Blaise Pascal, Wir halten uns nie an die Gegenwart (Pensées): „Das kommt daher, weil die Gegenwart uns meistens weh tut. Wir verbergen sie unserem Blick, weil sie uns betrübt, und wenn sie uns angenehm ist, bedauern wir, sie entschwinden zu sehen. Wir bemühen uns, sie durch die Zukunft abzusichern, und meinen die Dinge zu ordnen, die nicht in unserer Macht stehen.“

Wir halten uns nie an die Gegenwart (Pensées)

Von Blaise Pascal

Wir halten uns nie an die Gegenwart. Wir rufen uns die Vergangenheit zurück; wir greifen der Zukunft vor, als käme sie zu langsam und als wollten wir ihr Eintreten beschleunigen, oder wir rufen uns die Vergangenheit zurück, als wollten wir sie festhalten, da sie zu schnell vorübereilte, wir sind so unklug, dass wir in Zeiten umherirren, die nicht die unsrigen sind, und nicht an die einzige denken, die uns gehört, und wir sind so eitel, dass wir an jene denken, die nichts sind, und uns unüberlegt der einzigen entziehen, die weiterbesteht. Das kommt daher, weil die Gegenwart uns meistens weh tut. Wir verbergen sie unserem Blick, weil sie uns betrübt, und wenn sie uns angenehm ist, bedauern wir, sie entschwinden zu sehen. Wir bemühen uns, sie durch die Zukunft abzusichern, und meinen die Dinge zu ordnen, die nicht in unserer Macht stehen, und das für eine Zeit, die zu erreichen für uns ganz ungewiss ist.

Jeder prüfe seine Gedanken. Er wird finden, dass sie ganz mit der Vergangenheit oder der Zukunft beschäftigt sind. Wir denken fast überhaupt nicht an die Gegenwart, und wenn wir an sie denken, so nur, um aus ihr die Einsicht zu gewinnen, mit der wir über die Zukunft verfügen wollen. Die Gegenwart ist niemals unser Ziel.

Die Vergangenheit und die Gegenwart sind unsere Mittel; allein die Zukunft ist unser Ziel. Deshalb leben wir nie, sondern hoffen auf das Leben, und da wir uns ständig bereit halten, glücklich zu werden, ist es unausbleiblich, dass wir es niemals sind.

Quelle: Blaise Pascal, Pensées, Fragment 172 nach der Zählung von Léon Brunschvicg, Nr. 47 nach der Zählung von Louis Lafuma (Paris 1963), hg. von Jean-Robert Armogathe, in der Übersetzung von Ulrich Kunzmann: Gedanken über die Religion und einige andere Themen, Stuttgart: Reclam, 1997, S. 54f.

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1 Kommentar

  1. JUNGE .KIRCHE 1 / 2 4 14

    Invasionen von Rippenquallen wie hier Im Spätsommer 2019 sind eine neue Herausforderung. Die Reusen sind mit Quallen verstopft. Der Fischfang

    kommt zum Erliegen.

    Christian Stäblein

    Das Ende der Illusion

    Im Amt für kirchliche Dienste der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische

    Oberlausitz gab es im September 2023 einen „Werktag Innovation“ zum Thema „das Ende

    der Illusion“, der von Bischof Dr. Christian Stäblein mit einem Impulsvortag eröffnet wurde.

    Das Ende der Illusion – der Titel, wir haben das

    heute schon gehört, hat im Vorfeld manche Kritik

    erfahren. Er sei zu hart, er negiere die vielen

    guten Ansätze, die wir doch gerade erleben, gerade

    jetzt. Er sei reißerisch und reiße nur weiter

    herunter.

    Man kann in solchen Diskussionen und Gesprächen

    dann von zehn runterzählen, bis auch noch

    jemand sagt: 19 Millionen Mitglieder – nur die

    evangelische Kirche. Die hätte der DGB oder eine

    politische Partei natürlich gerne. Das geht dann so

    lange, bis von der anderen Seite jemand einwirft:

    Der ADAC hat 21 Millionen Mitglieder. Man könnte

    oder müsste also schließen: Die Gewissheit, dass,

    wer auf der Straße liegen geblieben ist, Pannenhilfe

    bekommt, ist wichtiger als an der Frage nach

    Gott organisiert beteiligt zu sein. Oder schlichter:

    Die „gelben Engel“ sind den Menschen näher als

    die Engel, die man wohl nicht sieht. Das Ende der

    Illusion.

