Gedächtnis und Antizipation. Psychologische und theologische Bemerkungen
Von Dietrich Ritschl
Die Grundthese kann leicht summiert werden: Antizipationen formieren das Gedächtnis, oder anders: Hoffnungen erlauben, sichten und modellieren Erinnerungen. Nochmals anders: wem sich keine Zukunft mehr öffnet, dem erstarren die Erinnerungen. Das ist psychologisch begründbar und theologisch von hoher Relevanz.
Ich will nun diese Grundthese erklären und illustrieren. Dazu werde ich in drei Schritten vorgehen: Folgen Sie mir durch einen ersten, theoretischen Teil, in dem ich die Grundthese erweitern werde. Hören Sie sodann zweitens einen gewagten, erzählerischen Teil, in dem ich das Gedächtnis eines hypothetischen Menschen inhaltlich an allerhand frei gewählten Beispielen – vielleicht Beispielen aus Ihrem oder meinem Leben – beschreiben werde, und halten Sie sich dann drittens bereit für einen kurzen, summierenden Abschnitt, der meine Ergebnisse und unsere offenen Fragen benennen soll. Im ganzen kann es sich nur – ich brauche das wohl kaum zu begründen – um einen schmalen Ausschnitt der Benennung der Strukturen und Funktionen des Gedächtnisses der erlebten Wirklichkeit handeln.
1. Theoretische Thesen über Gedächtnis und Antizipation
Die Komponenten, aus denen unsere Vergangenheit besteht, sind wie die farbigen Glasteilchen in einem Kaleidoskop in Zahl und Art festgelegt. Sie sind da, wir können sie nicht vermehren und nichts von ihnen wegnehmen. Aber das Bild, das sie bieten, kann sich ändern. Die Vergangenheit kann verändert werden.
Die Bausteine der Zukunft liegen in der Vergangenheit. Wir hoffen, daß sie unsere Zukunft nicht verhindern, unser weiteres Leben nicht zerstören. Wer die Freiheit für die Zukunft hat, kann in die Vergangenheit hinein hoffen, daß ihre Komponenten unser Leben gelingen lassen, kann sie ohne Furcht untersuchen, analysieren, kann schuldbewußte Historiographie betreiben, kann über das sprechen, was uns beschämt, kann Urteile über die Vergangenheit revidieren. Wer unfrei ist für die Zukunft, wer nur noch sich selber im Auge hat, wer nicht mehr sieht, wie es mit uns beiden weitergehen wird, daß es gut weitergehen soll, wer gar für die Gesellschaft und für die Menschheit auf keine Zukunft mehr hofft, ist der Gefangene der eingeschliffenen Bahnen und Klischee-Erklärungen der für sein Leben konstitutiven Elemente der Vergangenheit. So zerbrechen Freundschaften und Ehen, so hassen sich Völker und Rassen, so verhärten sich Ängste, Vorurteile, Nationalgefühle und kirchlich-konfessionelle Arroganz. So leben sich vergangenheitsgebundene Neurosen aus. So revidiert niemand mehr seine Urteile. So wird der Lobpreis der Tradition mißbraucht und wahre, lebendige Tradition verhöhnt. Das Gedächtnis besteht aus unveränderbaren Summierungen; das Gedächtnis vermittelt kein Leben mehr, es ist zum Magazin abgesunken. Niemand mehr nimmt »Anlässe« wahr – »occasions« nannte ich sie vor Jahren, als ich ein Buch Memory and Hope schrieb –, »Anlässe«, aus denen mir neue Zugänge in die Inhalte des latenten Gedächtnisses erwachsen, Stimulierungen für Neuinterpretationen von Teilen aus dem Reichtum meiner Tradition, meiner Kultur. Wer diese »Anlässe« nicht mehr erleben will, wer sich ihnen nicht mehr stellt, ist heute schon tot, und mag dieser Mensch auch ein äußerlich lebendiger Zeitgenosse sein. Er ist schon nicht mehr am Leben, im Leben, und auch Gott ist für ihn zum Stillstand gekommen. Seine Vergangenheit ist versteinert, sie bietet außer den kleinen echten sowie den eingebildeten Gründen für Selbstruhm und außer den Erinnerungen an kleine Siege nur Ängste.
Man stelle sich das so vor, metaphorisch gesprochen, als seien wir – sozusagen hinten am Kopf – mit einem dichten Bündel unzähliger Drähte verbunden, die uns den ganzen Reichtum unserer Erfahrungen und unseres erlernten Wissens anbieten. Mit einigen wenigen haben wir Kontakt geschlossen, nur mit einer winzigen Auswahl. Die meisten bleiben ungenutzt. Werden wir nicht durch »Anlässe«, durch »occasions« zu neuer Kontaktnahme genötigt, wir würden wohl eine immer kleinere Zahl von Routineanschlüssen an unser Gedächtnis und damit an unsere Kultur und Tradition verwenden. Was steuert die Selektion? Das möchten wir wissen. Es ist die gleiche Frage, nach deren Lösung wir neugierig Ausschau halten: wer es wissen könnte, wie man am Kaleidoskop drehen kann, so daß Vergangenheit sich ändert und Vergebung geschieht.
