Über Jesu Versuchung in der Wüste (KD IV/1)
Von Karl Barth
Man wird aber, um diese zu verstehen, auf die bei Johannes ebenfalls fehlende, Mr. 1, 12 nur eben erwähnte, Matth. 4, 1 f. und Luk. 4, 1 f. aber dreifach entfaltete Geschichte von seiner Versuchung in der Wüste zurückgreifen müssen.
Sie steht der Taufe Jesu bei Matthäus und Markus unmittelbar, bei Lukas nur durch Jesu Geschlechtsregister von ihr getrennt, bedeutsam gegenüber und bildet mit ihr zusammen den höchst dialektischen Auftakt zum ersten Hauptteil des evangelischen Berichtes. Man sieht nämlich schon von hier aus, in welcher Weise der auf den Plan getretene Richter Gottes Gericht endlich und zuletzt durchführen wird. Alle drei Evangelien sind darin einig, daß es nicht ein Zufall oder eigene Willkür, sondern der Geist war – derselbe Geist, den der Täufer am Jordan auf ihn herabsteigen sah – der Jesus in die Wüste führte, ja trieb (Mr. 1, 12: ἐκβάλλει).
Wozu? Nach Matthäus und Lukas zu einem vierzigtägigen Fasten. Diesen 40 Tagen – und Nächten, betont Matth. 4, 2: es geht um ein totales Fasten – am Anfang werden die 40 Ostertage am letzten Ende des ganzen evangelischen Berichtes (Act. 1, 3) entsprechen. Das Fasten bis hin zum Hungern, das hier in bedeutsamem Gegensatz zu jenen anderen 40 Tagen den Inhalt dieser Zeit bildet, weist zurück auf Jesu Buße und Gerechtigkeitserfüllung in der Johannestaufe und ist offenbar eine Fortsetzung und Unterstreichung dieser Linie. Fasten bringt zum Ausdruck: des Menschen Erkenntnis seiner Unwürdigkeit, fernerhin zu leben, seine Bereitschaft, für seine Sünde den verdienten Tod zu erleiden und also: die Radikalität seiner Buße. Von irgend einer Herrlichkeit dieser Leistung Jesu als solcher ist nicht die Rede.
In die Wüste führt ihn der Geist nicht – wie man oft allzu erbaulich ausgelegt hat – wegen der Stille und Einsamkeit der Wüste, mit der durch sie gegebenen Gelegenheit zur Sammlung, zur Kontemplation, zum Gebet. In anderem Sinn hat J. A. Bengel freilich schon recht: in his diebus, in hoc secessu maximae res intercesserunt inter Deum et Me-[287]diatorem. Es heißt aber Matth. 4, 1 ausdrücklich: um versucht zu werden (πειρασθῆναι) sei Jesus dorthin geführt worden. Die Wüste ist nämlich nach alter Anschauung ein Ort, der wie das Meer mit der Unterwelt in naher Affinität steht, eine den Dämonen in besonderer Weise eigene Stätte. Eben um ihnen zu begegnen, wird er gerade dorthin geführt, soll und will er sein Fasten gerade dort halten. Für ihn, als den Sohn, an dem Gott Wohlgefallen hat, muß es so sein. Er wird den Dämonen ja noch öfter begegnen. Sein Weg wird nicht in sicherer Ferne vom Reich der Finsternis, sondern gewissermaßen unmittelbar an dessen Grenze entlang, endlich und zuletzt mitten in dieses Reich hinein, aber schon von Anfang an in Konfrontierung und Auseinandersetzung mit ihm verlaufen. Bengel dürfte wieder recht haben: die hier besonders hervorgehobene Versuchungsgeschichte ist ein specimen totius exinanitionis Christi, omniumque tentationum . . . epitome, quas machinatus est diabolus ab initio. Auch die Pharisäer haben ihn ja später (Mr. 8, 11 f.) versucht, indem sie ein Zeichen vom Himmel von ihm forderten. Auch ihre Frage nach dem Zinsgroschen (Mr. 12, 13 f.) hat er als eine Versuchung bezeichnet und abgewehrt. Und Jesus ist nicht einfach gefeit gegen die Versuchung jenes Reiches. Er ist ja eben ein Mensch, Fleisch und Blut wie wir, der in die Fremde gegangene, zu uns gekommene, der Unsrige gewordene Sohn Gottes: fähig, versucht zu werden. Aber nun eben – hier trennt sich sein Weg bereits von den allgemein menschlichen Wegen – auch willig, sich der Versuchung auszusetzen. Alle anderen Menschen könnten, dürften, ja müßten es unterlassen, die Versuchung geradezu aufzusuchen. Er darf es nicht. Er muß sie in der Offensive und nicht in der Defensive erleiden, so wie er ja auch später, seinem Kreuzestod mit offenen Augen willig entgegengehen wird, «hinauf nach Jerusalem». In diese Offensive also «treibt» ihn der Geist.