    Ich habe – auch das will ich voranschicken – ein

    wenig Mühe gehabt, mich auf meinen Impuls ein15

    JUNGE.KIRCHE 1/24

    Mit seinem Boot fährt Matthias Nanz vom Liegeplatz in Missunde zu den Fanggründen in der Schlei. Der Herbst ist die Zeit, in der wie hier im November

    Raubfische, Heringe und Flundern gefangen werden. Manchmal gehen auch Meerforellen ins Netz. Diese große Meerforelle hatte allerdings

    schon ihr Laichkleid angelegt und wurde nach dem kurzen „Fototermin“ schonend zurückgesetzt.

    zustellen. Rollenadäquat wäre doch ein Bischof,

    der den Tag über den Mühen zuhört und am Nachmittag

    in einem erbaulichen Impuls den Weg nach

    vorne weist – ganz im vertrauten Duktus des Dennoch

    und Trotzdem und Doch: Und doch ist die

    Kirche da und trotzdem wirkt Gott und wir leben

    alle aus einem guten Trotzdem – gerne dabei verwiesen

    etwa auf das Psalmwort, das Gottes Wort

    laut macht: Dennoch bleibe ich stets an dir, halte

    dich bei deiner rechten Hand (Ps 73). Das wäre

    doch „bischofslike“, dachte ich: Am inzwischen

    auch buchtitelmäßig berühmten „Nachmittag des

    Christentums“ (Tomas Halik) oder zumindest am

    Nachmittag dieses Werktags aufzuschlagen und

    Mut zu machen, wo sich Resignation breit machen

    könnte. Aber die Regie hat es anders vorgesehen

    und ich glaube, das ist gut und richtig so. Alles andere

    könnte den Eindruck erwecken, der Titel des

    Tages meinte es nicht ernst. Das Ende der Illusion

    ist ja nicht der Versuch, es besonders negativ zu

    zeichnen, sondern zunächst einmal die Aufforderung

    zu nüchternem Hingucken, zu nüchternem

    Focus Kirche wozu?

    JUNGE .KIRCHE 1 / 2 4 16

    Feststellen und sagen, wie es ist. Ich versuche es in

    ein paar wenigen Strichen.

    Der fundamentale, der gute Subjektivismus,

    die radikale Einsicht, dass Glaube nur Glaube ist,

    wenn er für mich gilt und dass er erfahren sein

    muss und dass er am Ende nichts Anderes ist als

    Erfahrung mit Gott (schlicht gesagt diese Mischung

    aus Luther und Schleiermacher), – genau

    diese Form existentiellen Selbstverhältnisses des

    eigenen in der Welt Seins muss (wenn sie denn gelebt

    werden darf, also auch gesellschaftlich und

    organisatorisch zugelassen ist und nicht, wie noch

    vor 200 Jahren im Grunde faktisch gesellschaftlich

    ausgeschlossen) – zwingend zu einem Ende von

    Großorganisationen führen, die in ihrer Verfasstheit

    von einem überindividuellen Konsens leben.

    Ich gebe zu, komplizierter kann man es nicht

    ausdrücken, aber Sie können es gerne übersetzen

    in radikalisierten Individualismus und Gesellschaft

    der Singularitäten (und wie die Worte dafür

    heißen). Wichtig ist mir dabei: Es ist nichts

    Schlechtes, sondern alles etwas sehr Folgerichtiges.

    Wer möchte denn von Ihnen, von uns in einer

    Gesellschaft leben, in der die Menschen nicht in

    ihrer Individualität als allererstes in tiefer Weise

    geschätzt werden und etwa in die Kirche kommen

    oder sind, weil sie sollen oder müssen oder es

    schon immer so war oder weil es sie nicht interessiert,

    aber man macht das so, oder oder oder. Und

    wer möchte denn in einer Religion Wahrheit reden

    wollen, die vorschreibt, was zu glauben ist; und die

    nicht auf Diskurs, Überzeugung, Erfahrung und

    Ankommen in der Moderne setzt, sondern die

    vormodern-magisch daher kommt und von der

    aber jeder moderne Mensch wüsste, wie wirkungslos

    das ist.

    Das Ende der Illusion? Dass das nicht ohne Wirkung

    bleibt. Das Ende der Illusion? Dass diese Entwicklung,

    die der Moderne und auch der Reformation

    als Bewegung im tiefsten eingeschrieben ist,

    dass die irgendwie dann aber auch mal wieder

    aufhört. Dass es dann mal gut ist damit und dass –

    wenn man nur häufig genug ruft: Achtung, die

    Kirche verschwindet – dann die Menschen sagen:

    Oh, wenn ich das gewusst hätte, nee, das wollte ich

    natürlich nicht. Neulich hat mir doch tatsächlich

    der Altbundespräsident Wulff vorgehalten, er sei

    doch enttäuscht von den Kirchen, jetzt, wo so viele

    austreten, müsste man doch eigentlich mal sagen,

    wofür die Kirche da ist; das sollten wir jetzt mal

    tun. So nach dem Motto: Dann hören die Menschen

    schon wieder hin und auf mit dem Austreten.

