herrschaftsbereichs oder vielmehr oberhalb seiner ist, bleibt in ein Dunkel gehüllt, dessen Wesen man nicht einmal zu ahnen bekommt; die Beamtenhierarchie, die die Macht ausübt, hat sie von oben empfangen, aber anscheinend ohne Auftrag und Anord­nung. Eine breite Sinnlosigkeit waltet uneingeschränkt, jede Nachricht, jede Handlung ist vom Sinnlosen durchtränkt, und doch ist die Recht­mäßigkeit der Herrschaft unanzweifelbar. Der Mensch wird in diese Welt gerufen, berufen, aber wohin auch er sich wendet, um der Beru­fung nachzukommen, stößt er an die dicken Nebelschwaden der Absurdität. Diese Welt ist einem Gewirr von Zwischenwesen ausgeliefert – es ist eine paulinische Welt, nur daß Gott in die undurchdringliche Finsternis ent­rückt und für einen Mittler kein Raum ist. Man muß an die aggadische Erzählung (Aggadat Bereschit IX) von dem sündigen David denken, der Gott bittet, er möge selber ihn richten und ihn nicht in die Hände der Seraphim und Cherubim geben, denn »alle sind sie grausam«. Grausam sind die Zwischenwesen Kafkas auch, aber sie sind zudem zuchtlos und geistlos. Großmächtige Schicksalpfuscher sind sie, die die Menschen­krea­tur durch den Widersinn des Lebens treiben – und sie tun es in der Voll­macht ihres Herrn. Bestimmte Züge gemahnen an die libertinischen Dä­monen, zu denen in einzelnen gnostischen Strömungen die Archonten des paulinischen Weltbilds sich gewandelt haben.

Die Stärke der paulinischen Tendenzen in der christlichen Theologie unserer Zeit ist aus der Signatur dieser Zeit zu erklären, wie es aus den früheren Epochen zu erklären ist, daß einmal sie, einmal die rein spiritua­le, johanneische, und einmal die sogenannte petrinische hervortritt, wo­bei der etwas unbestimmte Begriff »Petrus« für die unauslöschliche Erin­nerung an die Gespräche Jesu mit den Jüngern in Galiläa steht. Paulinisch sind jene Zeitalter, in denen die Widersprüche des menschlichen Lebens, insbesondere des menschlichen Zusammenlebens, sich so übersteigern, daß sie im Daseinsbewußtsein der Menschen in wachsendem Maße den Charakter des Verhängnisses annehmen. Da erscheint dann das Gottes­licht verfinstert, und die erlöste Christenseele nimmt dann, wie es die unerlöste Judenseele pausenlos getan hat, die noch unerlöste Konkretheit der Menschenwelt in all ihren Schrecken wahr. Wohl ringt dann der echte Christ, wie wir es ja auch von Paulus wissen, um eine gerechtere Ordnung seiner Gemeinschaft, aber den undurchdringlichen Kern des Widerspruchs versteht er im Blick auf das drohende Zorngewölk und klammert sich mit paulinischer Gewalt an die Gnadenfülle des Mittlers. Wohl wehrt man der immer wieder nahenden marcionitischen Gefahr, der Ausein- anderreißung nicht bloß von Altem und Neuem Testament, sondern von Schöpfung und Erlösung, von Schöpfer und Erlöser, denn man sieht, wie nah man schon dran ist, wie Kierkegaard von der Gnosis sagt, »die Schöpfung mit dem Sündenfall zu identifizieren«, und man weiß, daß ein Sieg Marcions zum Untergang des Christentums führen kann; aber – das scheint mir in der Christenheit heute wieder stärker erkannt zu wer­den – mit Paulus ist Marcion nicht zu überwinden.

Daß es einen nichtpaulinischen Ausblick, also einen der Signatur des Zeitalters überlegenen, gibt, hat schon vor einem Jahrhundert eben Kier­kegaard ausgedrückt, als er in sein Tagebuch ein Gebet schrieb, in dem es heißt: »Vater im Himmel, es ist doch nur der Augenblick des Schweigens in der Innerlichkeit des Miteinanderredens.« Das ist zwar von der persönlichen Existenz aus gesagt (»wenn ein Mensch in der Wüste verschmach­tet, da er deine Stimme nicht hört«), aber in diesem Belange ist zwischen der Situation der Person und der des Menschen oder des Menschentums nicht zu scheiden. Das Gebet Kierkegaards ist, trotz seinem großen Christusglauben, nicht paulinisch oder johanneisch, sondern jesuisch.

