Ernst Lange, Zur Theorie und Praxis der Predigtarbeit (1967): „Die Predigt hat den Glauben nicht von dem Gedränge der Wirklichkeit zu entlasten, das ist ohnehin unmöglich; sie hat auch das, was gegen Gott spricht, nicht einfach beziehungslos zu kontrieren mit dem biblischen Zeugnis von dem Geschehen, von dem Menschen, der für Gott spricht, Jesus Christus. Sondern sie hat Verheißung und Wirklichkeit miteinander zu versprechen, so dass verständlich wird, wie die Christusverheißung auch und gerade diese den Glauben bedrängende Wirklichkeit betrifft, aufbricht.“

Zur Theorie und Praxis der Predigtarbeit[1]

Von Ernst Lange

I. Die gegenwärtige Problematik des Predigens

»Die Bedeutung der traditionellen Predigt«, erklärte ein Sozialwissenschaftler, als er von dem Plan dieser homiletischen Arbeitstagung erfuhr, »wird von der Kirche heute vermutlich stark überschätzt. Die pluralistische Gesellschaft er­fordert ein hochdifferenziertes System religiöser Versorgung. Das herkömmliche Predigen dürfte in diesem Versorgungssystem eine viel geringere Rolle spielen, als wir meinen.«

Eine Fülle von Indizien scheint dieses Urteil zu stützen. Ich erinnere nur an so widerspruchsvolle Tatbestände wie diesen: geringe und nach wie vor fallende Teilnahmeziffern im Hinblick auf den ortsgemeindlichen Gottesdienst auf der einen Seite; andererseits eine verblüffend hohe Teilnahme an den religiösen Sen­dungen in Rundfunk und Fernsehen; wachsender Konsum religiöser Literatur, besonders solcher informierenden Charakters; eine Publizität theologischer Sachverhalte etwa in der Massenpresse, wie es sie wahrscheinlich seit Jahrzehn­ten nicht mehr gegeben hat. Die Kommunikationschancen der Kirche jenseits des ortsgemeindlichen Gottesdienstes, ja die faktisch sich vollziehende trans- parochiale Kommunikation dieser Art dürften heute, in Zahlen ausgedrückt, diejenigen im Medium des Gemeindegottesdienstes und in der gemeindlichen Predigt um ein Vielfaches übersteigen, ohne daß die Kirche dem, außer durch die zögernde Einrichtung von »Sonderpfarrämtern«, irgendwie angemessen Rechnung trüge.

Oder, wie bereits vielfach vermerkt, die Tatsache, daß einer ständigen Ab­nahme der Wirkung und Bedeutung des Dienstes der Kirche im Bereich des persönlichen Lebens ihrer Glieder, im Bereich der Frömmigkeit, des Lebens­stils und der persönlichen Beziehungen vermutlich eine erhebliche Zunahme ihrer gesellschaftlichen Wirkung und Bedeutung im Bereich der Diakonie, der öffentlichen Meinung, der Erwachsenenbildung usw. gegenübersteht, bis hin zu einer steigenden Repräsentanz von ausgesprochen kirchlichen Leuten in Schlüsselfunktionen des öffentlichen Lebens.

Oder jenes ganz andersartige Phänomen, das Rudolf Bohren nicht sehr glücklich die »Baalisierung der Amtshandlungen der Kirche« nennt. Richtig und wichtig an Bohrens Analyse ist doch der Hinweis darauf, daß die Handlun­gen der Kirche im volkskirchlichen Raum viel lauter und deutlicher sprechen als die dabei gehaltenen Reden und daß es ein hoffnungsloses Unterfangen ist, von der »Verkündigung« bei diesen Handlungen her ihr gesellschaftlich-familiäres Gewicht und ihre traditionelle Auslegung in der volkskirchlichen Frömmigkeit umstellen zu wollen.

Schließlich wäre auch der Nachweis nicht schwierig, daß selbst innerhalb der Ortsgemeinde, innerhalb ihres vereinskirchlichen Binnenlebens die Bedeutung der Predigt und des sonntäglichen Gottesdienstes zugunsten anderer Begeg­nungsformen – Freizeiten, Seminare, gesellige und Bildungsveranstaltungen, diakonische Leistungen – ständig abnimmt.

Gleichwohl ist es nach meiner Meinung nicht ratsam, sich dem oben zitierten Urteil von der untergeordneten Bedeutung der Predigt im »System religiöser Versorgung« allzu rasch und unkritisch anzuvertrauen.

An diesem Urteil stört mich nicht so sehr die Qualifizierung der Predigt als eines religiösen Vorgangs. Der weite und hochformalisierte Religionsbegriff der Gesellschaftswissenschaften erlaubt es doch immerhin, sich der unglücklichen Bannwirkung des Redens von der »religionslosen Welt« und dem »religionslosen modernen Menschen« begründet zu entziehen. Verlorengegangen ist die Selbst­verständlichkeit und Allgemeingültigkeit bestimmter religiöser Systeme, nicht aber die Notwendigkeit, sich des Sinnes von Dasein zu vergewissern und sich mit anderen über diesen Sinn von Dasein in religiösen Symbolen zu verstän­digen und zu vereinigen. Die Menschen von heute sind dementsprechend keines­wegs irreligiös, wohl aber ist ihre religiöse Entscheidung gekennzeichnet durch Pragmatismus, Distanz und Vorbehalt. Das Neue ist nicht, daß man ohne Re­ligion lebt, sondern daß man religiöse Sinngebung wählt, und zwar unter dem Vorbehalt, ob sie sich in der Wirklichkeit des alltäglichen Daseins als gewißmachend bewährt. In diesem Sinn ist das religiöse Bedürfnis ganz sicher nach wie vor das Medium der Begegnung, der Auseinandersetzung, der Kommunikation zwischen Kirche und Zeitgenossen, und es wird immer auch den Ausdruck ge­lungener Kommunikation in der Lebensgestalt, als Frömmigkeit, entscheidend mitbestimmen. Infolgedessen ist es dringend notwendig, bei der Frage nach den Bedingungen möglicher Verständigung das Bedürfnis der Zeitgenossen sehr viel ernster zu nehmen, als das lange geschehen ist.

Zu kritisieren ist in jenem Urteil, wie mir scheint, eher der Begriff der »Ver­sorgung«. Denn er unterstellt, Kommunikation des Evangeliums laufe lediglich auf die Befriedigung der religiösen Bedürfnisse, des Bedürfnisses nach Sinn­vergewisserung des Zeitgenossen hinaus. Das aber widerspricht der kritischen, der deformierenden und daseinserneuernden – richtenden und rettenden -, die Situation, den Status quo aufbrechenden, verändernden und auf den Aufbruch, die Veränderung verpflichtenden Bedeutung des Evangeliums. Vergewisserung findet statt, wo die Kommunikation des Evangeliums gelingt, aber nicht unbe­dingt so, wie sie weithin erfragt wird, als Rechtfertigung des Status quo, son­dern als seine Aufhebung.

Fraglich erscheint mir an jenem Urteil in unserem Zusammenhang vor allem, wie die Verdrängung der gottesdienstlichen Predigt aus ihrer zentralen Stellung im Dienst der Kirche zu beurteilen ist. Man könnte zum Beispiel fragen: Hat sie als isolierte Funktion der Kirche eine solche zentrale Stellung überhaupt je gehabt? Hatte sie ihre unbestreitbar große Wirkung in manchen Phasen der Kirchengeschichte nicht immer nur als eine, freilich besonders sichtbare, Phase in einem viel breiter angelegten Kommunikationsprozeß, also in ihrem Wirkungszusammenhang mit kirchlicher und allgemeiner Erziehung, mit dem Geflecht der das bürgerliche Leben umfassenden und durchdringenden Amts­handlungen, mit Bußinstitut und Seelsorge? So daß also, wenn ein Funktions­verlust der ortsgemeindlichen Predigt zu konstatieren wäre, sofort gefragt wer­den müßte, ob das nur für die isolierte Position der Predigt gilt oder für den ge­samten Prozeß, in dem sie stand und mehr denn je steht? Das wird doch aber in jenem oben zitierten Urteil gerade bestritten: Der Kommunikationsprozeß, in dem die gottesdienstliche Predigt eine Phase ist, sei differenzierter denn je, und es sei mindestens fraglich, ob seine Bedeutung und Wirkung im ganzen abge­nommen habe. Ist dann nicht vielleicht doch die Feststellung ihres Bedeutungs­schwundes vor allem eine polemische Reaktion auf ihre in der Tat gefährliche Isolierung und quasisakramentale Überhöhung in der allerjüngsten Theologie- und Kirchengeschichte? Es ist ja sicherlich richtig, daß fast alles, was seit dem Aufbruch der Dialektischen Theologie über die Predigt gesagt wird, sich in er­staunlicher und erstaunlich unkritischer, unreflektierter Weise immer auf die gottesdienstliche Rede am Sonn­tagvormittag bezieht. Sie ist in der Tat für diese jüngste Theologiegeschichte so etwas wie der Inbegriff dessen, was man »Ver­kündigung« nennt, ihre reinste, ihre eigentliche Gestalt. Und sie eignet sich für diesen Verkündigungsbegriff gerade, weil sie so ungeheuer problematisch ist, so monologisch, so autoritär von oben nach unten, so unkritisierbar, so scheinbar unabhängig von der konkreten Situation, so ungeheuer verletzlich, gefährdet, jedem Mißbrauch ausgesetzt. An ihr läßt sich jene »Unmöglichkeit der Rede von Gott« besonders klar darstellen, die in den frühen Aufsätzen Barths im­mer wieder so eindringlich geschildert wird. An ihr wird infolgedessen auch gleichsam mit Händen greifbar, wie dieser unmögliche Versuch nur darin seine Rechtfertigung haben kann, daß »Gott selbst redet«, wobei die Unverfügbarkeit dieses Wunders das Problem verantwortlicher, das heißt um wirksame Kom­munikation bemühter menschlicher Rede auf der Kanzel bereits relativiert, be­vor es überhaupt als selbständiges Problem formuliert werden kann. Und weil der, dem diese unmögliche Aufgabe zugemutet wird, ja nun alsbald ent­lastet werden muß, wird er auf den Bibeltext verwiesen, den er nur noch mög­lichst getreu, möglichst ohne jede Rücksicht auf das Verständigungsproblem, dessen Lösung er getrost dem Heiligen Geist überlassen darf, auszulegen hat, weil im Bibeltext »irgendwie« das Problem »Gotteswort im Menschenwort« immer schon gelöst sein soll.