Aber es ist noch komplexer: Auch die Inhalte, die uns übermittelt werden – und sei es durch sinnvoll wahrgenommene »Anlässe«: große wie Kriege oder Tschernobyl oder kleine wie der Brief einer alten Freundin, ein Vogel oder ein Kind -, die Inhalte, die uns erreichen, wenn wir unser Gedächtnis benützen und zu uns sprechen lassen, kommen auf uns in der Gestalt von Reduktionen des Eigentlichen, des Gewesenen. Wir erinnern alles letztlich nur in Summierungen. Zu diesem Phänomen müßte man viele Bemerkungen machen, denn die heutigen Neurobiologen versichern uns, man könne eben dieses Phänomen noch nicht erklären, die Fähigkeit des Menschen, komplexe Erlebnisse sinnvoll zu summieren, etwa in einem kurzen Bericht über eine lange Urlaubsreise oder in einer treffenden Charakterisierung eines Mitmenschen. Diese gewaltige Fähigkeit ist zugleich unsere größte Gefahr: wir summieren nicht nur Erfahrungen, sondern auch erlerntes Wissen, und die Speicherung im Gedächtnis ist um so besser, je kürzer die Summierung. Die bekannte Kontroverse zwischen der dualistisch-interaktionistischen Schule der neueren Neurophysiologie – am krassesten vertreten von Sir John Eccles – und den Anhängern einer sozusagen materialistischen Identitätstheorie spitzt sich außer im Streit um die angewandte Methode am deutlichsten gerade auf dieses Problem zu: Wie kann die Integration vielfältigster Erfahrung durch eine angemessene Summierung physiologisch erklärt werden?
Die Geschichte der Erforschung des Gedächtnisses etwa von Hermann Ebbinghaus über den Russen Alexander Luria zu dem waghalsigen Operateur Wilder Penfield, der vor vierzig Jahren die Schläfenlappen eines Epileptikers bei dessen Bewußtsein elektrisch stimulierte und eine phantastische Gedächtnissteigerung erreichte, hat bis heute wenigstens einige greifbare und für unsere Frage relevante Ergebnisse hervorgebracht. Ich nenne nur die neuen Einsichten in die Unterscheidung von Kurzzeit- und Langzeitgedächtnis, in die Möglichkeit, die Transmission vom einen ins andere auch organisch zu lokalisieren – nämlich im Hippocampus – und Theorien über die Gedächtnisstörungen – auch bei Gesunden – durch die Interferenz, d. h. die Störungen von Inhalten des Speichers (der long term storage) durch neue, erlernte Informationen. Die alte Erfahrungsweisheit, daß Glücksgefühle während der Aufnahme von Information – beim Lernen also – die Aufbewahrung im Gedächtnis fördern, rückt offenbar heute einer physiologischen Erklärung durch die vermutete Doppelfunktion des Hippocampus und der benachbarten Hirnteile als Kontrolleur von Emotionen sowie als Transporteur von neu aufgenommenen Informationen in die Gedächtnisspeicher näher. Damit wäre nicht nur der Grund für »fröhliches Lernen«, sondern auch für sein Gegenstück, für das Vergessen des Unangenehmen, für die Minderung der Speicherung von Informationen im Kontext negativer Emotionen erklärbar geworden. Man meint heute zu wissen, daß in dem komplizierten Netzwerk der Neuronenverbindungen die Informationen in Hierarchien gespeichert sind, in Klassen und Schemata, und daß wir eher raum-zeitliche und kausale Zusammenhänge erinnern als Emotionen. Wir besinnen uns an einen Krankenhausaufenthalt viel eher als an die Schmerzen nach der Operation, an den Hergang eines Unfalls eher als an den Schock und die Wut. Und man begreift heute besser als früher, daß wir uns an abgeschlossene Vorkommnisse schlechter erinnern können als an solche, die noch ein Weitergehen versprechen, eine Zukunft haben – das ist ja unser heutiges Thema. So hat manch einer zweifelhafte Haltungen, ja manifestes Unrecht vergessen, weil der Krieg nun vorüber ist, unwiederholbar zu Ende. Es ist alles zu Ende, die Juden sind weggeschafft, die Geiseln erschossen, er hat es selbst nicht gesehen in Raum und Zeit, es ist alles vorüber. Und nur eine kleine Unterschrift auf dem Papier, die Weitergabe eines Befehls – sie erregten damals wohl Emotionen der Angst -, aber die raum-zeitliche Situation war unwichtig, so werden sie aus dem Gedächtnis getilgt: »Ich kann mich nicht mehr erinnern!«, sagt er darum heute. Ist aber noch eine Zukunft da, leben die Partner noch, hat alles eine sichtbare Gestalt gehabt und hat es noch, so bleibt das Gedächtnis aktiv, wenn auch in Reduktionen und Summierungen.
