Wir halten uns nie an die Gegenwart (Pensées)
Von Blaise Pascal
Wir halten uns nie an die Gegenwart. Wir rufen uns die Vergangenheit zurück; wir greifen der Zukunft vor, als käme sie zu langsam und als wollten wir ihr Eintreten beschleunigen, oder wir rufen uns die Vergangenheit zurück, als wollten wir sie festhalten, da sie zu schnell vorübereilte, wir sind so unklug, dass wir in Zeiten umherirren, die nicht die unsrigen sind, und nicht an die einzige denken, die uns gehört, und wir sind so eitel, dass wir an jene denken, die nichts sind, und uns unüberlegt der einzigen entziehen, die weiterbesteht. Das kommt daher, weil die Gegenwart uns meistens weh tut. Wir verbergen sie unserem Blick, weil sie uns betrübt, und wenn sie uns angenehm ist, bedauern wir, sie entschwinden zu sehen. Wir bemühen uns, sie durch die Zukunft abzusichern, und meinen die Dinge zu ordnen, die nicht in unserer Macht stehen, und das für eine Zeit, die zu erreichen für uns ganz ungewiss ist.
Jeder prüfe seine Gedanken. Er wird finden, dass sie ganz mit der Vergangenheit oder der Zukunft beschäftigt sind. Wir denken fast überhaupt nicht an die Gegenwart, und wenn wir an sie denken, so nur, um aus ihr die Einsicht zu gewinnen, mit der wir über die Zukunft verfügen wollen. Die Gegenwart ist niemals unser Ziel.
Die Vergangenheit und die Gegenwart sind unsere Mittel; allein die Zukunft ist unser Ziel. Deshalb leben wir nie, sondern hoffen auf das Leben, und da wir uns ständig bereit halten, glücklich zu werden, ist es unausbleiblich, dass wir es niemals sind.
Quelle: Blaise Pascal, Pensées, Fragment 172 nach der Zählung von Léon Brunschvicg, Nr. 47 nach der Zählung von Louis Lafuma (Paris 1963), hg. von Jean-Robert Armogathe, in der Übersetzung von Ulrich Kunzmann: Gedanken über die Religion und einige andere Themen, Stuttgart: Reclam, 1997, S. 54f.
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Invasionen von Rippenquallen wie hier Im Spätsommer 2019 sind eine neue Herausforderung. Die Reusen sind mit Quallen verstopft. Der Fischfang
kommt zum Erliegen.
Christian Stäblein
Das Ende der Illusion
Im Amt für kirchliche Dienste der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische
Oberlausitz gab es im September 2023 einen „Werktag Innovation“ zum Thema „das Ende
der Illusion“, der von Bischof Dr. Christian Stäblein mit einem Impulsvortag eröffnet wurde.
Das Ende der Illusion – der Titel, wir haben das
heute schon gehört, hat im Vorfeld manche Kritik
erfahren. Er sei zu hart, er negiere die vielen
guten Ansätze, die wir doch gerade erleben, gerade
jetzt. Er sei reißerisch und reiße nur weiter
herunter.
Man kann in solchen Diskussionen und Gesprächen
dann von zehn runterzählen, bis auch noch
jemand sagt: 19 Millionen Mitglieder – nur die
evangelische Kirche. Die hätte der DGB oder eine
politische Partei natürlich gerne. Das geht dann so
lange, bis von der anderen Seite jemand einwirft:
Der ADAC hat 21 Millionen Mitglieder. Man könnte
oder müsste also schließen: Die Gewissheit, dass,
wer auf der Straße liegen geblieben ist, Pannenhilfe
bekommt, ist wichtiger als an der Frage nach
Gott organisiert beteiligt zu sein. Oder schlichter:
Die „gelben Engel“ sind den Menschen näher als
die Engel, die man wohl nicht sieht. Das Ende der
Illusion.