Und nun wird diese so problematisierte und überlastete Position Sonntags­predigt normativ gemacht für alle anderen Kommunikationsbemühungen der Kirche. »Verkündigung« in diesem Sinn, als Dienst an Gottes eigenem Wort durch treuliche Textauslegung, soll alle Kommunikation in der Kirche sein, auch die Rede bei der Amtshandlung, auch der Unterricht, auch das Gespräch bei der Seelsorge, auch die Volksmission usw. Und da diese anderen Kommuni­kationsbemühungen diesem Anspruch unterschiedlichen Widerstand leisten, mehr als die Sonntagspredigt, werden sie eben von daher stark problematisiert, was die Monopolstellung der Sonntagspredigt umgekehrt wieder zementiert.

Ist die Behauptung vom Bedeutungsschwund der Sonntagspredigt nicht viel mehr an diesem Predigtanspruch als an der kirchlichen Wirklichkeit orien­tiert? Die Kritik dieses Anspruches, sowohl im Hinblick auf seine theologische Problematik als auch auf die kirchliche Wirklichkeit, ist in der Tat notwendig und überfällig. Aber muß sie, darf sie dazu führen, daß das Problem der Sonn­tagspredigt als solches heruntergespielt wird? Sollte man nicht vielmehr so argumentieren: Die sonntägliche Predigt ist eine unter vielen Verständigungs­bemühungen der Kirche, die sich nach Situation, Funktion, Struktur und Voll­zugsform voneinander klar unterscheiden und auch unterschieden werden müs­sen, die aber, sofern es sich in ihnen allen um den Wirkungszusammenhang »Kommunikation des Evangeliums« handelt, auch, einen Problemzusammen­hang bilden. Es geht in allen diesen Kommunikationsformen um das Problem der bezeugenden Interpretation der biblischen Überlieferung. Dieses Problem stellt sich bei der Sonntagspredigt besonders scharf und drängend, und zwar wegen der speziellen Situation dieser Bemühung. Will man nun nicht behaup­ten, daß im Wirkungszusammenhang »Kommunikation des Evangeliums« die Phase der sonntäglichen Predigt gegenwärtig schlechtweg entbehrlich ist, ohne daß der Zusammenhang als solcher leidet und eine Lücke bekommt, dann ist es geboten, dieser Phase im Kommunikationsprozeß nach wie vor besondere Aufmerksamkeit zu widmen, eben weil sie besonders prekär ist. Man ist hier mit dem Grundproblem der bezeugenden Interpretation der biblischen Über­lieferung in besonders bedrängender Weise konfrontiert, und indem man es streng im Hinblick auf die besondere Situation, Funktion und Struktur dieser Phase, aber auch im Bezug auf den größeren Wirkungszusammenhang erörtert, wird das auch den anderen Kommunikationsbemühungen in jenem »System re­ligiöser Ver­sorgung« zugute kommen.

Ich bin der Meinung, daß die Sonntagspredigt und die ihr verwandten Kom­munikationsfor­men, also etwa die Predigten bei den Amtshandlungen, zu­mindest gegenwärtig noch unent­behrliche und keinesfalls zu vernachlässigende Phasen im Wirkungszusammenhang »Kom­munikation des Evangeliums« sind. Aus der Fülle möglicher Argumente möchte ich hier nur drei ganz praktische anführen:

a) Zumindest im Bewußtsein der Mitgliedschaft unserer Kirche, und zwar sowohl der Kirchentreuen als auch der Distanzierten, ist die evangelische Kirche nach wie vor die Kirche der Sonntagspredigt, das heißt des durch die Predigt charakterisierten Gottesdienstes. Das traditionelle Inbild der evange­lischen Kirche ist der Prediger im Talar auf der Kanzel.

Die darin sich aussprechende Erwartungshaltung ist auf allen Seiten so aus­geprägt, daß Dienste und Leistungen der Kirche in der Gesellschaft, daß Be­gegnungen des Zeitgenossen mit der Kirche, die nicht in der Predigt und in der Teilnahme an der Predigt kulminieren, von keiner Seite als »vollgültige« Begegnungen gewertet werden.

Alle Bemühungen um einen gewandelten Kirchenbegriff und ein gewandeltes »Image« der Kirche im Sinne des Konzeptes »Kirche für die Welt«, »Gemeinden für andere«, alle Bemühungen um ein neues Vertrauen zwischen kirchlicher In­stitution und Zeitgenossenschaft ändern vorläufig nichts daran, daß das zeitge­nössische Bewußtsein die evangelische Kirche bei ihrem traditionellen Anspruch, die predigende Kirche zu sein, nach wie vor behaftet und sie hier auf die eigent­liche Probe gestellt sieht. Die Kirche kann sich vorläufig aus dieser Testsituation nicht selbst entlassen oder in ihr entlasten. Nicht nur die Kerngemeinde macht den distanziert Kirchlichen zum »Randsiedler«, er sieht sich selber so. Er weiß, daß er fehlt, wo die evangelische Kirche nach seiner Ansicht ganz sie selber ist, und er fehlt bewußt. Eben darum wird er in der Begegnung mit einem Vertreter der institutionellen Kirche sofort apologetisch und verteidigt sich mit dem Ar­gument, daß sich das Christsein ja schließlich nicht am Kirchgang entscheide. Seine Begründung dafür, daß er fehlt, ist fast durchweg die unverständliche, lang­weilige, nichtssagende, irrelevante, abstrakte, autoritäre oder pathetische Predigt.

Ein beliebtes Alibi kirchlicher Funktionäre angesichts dieser umfassenden Reserve gegenüber der Predigt, der distanzierte Zeitgenosse urteile hier über etwas, das er nicht kenne, ist bei näherem Hinsehen schlicht falsch. Immer noch gilt, daß fast jeder Zeitgenosse während seiner Konfirmandenzeit mit Paß und Stempel hat regelmäßig zur Kirche gehen müssen. Dann sind da die gottes­dienstlichen Sendungen im Rundfunk und im Fernsehen – wer schaltet schon am Sonnabendabend vor dem späten Krimi seinen Fernseher für fünf Minuten ab, wenn das Wort zum Sonntag kommt; wer in Deutschland wird also nicht häufig genug Zeuge der Schande Israels? Man muß sich auch immer wieder vor Augen halten: im Verlauf weniger Jahre begegnet in einem großstädtischen Be­zirk wie Berlin-Spandau jeder der vierzig Pfarrer nahezu jedem der Spandauer Bürger mehrfach bei Taufen, Konfirmationen, Trauungen und vor allem bei Beerdigungen, weil die Sitte, bei solchen Anlässen Nachbarschaft oder beruf­liche Beziehung auszudrücken, nach wie vor ziemlich zwingend ist. Und ent­gegen einer in der Kirche umgehenden Zwecklüge sind die Menschen in diesen Schnittpunkten ihrer persönli­chen, familiären und gesellschaftlichen Existenz außerordentlich engagiert und keineswegs hörunwillig. Der Zeitgenosse weiß sehr wohl, wovon er redet, wenn er die Predigt unverständ­lich, pathetisch, irre­levant, langweilig nennt, und warum er zu der Kirche, die sich selbst und die er als die predigende Kirche versteht, Distanz hält.

