Von der Sinnwidrigkeit des „Todesopfers“
Ein unsägliches Wort in der deutschen Sprache ist „Todesopfer“. Unabhängig davon, ob das Wort „Opfern“ vom lateinischen operari = „tätig sein“ oder von offere = „darbringen“ abzuleiten ist, steht hinter dem Opfer bzw. Opfern ein intentionales Handeln, das eine kommunikative, also eine mitteilende Ausrichtung hat. Opfer werden absichtlich für etwas erbracht. Solch eine Sinnhaftigkeit ist jedoch bei „Todesopfern“ nicht gegeben. Deren Tötung stellt keine kommunikative Handlung dar, sondern ergibt sich entweder aus einer gezielten Eliminierung oder aber aus einem unbeabsichtigten Unfall.
Im Allgemeinen sind „Todesopfer“ weder absichtlich geopfert worden, noch haben diese sich selbst geopfert. Dass Getötete dennoch als „Opfer“ bezeichnet werden, hängt wohl damit zusammen, dass hierbei die passiv widerfahrene Tötung im Vordergrund steht, im Unterschied zu einer kombattanten Gefechtshandlung, wo aktive Handelnde töten und getötet werden. So gelten im Kampf gefallene Soldaten gemeinhin eben nicht als „Todesopfer“.
Allerdings war es die europaweite nationalistische Sakralisierung des Krieges seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die die unmenschliche Opferrhetorik befördert hatte. Im Gedächtnis an die gefallenen Soldaten wird deren gewaltsamer Tod sinngebend als Opfer für das eigene Vaterland geheiligt. Wo der Krieg das eigene „heldische“ Opfer zu fordern scheint, findet in Friedenszeiten die Ausweitung einer Opferhandlung vom Kriegsgeschehen zu anderen Unheilsgeschehen hin statt. Todesfälle werden ursachenbedingt zu Todesopfern personalisiert. Und nachfolgend werden nicht nur Tote, sondern auch (über-)lebende Menschen, die persönlich Unheil und Unrecht erlitten haben, zu Opfern stilisiert.
Leidenschaftlich wendet sich Elazar Benyoëtz, österreichisch-israelischer Aphoristiker und Lyriker, gegen die Redeweise von Opfer:
„Das grobschlächtige Verbrechen des Mordens wird durch die Bezeichnung Opfer zur frevlerischen Tat, zu einer himmelschreienden Blasphemie. Mit Opfer werden die mil-dernden Umstände, die man sich im Nachhinein sehnlich wünscht, hervorgezaubert, durch ihre Benennung legitimiert. Dass eine blutrünstige Mordtat Gott vom Menschen abschlägt, Himmel und Erde auseinandertreibt, sollen eben die Opfer verdecken, die eine Welt als Altar suggerieren, zu dem Opfer wie Opfernde gehören, damit zu verstehen gebend, es sei vorgesehen und vorgeschrieben und geschehe vor dem Herrn, der seine Opfer, die er liebt, haben will, und darum auch die Opfernden schätzt, die sie ihm hinaufschicken.
An der Bezeichnung Opfer ist etwas Verdammtes, das einem Verdammten in uns ent-sprechen muss, denn Opfer werden immer gutgeheißen“
(Scheinhellig. Variationen über ein verlorenes Thema, Wien: Braumüller, 2009, S. 186).
Wenn mit „Opfer“ ungewollt eine Tötung gutgeheißen wird, ist es besser, ohne falsche Hintersinnigkeit von „Getöteten“, „Ermordeten“ oder „Toten“ zu reden. Statt „Opfer des Nationalsozialismus“ müsste es heißen: „Ermordete und Versehrte des Nationalsozialismus“.