Von Karl Jaspers
Kein Mensch weiß, was nach dem Tode aus ihm wird. Von jeher glaubten die meisten und glauben es heute, daß sie weiterleben. Der gläubige Christ vertraut den Versprechen der Bibel. Dem Inder ist es selbstverständlich, daß jede Seele in zahllosen früheren Daseinsformen schon lebte und in Zukunft in neuen Gestalten da sein wird; er glaubt an die Seelenwanderung. Die Naturvölker kennen das Erscheinen ihrer Toten als Geister. Die Griechen hatten ein Fest aller Seelen, an dem sie die Toten bewirteten, und das mit der Aufforderung an die Seelen schloß, nun in die Unterwelt zurückzukehren. Wir würden an kein Ende kommen, wenn wir sammeln wollten, in wie mannigfacher Weise der Glaube an ein Weiterleben nach dem Tode in aller Welt auftritt.
Nicht erst in der modernen Welt gab es einige Menschen die zweifelten. Der einfache Gedanke ist: Wenn wir schlafen, wenigstens im traumlosen Tiefschlaf, haben wir kein Bewußtsein und keine Erinnerung. Und ebensowenig haben wir nach dem Erwachen eine Erinnerung an diesen Zustand. Daß die Seele wieder erwacht, beruht nur darauf, daß der Leib im Schlafe am Leben bleibt. Wenn aber der Leib gestorben ist, gibt es kein Erwachen. Eine Seele ohne Leib ist uns nie begegnet. Kein Toter ist jemals wiedergekehrt. So sagen die Zweifler.
Nur einer ist wiedergekehrt, antwortet der gläubige Christ: Jesus Christus. Seine Auferstehung, die dem Gläubigen als bezeugt gilt, ist für ihn zugleich Garantie der Auferstehung, die allen Menschen zuteil wird. Überall, sagen die Völker, sind Tote erschienen. Sehr viele sind wiedergekehrt, antworten die Spiritisten, die bei ihren Sitzungen von den Toten durch Schreibmedien Mitteilungen erhalten wollen.
Aber die Bezeugung dieser Wirklichkeiten ist nicht wie die Bezeugung von Realitäten der Welt. Die Bedingungen, unter denen die Zeugen die Toten sahen und hörten, sind fragwürdig. Man muß mit Sinnestäuschungen rechnen und gar mit Betrug. Je heller eine aufgeklärte Welt ist, desto weniger gibt es die Geistererscheinungen. In der Tat kann mit den Mitteln unserer sinnlichen Erfahrung eine Seele ohne Leib nicht festgestellt werden. Die gröbste Weise, die Nichtexistenz einer leiblosen Seele zu beweisen, unternahm schon vor zweitausend Jahren ein indischer Fürst. Er ließ Verbrecher in verschlossenen Kisten sterben und befahl, zu beobachten, ob man eine Seele entweichen sehe oder ob das Gewicht der Kisten abnehme.
Solche Überlegungen ist ein unkritischer Verstand schnell anzunehmen bereit. Aber sie sind nicht das letzte Wort. Schon die geschichtliche Tatsache, daß die besten und weisesten Menschen durch Jahrtausende an Unsterblichkeit geglaubt haben, erweckt eine Scheu. Aber ihr Glaube und der Glaube unserer Vorfahren zwingt uns nicht, daß wir selber glauben. Denn es ist keine zureichende Begründung der Wahrheit, daß die Alten sie uns gesagt haben. Man möchte wissen. Jedoch alle philosophischen Beweise für die Unsterblichkeit, wie sie seit Plato durch die Geschichte gehen, erweisen sich als nicht stichhaltig. Unsterblichkeit ist weder zu widerlegen noch zu beweisen.
Es ist merkwürdig, einmal überkommt den einen das Glück, den anderen der Schrecken: es könnte doch möglich sein, daß wir unsterblich sind. Die Unsterblichkeit bringt im Jenseits Lohn oder Strafe. Nach indischem Glauben werde ich je nach meinen Taten wiedergeboren in höheren oder in niederen Daseinsformen. Nach biblischem Glauben habe ich vor mir die Hölle oder das Paradies. Aus dem Hintergrund unseres Bewußtseins entspringt bei bevorstehendem Tode nicht selten die Angst vor dem, was nach dem Tode kommt. »Ist das Nichts auch wirklich nichts?« hörte ich ein Mädchen fast beschwörend den Forscher fragen, der es doch wissen müsse. Der Gedanke an die Träume, die in dem »Schlaf des Todes« kommen mögen, zwingt nach Hamlets Worten den Menschen, der sich töten möchte, ins Leben zurück. Aber es gibt viele Menschen, die in Gelassenheit sterben, ohne ein Wissen von dem, was kommen mag, ohne Glauben an Unsterblichkeit und ohne dessen Verneinung.
Wenn wir mit der zwingenden Gewißheit des Wissens, das wir von Dingen in der Welt haben können, sagen wollen, ob es Unsterblichkeit gebe oder nicht, bleibt die Antwort aus. Der einfache Kopf und der geschulteste Gelehrte, die angstvolle Furcht, die glückliche Erwartung und die Gelassenheit, sie alle sind sich gleich im faktischen Nichtwissen.