b) Im Hinblick auf die Präsenzgemeinde, die Kerngemeinde aber gilt noch viel dringlicher, daß die Kirche gezwungen ist, der Predigt nach wie vor er­höhte Aufmerksamkeit zu widmen. Hier, im sonntäglichen Gottesdienst, wer­den all die gefährlichen Haltungen und Einstellungen eingeübt und gepflegt, um deren Überwindung wir doch bemüht sind. Hier, und zwar aus dem Sog der Situation heraus, ist der fundamentalistische Kult des heiligen Buches in vollem Schwunge, hier der unverantwortliche, weil interpretationslose Ge­brauch der heiligen Formel, hier droht, in der Knappheit der Rede, angesichts der feierlichen Stimmung und der offenkun­digen Wehrlosigkeit der Gemeinde, angesichts der Mischung der Generationen und Frömmig­keitsstile ständig die Flucht in die doppelte Wahrheit, hier greift die unbeholfene und unre­flektierte Sprache in ihrer Not zu den ungedeckten Wechseln großer Worte, hier ver­wandelt sich, weil die Gemeindesituation so ungreifbar scheint, die konkrete Verheißung in Vertrös­tung, die konkrete Weisung in den Dauerappell, der Bußruf in die Schimpferei. Hier wird der Pfarrer, weil er doch applizieren muß, zu dem über alles urteilenden und für nichts wirklich zuständigen Hans-Dampf- in-allen-Gassen, hier perenniert der Klerikalismus. Der monologi­sierende, hör­unfähige, autoritäre Pfarrer erzeugt die sich wegduckende, schweigende, passive Gemeinde und wird von ihr erzeugt. Hier werden, um der Anschaulichkeit wil­len, in exege­tischen Schwarzweiß-Zeichnungen die Wurzeln eines latenten An­tisemitismus gelegt, hier regieren auch die anderen Vereinfachungen, die sich im Dauergebrauch zu Vorurteilen ver­dichten: Die evangelische Kirche ist in ihren meisten Vollzügen viel, viel besser als ihr Ruf; aber hier, in ihrer traditionellen Zentralfunktion, verspielt sie ihn immer wieder, einfach weil die Situation so ungeheuer anspruchsvoll und gefährlich ist und für ihren verantwortlichen Ge­brauch so außerordentlich wenig Hilfe zur Verfügung steht.

Eine Kirche, die um ihre Erneuerung besorgt ist, kann angesichts dieser Si­tuation, die so leicht und so vielfältig und meist im besten Willen mißbraucht werden kann, nicht gleich­gültig werden. Sie kann es aber auch darum nicht, weil eben umgekehrt der verantwortliche Gebrauch dieser Situation sich in den ge­samten Wirkungszusammenhang »Kommunikation des Evangeliums« hinein positiv auswirkt. Ist es nicht so, daß die sich nun eben doch immer mehr wan­delnde Stellung der volkskirchlichen Mitgliedschaft zu den Juden, zum Pro­blem von Krieg und Frieden, zur individualen und gesellschaftlichen Diakonie, zur »Welt«, daß ein sich langsam einstellendes Gefühl wachsender Weltverant­wortung eine Wirkung vornehmlich der im ganzen doch so unbefriedigenden sonntäglichen Predigt ist? Die Predigt ist nach wie vor, nur auf ihre meßbaren Wirkungen hin betrachtet, ein sozialpädagogisches Instrument ersten Ranges, sie wirkt über längere Zeiträume hin klimaverändernd, vielleicht – jedenfalls in manchen Punkten – gar nicht viel weniger als die Presse, weil die Predigt es mit ganz wenigen Gegenständen zu tun hat und diese immer wieder erörtert. Man sollte auch von daher, gerade im Interesse einer wie auch immer verstandenen Kirchenreform, angesichts dieser entscheidenden Schleuse möglicher Reform keinesfalls resignieren.

c) Es gibt noch einen anderen Gesichtspunkt, warum das Predigtproblem keinesfalls herunter­gespielt werden darf, sondern im Gegenteil besonders ernst genommen werden muß: An dieser Stelle steht das Selbstverständnis der Pfarrer auf dem Spiel. Es geht für die Pfarrer in der Sonntagspredigt um Sinn und Un­sinn ihres Dienstes, um Resignation oder Arbeitsfreude, um Krankheit oder Gesundheit. Mag man auch mit einem gewissen Recht behaupten können, daß der Schwerpunkt des Pfarrberufs und seiner Bedeutung faktisch gar nicht mehr im Sonntagsgottesdienst liegt, trotzdem entscheidet sich für die meisten an die­ser Stelle immer noch ihre Stellung zu ihrem Beruf, empfinden sie hier die Dif­ferenz zwischen Berufsanspruch und Berufswirklichkeit am empfindlichsten. Das Pfarramt, zu dem wir ausgebildet werden und ausbilden, ist nach wie vor in seinem Kern das Predigtamt, das Amt, das die gottesdienstliche Predigt der Kirche zu tragen und zu verantworten hat. Hier konzentriert sich die Erwar­tung, die Hoffnung eines jungen Pfarrers auf seinen Beruf. Hier ist er darum auch am anfälligsten für Enttäuschung und Resignation.

»Man bleibt«, so erklärte ein Berliner Pfarrer bei einer Umfrage zum Thema »Berufsbild und Berufswirklichkeit des Pfarrers«, »mit seiner theologischen Überzeugung ein Einzelgänger und Fremder in seiner Gemeinde, da man der Gemeinde unmöglich seine ›Theologie‹ predi­gen kann. Jedenfalls hat sie sich seit meinem Studium nicht wesentlich verändert.« Man war ausgezogen in der Überzeugung von der Eigenmacht, der Eigenbewegung und Alleingenüg­sam­keit des Wortes, dem die Predigt dient. Und nun macht man die verwirrende Er­fahrung, daß man gerade hier, im Kern des Dienstes, merkwürdig isoliert bleibt, daß man nichts ausrichtet, nichts bewirkt, nichts verändert. Und zwar nicht in dem Sinn, in dem der Theologe darauf vorbereitet ist: Selbstverständlich verfügt der Prediger nicht über die Heilswirkung der Botschaft, der er dient. Aber er kommt, wie es scheint, mit seiner Verkündigung gar nicht erst an den Punkt, an dem sich Glauben und Unglauben entscheiden. Er kann sich nicht verständlich machen. Er kann die gläserne Wand nicht durchbrechen, die ihn vom Hörer, vom Zeitgenossen trennt. Die Worte, die er spricht, stiften weder Ja noch Nein, weder den Aufbruch der Gemeinde noch den Abbruch verfehlter Beziehungen zu ihr. Drinnen und draußen bleibt alles beim alten, als spräche man nicht.

Selbstverständlich hat die weitverbreitete Resignation unter den Pfarrern auch andere Gründe als die Predigtmisere. Die entscheidende Frage ist die, ob nicht das Pfarramt in seiner traditionellen Gestalt als parochiales Amt von Grund auf dysfunktional geworden ist. Aber ganz sicher ist die Predigt einer der empfindlichsten Punkte im Selbstverständnis des Pfarrers. Resignation an dieser Stelle zwingt, weil die Wunde ja gleichsam von Woche zu Woche offenge­halten wird, zu irgendwelchen Kompensationen. Liturgismus, Sakramentalismus, Fundamentalismus, Rückzug in ein magisches Amtsverständnis, Gereizt­heit gegen die Dauerbeunruhigung durch die immer komplizierter werdende Theologie sind ideologische Möglichkeiten – das selbstlaufende Vokabular, die Selbstentlastung durch rhetorische Routine, die Flucht in den befriedigenderen Gemeindebetrieb praktische Möglichkeiten der Kompensation. Und selbstver­ständlich vergrößern solche Kompensationen den Schaden, sowohl sachlich, was die kirchliche Arbeit, als auch persönlich, was das Selbstvertrauen und die Vertrauenswürdigkeit des Pfarrers anlangt. Und wenn es keinen anderen Grund gäbe, die Predigt, das heißt die Praxis des sonntäglichen Predigens in den Gemeinden zum Gegenstand erhöhter Aufmerksamkeit zu machen, als den, daß der für die Funktionsfähigkeit und den Wandel der gegenwärtigen Kir­che entscheidende Berufsstand an dieser Stelle weithin krank ist – dieser Grund würde ausreichen.

II. Funktion und Struktur des homiletischen Aktes

a) Zu fragen ist in diesem Zusammenhang nicht nach der Predigt als praedicatio verbi divini, als Ursprung der Kirche, nach ihrem Wesen und ihrer Verhei­ßung, sondern nach dem konkreten homiletischen Akt, nach der wöchentlichen Predigtaufgabe und ihrer Lösung. Die praedicatio verbi divini ist Gegenstand systematisch-theologischer Erwägung, das heißt der Bemühung um die Verant­wortung der christlichen Wahrheit im Horizont der Welterkenntnis und Welt­erfahrung der jeweiligen Gegenwart. Der Predigtbegriff, der dabei zustande kommt, ist als solcher für die Praktische Theologie, für die Homiletik untaug­lich. Denn er entsteht, wie er auch aussieht, angesichts der Frage nach der Ver­heißung, die die Kirche mit ihrem Predigtauftrag hat, ohne ihn sich – das steckt schon im Begriff der Verheißung – selbst erfüllen zu können. Die Praktische Theologie aber, als das Nachdenken über die Vollzüge der gegenwärtigen Kirche und ihre verantwortliche Wahrnehmung, fragt nach dem Auftrag, der diese Verheißung hat, und nach seiner verantwortlichen Erfüllung. Und in­dem sie so fragt, muß sie methodisch weitgehend von der Verheißung des Auf­trags abstrahieren, jedenfalls kann ihr die Verheißung niemals als Antwort auf die Frage nach dem verantwortlichen Voll­zug von Predigt dienen. Mit H. D. Bastian zu sprechen: das Wort Gottes ist kein Instrument kirchlicher Rede, so wahr die kirchliche Rede ein Instrument des Wortes Gottes werden soll. Gegen­stand praktisch-theologischer Erwägung ist die Verantwortung, die durch den Predigtauftrag der Kirche konstituiert wird, die menschliche Verantwortung und ihre Wahrnehmung. Und es dient in der Tat der Klarheit, wenn Bastian fordert, über diese Verantwortung und ihre Wahrnehmung sei nachzudenken, etsi Deus, etsi Spiritus Sanctus non daretur.