Und nun bricht die Versuchung tatsächlich über ihn herein, sicher – im Sinn der Evangelisten gesagt – die Versuchung, die weder vorher noch nachher je über einen Menschen hereingebrochen ist, von der so nur er angefochten werden konnte. Die große, die definitive Entscheidung spielt sich zwar hier noch nicht sichtbar ab, hat aber in dem, was hier geschieht, schon ihre große authentische Voranzeige. Der Satan, der πειραζόμενος, der διάβολος tritt an ihn heran (προσελθών Matth. 4, 3), er redet ihn an, er «nimmt ihn mit sich» (παραλαμβάνει Matth. 4, 5. 8), er «führt ihn in die Höhe» (ἀναγαγών Luk. 4, 5). In Ansehung dessen, mit dem die Versuchung es hier zu tun hat, ist schon das, daß sie solche Macht beweist – sie scheint ja der des Geistes nur zu ähnlich! – sehr erstaunlich. Aber die Evangelien sagen es so: sie hatte tatsächlich diese Macht über Jesus. Um was geht es? Markus hat sich nicht darüber ausgesprochen. Matthäus und Lukas aber haben das πειράζεσθαι des Satans und das πειρασθῆναι Jesu dreifach auszulegen gewußt. Ob diese drei kleinen Berichte schon ursprünglich den Erzählungszusammenhang gebildet haben, in welchem sie jetzt (in etwas verschiedener Reihenfolge) in den beiden Relationen erscheinen? Sie stehen etwas disparat nebeneinander, könnten also wohl auf drei ursprünglich verschiedene Überlieferungsquellen zurückgehen. Aber ein roter Faden zieht sich doch durch sie alle hindurch und bestätigt ihre sachliche Zusammengehörigkeit. Es geht in keiner dieser drei Versuchungen um das Auftreten eines in erkennbarer Weise gottlosen, gefährlichen oder auch nur dummen Teufels. Und es geht in keiner von den dreien um die Verlockung zu einem auf der moralischen oder gar juristischen Ebene so zu nennenden Verbrechen oder Vergehen. Es geht in allen dreien «nur» um den Rat und die Zumutung, daß er dem am Jordan angetretenen Weg des einen großen Sünders, der Buße tut, nicht treu bleiben, von da aus in einer Richtung weitergehen möchte, an deren Ziel nicht sein Kreuz stehen müßte. Aber eben das wäre, wenn Jesus es getan hätte, schlimmer gewesen als alle Verbrechen und Vergehen, der Inbegriff alles Schlimmen, weil es bedeutet hätte: die ohne seinen Gehorsam andauernde Feindschaft der Welt gegen Gott, die ohne seine Buße nicht aufzuhaltende Vernichtung des Kosmos, das ohne sie unvermeidliche Verlorengehen jedes Menschen. Von dieser Versuchung reden in verschiedener Weise alle drei bei Matthäus und Lukas aneinandergereihten Berichte. Die Reihenfolge und Klimax ist bei den beiden Evangelisten eine verschiedene. Die bei Matthäus scheint [288] auf den ersten Blick logisch und pragmatisch einleuchtender. Wir folgen hier der des Lukas, weil sie bei geringerer Übersichtlichkeit doch lehrreicher ist.
