Walther von Loewenich, Theologia crucis: „Die Theologia crucis ist weder eine mönchische Vorstufe noch ein besonderes Kapitel von Luthers Theologie, sondern ihr bleibendes Merkmal. Das Kreuzesgeschehen ist das Urbild der Rechtferti­gung; das Kreuz ist nota ecclesiae.“

Theologia crucis

Von Walther von Loewenich

Luther hat in seiner Frühzeit das Wesen seiner reformatorischen Erkenntnis gerne als „theologia crucis“ bezeichnet, die er der „theologia gloriae“ der mystischen und scholastischen Speku­lation entgegenstellte (WA1, 613, 21 ff; 614,17 ff). Programmatisch hat er seine Gedanken darüber in der Heidelberger Disputation von 1518 (WA 1, 350 – 374) entfaltet. „Non ille dig­ne Theologus dicitur, qui invisibilia Dei per ea, quae facta sunt, intellecta conspicit, Sed qui visibilia et posteriora Dei (vgl. Ex 33, 18-23) per passiones et crucem conspecta intelligit“ (WA 1, 354, 17 ff). In den Er­läuterungen dazu (361, 31 – 362, 19) stellt Luther den Erkenntnisweg von Röm 1, 20 und 1 Kor 1, 18 bis 25 einander gegenüber. Die Erkenntnis Gottes aus der Schöpfung, die „natürliche Theologie“, hat ihr Ziel verfehlt und muß es immer wieder ver­fehlen. Sie gelangt „ad spiritualem et subtiliorem idolatriam … Qua Deus colitur, non sicut est, Sed sicut ab eis fingitur et estimatur“ (WA 56, 179, 11 ff). Rechte Theologie spekuliert nicht über Got­tes Sein an sich, über die „invisibilia Dei“; sie ist vielmehr im strengen Sinn Offenbarungstheologie. Wir erkennen Gott nicht „ex operibus“, aus den Schöpfungswerken oder kraft unserer moralischen Lei­stung, sondern „per passiones et crucem“, im Kreuz Christi, dem wir im eigenen Leiden gleich­gestaltet werden. Religiöse Spekulation (sapientia) und Werkheiligkeit (iustitia carnis) erscheinen als die Auswirkung desselben Verlangens nach unge­broche­nem, direktem Verkehr mit Gott (WA 56, 157, 3). Das Kreuz Christi und das Kreuz des Chri­sten gehören zusammen (sensus tropologicus); das Kreuz Christi wird nur „in Kreuz und Leiden“ wirklich erkannt Kreuzestheologie ist existentielle Theologie. Gott anderswo zu suchen als „in Chri­sto crucifixo“, wäre „iuxta theologiam gloriae“ „volatilis cogitatus“ (WA 1, 362, 15 f). Die Theologia gloriae sieht Gott „ubique presentem“ (WA 1, 614, 19); Gott offenbart sich aber nur in der Verhüllung des Kreuzes, „sub contraria specie nostri conceptus seu cogitationis“ (WA 56, 376, 32 f). Gott pflegt zu seinem „opus proprium“ nur auf dem Umweg über sein „opus alienum“ zu gelangen (WA 1, 112, 24 f). Die absconsio dient Gott dazu, um bei dem Menschen die impedimenta revelationis, nämlich die superbia, zu beseitigen (WA 1, 138, 17 f). Die Theologia crucis ist weder eine mönchische Vorstufe noch ein besonderes Kapitel von Luthers Theologie, sondern ihr bleibendes Merkmal. Das Kreuzesgeschehen ist das Urbild der Rechtferti­gung (WA 1, 112, 24ff); das Kreuz ist nota ecclesiae (WA 50, 641, 35 ff). Die Theologia crucis knüpft an die Frömmigkeit der „deutschen Mystik“ an, aber nicht an ihre neuplatonischen Tendenzen. Theologisch beginnt sie sich erst in der Gegenwart voll auszuwirken.

Lit.: W. von Loewenich, Luthers Theologia crucis (München 1929, 41954) (Lit.); K. Stürmer, Gottesgerechtigkeit und Gottesweisheit bei Martin Luther (Ludwigshafen 1940); P. Althaus, Die Theologie M. Luthers (Gütersloh 1962).

LThK2, Bd. 10 (1965), Sp. 60f.

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