Der systematisch-theologische Predigtbegriff, die Frage also, was Predigt theologisch sei, gehört in die Prolegomena der Praktischen Theologie. Und diese Frage darf die andere, die eigentlich homiletische Frage, wie man eine Predigt mache, besser, was man tue, wenn man predige, und wie man es verantwortlich tun könne, nicht relativieren und als »Kinderspiel«, als bloß technisches Pro­blem abqualifizieren, sondern sie muß sie als selbständige Frage ermöglichen und begründen und dann freilich auch begrenzen.

b) Der homiletische Akt ist eine Verständigungsbemühung. Gegenstand dieser Bemühung ist die christliche Überlieferung in ihrer Relevanz für die gegenwärtige Situation des Hörers und der Hörergemeinde. Die Verheißung dieser Verständigungsbemühung ist das Einverständnis und die Einwilligung des Glaubens in das Bekenntnis der christlichen Kirche, daß Jesus Christus der Herr sei, und zwar in der zugespitzten Form, daß er sei mein Herr in je meiner Situation. Der homiletische Akt verfügt nicht über diese seine Erfüllung. Er hat aber ein Ziel, ein erreichbares Ziel, er hat eine Funktion. Seine Funktion ist die Verständigung mit dem Hörer über die gegenwärtige Relevanz der christlichen Überlieferung.

Diese Funktionsbestimmung ist sicher in vielem unzureichend. Sie ist aber vor allem darin unzureichend, daß sie den homiletischen Akt nicht von ande­ren Kommunikationsbemühungen und Kommunikationsformen der Kirche zu unterscheiden vermag. Um die Relevanz der christlichen Überlieferung geht es ja schließlich auch in den Arbeitsformen des Katechu­menats, des Gemeinde- wie des Jugendkatechumenats, in der Seelsorge, letztlich auch in der Diako­nie und im Religionsunterricht an der Schule, wenngleich da der Begriff der Relevanz sicherlich anders bestimmt werden muß. Genauer wird man sagen müssen, daß die genannte Funktionsbestimmung im Grunde den Kommunikationsprozeß in allen Phasen und Stufen, den Wirkungszusammenhang kenn­zeichnet. Tatsächlich gibt es, soweit ich sehe, keinerlei Möglichkeit, die orts­gemeindliche Predigt von anderen Kommunikationsbemühungen der Kirche zu unterscheiden als von der Situation her. Verschiedene Situationen fordern die Kommunikationsbemühung der Kirche in verschiedenen, jeweils der speziellen Situation angemessenen Vollzugsformen heraus. Worin sich die Situation der sonntäglich versammelten Gemeinde in der Parochie von andern Situatio­nen unterscheidet, welche besonderen Verständigungsbedingungen durch diese traditionelle Zentralversammlung der Ortsgemeinde gegeben sind, kann hier nicht ins einzelne erörtert werden. Hier soll nur aufzählend auf die entscheiden­den Merkmale hingewiesen werden:

  1. die traditionelle Funktion dieser Zusammenkunft als Hauptversammlung der Parochie, das heißt ihr institutionelles Gewicht;
  2. ihre durch das Herkommen bestimmte kultische Gestalt;
  3. ihr enormer Funktionsverlust in dieser traditionellen Funktion, ihr fak­tischer, aber von der Kirche noch nicht wirklich wahrgenommener Funktions­wandel;
  4. ihre gegenwärtige, nach Gegenden verschiedene, aber doch gewisse ge­meinsame Züge aufweisende Zusammensetzung und
  5. ihre für den Prediger quälende Unübersichtlichkeit als homiletische Si­tuation.

Ihr institutionelles Gewicht bestimmt die Predigt im Gemeindegottesdienst als vorläufig wichtigste Kommunikationsform. Der kultische Zusammenhang, in dem sie steht, zieht ihr in der Zielsetzung, im Redestil und hinsichtlich ihrer Verständigungschancen ganz enge Grenzen und bringt sie in eine besondere Gefährdung, von der vorhin schon die Rede war. Der praktische Funktions­verlust, der Funktionswandel der Zentralversammlung der Parochie, erschwert ihr die Erfüllung der traditionellen Erwartungen, die von der Kirche und von der Hörergemeinde in sie gesetzt werden, eröffnet ihr aber auch neue Möglich­keiten. Die besondere Zusammensetzung mit dem Vorherrschen von alten Leu­ten, Kindern und Jugendlichen, von ganz einverständigen Kerngemeindlern und ganz unvorbereiteten Konfirmanden macht das Ver­ständigungsproblem außerordentlich kompliziert. Und ihre Unübersichtlichkeit behindert die Kon­kretion, erzwingt ein höchst allgemeines, im Gemeinplatz allzu oft stecken­bleibendes Reden.

c) Die Erkenntnis, daß sich die Kommunikationsbemühungen der Kirche nur hinsichtlich der Situation, auf die sie bezogen sind, unterscheiden lassen, hat aber auch noch eine andere Bedeutung. Erst sie führt nämlich über ein all­gemeines Bedenken der Vollzugsform Gemeindepredigt hinaus zum einzelnen homiletischen Akt. Die besondere Verständigungsaufgabe des einzelnen homi­letischen Aktes bestimmt sich nur scheinbar, vorläufig und ungenau von dem Bibeltext, von der durch die Kirche vorgegebenen Perikope und dem Kirchenjahrscharakter des Sonntags her. Ihre eigentliche Bestimmung ergibt sich viel­mehr aus der besonderen homiletischen Situation. Unter homiletischer Situation soll diejenige spezifische Situation des Hörers, bzw. der Hörergruppe verstan­den werden, durch die sich die Kirche, eingedenk ihres Auftrags, zur Predigt, das heißt zu einem konkreten, dieser Situation entsprechenden Predigtakt her­ausgefordert sieht. Und die Aufgabe des homiletischen Aktes ist, von daher gesehen und formal ausgedrückt, die Klärung dieser homiletischen Situation.

Es ist lange genug üblich gewesen, die kirchliche Predigt bei den Amtshand­lungen vom Typus der Sonntagspredigt her, also von dem an diesem Typus wenn nicht gewonnenen, so doch demonstrierten Verkündigungsanspruch und Predigtbegriff her zu beurteilen und einzuordnen. Dann wird gerade die augenfällige Besonderheit der Kasualrede, nämlich ihr klarer Situationsbezug, dubios. Diesem Situationsbezug zu verfallen, wird der Prediger gewarnt und nachdrücklich auf seine eigentliche Aufgabe – Dienst an der Eigenbewegung des Wortes Gottes durch treue Textauslegung – verpflichtet.

Es dient aber der von uns gesuchten Klarheit mehr, wenn man umgekehrt verfährt und, ohne die Kommunikationsformen zu vermischen, fragt, ob nicht die Sonntagspredigt in ihrer Problematik von der Kasualrede her verstehbar wird. Bei der Bemühung um die Kasualrede ist das zumindest zeitlich die erste Kenntnisnahme von einer besonderen Situation, von besonderen Menschen und ihrem Geschick. In diese Situation wird die Kirche, aus welchen Motiven auch immer, einberufen, um zu handeln und zu reden. Dadurch wird diese Situation für die Kirche zur homiletischen Situation. Kennzeichnend für diese Situation ist, daß in ihr Schicksale, Erfahrungen, Erwartungen, Konventionen, Vorver­ständnisse als Niederschlag der Wirkungsgeschichte der Evangeliumspredigt dem Auftrag der Kirche, die Relevanz der christlichen Überlieferung in dieser Situation und für sie zu bezeugen, einen bestimmten Widerstand leisten, aber auch bestimmte besondere Kommunikationswege und Kommunikations­chancen eröffnen. Kennzeichnend für die homiletische Situation ist auch, daß der Prediger ihr zunächst nicht mit einem bestimmten Text, sondern mit einer allgemeinen Predigttradition gegenübersteht, die als solche bereits bis zu einem gewissen Grad auf die homiletische Situation zugespitzt ist: er hat die Taufe zu interpretieren und zu bezeugen oder die christliche Ehe oder das christliche Verständnis des Todes im Licht des Osterzeugnisses. Greift er nun zum Text, so hat dieser Text eine diese vorgegebene Predigttradition profilierende und doch wohl auch verfremdende Funktion. Solche Profilierung und Verfremdung ist sinnvoll, weil die vorge­gebene Predigttradition sowohl für die Hörergemeinde als auch für den Prediger bis zu einem gewissen Grad das Selbstverständliche und eben darum nicht mehr recht Hörbare geworden ist. Aber was eigentlich mitzuteilen ist, ist nicht die Eigenaussage des Textes, sondern diese durch die Si­tuation herausgeforderte Predigttradition. Der Text wird dabei nicht eigentlich zünftig ausgelegt, sondern im Interesse der Verständigung verbraucht.