Daß Jesus, nach den 40 Tagen Hungerns, die Steine der Wüste in der Macht seiner Gottessohnschaft durch sein Wort in Brot verwandeln solle, das ist bei beiden Evangelisten die erste satanische Einflüsterung. Was würde es bedeutet haben, wenn Jesus ihr nachgegeben hätte? Er würde dann von der ihm zweifellos zustehenden Macht Gottes wie von einem zu seiner Verfügung in seine Hände gelegten technischen Mittel dazu Gebrauch gemacht haben, sein eigenes Leben zu erretten und zu erhalten. Er wäre eben damit aus der Reihe der Sünder, in die er sich in der Taufe des Johannes hineingestellt hatte, aus dem Stand des für sie Fastenden und Büßenden eigenwillig wieder herausgetreten. Er hätte sein Fasten und also seine Buße in göttlicher Machtvollkommenheit, aber ohne nach dem Willen und Befehl Gottes zu fragen (weil er doch schließlich und vor Allem gelebt haben wollte!), mit Gottes Hilfe abgebrochen. Er hätte sich dann geweigert, als der eine große Sünder, der Gott Recht gibt, sich selbst vorbehaltlos dahinzugeben, seine Hoffnung für die Rettung und Erhaltung seines Lebens allein auf das Wort Gottes zu setzen, in dessen Ausrichtung er in dieser Dahingabe begriffen war. Er hätte es dann verschmäht, allein von diesem Wort Gottes, auf seine Verheißung hin leben und also weiter hungern zu wollen. Er hätte damit freilich getan, was an seiner Stelle, im Besitz seiner Macht, jeder andere Mensch sicher getan hätte. Er hätte damit im Sinn aller anderen Menschen höchst vernünftig und auch rechtmäßig gehandelt. «Rabbi, iß!» haben ihm ja auch seine Jünger später (Joh. 4, 31) sehr verständig und in aller Unschuld zugerufen. Nur daß er dann eben nicht das seine Speise hätte sein lassen, «den Willen dessen zu tun, der ihn gesandt, um sein Werk zum Ziel zu führen» (Joh. 4, 34) – und daß er dann eben seinerseits nicht für die anderen Menschen an ihrer Stelle gehandelt, sondern sie, kaum hatte er sich ihre Sache zu eigen gemacht, wieder im Stich gelassen hätte. Jesus widerstand dieser Versuchung. Er verharrte im Gehorsam, in der Buße, im Fasten und also, da ihn hungerte, im Vertrauen auf die Verheißung des Manna, mit dem derselbe Gott, der einst die Väter in derselben Wüste, nachdem er sie hungern ließ, auch gespeist hat (Deut. 8, 3). Leben wollte er allein von dem, «was des Herrn Wort schafft» und also als einer von den Sündern, die außer Gott keine Hoffnung haben, als das Haupt und der König dieses Volkes. Seine Entscheidung war darum eine andere als die, die alle anderen Menschen an seiner Stelle gewählt hätten, und gerade so war sie das Rechte, das er an ihrer Stelle getan hat.