Viele Menschen verwandeln den Unsterblichkeitsglauben derart, daß die persönliche Unsterblichkeit gleichgültig wird. »Ich sterbe, aber meine Kinder leben«, so heißt es jetzt. »Ich sterbe, aber mein Volk lebt.« »Ich sterbe, aber eine herrliche Zukunft der Menschheit in Gerechtigkeit und Freiheit auf Erden wird leben.« »Ich sterbe, aber mein Werk lebt.« Der Verzicht auf die eigene Unsterblichkeit wird zur Gewißheit der Unsterblichkeit in anderer Gestalt. Doch dieses andere ist nur vermeintlich unsterblich: für die Kinder, für das Volk, für jeden Zustand der Menschheit, für jedes Werk kehrt dieselbe Frage wieder. Der Unsterblichkeitsgedanke ist hier in die vorläufige Endlosigkeit eines immer wieder anderen Sterblichen geraten, die schließlich selber ihr Ende hat.
Nur in einer einzigen Gestalt ist der Unsterblichkeitsdrang wahrhaftig als unwesentlich erloschen, im Gedanken: Daß Gott ist, ist genug; ich will nichts für mich, sondern will, was er will und was ich nicht weiß. Hier ist die äußerste Grenze erreicht, wo alles, die Welt und wir selbst aufhören im Umgreifenden. Diese Grenze aber ist nur zugänglich, wenn wir den Weg zu ihr in der Welt wirklich beschreiten. Denn wir leben, so lange wir leben, ohne dieses Äußerste zu betreten. Wenn Gott ist, so ist der Mensch in der Welt nicht verloren. Vor Gott zwar wie nichts, ist er sich doch gewiß, daß es in irgendeinem Sinne in der Welt auf ihn als Menschen noch an- kommt. Für die Wirklichkeit einer Welt, die nicht endgültig ist, wie sie ist, und für ihn als Einzelnen ist es nicht gleichgültig, was er tut und denkt.
Das ist der Weg, der zum eigentlichen Sinn des Unsterblichkeitsgedankens führt. Hier ist der entscheidende Wendepunkt der Erörterung: der Mensch liebt; und er steht vor seinem Gewissen. Er kann sich dem unterwerfen, was er als das Gute erkennt. Er verachtet sich, wenn er dem zuwiderhandelt, wenn er lügt, betrügt, verrät.
In der Vergänglichkeit selber findet er die Boten der Ewigkeit. Was ihm in seiner Liebe gegenwärtig geworden ist, was er in Selbstüberwindung vollbringt, darin wird er sich in einer Wirklichkeit bewußt, die mit der Vergänglichkeit des empirisch Realen nicht erschöpft ist, für die vielmehr das Wort Unsterblichkeit, von der er doch nichts weiß, einen Klang hat.
Das Recht eines solchen Unsterblichkeitsbewußtseins möchte das Philosophieren begründen, aber nicht auf jenem vergeblichen Wege, die Unsterblichkeit objektiv zu beweisen. Der andere Weg wurde von Kant mit durchdachter Klarheit geöffnet. Er läßt sich in Kürze so aussprechen:
Alles, was uns in dieser Welt begegnet, ist für uns an die Formen unserer Anschauung in Raum und Zeit und an die Formen unseres Denkens gebunden. Wir sehen, was vor Augen ist – wir erleben, was gegenwärtig ist wir denken, was gegenständlich ist —, das ewige Sein selbst kommt darin zur zeitlichen Erscheinung. Aber an einer Stelle berührt der Mensch den Ursprung des Seins selbst, das als Welt uns nur erscheint. Diese Stelle ist seine eigene Freiheit. In der einzelnen Seele spricht, was mehr ist als der Mensch und die sichtbare Welt. Und das Gewissen wird erfüllt von der Liebe, durch die der Mensch in lebenwährendem Entschluß zu sich selbst kommt.
Es handelt sich um einen Gedanken, der als der abwegigste wirken kann, da er unvollziehbar scheint, und zugleich als der tiefste, weil er den Ursprung unseres Daseins erhellt. Er ist in der Durchführung verwickelt, aber im entscheidenden Punkt so einfach, daß jeder in einem guten Augenblick ihn plötzlich fassen kann.
Gelingt es, diese Gedanken nachzudenken und zur Tat werden zu lassen, so geschieht eine Grundverwandlung unseres Weltwissens. Durch eine solche »Revolution der Denkungsart« ist Unsterblichkeit etwas ganz Anderes geworden. Sie ist nicht der Tatbestand eines früheren oder des kommenden Daseins. Sie ist vielmehr die Ewigkeit, die in der Zeit berührt wird, wenn es zu jenem Durchbruch durch das raumzeitliche, sinnlich und verstandesmäßig erfahrene Weltsein in der Freiheit gekommen ist. In diesem Leben, so muß der scheinbar widersinnige Satz lauten, wird zeitlich entschieden, was ewig ist. Die Entscheidung aus der Kraft der Liebe und dem Gebot des Gewissens ist Erscheinung dessen, was ewig schon ist. Die Gegenwart des Ewigen ist schon die Unsterblichkeit. Dieser Unsterblichkeit bin ich gewiß in hohen Augenblicken, sie kann meinen Alltag begleiten. Unsterblichkeit ist nicht Inhalt unseres Wissens, sondern Gehalt unserer Liebe. Sie existiert als Treue unseres Tuns, als Verläßlichkeit.