    Nein, das Ende der Illusion ist, dass diese Entwicklung,

    die seit 200 Jahren – seitdem das auch

    gesellschaftlich und organisatorisch bestens möglich

    ist, die Kirche zu verlassen – dass diese so folgerichtige

    Bewegung wieder aufhört. Das tut sie

    nicht – und damit bekommt die Organisation Kirche

    jetzt die klaren Gefühle, den Rand oder das

    Ende ihrer jetzigen Organisation oder Verfasstheit

    zu sehen, zu spüren. Deshalb sind wir ja hier. Weil

    die Menschen uns zeigen und sagen: Wir brauchen

    euch nicht, oder besser: Ich brauche euch nicht für

    mein Leben. Dann lässt sich dagegenhalten und

    sagen: Aber du brauchst eine schöne Kita und eine

    gute Schule und eine gute Altenpflege und ein

    Krankenhaus, in dem mehr zählt als Apparat und

    Schlauch und du brauchst sicher auch ein paar, die

    rufen: Schöpfung, Schöpfung. Aber die Antwort

    kann dann eigentlich nur sein und ist es ja auch: Ja,

    das möchte ich alles gerne, aber das ist alles ein

    Gebot der Humanität, nicht im platten, wohl aber

    im tiefen Sinne: Im tiefen Sinne erfüllt der Humanismus

    und die solidarische Gesellschaft das alles

    mit und sollte es. Tut sie es nicht, kann ich mich

    dafür engagieren. In der Wohlfahrtspflege und

    beim NaBu und wenn ich will auch in der Letzten

    Generation. Die Kirche brauche ich dafür nicht.

    Das Ende der Illusion ist zu glauben, wegen dieser

    Dinge ginge der Mitgliederschwund zurück. Das

    Ende der Illusion ist zu glauben, man könne dem,

    was wir Säkularisierung nennen – und was doch

    etwas sehr Gutes ist, die gesellschaftliche und individuelle

    Möglichkeit zur guten Trennung von

    Leben und Glauben – man könne dem mit Aktivismus

    oder mit aufgepumpter Frömmigkeit begegnen.

    Wenn die Mehrheit der Gesellschaft das so

    sieht, wenn die Mehrheit der Individuen keine individuelle

    Erfahrung mehr mit der Kirche hat,

    dann kann man ihr eine Weile noch einen netten

    Platz zuweisen: für gute Werte, für den Zusammenhalt,

    für das demokratische Miteinander, für

    den Transformationsprozess – und wir bieten uns

    ja überall an und freuen uns, wenn wir noch eine

    Rolle haben, die jemand gesellschaftlich relevant

    findet. Aber mit dem, worauf es ankommt und was

    verloren scheint, die Aufgabe der Beziehung zu

    Gott, die Erfahrung mit Gott als fundamentale Erfahrung

    dieses Lebens, damit, liebe Leute, hat das

    doch alles nichts zu tun:

    Das Ende der Illusion

    ist zu glauben,

    man könne dem,

    was wir Säkularisierung

    nennen, mit

    Aktivismus oder

    mit aufgepumpter

    Frömmigkeit

    begegnen.

    Focus Kirche wozu?

    17 JUNGE.KIRCHE 1/24

    Wenn ich liegen bleibe, brauche ich einen ADACEngel.

    Wenn ich sterbe, hätte ich gerne einen Gottesengel.

    Aber ich glaube nicht mehr an ihn.

    Der radikale säkulare Subjektivismus mit der

    individuellen Erfahrungsevidenz rückt – das ist so,

    der existentialistische Atheismus war dem materialistischen

    Atheismus stets sehr nah – nahe an den

    ja nicht weniger überzeugenden naturwissenschaftlichen

    Materialismus, der in großer Sause in

    der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts dafür gesorgt

    hat, dass natürlich gilt, was wir wissen: Bist

    du religiös? Nee, ich bin normal. Immer heißt es,

    die Menschen seien in Scharen ausgetreten und

    kämen nur einzeln zurück. Aber das stimmt doch

    nicht: Sie sind alle einzeln ausgetreten, weil sie für

    sich keine Relevanz mehr in der Kirche erkennen

    können und weil sie sich über die anderen Funktionen,

    die die Kirche gerne nimmt, immer gerne

    ärgern. Und dieser Ärger ist der willkommene

    Grund für den Austritt. Für die einen, weil die Kirche

    nicht genug für die Flüchtlinge getan hat.