Die zweite satanische Einflüsterung lautet nach Lukas: er möchte sich eben von ihm. dem Satan, dem bekanntlich die ganze Welt gehöre, die Herrschaft über diese verleihen lassen – um den Preis, daß er anbetend vor ihm niederfalle. Was hätte es bedeutet, wenn Jesus das getan hätte? Er würde offenbar auch damit bewiesen haben, daß es ihn reute, die Taufe des Johannes empfangen zu haben, daß er die angetretene Buße jedenfalls nicht vollenden wollte. Er hätte dann darauf verzichtet, die Sünde der Welt als Sünde zu erkennen und zu bekennen, sie als solche auf sich zu nehmen, die Auseinandersetzung mit ihr (als mit des Menschen Widerspruch gegen Gott und sich selbst) in seiner Person zum Austrag zu bringen. Er hätte sich dann zu einem einfacheren, praktischeren, realistischeren Denken und Weg durchgerungen und bekehrt. Er hätte sich dann dazu entschlossen, die Frage nach der Überwindung und Beseitigung des Bösen fallen zu lassen, die faktisch ja unverkennbar bestehende Oberherrschaft des Bösen in der Welt zu anerkennen, das Gute, vielleicht sogar allerlei Bestes nur noch eben unter dieser nicht mehr zu problematisierenden Voraussetzung, auf dem Boden und im Rahmen dieser Oberherrschaft zu tun. Warum nicht sogar ein richtiges Reich Gottes auf Erden aufzurichten: eine nach christlich-humanitären Gesichtspunkten aufgebaute internationale Lebensordnung, in der gewiß auch eine orthodox-liberale ökumenische Bekenntniskirche ihren angemessenen Platz finden mochte? Man bemerke: ein Abschwören Gottes, ein Übertritt zum Atheismus war ja als Preis für das Alles nicht gefordert, nur eben ein Hutlüften vor dem Geßlerhut, nur eben ein diskreter, unter vier Augen zu vollziehender Kniefall vor dem [289] Teufel, nur eben die stille, aber solide und nicht wieder rückgängig zu machende Anerkennung, daß er in jenem prachtvollen Reich das erste Wort sprechen und das letzte behalten, daß im Grunde Alles beim Alten bleiben solle. Unter dieser Bedingung kann man in der Welt großen und konnte Jesus größten Erfolg haben! Das Kreuz wäre in dem unter dieser Bedingung zu errichtenden Gottes- und Menschenreich in Wegfall gekommen, vielmehr: es wäre in einer solchen öffentlich von Jesus, im Stillen vom Satan regierten Welt, zu einem schönen tiefen Symbol: als Schmuckstück der offiziellen Philosophie und Weltanschauung, aber auch als (z. B. bischöfliches) Schmuckstück im gewöhnlichen Sinn des Wortes, harmlos verwendbar geworden: als angenehme Erinnerung an das, was Jesus vermieden hat und was darum auch sonst niemand nötig hat. Wer von allen anderen Menschen wäre an Jesu Stelle nicht klug genug gewesen zuzugreifen? Aber eben: was er an ihrer aller Stelle tun sollte und wollte, hätte er nicht getan. Wieder hätte er sie damit – trotz alles Schönen und Guten, was jenes satanisch-jesuanische Weltreich für sie bedeuten mochte – im Stich gelassen und verraten. Denn was hülfe einer mit Gott nach wie vor und nun offenbar definitiv unversöhnten Welt auch die größte Herrlichkeit, was hülfen dem Menschen alle denkbaren Vorteile und Fortschritte eines solchen Reiches? Jesus hat sich auch dieser Versuchung erwehrt. Er hat sich die ihm nahegelegte Bekehrung zum Realismus verbeten. Er wollte dabei bleiben, als der eine große Sünder im Namen aller anderen und an ihrer Stelle, ohne die Aussicht auf solche Herrlichkeit, ganz erfolglos, ja in der sicheren Erwartung des Mißerfolges, Gott anzubeten und ihm allein zu dienen. Er wollte in der Buße und also im Gehorsam verharren. Das war das Rechte, das er für uns getan hat.