Die Frage ist, ob nicht die Sonntagspredigt wesentliche Merkmale mit der Kasualrede gemeinsam hat. Ob es nicht auch hier eine, freilich außerordentlich schwer beschreibbare, aber gleichwohl von Fall zu Fall spezifische Situation gibt, die mit den in ihr enthaltenen Widerständen und Kommunikationschan­cen die eigentliche Vorgabe, die eigentliche Herausforderung der Predigt dar­stellt, wobei das Besondere eben die Unübersichtlichkeit dieser Situation und die Tatsache ist, daß der Prediger, der Ortspfarrer an ihr in einem ganz andern Sinn immer schon teilhat, durch sie belastet und bestimmt ist als beim Kasus. Eben darum aber bedarf diese homiletische Situation einer immer neuen, viel schwierigeren Ver­stehensbemühung. Und gibt es nicht auch bei der Sonntags­predigt eine durch den Katechis­mus, durch den Kirchenjahrestermin, durch den Frömmigkeitsstil der Gemeinde, durch die Theologie und die Sprache des Pre­digers, durch das homiletische Klima, das mit der Ge­schichte der jeweiligen Ge­meinde zusammenhängt, usw. vorgegebene, gleichsam selbstver­ständliche Predigttradition, die den Prediger bei der Wahrnehmung und Auslegung seines Textes immer schon bestimmt, und zwar mit Recht und Notwendigkeit, von der er sich jedenfalls nicht durch einen Gewaltakt wird befreien können? Und ist nicht also auch bei der Sonntagspredigt die Funktion des Textes eine diese Predigttradition nicht einfach aufhebende, wohl aber kontrollierende, profilie­rende und verfremdende?

Entscheidend ist hier nur – und das scheint mir unbestreitbar zu sein –, daß jede Kommuni­kationsbemühung der Kirche durch eine bestimmte Hörersitua­tion herausgefordert ist, die eben durch diese Herausforderung, die sie enthält, für die Kirche zur homiletischen Situation wird, und daß es die eigentliche Auf­gabe der predigenden Kirche ist, nicht Texte zünftig auszulegen, sondern diese Situation zu klären dadurch, daß sie die Relevanz der christlichen Überliefe­rung für diese Situation und in ihr verständlich macht und bezeugt.

d) Die homiletische Situation leistet, das kam schon zur Sprache, der Bemü­hung des Predigers um verständliche Bezeugung der Relevanz der christlichen Überlieferung im Hic et Nunc einen spezifischen Widerstand. Dieser Wider­stand ist die Summe einer großen Vielfalt von Faktoren. Persönliches Geschick und Zeitgeschick wirken sich in diesem Kraftfeld ebenso aus wie Stimmungen, Spannungen zwischen Prediger und Hörergemeinde oder innerhalb der Hörer­gemeinde, Erwartungen, Befürchtungen und ganz äußere Einflüsse von Wet­ter, Jahreszeit usw. Entscheidenden Einfluß hat in der sonntäglichen Versamm­lung der örtlichen Gemeinde vor allem das Vorverständnis von der christlichen Überlieferung, von der Rolle des Predigers und der Gemeinde, von der Fröm­migkeit und vom Bibeltext, in dem sich die Wirkungsgeschichte der bisherigen Predigt, das »Christentum« in allen Stadien der Bewah­rung, der Verdünnung, des Verfalls und der Verkehrung meldet. Auch dieses Vorverständnis ist selbst­verständlich nicht eindeutig, sondern ein kompliziertes Kraftfeld. Der Prediger hat an ihm teil in dem Maße, in dem er an seiner Gemeinde teilhat, er ist ein sehr wirksamer Faktor in diesem Kraftfeld, aber er kann es selbstverständlich nicht auf eine bequeme Formel bringen.

In seiner Wirkung freilich ist dieser Widerstand, so vielfältig seine Ur­sachen sein mögen, klar zu beschreiben. Er ist das, was alle bisherige Predigt des Evangeliums für den einzelnen Hörer und für die Hörergemeinde irrelevant zu machen droht oder faktisch irrelevant macht. Er ist das Ensemble der Ent­täuschungen, der Ängste, der versäumten Entscheidungen, der vertanen Ge­legenheiten der Liebe, der Einsprüche verletzter Gewissen, der Verweigerung von Freiheit und Gehorsam, der schlechten Erfahrungen von Christen mit der Welt, mit der Gemeinde und mit sich selbst. Er verkörpert die Resignation des Glaubens angesichts der Verheißungslosig­keit des alltäglichen Daseins in ihren verschiedenen Gestalten als Zweifel, Skepsis, Zynismus, Quietismus, Trägheit, Stumpfheit, Verzweiflung – die Kapitulation des Glaubens vor der Unaus­weichlichkeit der Tatsachen. Er ist das, was jetzt und hier vielstimmig gegen Gott, gegen die Vertrauenswürdigkeit Gottes und gegen die Möglichkeit, den Sinn des Gehorsams gegenüber Gott spricht.

Im Kern ist also, biblisch gesprochen, die homiletische Situation die Situa­tion der Anfech­tung, die Situation, in der Gott sich entzieht, als Grund des Glaubens entzogen ist, in der er angesichts der Verheißungslosigkeit der an­drängenden Wirklichkeit unaussprechbar wird. Inwieweit diese Situation von den Hörern als Anfechtung erfahren wird, mag dahingestellt bleiben. Sie ist Anfechtung im eigentlichen Sinne jedenfalls für den Prediger, der in dieser Si­tuation relevant von Gott reden soll. Sie ist es um so mehr, je mehr er an seinen Hörern und ihrem Dasein teilhat. Angesichts der Sprache der Tatsachen ver­schlägt es ihm die ihm aufgetragene Rede von Gott. Andererseits nötigt ihn eben dieser Prozeßcharakter der homiletischen Situation und nicht nur etwa die unausweichliche Tatsache, daß nächsten Sonntag wieder Gottesdienst zu halten sein wird, zur Aussage. Erst angesichts dieser Einsicht in den Anfechtungscha­rakter der homiletischen Situation wird es sinnvoll, zu sagen, die homiletische Situation sei diejenige Situation, durch die die Kirche sich, eingedenk ihres Auf­trags, jeweils in einem ganz bestimmten Sinn zur Predigt herausgefordert sieht.

e) Der homiletische Akt ist die Bemühung um Klärung der homiletischen Situation. Klärung ist mehr als Erhellung. Im Schachspiel etwa erfolgt Klä­rung der Situation durch einen Zug, der aus einer Bedrohung herausführt, also durch eine reale Veränderung der Situation. Andererseits hat das Wort Klärung einen glücklichen Anklang an den Begriff der Aufklärung. Beide Aspekte des Wortes sind hilfreich für das Nachdenken über Funktion und Struktur des ho­miletischen Aktes.

Denn einerseits ist daran festzuhalten, daß Predigt eine Verständigungsbe­mühung ist, die streng im Bereich zwischenmenschlicher Kommunikation, ih­rer Bedingungen und Möglichkeiten bleibt. Andererseits zielt diese Bemühung auf eine Situation, die in ihrem Kern eine Situation der Anfechtung ist und also nicht durch bloße Erhellung, sondern nur durch Befreiung verändert werden kann. Natürlich kann Erhellung befreiend wirken, Aufklärung ist Befreiung der Vernunft. Betrifft die Unfreiheit aber den Glauben und seinen Gehorsam in der ihm aufgegebenen Wirklichkeit, dann hilft letztlich nichts, als daß der Glaube wieder Grund bekommt, und der Grund des Glaubens ist Gott allein, Gott in seiner aktuellen Zuwendung zu mir, Gottes befreiendes Wort an mich. Die Predigt kann das Wunder der Befreiung des Glaubens schlechterdings nicht bewirken. Kann sie ihm den Weg bereiten?

Der Glaube wird unfrei durch den Druck der Realität seines Daseins, durch den Zwang des Sachverhalts, er wird mundtot gemacht durch die Sprache der Tatsachen. Der Anspruch Gottes verstummt, geht unter im Stimmengewirr der alltäglichen Ansprüche und Zwänge, er verliert sich, seine Bedeutung für diese alltägliche Wirklichkeit, seine Beziehung auf sie wird undeutlich, dubios. Der Anspruch der Wirklichkeit erweist sich als stärker denn der Anspruch Gottes. Die Christusverheißung, der sich der Glaube verdankt und auf die hin er mit seiner Welt in Hoffnung und Liebe umgeht, wird kraftlos angesichts der Verheißungslosigkeit, der Unveränderlichkeit des Status quo, oder sie gerät über Kreuz mit den Verheißungen, Verlockungen und Verführungen, die die alltäg­liche Existenz des Menschen in ihren verschiedenen Bezugsfeldern ja immer auch enthält. Und auch hier ist es zuerst und zuletzt die Bedeutung, der Be­zug, die Wirkmacht der Verheißung, die in Zweifel gerät. Mit einem Wort: die gegenwärtige Wirklichkeit Gottes wird strittig angesichts der wirklichen Gegenwart.