Ich habe – auch das will ich voranschicken – ein
wenig Mühe gehabt, mich auf meinen Impuls ein15
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Mit seinem Boot fährt Matthias Nanz vom Liegeplatz in Missunde zu den Fanggründen in der Schlei. Der Herbst ist die Zeit, in der wie hier im November
Raubfische, Heringe und Flundern gefangen werden. Manchmal gehen auch Meerforellen ins Netz. Diese große Meerforelle hatte allerdings
schon ihr Laichkleid angelegt und wurde nach dem kurzen „Fototermin“ schonend zurückgesetzt.
zustellen. Rollenadäquat wäre doch ein Bischof,
der den Tag über den Mühen zuhört und am Nachmittag
in einem erbaulichen Impuls den Weg nach
vorne weist – ganz im vertrauten Duktus des Dennoch
und Trotzdem und Doch: Und doch ist die
Kirche da und trotzdem wirkt Gott und wir leben
alle aus einem guten Trotzdem – gerne dabei verwiesen
etwa auf das Psalmwort, das Gottes Wort
laut macht: Dennoch bleibe ich stets an dir, halte
dich bei deiner rechten Hand (Ps 73). Das wäre
doch „bischofslike“, dachte ich: Am inzwischen
auch buchtitelmäßig berühmten „Nachmittag des
Christentums“ (Tomas Halik) oder zumindest am
Nachmittag dieses Werktags aufzuschlagen und
Mut zu machen, wo sich Resignation breit machen
könnte. Aber die Regie hat es anders vorgesehen
und ich glaube, das ist gut und richtig so. Alles andere
könnte den Eindruck erwecken, der Titel des
Tages meinte es nicht ernst. Das Ende der Illusion
ist ja nicht der Versuch, es besonders negativ zu
zeichnen, sondern zunächst einmal die Aufforderung
zu nüchternem Hingucken, zu nüchternem
Focus Kirche wozu?
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Feststellen und sagen, wie es ist. Ich versuche es in
ein paar wenigen Strichen.
Der fundamentale, der gute Subjektivismus,
die radikale Einsicht, dass Glaube nur Glaube ist,
wenn er für mich gilt und dass er erfahren sein
muss und dass er am Ende nichts Anderes ist als
Erfahrung mit Gott (schlicht gesagt diese Mischung
aus Luther und Schleiermacher), – genau
diese Form existentiellen Selbstverhältnisses des
eigenen in der Welt Seins muss (wenn sie denn gelebt
werden darf, also auch gesellschaftlich und
organisatorisch zugelassen ist und nicht, wie noch
vor 200 Jahren im Grunde faktisch gesellschaftlich
ausgeschlossen) – zwingend zu einem Ende von
Großorganisationen führen, die in ihrer Verfasstheit
von einem überindividuellen Konsens leben.
Ich gebe zu, komplizierter kann man es nicht
ausdrücken, aber Sie können es gerne übersetzen
in radikalisierten Individualismus und Gesellschaft
der Singularitäten (und wie die Worte dafür
heißen). Wichtig ist mir dabei: Es ist nichts
Schlechtes, sondern alles etwas sehr Folgerichtiges.
Wer möchte denn von Ihnen, von uns in einer
Gesellschaft leben, in der die Menschen nicht in
ihrer Individualität als allererstes in tiefer Weise
geschätzt werden und etwa in die Kirche kommen
oder sind, weil sie sollen oder müssen oder es
schon immer so war oder weil es sie nicht interessiert,
aber man macht das so, oder oder oder. Und
wer möchte denn in einer Religion Wahrheit reden
wollen, die vorschreibt, was zu glauben ist; und die
nicht auf Diskurs, Überzeugung, Erfahrung und
Ankommen in der Moderne setzt, sondern die
vormodern-magisch daher kommt und von der
aber jeder moderne Mensch wüsste, wie wirkungslos
das ist.
Das Ende der Illusion? Dass das nicht ohne Wirkung
bleibt. Das Ende der Illusion? Dass diese Entwicklung,
die der Moderne und auch der Reformation
als Bewegung im tiefsten eingeschrieben ist,
dass die irgendwie dann aber auch mal wieder
aufhört. Dass es dann mal gut ist damit und dass –
wenn man nur häufig genug ruft: Achtung, die
Kirche verschwindet – dann die Menschen sagen:
Oh, wenn ich das gewusst hätte, nee, das wollte ich
natürlich nicht. Neulich hat mir doch tatsächlich
der Altbundespräsident Wulff vorgehalten, er sei
doch enttäuscht von den Kirchen, jetzt, wo so viele
austreten, müsste man doch eigentlich mal sagen,
wofür die Kirche da ist; das sollten wir jetzt mal
tun. So nach dem Motto: Dann hören die Menschen
schon wieder hin und auf mit dem Austreten.
