Das Lamm im Buch der Offenbarung
Von Jürgen Roloff
Das «Lamm» ist die häufigste Bezeichnung Jesu in der Apk. Ihr Vorkommen (28mal) übertrifft das des Christus-Prädikats (8mal) bei weitem. Trotzdem handelt es sich bei ihr schwerlich um einen festen, in den angeschriebenen Gemeinden gebräuchlichen Titel, denn das hier verwendete griech. Wort (arnion) erscheint nirgends sonst im Neuen Testament in ähnlicher Bedeutung. Im Johannesevangelium (Joh. 1,29.36) wird Jesus zwar ebenfalls als «Lamm (Gottes)» bezeichnet, doch steht dort ein anderes griech. Wort (amnos). Wahrscheinlicher ist, daß wir es hier mit einem vom Verfasser der Apk. aus vorgegebenen traditionellen Motiven selbst geprägten christologischen Bildsymbol zu tun haben. Man hat aufgrund der Tatsache, daß arnion nicht nur «Lamm», sondern auch «Widder» heißen kann, dieses Symbol auf einen astralmythologischen Ursprung zurückzuführen versucht, nämlich auf das Sternbild des Widders. Doch das ist ganz unwahrscheinlich, da dieses im allgemeinen eben nicht als arnion bezeichnet wird. Nicht viel mehr hat die Vermutung für sich, daß Johannes sich hier an eine apokalyptische Tradition anlehnt, die den Messias im Bild des mächtigen und kämpferischen Widders, gleichsam des Leittieres des Gottesvolkes, darstellt (vgl. Dan. 8,3; äth. Hen. 89,45-49), denn auch in diese Richtung führt keine direkte terminologische Brücke. Wahrscheinlicher ist die Herleitung aus einem im Neuen Testament verbreiteten christologischen Motiv: Jesus als Passalamm des Neuen Bundes. Ältester Beleg dafür ist das aus einer gottesdienstlichen Formel stammende Zitat in 1. Kor. 5,7: «… unser Passalamm, Christus, wurde geschlachtet» (vgl. Apg. 8,32; 1. Petr. 1,19). Nach jüdischem Glauben hatte das Blut der beim Auszug aus Ägypten geschlachteten Passalämmer sühnende Wirkung für die Sünden des Volkes Israel (vgl. Bill. I, 85ff.). Daran anknüpfend sah das Urchristentum Jesu Lebenshingabe als endzeitliche überbietende Entsprechung zur Schlachtung der Passalämmer beim Exodus, d. h. sie deutete das Kreuzesgeschehen im Sinne einer Passa-Typologie. Am Karfreitag wurde demnach Jesus als das Passalamm geopfert, durch das die endzeitliche Heilsgemeinde von ihren Sünden befreit wurde und Erlösung empfing.
Daß Johannes diese Passa-Typologie im Auge hat, geht daraus hervor, daß er das Lamm in der ihm eigenen Weise des annähernden Vergleichs (s. zu 1,13) als «wie geschlachtet» bezeichnet. Er denkt dabei vielleicht konkret an den Schächtschnitt am Hals als sichtbare Todeswunde, wobei allerdings auch dieser Zug ebenso die Ebene des bildhaft Vorstellbaren durchbricht, wie seine unmittelbare Verbindung mit Zügen, die die herrscherliche Macht des Lammes betonen sollen. Zu den letzteren gehören die sieben Hörner als Symbole der Stärke (Ps. 89,18; 132,17) und die sieben Augen als Zeichen jener Allwissenheit, wie sie nach Sach. 4,10 Gott eigen ist. Wenn diese Augen mit den von uns bereits als Gottes Angesichtsengel identifizierten (s. zu 1,4; 4,5) «sieben Geistern Gottes» gleichgesetzt werden, so ist das ein Hinweis auf die Gott gleiche Herrschaftsstellung des Lammes: Jene Engel, die Gott bei der Durchsetzung seiner Herrschaft als Werkzeuge zur Hand gehen, sind auch dem Lamm zu Diensten. Alles spricht dafür, daß Johannes diese Verbindung des aus der Herrenmahlsliturgie entwickelten Lamm-Motivs mit Symbolen von Macht und Stärke noch nicht in der Tradition vorfand, sondern erst selbst geschaffen hat, um auf diese Weise die beiden zentralen Aspekte des gemeindlichen Christusbekenntnisses, Erniedrigung und Erhöhung, in ihrer unmittelbaren Zusammengehörigkeit sichtbar zu machen: Jesus ist Herr über Welt und Geschichte nur aufgrund seiner Selbsthingabe in das Sterben. Denkbar ist im übrigen, daß Johannes das Wort arnion bewußt im Blick darauf gewählt hat, daß es durch seine Bedeutungsbreite besonders geeignet war, beiden sich im Bilde des Lammes vereinigenden Aspekten, Opfer und Herrschaft, gleichermaßen Raum zu geben.
Quelle: Jürgen Roloff, Die Offenbarung des Johannes, ZBK.NT 18, Zürich 21987, S. 75f.
Die Demut
das Opfer
muss jeder Mensch
aufbringen