Dieses Bewußtsein der Unsterblichkeit braucht kein Wissen, keine Garantie, keine Drohung. Sie liegt in der Liebe als solcher, dieser wundersamen Wirklichkeit, in der wir uns selbst geschenkt werden. Wir sind sterblich, wo wir lieblos sind, unsterblich, wo wir lieben. Unsere Liebe zu den Toten würde treulos, wenn sie das Ewigkeitsbewußtsein verlöre.
Aber dieses Bewußtsein der Unsterblichkeit verlangt in unserem endlichen Dasein, in diesem Gefängnis von Raum und Zeit, in dem wir nur durch Wahrnehmen und Denken von Gegenständen unser helles Bewußtsein haben, eine Sprache. Was als materialisiertes Wissen von früherem und von zukünftigem Dasein eine Täuschung wäre, das kehrt als Gleichnissprache wieder.
»Ach, du warst in abgelebten Zeiten meine Schwester oder meine Frau«, spricht Goethe die Geliebte an. »Wir werden uns wiedersehen«, denken in der Trennung des Todes die Liebenden. »Der Tod ist ein Bruder des Schlafes« bleibt als Symbol. Ohne Vorstellungen stehen wir als endliche Wesen wie in der Leere des Nichts. Daher suchen wir in solchen vorgestellten Chiffren die Sprache für das Unvorstellbare. Weil aber alle Vorstellungen unangemessen sind, machen wir sie auch wieder rückgängig. Wie wir uns nach dem zweiten Gebot von Gott kein Bildnis und Gleichnis machen sollen, so auch von der Unsterblichkeit nicht. Aber was wir nicht sollen, das müssen wir unserer Natur nach doch tun, als ob wir es nicht täten. Daher bleiben wir schwebend in der Sprache dieser Vorstellungen. Sokrates entfaltet aus der Gewißheit der Unsterblichkeit seine Bilder und sagt: Es ist »ein wohl berechtigter Glaube, wert, daß man es wagt, sich ihm hinzugeben. Denn das Wagnis ist schön, und der Geist verlangt zur Beruhigung dergleichen Vorstellungen, die wie Zaubersprüche wirken; darum verweile ich denn bei dieser erdichteten Schilderung.« Der Zweifel des Verstandes, der alle Materialisierungen der Vorstellungen eines in der Zeit gedehnten endlosen Daseins, alle Gestalten des Trugs und des Ausweichens mit Recht zerstört, er selber zerschellt an der ganz anders gegründeten, ungegenständlichen Gewißheit der Unsterblichkeit, die sich der Sprache der Chiffren bedient, um auch diese wieder preiszugeben.
Wem diese bildlose Gewißheit wird, der verlangt nicht mehr Beweise der Unsterblichkeit und keine Garantie von außen durch eine heilige Autorität. Diese können wohl ein Leitfaden sein in der Kindheit. Aber der Einzelne muß das ihm selbst Gewisse finden. Daß ich es finde, kann ich nicht erzwingen.
Die philosophische Einsicht ist nie wie ein Wissen, das ich besitze. Solange wir in der Zeit leben, ist uns die Sehnsucht nach der zeitlichen Gegenwart derer, die entschwunden sind, nur in der Erinnerung zu sein scheinen, unumgänglich. Uns ist in der Zeit die Trauer auferlegt. Durch keinen Unsterblichkeitsgedanken ist sie zu tilgen, aber sie ist selber hineinzunehmen in die übergreifende philosophische Einsicht.
Dies bedeutet: ob und in welchem Sinne ich mich und die geliebten Menschen unsterblich weiß, das liegt nicht an einem Wissen, das vielmehr ausgeschlossen ist, sondern an mir selbst. Unsterblichkeit gibt es nicht wie das Naturgeschehen, gleich für alle wie Geburt und Tod. Sie geschieht nicht von selbst. Ich erringe die Unsterblichkeit, sofern ich liebe und gut werde. Ich zerrinne ins Nichts, sofern ich lieblos, also verworren lebe. Liebend sehe ich die Unsterblichkeit der mir in Liebe Verbundenen.
Das Philosophieren kann nur bestätigen, was jeder schon erfährt. Es vermag zu ermutigen, es vermag gegen leeres und halbes Denken zu schützen. Es erhellt die stille Gewalt des Liebenkönnens, der das Bewußtsein der Unsterblichkeit entspringt.
Radiovortrag Basel 1957, abgedruckt in »Unsterblichkeit« (Norbert Luyten, Adolf Portmann, Karl Jaspers, Karl Barth), Verlag Friedrich Reinhardt AG. Basel, 1957.
Quelle: Karl Jaspers, Philosophie und Welt. Reden und Aufsätze, München: Piper, 1958, S. 148-155.