Nein, das Ende der Illusion ist, dass diese Entwicklung,
die seit 200 Jahren – seitdem das auch
gesellschaftlich und organisatorisch bestens möglich
ist, die Kirche zu verlassen – dass diese so folgerichtige
Bewegung wieder aufhört. Das tut sie
nicht – und damit bekommt die Organisation Kirche
jetzt die klaren Gefühle, den Rand oder das
Ende ihrer jetzigen Organisation oder Verfasstheit
zu sehen, zu spüren. Deshalb sind wir ja hier. Weil
die Menschen uns zeigen und sagen: Wir brauchen
euch nicht, oder besser: Ich brauche euch nicht für
mein Leben. Dann lässt sich dagegenhalten und
sagen: Aber du brauchst eine schöne Kita und eine
gute Schule und eine gute Altenpflege und ein
Krankenhaus, in dem mehr zählt als Apparat und
Schlauch und du brauchst sicher auch ein paar, die
rufen: Schöpfung, Schöpfung. Aber die Antwort
kann dann eigentlich nur sein und ist es ja auch: Ja,
das möchte ich alles gerne, aber das ist alles ein
Gebot der Humanität, nicht im platten, wohl aber
im tiefen Sinne: Im tiefen Sinne erfüllt der Humanismus
und die solidarische Gesellschaft das alles
mit und sollte es. Tut sie es nicht, kann ich mich
dafür engagieren. In der Wohlfahrtspflege und
beim NaBu und wenn ich will auch in der Letzten
Generation. Die Kirche brauche ich dafür nicht.
Das Ende der Illusion ist zu glauben, wegen dieser
Dinge ginge der Mitgliederschwund zurück. Das
Ende der Illusion ist zu glauben, man könne dem,
was wir Säkularisierung nennen – und was doch
etwas sehr Gutes ist, die gesellschaftliche und individuelle
Möglichkeit zur guten Trennung von
Leben und Glauben – man könne dem mit Aktivismus
oder mit aufgepumpter Frömmigkeit begegnen.
Wenn die Mehrheit der Gesellschaft das so
sieht, wenn die Mehrheit der Individuen keine individuelle
Erfahrung mehr mit der Kirche hat,
dann kann man ihr eine Weile noch einen netten
Platz zuweisen: für gute Werte, für den Zusammenhalt,
für das demokratische Miteinander, für
den Transformationsprozess – und wir bieten uns
ja überall an und freuen uns, wenn wir noch eine
Rolle haben, die jemand gesellschaftlich relevant
findet. Aber mit dem, worauf es ankommt und was
verloren scheint, die Aufgabe der Beziehung zu
Gott, die Erfahrung mit Gott als fundamentale Erfahrung
dieses Lebens, damit, liebe Leute, hat das
doch alles nichts zu tun:
Das Ende der Illusion
ist zu glauben,
man könne dem,
was wir Säkularisierung
nennen, mit
Aktivismus oder
mit aufgepumpter
Frömmigkeit
begegnen.
Focus Kirche wozu?
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Wenn ich liegen bleibe, brauche ich einen ADACEngel.
Wenn ich sterbe, hätte ich gerne einen Gottesengel.
Aber ich glaube nicht mehr an ihn.
Der radikale säkulare Subjektivismus mit der
individuellen Erfahrungsevidenz rückt – das ist so,
der existentialistische Atheismus war dem materialistischen
Atheismus stets sehr nah – nahe an den
ja nicht weniger überzeugenden naturwissenschaftlichen
Materialismus, der in großer Sause in
der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts dafür gesorgt
hat, dass natürlich gilt, was wir wissen: Bist
du religiös? Nee, ich bin normal. Immer heißt es,
die Menschen seien in Scharen ausgetreten und
kämen nur einzeln zurück. Aber das stimmt doch
nicht: Sie sind alle einzeln ausgetreten, weil sie für
sich keine Relevanz mehr in der Kirche erkennen
können und weil sie sich über die anderen Funktionen,
die die Kirche gerne nimmt, immer gerne
ärgern. Und dieser Ärger ist der willkommene
Grund für den Austritt. Für die einen, weil die Kirche
nicht genug für die Flüchtlinge getan hat.