Die nach Lukas dritte Versuchung ist von allen die erstaunlichste. Schon die Dignität des Ortes, des Tempels Gottes in der heiligen Stadt Jerusalem, ist offenbar unvergleichlich viel höher als die immerhin profane jenes hohen Berges, von dem aus Jesus alle Reiche der Welt gezeigt und angeboten wurden. Entsprechend hat auch der Satan, der jetzt als ausgesprochen frommer Mann auftritt, der sogar den Psalter Davids zu zitieren weiß, an Ernst und Gewichtigkeit seines Auftretens entschieden gewonnen. Und vor allem: seine Einflüsterung – kaum noch mit dem häßlichen Wort «Versuchung» zu bezeichnen – ist ja nun im Gegensatz zu allem Vorangehenden die Aufforderung zu einem Akt eines höchsten, eines unbedingten, blinden, absoluten, totalen Gottvertrauens, wie es Jesus als dem Sohne Gottes offenbar aufs dringlichste zukam. Man könnte wohl sagen: zu einem Akt im Sinn und auf der Linie der Antworten, die Jesus selbst auf die beiden ersten Versuchungen gegeben hatte: allein vom Worte Gottes leben! Gott dienen und ihn allein anbeten! Wir haben uns in den letzten Jahrzehnten daran gewöhnt, das Anstreben und Errichten von totalitären Weltherrschaften als das Schlimmste vom Schlimmen, als das spezifisch Dämonische anzusehen. Es gibt aber, wenn Lukas mit seiner Klimax recht hat, etwas noch Schlimmeres und jedenfalls ebenso Dämonisches. Es geht bestimmt nicht, wie man hier oft mehr eingelegt als ausgelegt hat, um ein «Schauwunder» zur Offenbarung der Messianität Jesu. Von Zuschauern ist ja im Text auch bei dieser Versuchung mit keinem Wort die Rede. Es geht vielmehr um die Erprobung und Bewährung, um die letzte Sicherung seines Verhältnisses zu Gott in foro conscientiae, in der Einsamkeit des Menschen mit Gott: Jesus soll den Sprung in die Tiefe riskieren auf die Gewißheit hin und zur Bestätigung der Gewißheit, daß Gott mit seinen Engeln mit ihm ist und ihn bewahren wird. Schlatter hat etwas boshaft bemerkt: hier gehe es wohl um das, was in der «gegenwärtigen theologischen Literatur» so gerne als das «Wagnis» des Glaubens beschrieben werde. Irgend so etwas wie «Existenz in der Transzendenz», wie der berühmte «Sprung in den Abgrund», oder, reformatorisch gesagt, wie die «Rechtfertigung allein durch den Glauben», scheint hier in der Tat in Frage zu stehen: diese Rechtfertigung so verstanden, daß der Mensch es (auf die Gefahr des Todes und des Letzten Gerichtes hin und in der Hoffnung, diese auf Gott trotzend überwinden zu können) unternimmt, sie in seine eigene Hand zu nehmen, als das Werk seines starken Glaubens durchzuführen und so ihrer teilhaftig und gewiß zu werden. Etwa so wie Empedokles (man weiß nicht ganz genau [290] warum, aber jedenfalls tiefsinnig und mutig) endlich und zuletzt in den rauchenden Krater des Ätna gesprungen ist, der dann nur noch seine Sandalen wieder ausgespien haben soll. Und auf demselben Dach des Tempels haben sich, als dieser im Jahre 70 von den Römern erstürmt wurde, die letzten Hohepriester mit eigener Hand den Tod gegeben: wer weiß, ob nur in Verzweiflung oder ob nicht ebenfalls in Erwartung eines höchsten Wunders in letzter Stunde? Was hätte es bedeutet, wenn Jesus jenen Sprung getan hätte? Man bemerke – eben darum ist die Anordnung. des Lukas, nach der diese die letzte und höchste gewesen wäre, jedenfalls geistvoll! – die merkwürdige Nähe dieser Versuchung zu dem Weg, den Jesus tatsächlich gegangen ist. Er wird «den Sturz in die Tiefe, den Gang an das