Jaspers zitiert in seiner Psychopathologie einen erschreckenden Satz von Nietzsche, der zu der politischen Andeutung paßt, die ich soeben machte: »Dies habe ich getan, sagt mein Gedächtnis; dies kann ich nicht getan haben, sagt mein Stolz; schließlich gibt das Gedächtnis nach.« Dies ist jedoch ein philosophisch-moralischer Satz, nicht eine psychologische oder gar neurophysiologisch erklärbare Feststellung. Aber er hat um so mehr ethische Relevanz und wohl auch politische Brisanz. Zudem verweist er auf eine Selbstverständlichkeit – wenn auch eine ethisch problematische: freilich brauchen wir das Vergessen zum Überleben. Wir brauchen das Vergessen für unsere geistige Gesundheit. Wären wir mit allen »Drähten«, wie ich sie nannte, auf einmal verbunden, so könnten wir nicht am Leben bleiben. Darüber müssen wir noch nachdenken, wie Vergessen und Verdrängen, falsches Verkoppeln und ehrliches Erinnern Zusammenhängen. Und letztlich wollen wir wissen, wie Vergangenheit, Hoffnung und Vergebung Zusammenhängen.
Lassen Sie mich zum Abschluß dieses theoretischen Thesenteils behaupten, daß die Beobachtungen über einen einzelnen Menschen und die Traditionsbündel, die ihn berühren, auch ausgeweitet werden können auf Gruppen und Gemeinschaften, Kirchen, Kulturen und Religionen. Dieser Übergang ist freilich nicht ohne methodische Gefahren zu leisten, aber er ist möglich. Wenn es ein kollektives Gedächtnis auch nur metaphorisch gesprochen gibt, so gibt es doch gewiß ein für Gruppen, Kulturen und Kirchen konstitutives Gedächtnis. Es besteht aus den Akkumulierungen von Summierungen der Rückerinnerung vieler. Den Ort des Transportes oder des Fließens, der ständigen Weitergabe dieser Summierungen habe ich oft »story« genannt. Es kommt darauf an, daß wir unsere »story«, unsere eigene, private, viel mehr aber die mit anderen geteilte, die echte, die eigentliche »story«, nicht nur kennen, sondern auch »bewohnen«. Sagen uns Teile unserer »story« nichts mehr, bewohnen wir sie nicht mehr ernsthaft, so könnten wir sie fallenlassen, z. B. Elemente unserer nationalen Geschichte oder die Schöpfungsgeschichten der Bibel, die Weihnachtsgeschichte in Lukas 2 oder Teile unserer eigenen Lebensgeschichte. Wir würden dann um vieles ärmer, aber vielleicht auch freier. Wenn uns aber noch ungelöste Lebensfragen oder gar Schuld mit diesen Geschichten verbindet, so werden wir sie nicht leicht aufgeben können. Vor allem werden andere uns an unseren Geschichten behaften, uns das Fallenlassen nicht erlauben, weil sie uns an unsere Geschichten, an unserer »story«, erkennen. Das haben die Juden in ihrer Geschichte viel krasser erlebt als andere, denn sie konnten in Verfolgungen und Pogromen sich nicht durch »Abfallen« retten wie die Christen, die als ehemalige lapsi sich später wieder zu den Siegern gesellen konnten. Oder ist vielleicht letztlich politische Verhaftung im schuldhaften Schicksal ähnlich für die, deren Teilhaber an ihrer »story« die Juden geschlachtet haben? Im großen wie im privaten hat es die gelebte – wenn auch heute verneinte – »story« an sich, daß wir an ihr von anderen behaftet werden. Und ist sie auch nicht mehr vollständig in unserem Gedächtnis, so ist sie gerade in den Teilen, die wir vergessen haben und als erledigt ansehen möchten, im Gedächtnis anderer aufbewahrt. Bei den anderen lauert das Urteil über unsere »story«, wenn das Gedächtnis seinen Träger wechselt.
2. Das Gedächtnis eines hypothetischen Menschen
Wir wollen diese und einige verwandte theoretische Überlegungen am Gedächtnis eines hypothetischen Menschen testen und illustrieren, von dem ich – mehr oder minder unwissenschaftlich – in der Ich-Form sprechen möchte. Der Leser wird aber unterwegs immer wieder bemerken, daß ich keineswegs durchgehend autobiographisch spreche; zudem bedenke ich oft die Alternative des soeben beschriebenen Status dieses Menschen – fast, wie wenn von zwei Menschen die Rede wäre, von je zwei Möglichkeiten des hypothetischen Schicksals. Gelegentlich wird er auch spüren, daß ich vielleicht von ihm selbst spreche oder von anderen Menschen. Wir wollen durch das Prisma dieses Trägers eines Gedächtnisses einige Beispiele über die Funktion von Gedächtnis und Antizipation beobachten. Mehr liegt nicht in der Absicht des Folgenden.