Was aber Kafka angeht, so kann ein leichtfertiger Christ ja leicht mit ihm fertig werden, indem er ihn einfach als den unerlösten, weil nicht nach der Erlösung langenden Juden behandelt. Aber nur der so Vor­gehende ist nun fertig, Kafka ist von dieser Behandlung unbetroffen ge­blieben. Denn der Jude, sofern er nicht vom Ursprung getrennt ist, auch noch der exponierteste Jude, also Kafka, ist geborgen. Alles geschieht ihm, aber es kann ihm nichts geschehen. Wohl vermag er sich nicht mehr »im Versteck deiner Flügel« (Ps 61,5) zu bergen, denn der Zeit, in der er lebt, und mit ihr ihm, ihrem exponiertesten Sohn, verbirgt Gott sich; aber in der Tatsache des Nurverborgenseins Gottes, um die er weiß, ist er geborgen. »Lieber die lebendige Taube auf dem Dach als den halbtoten, krampfhaft sich wehrenden Sperling in der Hand.« Er beschreibt, aus in­nerster Kenntnis, die Welt des geläufigen Weltlaufs, er beschreibt aufs ge­nauste das Walten der fauligen Dämonien, das den Vordergrund füllt; und am Rand der Beschreibung kritzelt er den Satz hin: »Prüfe dich an der Menschheit. Den Zweifelnden macht sie zweifeln, den Glaubenden glauben.« Sein unausgesprochenes, stets gegenwärtiges Thema ist die Entrücktheit des Richters, die Entrücktheit des Schloßherrn, die Verbor­genheit, die Verfinsterung, die Finsternis; und eben deshalb vermerkt er: »Wer glaubt, kann keine Wunder erleben. Bei Tag sieht man keine Sterne.« So ist das Geborgensein des Juden in der Finsternis – ein von dem des Christen wesenhaft verschiedenes – beschaffen. Es gewährt keine Ru­he, denn leben, solang du lebst, mußt du beim Sperling und nicht bei der Taube, die deine Hand flieht; aber es verträgt sich, illusionslos, mit dem vordergründigen Weltlauf, und so kann nichts dir etwas anhaben. Denn von drüben her, von dem Himmelsdunkel her, kommt, ohne alles Aussehn der Unmittelbarkeit, ins Herz wirkend der dunkle Strahl. »Wir wur­den geschaffen, um im Paradies zu leben, das Paradies war bestimmt, uns zu dienen. Unsere Bestimmung ist geändert worden; daß dies auch mit der Bestimmung des Paradieses geschehen wäre, wird nicht gesagt.« So leise und scheu äußert der Antipaulinismus aus dem Herzen dieses paulinischen Schilderers der Vordergrundhölle: das Paradies ist noch da, und es wirkt uns zum Dienst. Es ist da, das heißt, es ist auch hier, wo der dunkle Strahl das gepeinigte Herz trifft. Sind die Unerlösten erlösungs­bedürftig? Sie leiden an der Unerlöstheit der Welt. »Alle Leiden um uns (d. h. um uns her) müssen auch wir leiden« – da ist es wieder, das Wort aus dem Schoß Israels. Die unerlöste Seele weigert sich, die Evidenz der unerlösten Welt, an der sie leidet, gegen die eigne Erlösung herzugeben. Sie kann sich weigern, denn sie ist geborgen.

Dies ist das Gesicht des in dieser Zeit der größten Verborgenheit Gottes ins Judentum einge­drungenen Paulinismus ohne Christus, eines Pau­linismus also gegen Paulus. Düsterer als je vorher wird der Weltlauf ge­zeichnet, und doch wird erneut, mit einem noch vertieften »Trotz alle­dem«, ganz leise und scheu, aber unzweideutig, die Emuna verkündigt. Sie ist hier, inmitten des paulinischen Bereichs, an die Stelle der Pistis getreten. In all seiner Zurückhaltung bekennt doch der in der verfinster­ten Welt umirrende Spätling mit jenen deuterojesajanischen Sendboten der leidenden Völkerwelt (Jes 45,15): »Wohl, du bist ein Gott, der sich verbirgt, Gott Israels, Heiland!« So muß in einer Stunde der Gottesfin­sternis die Emuna sich wandeln, um an Gott zu beharren, ohne die Wirk­lichkeit zu verleugnen. Daß er sich verbirgt, verkürzt die Unmittelbarkeit nicht; in der Unmittelbarkeit bleibt er der Heiland, und der Widerspruch des Daseins wird uns zur Theophanie.

Quelle: Martin Buber, Zwei Glaubensweisen, in: Ders., Werke, Bd. 1: Schriften zur Philosophie, Heidelberg: Lambert Schneider, 1962, S. 775-779.

Hier der Text als pdf.

Hinterlasse einen Kommentar