Kreuz, wagen, wenn ihn Gottes Wille dahin führt» (Schlatter). Aber eben: was ihn hier dazu geführt hätte, wäre sein eigener Wille gewesen, sich Gottes zu seinen eigenen Gunsten zu bemächtigen. Er hätte dann mit Gott zu seiner eigenen höchsten Lust und Befriedigung experimentiert, statt ihn in seiner eigenen Absicht mit ihm ernst zu nehmen, statt sich seinem Wohlgefallen und Befehl zu unterwerfen. Er hätte dann triumphierend mit Gott recht behalten wollen, statt in der Buße zu verharren, statt Gott gegen sich selbst recht zu geben. Er hätte dann Gottes Sache in einem Akt höchster Frömmigkeit in dem Werk eines mystischen Enthusiasmus damit verraten, daß er sie seiner eigenen Sache, der Vollendung seiner Selbstrechtfertigung vor ihm dienstbar gemacht hätte. Er hätte, indem er dieser letzten und höchsten Versuchung nachgab, den höchsten Frevel begangen, Gott selbst zu versuchen, d. h. ihn unter dem Schein des gewaltigsten Glaubens an ihn, aufzufordern, sich zu ihm, dem so gewaltig glaubenden Jesus, statt durch ihn, in seiner Person, zu den sündigen Menschen zu bekennen. Er hätte ihn aufgefordert, der falscheste aller falschen Götter, nämlich der Gott der frommen Menschen zu sein. Und er hätte sich selbst eben damit der Gemeinschaft der sündigen Menschen, als deren Vertreter und Haupt zu leben und zu handeln er bestimmt war, entzogen. Er hätte die mit Gott unversöhnte Welt als solche im Stich gelassen. «Welt, ade, ich bin dein müde!» Wieder ist zu fragen: wer unter allen anderen Menschen das, Alles wohl überlegt, an seiner Stelle nicht wirklich getan hätte? Wenn es der Mensch auf der Linie Adams aufs höchste bringt, dann eben zu solcher «religiöser» Selbsthingabe als der vollkommensten Form der Selbstverherrlichung, bei der Gott in Wirklichkeit aufs Vollkommenste in den Dienst des Menschen gestellt und eben damit unter dem Schein des vollkommensten Bekenntnisses zu ihm samt dem Mitmenschen aufs Vollkommenste verleugnet wird. Indem Jesus das nicht tut, indem er sich gerade die höchste religiöse Lust und Befriedigung als die höchste Form der Sünde versagte, blieb er der Taufe des Johannes getreu, blieb er der, an dem Gott Wohlgefallen hatte, blieb er sündlos, blieb er im Gehorsam, tat er an unser aller Stelle das Rechte, das in seiner Person zu unser Aller Rechtfertigung und so zur Versöhnung der Welt mit Gott geschehen mußte: das eine, was not tut.
Die negative Gestalt, in der die Gerechtigkeit Gottes in dem in diesen Texten überlieferten Geschehen sichtbar wird, ist nicht zu übersehen. Sie ist unvermeidlich, weil es sich ja in der Wüste, im Bereich der Dämonen, in der mit Gott unversöhnten Welt und im Streit mit ihr abspielt, weil es sich ja auch um die Voranzeige des Passionsgeschehens handelt. Aber eben das Nein Gottes ist ja im Passionsgeschehen und schon in dieser seiner Voranzeige nur die harte Schale des göttlichen Ja, das in der Rechttat dieses einen Menschen hier wie dort gesprochen wurde. Daß dem so ist, ist am Schluß dieser Perikope bei Markus und Matthäus eben angedeutet durch die Erwähnung der Engel, die, nachdem der Satan Jesus verlassen hatte, zu ihm traten und ihm dienten. Die große glorreiche Entsprechung dieses Zuges ist nach der Vollendung der Passion die Auferstehungsgeschichte.
Quelle: Karl Barth, Kirchliche Dogmatik, Band IV: Die Lehre von der Versöhnung, erster Teil, Zollikon-Zürich, 1953, S. 286-290.
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