Mein erwachsenes Gedächtnis trägt die Spuren von Entscheidungen, die vor meiner Geburt gefällt wurden. Habe ich es nicht immer wieder zu spüren bekommen, daß ich eigentlich ungewollt war, kein Wunschkind? Alle neuen Erfahrungen und alles neu Erlernte – und diese beiden recht verschiedenen Faktoren machen ja mein Gedächtnis aus – wurden immer wieder gestört durch diese Narbe: Ich bin nicht gewünscht, ich bleibe ein Verlierer. Andere Menschen schaffen es besser als ich. Bestimmt mich nicht auch meine Rasse und Hautfarbe, bevor ich selber über mich entscheiden kann? Brauche ich nicht im Dunkel der Geschichte meiner Vorfahren Festpunkte, Legenden und Mythen, die mir meinen Wert doch noch nachträglich beweisen, wie es etwa Alex Haley in seinem berühmten Buch »Roots« für die Schwarzen Amerikas tat? Oder ist es gerade umgekehrt? Ein Sieg ist eingebaut in mein Gedächtnis, bevor ich je zu handeln begann. Ich bleibe bei allen Schwierigkeiten souverän, weil meine Eltern es schon waren und ihre Eltern, soweit ich zurückschauen kann: nichts als überlegene Gestalten in führenden Positionen, geglückte Ehen und erfolgreiche Karrieren. Ich fühle mich ihnen allen nicht unterlegen, ich mache da mit, denn meine Eltern wollten mich und gaben mir Freiheit und Liebe. Und vielleicht auch in meiner Kultur und Rasse: gehöre ich nicht zweifellos auf die Seite der Gewinner?
Manche freilich …
Manche freilich müssen drunten sterben,
Wo die schweren Ruder der Schiffe streifen,
Andre wohnen bei dem Steuer droben,
Kennen Vogelflug und die Länder der Sterne.
Manche liegen immer mit schweren Gliedern
Bei den Wurzeln des verworrenen Lebens,
Andern sind die Stühle gerichtet
Bei den Sibyllen, den Königinnen,
Und da sitzen sie wie zu Hause,
Leichten Hauptes und leichter Hände.
Doch ein Schatten fällt von jenen Leben
In die anderen Leben hinüber,
Und die leichten sind an die schweren
Wie an Luft und Erde gebunden:
Ganz vergessener Völker Müdigkeiten
Kann ich nicht abtun von meinen Lidern,
Noch weghalten von der erschrockenen Seele
Stummes Niederfallen ferner Sterne.
Viele Geschicke weben neben dem meinen,
Durcheinander spielt sie alle das Dasein,
Und mein Teil ist mehr als dieses Lebens
Schlanke Flamme oder schmale Leier.
(Hugo v. Hofmannsthal)
Obwohl ich meine Geburt nicht erinnere, ruht sie in meinem Gedächtnis. »Innen« und »Außen« wurden mit einem Mal mein Lebensproblem. Ich mußte selber lernen, daß ich innen bin, ein eigenes Innen, und die andern außen sind, daß die Brust der Mutter oder die Flasche nicht Teil meines Körpers sind. Und habe ich damals etwas falsch gelernt, so bleibt der Schaden vielleicht bis ans Lebensende. Das Gedächtnis transportiert ihn. So wie ich heute mit den Problemen der Nähe und Ferne zu Menschen und Dingen fertig werde, wie ich Trennungen von geliebten Menschen und Orten überstehe, so war es schon damals angebahnt und weitgehend entschieden. Vielleicht erlebe ich auch Gott in der Vorprägung durch dieses Innen-/Außen-Erleben, und ich frage mich, wieso der Gott in der Tradition des Ostens, in Benares, so stark im Innen gesucht wird, während der Gott Abrahams (bei uns Juden, Christen und Muslimen) zunächst im Außen zu hören sein soll – er kommt von weither, von außen, für viele bleibt er immer dort und wird schließlich unhörbar, stumm.
Und ich suche weiter nach den Grundprägungen meines Gedächtnisses. Es kamen die Jahre, als ich meinen Körper richtig erleben und einschätzen lernen mußte, bis ich wußte, daß die Wunde am Knie und mein Schmerz nicht identisch ist mit mir und doch zu mir gehört – und ich frage mich, ob ich heute schon gelernt habe, meinen Schmerz und mich selber zu unterscheiden. Es kam die Zeit des Spracherwerbs mit der gewaltigsten Übernahme von Fremdgut, vom Denken und Fühlen anderer Menschen, die je in meinem Leben geschah. Und in diesen Jahren prägte sich tief ins Gedächtnis das erste Erleben der Weiblichkeit meiner Mutter und der Männlichkeit meines Vaters – in diesem Dreieck mußte ich leben lernen. Es formten sich Sehnsüchte, gepaart mit Ängsten, Hoffnungen und Anerkennung und Erlaubnis zur Identifikation, es entstand aus innerem Drang mein Sensorium für Rivalitäten, Liebe und Haß, für Autorität und Freiheit – alles die Konstituenten des Lebens überhaupt und der Ge- schichts- und Kulturbetrachtung im besonderen. Und in diesen Jahren, als mein Vater so wichtig war, wurde mir auch gesagt, Gott sei ein Vater. Ich mußte aufs neue unterscheiden lernen, und ich frage mich heute, wie ich mit diesen Gedächtnisinhalten leben soll, umgeben von vielen Menschen, deren unterscheidendes Denken über Gott schon damals, im Vorschulalter, zum Stillstand kam. Ich fürchte, das meiste, was Juden und Christen über Gott sagen, wird von den Erwachsenen mißverstanden, anfänglich schon von uns selbst, den Sprechenden. Anders gesagt: Ich fürchte, daß meistens, wenn Menschen »Gott« sagen, sie etwas anderes meinen, einen anderen als den Gott, den die Bibel meint. Oder krasser: Ich glaube, daß viele Stellen der Bibel, die von Gott reden, einen anderen im Auge haben als den Lebendigen, den Abraham und Jesus vor sich sahen.
