Von Klaus Koch und Jürgen Roloff
»Sühne« wird in der Bibel nicht im juristischen Sinn als kompensatorische Bußhandlung für ein Vergehen gebraucht. Das hebräische Wort kippär hat vielmehr kultischen Sitz im Leben und bezeichnet eine Handlung am Heiligtum, durch die jemand, der sich gegen Gott oder Mitmenschen vergangen hat, von der Last einer unsichtbar über seinem Leben schwebenden und seine Lebenskraft vermindernden Schuldhülle befreit und damit von Todverfallenheit errettet wird. Der Schuldige stemmt seine Hände auf den Kopf eines Haustieres und überträgt seine Schuld auf das Tier, das dann anstelle des Menschen in den Tod geschickt wird. »Der Priester sühnt ihn wegen seiner Sünde, sie wird ihm dadurch vergeben« (3Mose 4,26ff.). Sühne wirken kann nur Gott oder der Priester als sein Vertreter. Handelt es sich um ein Vergehen einer Gemeinschaft, muß die zentrale Gestalt der körperschaftlichen Persönlichkeit Sünde bekennen und übertragen, so der Hohepriester (3Mose 16,21).
Das bei der Sühne benutzte Tier wird von den Exegeten oft als Sühne- oder Sünd-Opfer bezeichnet, obwohl es sich nie um ein Opfer im Sinne einer Darbringung für Gott handelt. Doch werden (unter der Nachwirkung profetischer Kritik menschlicher Fehlsamkeit und Verlorenheit) in nachexilischer Zeit auch die mit anderem Zweck durchgeführten Opfer zu Sühne-Handlungen. Der Versöhnungstag wird aus dem Herbstfest ausgegliedert und zum höchsten Feiertag im Jahr (3Mose 1-16). In hellenistischer Zeit wird neben der Sühne die Aufhebung der Entzweiung zwischen Gott und Mensch für den Sünder nötig; gesühnt erscheint er zugleich als der, der wieder gerecht vor seinem Gott ist.
Amtsauffassung und Lebensführung vieler Priester am Jerusalemer Tempel in den letzten beiden Jahrhunderten v. Chr. ließ Sondergruppen wie Qumran und die Apokalyptik den in Jerusalem geübten Sühne-Kult als unwirksam erscheinen und auf einen eschatologischen Versöhnungstag hoffen (Dan 9,24). Schon Deuterojesaja setzte im letzten Jh. v. Chr. voraus, daß angesichts einer Schuld, die über den »vielen« lastet, übliche kultische Tierriten nicht mehr zureichen, sondern ein geheimnisvoller Knecht Gottes als zentrale Mitte der Menschheit und als »Schuldtier« für alle in den Tod gehen muß (Jes 53; vgl. 43,24f.).
Zentral für die christl. Heilsbotschaft ist die Vorstellung, daß Jesus Christus durch sein unschuldiges gehorsames Sterben am Kreuz Sühne für die Sünden der Menschheit vollbracht und ihr damit ein neues Gottverhältnis ermöglicht hat. Der Ansatz dafür ist vermutlich in der Deutung zu suchen, die Jesus selbst seinem Sterben bei der Einsetzung des Abendmahls gegeben hat: Mit der Hingabe seines Lebens tritt er stellvertretend für die »vielen«, die durch ihre Sünde dem Tod verfallen wären, vor Gott ein (Mk 14,24) und erwirkt für sie das Recht, unter Berufung auf ihn in Gemeinschaft mit Gott zu leben (Mk 14,24; vgl. 10,45). Er übernimmt damit die Rolle des geheimnisvollen Gottesknechtes aus Jes 53. Wenn zahlreiche formelhafte Wendungen im NT vom Sterben und der Selbsthingabe Jesu »für uns« sprechen (z. B. 1Kor 15,3; Röm 5,6; 14,15; Gal 2,21; 3,13), so ist damit stets auf die sühnende Bedeutung des Todes Jesu angespielt. Die ausführlichste Entfaltung innerhalb des NT findet die Sühne-Vorstellung bei Paulus und im Hebräerbrief. Paulus deutet Jesu Sterben als abschließende Überbietung des Geschehens am Versöhnungstag: War alle bisherige kultische Sühne hinsichtlich ihrer zeitlichen Wirkung und ihres Geltungsbereiches beschränkt, so ist dadurch, daß Gott selbst Jesus Christus zur Sühne gesetzt hat, eine für alle Menschen und für alle Zeiten geltende Sündenvergebung gewirkt worden (Röm 3,24ff.). Für den Hebräerbrief liegt der Akzent darauf, daß es sich bei Jesu Sterben, anders als bei allen kultischen Sühne-Riten, um ein ausschließlich von Gott ausgehendes Geschehen gehandelt habe: Christus ist nicht nur das Sühne-Opfer, er ist zugleich auch der es darbringende Hohepriester, den Gott selbst gesandt hat (Hebr 5,1-6; 7,26f.).
Man darf diese Aussagen nicht mit der Brille der späteren abendländischen Theologie lesen, wenn man ihnen gerecht werden will. Der im Mittelalter durch Anselm von Canterbury (1033-1109) in die Theologie eingebrachte Gedanke, daß Jesu Tod eine Gott zum Ausgleich für den Ungehorsam der Menschen dargebrachte Ersatzleistung sei, liegt ihnen denkbar fern. Es kommt ihnen nicht darauf an, daß Gott ein »Opfer« dargebracht wird, sondern darauf, daß den Menschen durch ein von Gott ausgehendes Geschehen Sühne und damit Lebensmöglichkeit zuteil wird. Gott gibt seinen Sohn, den einzigen Gerechten und Sündlosen, für die Sünder dahin; er wirkt damit für sie für alle Zeit Befreiung von Schuld und gibt ihnen einen untrüglichen Erweis seiner Liebe. Letztlich sprengt diese Aussage freilich den Rahmen des traditionellen kultischen Bildes; das in ihr Gemeinte kann eigentlich erst im personalen Bild der Versöhnung voll zum Ausdruck gebracht werden (Röm 5,10; 2Kor 5,18).
Lit.: B. Janowski, Sühne als Heilsgeschehen, 1982; W. Kraus, Der Tod Jesu als Heiligtumsweihe, 1991.
Quelle: Reclams Bibellexikon, hg. v. Klaus Koch, Eckart Otto, Jürgen Roloff und Hans Schmoldt, Stuttgart 51992, 482f.