Die Predigt hat den Glauben nicht von dem Gedränge der Wirklichkeit zu entlasten, das ist ohnehin unmöglich; sie hat auch das, was gegen Gott spricht, nicht einfach beziehungslos zu kontrieren mit dem biblischen Zeugnis von dem Geschehen, von dem Menschen, der für Gott spricht, Jesus Christus. Sondern sie hat Verheißung und Wirklichkeit miteinander zu versprechen, so daß ver­ständlich wird, wie die Christusverheißung auch und gerade diese den Glauben bedrängende Wirklichkeit betrifft, aufbricht, in ihrer Bedeutung für den Glau­benden verändert und wie umgekehrt auch und gerade diese ihn umgebende Wirklichkeit im Licht der Verheißung auf eine eigentümliche Weise für Gott, für den Glauben und seinen Gehorsam in Liebe und Hoffnung zu sprechen be­ginnt. Die den Glauben bedrängende Wirklichkeit soll durch die Predigt also nicht zum Schweigen gebracht, sondern im Gegenteil neu zum Zeugnis für Gott aufgerufen, zur Sprache gebracht werden, und zwar so, daß in dieser Wirklich­keit Gottesdienst und Götzendienst, Treue und Verrat, Hoffnung und Illusion, Wahrheit und Lüge, die Chance der Freiheit und die Gefahr der Unfreiheit sich voneinander unterscheiden und so der Weg des Glaubens in Liebe und Hoff­nung sichtbar wird. Ob er gegangen werden wird, ist der Predigt entzogen.

Klärung der Situation ist also in der Tat, streng im Rahmen zwischen­menschlicher Kommunikationsmöglichkeiten, Veränderung der Situation. Die Veränderung betrifft den Zwang, den die Realität auf den Glauben ausübt. Die­ser Zwang, dieser Bann wird gebrochen. Es wird, mit Miskotte zu sprechen, sichtbar, wie »Gott sich in der Wirklichkeit von der Wirklichkeit unterscheidet« als ihre Wahrheit, ihr Heil, ihre Chance, ihre Zukunft, wie diese Wirklichkeit immer noch und erneut das dem Glauben verheißene, eröffnete und aufgege­bene Land ist. Was geschieht, ist Bannbruch, Exorzismus. Und in diesem Sinn könnte man und sollte man es dann vielleicht doch schlicht Aufklärung nennen und damit dem Vorgang der Aufklärung seine eigentliche Intention und Würde als Exorzismus zurückgeben.

f) Die Klärung der homiletischen Situation geschieht durch bezeugende Interpretation der biblischen Überlieferung. Der Prediger ist nach Miskotte Interpret und Zeuge. Die beiden Funktionen sind untrennbar aufeinander be­zogen und können nur miteinander erfüllt werden, selbst wenn sie, wie in be­stimmten Stufen des Gemeindekatechumenats, faktisch auf verschiedene Träger verteilt sein sollten. Der Begriff »Zeugnis« meint dabei nicht eine besondere Art erwecklichen Per-Du-Redens, auch nicht die Bürgschaft des Predigers mit seinem eigenen Glauben, sondern streng im Sinn des Begriffes des Augen­zeugen die verantwortliche Aussage über das, was er bei seiner Bemühung um das Ver-Sprechen von Verheißungstradition und Situation, bei seiner Predigt­arbeit, wahrgenommen hat: Die Relevanz der Überlieferung in der und für die homiletische Situation. Dies ist die Frage, die den homiletischen Akt ausgelöst hat: Welche Relevanz hat die Christusverheißung im Hic et Nunc des Hörers? Um die Beantwortung dieser Frage bemüht sich der Prediger in seiner Arbeit. Gelingt ihm die Arbeit, dann kann er sagen, wie er die Relevanz der Über­lieferung für die Situation sieht, wie er sie wahrnimmt. Und eben das hat er nun verständlich zu sagen, und für das, was er hier sagt, ist er persönlich haftbar. Er ist haftbar dafür, daß er verstanden wird. Er ist haftbar insofern, als er sich dem Kreuzverhör, dem Gespräch über seine Aussage, der Diskussion, der Infra­gestellung dessen, was er gesagt hat, aussetzen muß. Er ist haftbar auch für die Folgen seiner Aussage, für die Entscheidungen, die sie auslöst oder verhindert, das heißt, seine homiletische Verantwortung konstituiert eine seelsorgerliche, eine diakonische Verantwortung. Er ist haftbar auch dafür, daß er der Glaub­würdigkeit der Aussage nicht durch seine persönliche Unglaubwürdigkeit im Wege steht, daß er sich keine Zuständigkeit anmaßt, die er nicht hat usw. Und diese persönliche Haftung kann er nicht auf den Text abschieben. Denn was er über die Relevanz der Überlieferung im Hic et Nunc sagt, das steht nicht im Text. Freilich muß er zeigen können, inwiefern seine Aussage überlieferungs­gemäß ist, wie sie in der Überlieferung vorbereitet, ermöglicht, angestoßen, auf­gegeben ist, wie sie mit der Intention und der Struktur der Überlieferung über­einstimmt. Auch für diese Übereinstimmung ist er haftbar, er ist Zeuge alsInterpret und Interpret als Zeuge. Aber als Aktualisierung dieser Überlieferung für eine bestimmte, in ihrer Weise einmalige homiletische Situation ist seine Aussage neues Wort, nicht Repetition, sondern verantwortliche Neuformung der Überlieferung.

Der biblischen Überlieferung wird dadurch nicht Gewalt angetan, sondern entsprochen. Sie kann gar nicht anders als bezeugend, in dieser Weise bezeu­gend interpretiert werden. Als Zeugnis von Jesus Christus als der endgültigen – ephapax –, ein für allemal und auf das Ende, auf die Vollendung hin gültigen und wirksamen Verheißung und als Ruf zum Vertrauen auf diese endgültige Verheißung fordert sie ihre Bezeugung, die Zuspitzung des Ein-für-allemal auf das Diesmal selbst heraus. In ihrer eigentlichen Intention kann sie gar nicht zur Sprache gebracht werden, es sei denn so, daß ihre lebensentscheidende Relevanz für das jeweilige Hic et Nunc zur Sprache gebracht wird, und zwar verständ­lich, so daß Einverständnis oder Ablehnung möglich wird.

Andererseits ist klar, daß der Prediger sein Zeugnis nicht anders als in der Interpretation der biblischen Überlieferung gewinnen kann. Denn gerade dies steht ja in Frage: die Relevanz des in dieser Überlieferung ursprünglich und normativ bezeugten Christusglaubens für die homiletische Situation. Und diese Frage hat die Dringlichkeit der Anfechtung, sie zwingt, aufs Wort zu merken. Was zwischen Prediger und Gemeinde vom Christentum gewußt, ver­standen, angeeignet ist, was zwischen ihnen selbstverständlich ist, eben das ist fraglich geworden. Aus diesem Bestand läßt sich die Relevanz des Christusglaubens gerade nicht verständlich machen, das ist ja das Herausfordernde der homiletischen Situation. So ist die Rückkehr an den Ursprung des Glaubens, zum biblischen Zeugnis, erforderlich. Und eben darum ist der Prediger mit seiner Hörergemeinde in der Regel an den bestimmten Text, an die Perikope verwiesen. Denn das Christentum als Quersumme der Texte, als angeeigneter

Katechismus gehört ja mit in den fraglich gewordenen Bestand. Gerade in der vorläufig fremden, unangeeigneten, unerschlossenen, durch das besondere Pro­fil des Einzeltextes versiegelten Gestalt des biblischen Glaubenszeugnisses be­kommt die Relevanzfrage erst ihre volle Schärfe, die dabei möglicherweise zu gewinnende Antwort ihre optimale Stringenz, Klarheit und Aussprechbarkeit. Der Widerstand der Situation hat seine Entsprechung im Widerstand des Ein­zeltextes. Zwischen Text und Situation und ihrer anfänglichen Beziehungslosig­keit, Gleichgültigkeit gegeneinander werden die Fragen radikal, die Antworten, wenn sie möglich sind, entsprechend relevant.

g) Predigtarbeit wird von daher erkennbar als ein Prozeßgeschehen zwischen Tradition und Situation, Predigtvorbereitung die Vorbereitung dieses Prozesses, bei dem der Prediger – das unterscheidet die Sonntagspredigt charakteristisch von anderen Kommunikationsbemühungen – beides wird sein müssen: Anwalt der Hörergemeinde in ihrer jeweiligen Lage und Anwalt der Überlieferung in der besonderen Gestalt des Textes.

Dabei ist der Prediger zunächst Anwalt der Hörergemeinde, denn es ist die homiletische Situation, durch die der homiletische Akt jeweils herausgefordert wird. Der Prediger hat sich, so weit wie möglich, klarzuwerden über den be­sonderen Charakter dieser Herausforderung, über die Art des Widerstandes, den die Situation der Kommunikationsbemühung der Kirche leistet. Was macht die Überlieferung des Glaubens jetzt und hier für diese Menschen irrele­vant, was macht ihre Relevanz zumindest zweifelhaft? Es bedarf nach allem, was hier schon überlegt worden ist, keiner ausführlichen Darlegung mehr, wie schwie­rig diese Frage zu beantworten ist, nicht nur der Vielzahl der Faktoren we­gen, die hier ins Gewicht fallen, sondern vor allem darum, weil Entscheidendes für den Prediger überhaupt unbekannt und unerkennbar bleiben wird. Gibt es überhaupt eine methodische Erhellung der homiletischen Situation und bis zu welchem Grad? Offenbar geht aller methodischen Erschließung etwas Existen­tielles voraus, eine Haltung vorbehaltloser Partizipation, vorbehaltloser Teil­habe am Geschick des Hörers, die durch homiletische Technik auf keine Weise zu ersetzen ist. Denn es ist ja, abgesehen von der Möglichkeit des Gesprächs mit dem Hörer in der Kontinuität des Gemeindelebens, auf das in der Tat bei die­sem Verständnis der Predigtaufgabe erhebliches Gewicht fällt, abgesehen auch von der nach meiner Ansicht außerordentlich wichtigen Möglichkeit formel­ler Predigtvorbereitung und Predigtnachbesprechung mit Gemeindegliedern, nur das eigene Bewußtsein und Betroffensein vom Geschick des Hörers, das der Prediger sich bei seiner Predigtvorbereitung methodisch erschließen kann. Seine Intuition wird dabei immer eine entscheidende Rolle spielen, und sie ist eine Funktion seiner Teilhabe, seines Interesses, seines Engagements mit dem Hörer.