Mit der Sprache erlernte ich Werte kennen und respektieren. Ich lernte an andere denken und ihnen Gutes tun. Ich sollte das Gute fördern und stärken helfen – das Schöne dem Häßlichen vorziehen, das Reine dem Schmutzigen. Ich lernte das alles ohne Zwang und Drohung, ohne die gefährlichen, kleinlichen Versprechen, Gott würde es mir lohnen – höchstens sagten sie mir, es sei im Sinne Gottes, solches zu tun, und das stimmt ja wohl auch. Dieser Blick auf das Gute und Starke prägt bis heute meinen Rückblick in die Geschichte: Ich lasse mich erfreuen von Summierungen der Berichte und Texte über konstruktive, gute Menschen, ihre Gedanken und Taten, ich finde meine Ideale dort wieder und identifiziere mich – ich mache mir diese Geschichten zu eigen, zumindest zu wünschenswerten Vorläufern meiner Geschichte. Ich wünschte, die Kultur bestünde aus diesen guten, identifikationswürdigen Elementen meines historischen Gedächtnisses; die Geschichte vielleicht sogar aus einer zusammenhängenden Kette lebens- und heilbringender Ereignisse – aus einer Heilsgeschichte vielleicht, die Tod, Leiden, Haß und Krieg relativiert und verdrängt.
Als ich älter wurde und nahezu erwachsen war, lernte ich zwischen Pubertätsträumen und wirklichen Hoffnungen und zukunftsbezogenen Aufgaben unterscheiden. Nicht nur ist wichtig, wie ich Eindrücke und Erlerntes verarbeite, auch was ich will und tue, ist entscheidend, ich kann selber ein Stück Geschichte machen helfen, Gedächtnisinhalte nützen sowie auch prägen und damit zur Kultur beitragen. Aber viele Werte sind mir fraglich geworden, und zugleich leide ich unter der Fülle der Möglichkeiten, mich zu identifizieren und zu engagieren. Woraufhin sollen wir unsere Kinder erziehen? Das wurde die Frage der jungen Erwachsenenjahre. War die Antwort darauf nicht in früheren Generationen leichter? Welche Hoffnungen sollten wir wecken, um die Selektion aus den Inhalten der Kultur und aus den Komponenten des Gedächtnisses zu steuern? Welche sind der Bewahrung wert, welche sollen verneint und endgültig abgetan werden, welche sind modulationsfähig? Das wurde die Frage der Jahre nach. den ersten Begegnungen mit anderen Kulturen, mit der Dritten Welt zumal.
Bei dieser Suche – sie macht auch heute meinen Tag aus – quält mich die Interferenz mit Informationen und Gedächtnisinhalten, die mich von der Freude am Guten und Starken abbringen. Nicht mehr das Athener Modell ist mir das Höchste, das Ideal des schönen, wohlproportionierten etwa 30jährigen Mannes, der schönen Frau, gleich tüchtig und konkurrenzfähig beim Sport sowie in der Akademie. Ich lese die Geschichte auch nicht mehr in der Suche nach diesem Bild von Stärke und Selbstverwirklichung. Zu überwältigend war seine Zerstörung durch das Gift des Nationalismus, der Idealisierung höchst fragwürdiger und oft wahrhaft böser Menschen und Gedanken in der politischen und kirchlichen Geschichte, durch Rassenwahn, Geschichtslügen und Gesinnungsterror. Ich begann zu begreifen, daß ein großer Teil dieser Zerstörung schon in den Anfang meiner Zeit als Erwachsener fällt: in Ängsten und Bedrohungen, Verhaftungen und Verschleppungen, in den Kellern der brennenden Städte, und – Jahre später – im Rassenhaß der Weißen und nicht selten der Schwarzen, im Schüren von Angst und Haß in Ost und West, in der unentwirrbaren Mischung von Leiden, Hunger, von Ausgebeutet-Werden durch Weiße und arroganter Ausbeutung der eigenen Mitmenschen in der Dritten Welt. All dies habe ich selber gesehen und es ist für immer in meinem Gedächtnis. Aber mehr noch, auch das Ungesehene ruht dort: Die Ankunft der zur Vergasung Verfrachteten an der Rampe, die Millionen von Erschossenen in Rußland, die Ermordeten in Maos China – als man hier das rote Büchlein las -, die Toten in Vietnam und die noch Lebenden in Lateinamerika. Die Interferenz im historischen Gedächtnis, die in mir geschieht, verändert darum das Bild meiner Vorväter in Familie, Universität und Kirche, auch der verehrten griechischen Kirchenväter, die mir in manchem höher als die Reformatoren stehen; auch der großen Philosophen, der herrlichen Kunstwerke, die ich in Europa, Asien und Afrika bewundern konnte. Fast drängt es mich, in ihnen nach Mitzeugen der entsetzlichen Gedächtnisinhalte zu suchen, die mich bestimmen. Fast gerate ich dadurch in die Nähe selbstzerstörerischer Konzentration auf das Leiden. Weil ich nicht vergessen kann und nicht will, ist das so.