    Freunde von mir sagten, damals in den 90ern: Ich

    bin jetzt bei Amnesty, ihr seid mir zu zahm. Und

    andere sagen jetzt: Ihr tut zu viel für die Geflüchteten,

    ihr seid mir zu politisch. Ich sage: Das eine

    wie das andere ist vorgeschoben, ist willkommen

    rationalisierbar, aber eigentlich ist gemeint: Die

    Institution hat keine Relevanz mehr für mich und

    nur drinbleiben, weil es gesellschaftlich besser ist

    – weil die den Zusammenhalt stärken, die Feste zu

    Weihnachten organisieren, die KiTa besser ist –

    das zahle ich lieber individuell, dafür braucht es

    die Kirche nicht. Das Ende der Illusion ist, dass das,

    was ich hier beschreibe, aufhört.

    Wir wissen das in der einen Hirnhälfte schon

    lange. Was sich gerade ändert ist das Wissen, dass

    das die Organisation in ihrer jetzigen Form an

    Kipppunkte, an Abbruchkanten führt. Dazu kommen

    die Katalysatoren der Jetztzeit: eine zerrissene

    Gesellschaft, Empörungswellen, Transformationsängste.

    Das Ende der Illusion.

    Ich könnte noch eine Weile so weiter machen,

    aber Sie verstehen hoffentlich, warum ich in Sorge

    vor diesem Impuls war. Es ist nicht gut, wenn der

    Bischof mit Leidenschaft die Rede des Untergangs

    hält. Ich kann gerne noch zuspitzen: Diese Kirchenorganisation

    wird sterben, es geht ja gar nicht

    anders. Wir gucken geradezu zu – mit all den Ambivalenzen.

    In Sterbe- und Abschiedsprozessen

    spürt man ja plötzlich eine riesige Lebendigkeit,

    das kennen Sie von Freunden, die krank sind, nicht

    wahr: Plötzlich wissen sie, was Leben ist. Plötzlich

    entdecken wir Tauffeste und Segensfeiern neu,

    plötzlich brechen Gemeinden zu schönsten Projekten

    auf, plötzlich sprießen Pilgerwege durch

    Spandau, plötzlich begreifen wir die Kraft des

    guten Religionsunterrichts in der Uckermark und

    überall. Hurra wir leben – und mancher sagt: Wer

    weiß, dass er stirbt, fängt erst richtig an zu leben.

    Diese Kirchenorganisation wird sterben und

    wir wissen nicht, was dann kommt. Leute, so war

    es doch immer in der Geschichte der Kirche. Verwandlungsprozess

    2000 Jahre. Zeig mir ein Jahrhundert,

    wo es anders war. Jesus hat ja nicht gesagt:

    Geht hin in alle Welt und gründet Landeskirchen

    und macht Mitgliederwerbung. Und er konnte

    auch nicht sagen: Findet im digitalen Zeitalter

    jenseits der Mitgliederparameter eine neue Kirche,

    eine Kirche für alle, einen Raum für alle, einen

    Raum, in dem Gott Euch begegnet. Aber er hat gesagt:

    Siehe, ihr werdet leben, auch wenn ihr sterbt.

    Und das gilt auch für die Kirchenorganisation –

    nicht als Organisation, aber als Glaubensgemeinschaft.

    Das gilt für den Leib Christi Kirche auch: Er

    wird leben, ihr werdet leben. Sterben und leben ist

    der Weg dieses Christus, sterben und leben ist der

    Weg seines Leibes. Es sind so großartige Lebensprojekte,

    die wir, die Ihr allerorten in der Kirche

    schon jetzt erlebt. Sorry, das soll jetzt nicht der

    erbauliche Schluss sein, der mir gar nicht vorbehalten

    ist.

    Aber ich muss das sagen dürfen: Natürlich wird

    das Evangelium leben und natürlich auch eine Kirche.

    Aber wir wissen nicht den Weg der Transformation

    schon vorher, wir wissen nur die kleinen

    Schritte und die guten Planungen, die wir machen

    müssen, machen sollen. Nix Hände in den Schoß –

    das Meer des Todes beim Exodus spaltet sich, als

    die Menschen den ersten Fuß hineinsetzen – ohne

    zu wissen, ob und wo sie ankommen. Das war

    immer so, das ist auch jetzt so.

    Lasst die Metapläne. Aber geht weiter. Findet

    neue Orte, vor allem: Findet Orte, an denen radikal,

    individuell, tief erfahrbar von Gott die Rede

    ist. Wir machen ihn nicht relevant, aber so wird er

    es wieder werden und sich finden lassen. Ihr tut

    das, ich weiß das und – bevor hier jemand dem Bischof

    Defätismus vorwirft – keine Gemeinschaft

    und keine Gesellschaft, die das nicht braucht.Engel. Nicht nur gelbe. Aber alles andere ist Illusion.Und wir sind an ihrem Ende.

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