Andererseits hat Partizipation als Voraussetzung von Kommunikation auch ihre institutionelle Seite. In der klassischen Parochie hat sich das Partizipations­problem praktisch gar nicht gestellt. Denn die Parochie selbst war umfassende, institutionelle Teilhabe der Kirche am gesellschaftlichen Leben im übersicht­lichen Raum des Dorfes oder der Kleinstadt. Kirchliches und bürgerliches Leben waren fast deckungsgleich und durchdrangen sich wechselseitig. Der Ortspfarrer war nicht nur ex officio, sondern kraft seiner Zugehörigkeit, seiner Stellung im Zentrum des gesellschaftlichen Lebens, seiner Kompetenz für alle Fragen dieses Lebens, seiner Kenntnis aller Menschen, um die es ging, und ihrer Beziehungen kommunikationsfähig in jeder Hinsicht. Erst mit dem Zerbruch dieser parochialen Symbiose stellt sich das Partizi­pationsproblem hierzulande ebenso dringlich, wie es sich etwa auf dem Missionsfeld stellt. Die volkskirchli­chen Gemeinden sind extrem unübersichtlich, das gesellschaftliche Leben spielt sich fast ausschließlich außerhalb der Zuständigkeit, Kompetenz und Reich­weite des Ortspfarrers ab; dessen Distanz zum Alltag seiner Gemeindeglieder ist so groß, daß seine Zeitgenossenschaft, seine Kommunikationsfähigkeit ernstlich in Frage steht. An dieser Stelle ist das Predigtproblem offenbar direkt verbunden mit dem Problem der kirchlichen Struktu­ren, mit den Problemen der Kirchenreform. Aber selbst mit einer befriedigenden Lösung des Strukturpro­blems wäre die Frage der Partizipation als Voraussetzung von Kommunikation nicht erledigt. Die Präsenz der Kirche in der Gesellschaft und damit ihre Kom­petenz und Kommunikationsfähigkeit ist überhaupt nur noch in sehr engen Grenzen institutionell zu sichern, sie muß von Personen und Gruppen geleistet werden, und die Institutionen können nur die Voraussetzungen für diese per­sönliche Leistung von Partizipation, Präsenz und Kompetenz schaffen.

Für den Predigtvollzug muß die Einsicht genügen, in welch hohem Maß die Möglichkeit der Erhellung der Situation eine Frage der persönlichen Teilhabe des Predigers an seiner Hörer­gemeinde ist. Keine homiletische Methode kann diese ersetzen. Zu den empfindlichsten Belastungen der heutigen Predigtarbeit gehört jedenfalls, daß die gängige homiletische Theorie die gefährliche Distanz des Predigers zu seinen Hörern mit Behauptungen wie der, daß der Hörer im Texte stecke und daß das Kerygma die Situation schaffe, in der es zum Hören kommen kann, theologisch rechtfertigt und geradezu verklärt. Faktisch wird dadurch nur die eigentliche Übersetzungsarbeit dem Hörer angelastet.

Soviel ist aber richtig, daß der Prediger, selbst der voll partizipierende Pre­diger nicht anders zu wachsender Klarheit über seine homiletische Situation kommt als so, daß er in ihr nach seinem Text fragt, und zu wachsender Klarheit über seinen Text so, daß er von ihm her nach seiner Situation fragt. Es ist also nicht so, daß die Frage nach der Situation und die Frage nach dem Text und sei­ner Eigenaussage zwei voneinander getrennte Arbeitsschritte wären. Text und Situation bilden einen Verstehenszirkel, der im Verlauf der Predigtvorbereitung mehrfach abgeschritten wird. Schon mit der ersten Kenntnisnahme vom Bibeltext aktualisiert sich im Prediger seine Kenntnis von der Verstehenssituation seiner Gemeinde, an der er selbst ja teilhat. Er weiß intuitiv, meint jedenfalls zu wissen, wie seine Gemeinde diesen Text bei der Lesung vernehmen, welches Vorverständnis vom Text in ihr dabei wach werden, an welchen Stellen sie An­stoß nehmen wird, welche Wörter ihr Verstehensschwierigkeiten bereiten wer­den, welche Mißverständnisse drohen usw. Auf dem Hintergrund dieses seines Vorverständnisses vom Vorverständnis der Gemeinde fragt er nun exegetisch nach der Eigenaussage seines Textes. Und je klarer sich ihm diese Eigenaussage erschließt, um so klarer wird ihm auch, wie gleichgültig diese Aussage gegen seine Situation ist und aus welchen Gründen, wie groß andererseits der intel­lektuelle und existentielle Widerstand seiner Situation gegen diese Aussage ist und welche Ursachen das hat. Indem er nun diese Gründe und Ursachen reflek­tiert, und zwar im Licht seines Textverständnisses, wird ihm seine Situation klarer. Er versteht, warum seine Hörergemeinde nicht versteht, mißversteht, umzudeuten versuchen wird. Er eignet sich die Fragen, Anstöße, Zweifel seiner Hörer an, sie werden seine eigenen.

Als Anwalt seiner Hörer wird der Prediger kritischer gegen seinen Text, und zwar gegen den Relevanzanspruch, der in ihm impliziert ist. Denn der Text selbst ist ja schon Bezeugung der Relevanz des Verheißungsgeschehens für einen bestimmten Augenblick in der Gewißheit seiner Relevanz für jeden Augenblick. Der Prediger fragt nun: Was wurde da relevant und wie, gegen welchen Widerstand wurde es relevant? Gefragt wird nun also nicht mehr nach dem isolierten Text als solchem, sondern nach dem Vorgang des Relevantwerdens des Verheißungsgeschehens, nach der Struktur und der Bewe­gung des Interpretationsvorganges, der im Text Gestalt geworden ist. So er­schließt sich der Text in seiner geschichtlichen Tiefe als Phase in der Bewe­gung der traditio fidei, frühere, ursprünglichere Stufen der Tradition und der Interpretation werden in ihm, hinter ihm erkennbar. Es kommt zu so etwas wie einer homiletischen Textkritik, in der Textgestalt wird Relevantes und Irrelevantes, Historisch-Abständiges und Aktuelles, Aktualisierbares unter­scheidbar, und zwar nicht einfach unter der gefährlichen Frage: »Was kann ich heute und hier noch sagen?«, sondern mit der legitimen Frage: »Wo werde ich als Anwalt meiner Hörer Zeuge des Relevantwerdens der Überlieferung in ihrer Bewegung von Situation zu Situation?« Eng verbunden mit solcher homiletischen Textkritik ist aber auch eine homiletische Situationskritik. Mir wird in der intensiven Beschäftigung mit dem Text klar, welche Fragen mei­ner Hörer sich erledigen, weil sie falsch gestellt sind, welche Anstöße entfal­len, weil sie nicht die Substanz der Überlieferung betreffen, wo der eigent­liche Widerstand meiner Hörer sitzt, mein eigentlicher Widerstand, und wo es sich nur um Vorwände handelt, in denen sich dieser eigentliche Widerstand vor sich selbst verbirgt. Ich kann also auch innerhalb der homiletischen Situa­tion in zunehmendem Maße zwischen Relevantem und Irrelevantem, zwi­schen Scheinproblemen und wirklichen Problemen sowohl des Verstehens als auch des Annehmens des biblischen Zeugnisses unterscheiden.

Irgendwo im Vorgang des mehrfachen Abschreitens dieses Zirkels zwischen Tradition und Situation kommt es zum Predigteinfall. Das heißt, es wird wahr­scheinlich zu einer ganzen Reihe von Einfällen kommen, schon beim ersten Le­sen des Textes und immer wieder auf dem Weg des wachsenden Verstehens der eigentlichen Spannung zwischen Text und Situation. Aber es wird sich ein Ein­fall nach dem anderen erledigen als nicht zureichend, es wird ein einziger Einfall sich in immer größerer Klarheit aufdrängen. Es ließe sich begründen, warum es theoretisch nur eine einzige optimale Möglichkeit der Klärung der homileti­schen Situation geben kann, die sowohl dem Text als auch den Hörern, als auch der Individualität des Predigers ganz gerecht wird, nur eine einzige Predigt­möglichkeit, die den Rang des notwendigen Wortes, des jetzt und hier die Klä­rung herbeiführenden Wortes hat. Faktisch liegt in der Nähe dieser optimalen Interpretationsmöglichkeit eine ganze Reihe von möglichen Einfällen, die dann auf dem Weg vom Predigtentschluß zur ausformulierten Predigt noch vielerlei verschiedene Ausgestaltungen zulassen. Gleichwohl gibt es so etwas wie einen Durchbruch in der Predigtarbeit, einen Einfall, der zwingend ist, gegenüber anderen, die nur möglich sind, eine allmähliche oder plötzlich durchbrechende Klarheit, worin die Relevanz der Überlieferung für das Hic et Nunc der Hörer im Kern liegt und wie sie zu bezeugen sein wird.