Nicht nur im Politisch-Geschichtlichen, auch im individuellen Leben drängt die Last der Gedächtnisinhalte auf mich ein. In der analytischen Psychotherapie geht es fast ausschließlich um die Tyrannis des unfreien Gedächtnisses und, damit verbunden, um die Fragen von Schuld und dem Sinn der Existenz. Die Entflechtung von Interferenzen, falschen Verkoppelungen und das Auflösen von Summierungen ist das eigentliche Ziel der Psychoanalyse. Das Therapieziel ist die Hoffnung auf die Freiheit, von der ich eingangs sprach, die Hoffnung, durch die Drehung des Kaleidoskopes würde ein anderes Bild sichtbar. Freiheit soll werden zum Bewohnen meiner »story«. Darin sind für mich Theologie und die rein säkulare Unternehmung der Psychotherapie aufs tiefste verbunden. Und so suche ich auch nach Therapiemethoden im Politisch-Geschichtlichen.
Längst bin ich erwachsen, habe Kinder und Enkel, längst sind meine ersten Doktoranden heute Professoren, die Studenten längst gestandene Pfarrer und Lehrer, obwohl, wie in einer russischen Puppe, der Zwei-, Fünf-, Zwölf-, Siebzehn- und auch der Fünfunddreißigjährige, von denen ich sprach, noch in mir sind. In einem hohen Maße lebe ich all diese Leben weiter. Und diese Leben sind begleitet gewesen von der Rede von Gott: Gott ruht im Gedächtnis, er »wohnt in der Zeit«, die meine Zeit war und schon die Zeit anderer vor mir. Wie soll ich im Licht dieser Rede von Gott die Elemente des Gedächtnisses sortieren? Wenn Gott nicht verantwortlich ist für die Scheußlichkeiten in meinem Gedächtnisinhalt, so ist er doch in sie und ihre Geschichte verwikkelt. Der uns bekannte Teil dieser Geschichte geht von Abraham bis heute in einem großen Bogen, den ich als solchen nie beschreiben kann. Nur die einzelnen Abschnitte können wahrgenommen, berichtet, aber eben auch summiert werden. Die Fähigkeit zu solchen Summierungen deutet auf die Souveränität und wohl auch Hybris des Menschen. Nur zu rasch wird er der Gefangene der Summierungen seiner Gedächtnisinhalte.
Es sind einzig die »Anlässe«, »occasions«, die mich vor religiöser Erstarrung, vor Klischees retten. Durch sie werden Komponenten meines Gedächtnisinhaltes und des Gedächtnisses der Gruppe, zu der ich gehöre, aufs neue lebendig. Ja, durch sie wird ein Wiedererkennen ausgelöst, ich erkenne bestimmte Geschichten, Situationen und Bilder aufs neue wieder, weil mich die »Anlässe« auf sie stoßen. Aufs neue erkenne ich, was es heißt, daß Jesus an einem Kreuz hing, daß Abraham seinem Gott vertraute, daß der Vater des verlorenen Sohnes den Rückkehrer aufnahm. Aber freilich, ich sehe alles in einer bestimmten Perspektive. Meine Wahrnehmung wird nicht sekundär zur Perspektive dieser Geschichte aus der Bibel, sondern sie ist simultan perspektivisch geprägt. Wenn Karl Jaspers das Gedächtnis definiert als »Reservoir dauernder Dispositionen, die bei geeigneter Gelegenheit ins Bewußtsein treten«, so sind es eben die Dispositionen, die sich in der Perspektive der Rede von Gott und der Hoffnung auf die Zukunft niederschlagen. Meine Perspektive ist nun nur noch sehr bedingt das »Athener Modell« von den konkurrenzfähigen starken und schönen Menschen, sie ist viel eher das »Jerusalemer Modell«, nach dem der kleine David und nicht der große Goliath, der Gekreuzigte und nicht Pilatus die wahren Menschen sind. Diese Perspektive schafft eine eigene »Lebenswelt«, wie die Phänomenologen es nennen. Diese Lebenswelt ist begrenzter als die weite Welt des Aufgeklärten, der die Ereignisse seines Lebens, seiner »story«, sowie die Schrecknisse und Schuld der Geschichte gleichsam unter sich sehen, einander kausal zuordnen und damit relativieren kann. Freilich wird der gläubige Jude und Christ auch zu dieser Sicht fähig sein, wird sie als Teilhaber an der westlichen Kultur und Bildung von seiner frühen Schulzeit an eingeübt haben