Freunde von mir sagten, damals in den 90ern: Ich
bin jetzt bei Amnesty, ihr seid mir zu zahm. Und
andere sagen jetzt: Ihr tut zu viel für die Geflüchteten,
ihr seid mir zu politisch. Ich sage: Das eine
wie das andere ist vorgeschoben, ist willkommen
rationalisierbar, aber eigentlich ist gemeint: Die
Institution hat keine Relevanz mehr für mich und
nur drinbleiben, weil es gesellschaftlich besser ist
– weil die den Zusammenhalt stärken, die Feste zu
Weihnachten organisieren, die KiTa besser ist –
das zahle ich lieber individuell, dafür braucht es
die Kirche nicht. Das Ende der Illusion ist, dass das,
was ich hier beschreibe, aufhört.
Wir wissen das in der einen Hirnhälfte schon
lange. Was sich gerade ändert ist das Wissen, dass
das die Organisation in ihrer jetzigen Form an
Kipppunkte, an Abbruchkanten führt. Dazu kommen
die Katalysatoren der Jetztzeit: eine zerrissene
Gesellschaft, Empörungswellen, Transformationsängste.
Das Ende der Illusion.
Ich könnte noch eine Weile so weiter machen,
aber Sie verstehen hoffentlich, warum ich in Sorge
vor diesem Impuls war. Es ist nicht gut, wenn der
Bischof mit Leidenschaft die Rede des Untergangs
hält. Ich kann gerne noch zuspitzen: Diese Kirchenorganisation
wird sterben, es geht ja gar nicht
anders. Wir gucken geradezu zu – mit all den Ambivalenzen.
In Sterbe- und Abschiedsprozessen
spürt man ja plötzlich eine riesige Lebendigkeit,
das kennen Sie von Freunden, die krank sind, nicht
wahr: Plötzlich wissen sie, was Leben ist. Plötzlich
entdecken wir Tauffeste und Segensfeiern neu,
plötzlich brechen Gemeinden zu schönsten Projekten
auf, plötzlich sprießen Pilgerwege durch
Spandau, plötzlich begreifen wir die Kraft des
guten Religionsunterrichts in der Uckermark und
überall. Hurra wir leben – und mancher sagt: Wer
weiß, dass er stirbt, fängt erst richtig an zu leben.
Diese Kirchenorganisation wird sterben und
wir wissen nicht, was dann kommt. Leute, so war
es doch immer in der Geschichte der Kirche. Verwandlungsprozess
2000 Jahre. Zeig mir ein Jahrhundert,
wo es anders war. Jesus hat ja nicht gesagt:
Geht hin in alle Welt und gründet Landeskirchen
und macht Mitgliederwerbung. Und er konnte
auch nicht sagen: Findet im digitalen Zeitalter
jenseits der Mitgliederparameter eine neue Kirche,
eine Kirche für alle, einen Raum für alle, einen
Raum, in dem Gott Euch begegnet. Aber er hat gesagt:
Siehe, ihr werdet leben, auch wenn ihr sterbt.
Und das gilt auch für die Kirchenorganisation –
nicht als Organisation, aber als Glaubensgemeinschaft.
Das gilt für den Leib Christi Kirche auch: Er
wird leben, ihr werdet leben. Sterben und leben ist
der Weg dieses Christus, sterben und leben ist der
Weg seines Leibes. Es sind so großartige Lebensprojekte,
die wir, die Ihr allerorten in der Kirche
schon jetzt erlebt. Sorry, das soll jetzt nicht der
erbauliche Schluss sein, der mir gar nicht vorbehalten
ist.
Aber ich muss das sagen dürfen: Natürlich wird
das Evangelium leben und natürlich auch eine Kirche.
Aber wir wissen nicht den Weg der Transformation
schon vorher, wir wissen nur die kleinen
Schritte und die guten Planungen, die wir machen
müssen, machen sollen. Nix Hände in den Schoß –
das Meer des Todes beim Exodus spaltet sich, als
die Menschen den ersten Fuß hineinsetzen – ohne
zu wissen, ob und wo sie ankommen. Das war
immer so, das ist auch jetzt so.
Lasst die Metapläne. Aber geht weiter. Findet
neue Orte, vor allem: Findet Orte, an denen radikal,
individuell, tief erfahrbar von Gott die Rede
ist. Wir machen ihn nicht relevant, aber so wird er
es wieder werden und sich finden lassen. Ihr tut
das, ich weiß das und – bevor hier jemand dem Bischof
Defätismus vorwirft – keine Gemeinschaft
und keine Gesellschaft, die das nicht braucht.Engel. Nicht nur gelbe. Aber alles andere ist Illusion.Und wir sind an ihrem Ende.