und sogar vertreten und verteidigen können. Aber sie ist seine eigentliche Sicht nicht. Sie verheißt ihm nicht die letzte Freiheit zur schonungslosen Sichtung der Geschichte, zur schuldbewußten Historiographie, weil in ihr die Hoffnungen Gottes auf Möglichkeiten der Menschen reduziert und damit echte, das Gedächtnis befreiende Antizipationen durch Einschätzen und Abwägen von Wahrscheinlichkeiten ersetzt sind. Ich sage nicht, daß ich leben will wie die jüdischen Taxifahrer in New York, die mit Anbruch des Sabbats nach Hause fahren und im Talmud lesen, bis die Arbeit der nächsten Woche sie wieder einholt. Aber auch sie sehen vielleicht durch das Prisma ihrer engen perspektivischen Begrenzung und Konzentration tiefere Abgründe und breitere Hoffnungen als der über allen spezifischen Bindungen stehende Beobachter. Nein, so schriftgebunden, so eingebunden in die engste Geschichte des jüdischen Gottes mit seinen die Tora liebenden Erwählten kann wohl keiner von uns mehr leben. Diese direkte und erste Naivität ist uns verloren. Aber eine zweite ist wiedergewinnbar in der bewußten Beschränkung auf die Perspektive, die ich oben beschrieb.
Ich habe die Prägung und Funktion des Gedächtnisses, der Ängste und Antizipationen eines hypothetischen Menschen zu beschreiben versucht, der teilweise Ähnlichkeit mit mir, teilweise mit Ihnen und wohl auch mit anderen, anwesenden Menschen hatte. Was mich angeht, so möchte ich, bevor ich älter und vielleicht ganz alt werde, im Hinblick auf das, was wir heute besprochen haben, zumindest noch dreierlei lernen:
1. Die Freiheit zur Hoffnung auf Gottes Recht und Gerechtigkeit und damit die Offenheit zur realistischen und schuldbewußten Wahrnehmung der Vergangenheit, ohne selbstquälerische, masochistische Bestrafung meines Gedächtnisses.
2. Ich möchte lernen, zu vergeben, statt zu vergessen; denn Vergebung ist die Hoffnung rückwärts, daß die Elemente der Vergangenheit nicht unsere Zukunft zerstören.
3. Ich möchte die ars moriendi für mich und für andere erlernen, weil die Perspektive, von der ich hier spreche, Weisheit ist. Theologie ist erstlich und letztlich Weisheit, nur unterwegs ist sie quasi wissenschaftlich befaßt mit einer optimalen Zuordnung der gefährlichen Summierungen der Gedächtnisinhalte der Kirche zueinander. Die nach ihrem Vollzug wiedergewonnene Naivität, die zweite Naivität, ist weisheitlicher Art und sie wird dem Tod gegenüber nicht ratlos sein.
3. Ergebnisse und offene Fragen
1. Die Elemente der Vergangenheit sind unveränderbar. Im Gedächtnis erscheinen sie nur in Gestalt von Reduktionen, Summierungen des Wissens, summarischen Hypothesen von damals Erlebtem – sei es mein Erleben oder das ferner, anderer Menschen.
2. Die Speicherung dieser Summierungen ist durch frühkindliche Erfahrungen bedingt und geschieht hierarchisch und in perspektivisch angeordneten Klassen und Schemata. Identifikationen und Ängste, Eigenruhm und Schuldgefühle bestimmen die Gewichtung der Summierungen, die Antizipation des Zukünftigen bestimmt den Grad ihrer Abrufbarkeit. Raum-zeitliche und kausale Zusammenhänge werden viel eher erinnert als Emotionen. Man erinnert nur, daß man sie hatte, daß Affekte einen bewegten, aber die reale Erinnerung an ihren Inhalt würde nur ausgelöst, wenn dieselbe Emotion, derselbe Schmerz sich heute wiederholte. Hier ist eine Erklärung für so viel schuldhaftes Vergessen und Verdrängen zu finden, auch für falsche Verkoppelungen, die man vom Verdrängen unterscheiden muß.
3. Abgeschlossene Ereignisse – »Stories« ohne Zukunft sozusagen – werden leichter aus dem Gedächtnis getilgt als andere. Hier ruht ein Grund für die Tragik der Welt: Wer zukunftslos zugrunde ging, wird auch nicht mehr im Gedächtnis bewahrt. Den Gläubigen ist es darum wichtig, von Gottes Gedächtnis zu sprechen, in dem das Vergessene aufgehoben ist.
4. Wir machen von ungleich weniger Gedächtnisinhalten Gebrauch, als uns zur Verfügung stünden. Die Gestalt der Hoffnung für die Zukunft öffnet den Blick für »Anlässe« – occasions –, die latent verborgene Gedächtnisinhalte sprechen lassen und zur Revision der starren Bilder des Vergangenen auffordern. Sie provozieren das akute »Wiedererkennen« biblischer und anderer für unsere Geschichte konstitutiver Elemente. Der Erkenntnisweg geht folglich oft vom Erfahrenen zum Konstitutiven.
5. Die Eingliederung meiner Lebensgeschichte in die Geschichte von Abraham bis heute kommt dem Bewohnen einer »story«, eines Stromes von Gedächtnisinhalten gleich, die nie einen Überblick über ihre eigene Perspektive gewinnt. Die Eingliederung ist immer perspektivisch im Hinblick auf das Credo, daß Gott in der Zeit wohnt, daß sein Friede, sein Recht das letzte Wort sein werden. Diese Perspektive gibt Freiheit zur schuldbewußten Geschichtsschreibung, zur Vergebung sowie zur konstruktiven Tätigkeit für die Gestaltung der Zukunft. Sie ist eine Therapie des Gedächtnisses der Menschheit. Sie hat ihre Parallele in der psychoanalytischen Therapie eines einzelnen.
Und die offenen Fragen:
1. Wenn der Vergleich richtig ist, daß die Menschen unserer Kultur vor der Aufklärung wie in einer Röhre wohnten, in der sie rückwärtsschauend die großen Gestalten der Vergangenheit gleichsam in einer Gruppe zusammenstehend sahen; und wenn man dann den Vergleich weitertreibt und sagen will, daß in der Neuzeit diese Röhre sozusagen von oben aufgeschlitzt worden ist, daß man die Zeitabstände und Relationen hat erkennen können, ja, daß man auch andere Röhren neben unserer eigenen gesehen hat, dann ist es gewiß richtig zu sagen, daß in der Neuzeit einerseits eine herrliche Freiheit und andererseits eine große Gefahr eingesetzt hat. Die Frage drängt sich auf, ob wir heute, weil wir die große Freiheit der Wahl nicht aushalten können, bewußt in die Geschichte von Abraham über Jesus von Nazareth bis zu unserer Zeit hineinschlüpfen sollten, also in eine Röhre hinein, in den Strom von Gedächtnisinhalten oder in den Strom von Bewußtsein, wie der amerikanische Philosoph Josiah Royce es genannt hatte? Diese willentliche Eingliederung, diese Beschränkung auf diesen Strom, ohne die Bewertung möglicher anderer Ströme, wäre eine Art von »zweiter Naivität«. Ich will diese Eingliederung für meinen Teil erlernen.
2. Wie ist das Zusammenleben mit Menschen möglich, die sozusagen nicht therapiert sind, die in Unfreiheit mit verhärteten Summierungen leben? Was verbindet uns miteinander? Und mehr noch: was verbindet Gruppen, Völker und Kulturen, die völlig verschiedene Gedächtnisinhalte, unvereinbare Traditionen haben? Auf der Suche nach gemeinsam »Verbindendem« hatte Ernst Troeltsch im Hinblick auf die Schrift von Novalis über die Einheit Europas gemeint, als Alleräußerstes könnte man wohl von einer Einheit der kulturellen Ströme in Europa und Nordamerika sprechen, wobei dann alle darin enthaltenen Spannungen letztlich durch eine Einheit überhöht werden. Aber von einer Einheit der Menschheit könne man nicht wirklich sprechen. Ist es nicht heute anders geworden? Verbinden uns nicht heute über alle Kulturen, Rassen und Religionen hinweg Ängste um die Gefährdung des Überlebens der Menschheit? Die Vision des Verbindenden kommt aus der Zukunft. Wie kann sie unsere Gedächtnisinhalte revidieren? Der Hoffende weiß am ehesten, wie man am Kaleidoskop dreht, wie es möglich wird, daß die Inhalte des Gedächtnisses, die Ereignisse der Vergangenheit, nicht unsere Zukunft zerstören.
Literatur
Creutzfeldt, O. (1981), »Philosophische Probleme der Neurophysiologie«, in: Rössner (Hg.), Rückblick in die Zukunft. Berlin. 256-278.
Jaspers, K. (1923), Allgemeine Psychopathologie. Berlin, Heidelberg.
Jones, H. O. (1985), Die Logik theologischer Perspektiven. Göttingen.
Kaufman G.D. (1987), Theologie für das Nuklearzeitalter. München.
Ritschl, D. (1967), Memory and Hope. New York/London.
– (1984), Zur Logik der Theologie. München.
Ritschl, D./Jones, H.O. (1976), »Story« als Rohmaterial der Theologie. München.
Quelle: Jan Assmann/Tonio Hölscher (Hrsg.), Kultur und Gedächtnis, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1988, S. 50-64.