Der Einfall ist kein Offenbarungsereignis. Er ist ein Durchbruch im Verste­hen und zur Möglichkeit des Verständlichmachens, der der Kontrolle und der Kritik unterliegt und der verantwortlichen Ausführung bedarf. Es ist gleich­wohl ratsam, auf die besondere Kennzeichnung und Hervorhebung des Augen­blicks durchbrechender Klarheit nicht zu verzichten. Ein solcher Verzicht, wie er im Interesse der homiletischen Theorie vom Dienst am Wort Gottes durch Schriftauslegung lange gefordert und geübt wurde, führt nur entweder zur Un­terdrückung der schöpferischen Aspekte der Predigtbemühung oder zu ihrem unreflektierten und unkontrol­lierten Gebrauch. Eins wäre so schlimm wie das andere.

Der hermeneutische Zirkel zwischen Text und Situation bleibt auch jenseits des Einfalls in Kraft: der Einfall führt zu einer erneuten Musterung der Si­tuation, nun im Hinblick auf die Frage, wie er zu einer verständlichen Rede aus­gebaut werden kann. Der so entstehende Predigtentwurf als das »neue Wort«, als das Zeugnis des Predigers, für das er voll haftbar ist, ist wiederum zurückzukoppeln auf den Text, inwiefern er im Hinblick auf dessen Eigenaussage ver­antwortet werden kann.

h) Der Auftrag der Predigt ist die verständliche Bezeugung der Relevanz der biblischen Überlieferung für die homiletische Situation. Der homiletische Akt als isolierte Bemühung vermag aber diesen Auftrag nicht zu erfüllen. Er ist fak­tisch nur eine Phase in einem mehrphasigen Interpretationsvorgang. Denn die sonntägliche Predigt ist notgedrungen ein »Wort für viele«, das die Konzen­tration auf die Situation des einzelnen Menschen, der einzelnen Gruppe, der speziellen Auftragslage schuldig bleiben muß. In den Interpretationsstufen des Gemeindekatechumenats, des mutuum colloquium fratrum und des Einzel­gesprächs, die den Hörer stufenweise immer stärker an der Über-Setzung des Zeugnisses in seine eigene Lebenssituation beteiligen, bekommt die Predigt erst ihren vollen Sinn als Phase im größeren Kommunikationsprozeß […].

III. Auf der Suche nach einem neuen homiletischen Verfahren

Einige der hier Anwesenden haben mit mir zusammen ein Schema der Predigt­hilfe entwickelt, nach dem in den nächsten Jahren Arbeitshilfen für die Sonn­tagspredigt und andere homiletische Aufgaben erarbeitet und veröffentlicht werden sollen (vgl. die im Anschluß an diesen Aufsatz veröffentlichten Thesen und den im Juli 1968 erschienenen ersten Halbband der »Predigtstudien zur Perikopenreihe III«). Alle Beteiligten sind sich sehr klar darüber, wie vorläufig und in vieler Hinsicht unbefriedigend dieses Schema ist.

Die Frage nach dem neuen homiletischen Verfahren meint aber natürlich mehr als solche publizistischen Arbeitshilfen für den Prediger. Sie meint die Arbeit des Predigers selbst und ihre Methode, die er auf der Hochschule und im Predigerseminar lernt und dann von Woche zu Woche im Gedränge der Ge­meindearbeit anwendet. Niemand kann sie ihm abnehmen, und man kann ihm von außen, auf publizistischem Weg, auch nur sehr begrenzt dabei helfen. Das gilt um so mehr, wenn das hier dargelegte Verständnis des homiletischen Aktes als Kommunikationsbemühung, die auf eine ganz bestimmte Hörersituation bezogen ist und mit diesem Situationsbezug steht und fällt, richtig sein sollte.

Was hätte ein solches homiletisches Verfahren zu leisten?

1. Es hätte die Predigtaufgabe zu entmythologisieren und zu entdramatisie­ren. Der Prediger ist nicht verantwortlich dafür, daß Wort Gottes geschieht und daß das Wort Gottes sich Glauben verschafft. Die Kommunikation des Evange­liums, der auch seine Predigt dient, hat diese Verheißung, aber der Prediger ist nicht haftbar für die Erfüllung dieser Verheißung. Daß er in diesem Horizont der Verheißung redet, befreit und mahnt ihn, seine Sache so gut wie irgend mög­lich zu machen, tröstet ihn in der Erfahrung, wie wenig seine Verständigungs­bemühung ausrichtet, und kritisiert alle seine Versuche, den Offenbarer, den Erwecker, den Priester, den Statthalter der Autorität Gottes machen zu wollen, mehr sein zu wollen, als er im Rahmen seines begrenzten Auftrags sein kann: ein Interpret der christlichen Überlieferung in ihrer Relevanz für das Leben der Hörer.

Andererseits müßte ein neues Verfahren die Aufgabe des Predigers streng im Rahmen des Interpretationsauftrags doch auch wieder aufwerten. Der Pre­diger hat mehr zu tun, als biblische Texte möglichst wortgetreu in möglichst heutiger Sprache nachzusprechen. Er hat als Anwalt seiner Hörer zu verstehen und neu verständlich zu machen, worin die Relevanz des in den biblischen Tex­ten bezeugten Verheißungsgeschehens für ihr gegenwärtiges Leben liegt. Seine Rede ist in diesem Sinn »neues Wort«, nicht »neues Wort Gottes«, wohl aber ein neues Wort der Kirche, das sie so noch nie gesprochen hat und das doch übereinstimmen soll mit dem, was sie bisher gesagt hat. Und so, wie die Dinge liegen, ist er in der Situation des Gemeindegottesdienstes der einzige, der dieses neue Wort für seine Gemeinde finden und ihr sagen kann. Jedenfalls ist er der, der dafür besonders ausgebildet und angestellt worden ist.

2. Ein neues Verfahren hätte dem Prediger möglichst wirksame und leicht hantierbare Methoden zur Erschließung der Situation an die Hand zu geben, in der er jetzt und hier reden und durch seine Rede Klarheit schaffen soll. Und dies ist mit Abstand das schwierigste Problem der Predigtarbeit. Denn was hieße Erschließung der Situation?

a) Kenntnis des besonderen Hörerkreises, mit dem der Prediger es zu tun hat, der Menschen und Menschengruppen, ihrer Beziehungen untereinander und zur Umwelt, ihrer Nöte, Probleme und Bedürfnisse, ihres intellektuellen Vermögens, ihres Schicksals und ihrer Frömmigkeit; Kenntnis der alten Leute, die da sitzen, und des Problems des Altwerdens und Altseins in der Leistungs­gesellschaft; Kenntnis der Konfirmanden, der Jugendlichen, die da sitzen, und ihrer außerordentlich komplizierten Übergangssituation – physiologisch, in­telligenzmäßig, psychologisch, sozial, religiös: der Phase der teils akzelerierten, teils prolongierten Pubertät usw. Kenntnis aber auch der religiösen Differen­zierung seines Hörerkreises. Ganz unterschiedliche Distanzen zur Kirche, zum Christentum, zu ihm selbst als Vertreter der Institution sind da im Spiel, ganz unterschiedliche Bedürfnislagen.

Kein homiletisches Verfahren kann dem Prediger diese Kenntnis seiner Gemeinde vermitteln. Sie ist teils Frage seiner Menschenkenntnis, teils seiner psychologischen und soziologischen Ausbildung auf der Universität und der Weiterbildung in diesen Dingen durch Lektüre und Tagungen, teils und vor allem eine Frage seiner Partizipation, seines Interesses, seines Engagements gegenüber den Menschen, für die er da ist. Ein homiletisches Verfahren kann lediglich die Frage nach dem Hörerkreis wachhalten und ihre Bedeutung für den Predigtvollzug unterstreichen.

b) Kenntnis des gesellschaftlichen Kraft- und Beziehungsfeldes, in dem der Hörerkreis steht und das die Kommunikationsbemühung der Predigt auf viel­fältige Weise bedingt und beeinflußt. Wir haben bei unseren Bemühungen um ein Arbeitsschema der Predigthilfe einfach zu unserer eigenen Verständigung unterschieden zwischen einer »Lage vor Ort« und einer »homiletischen Großwetterlage«. Unterscheidungen dieser Art, wenn sie auch präziser sein sollten als die unsrige, sind für ein homiletisches Verfahren unerläßlich. Denn nicht nur kommt der Prediger zur Kenntnis dieser Einflüsse auf verschiedene Weise, sie stellen auch der Predigt unterschiedliche Aufgaben. Zur »homileti­schen Großwetterlage« gehört der Makrokosmos der Gesellschaftsordnung und des gesellschaftlichen Lebens in seinem ständigen raschen Wandel, ge­hören politische Ereignisse und Ideen, aber vor allem auch ihre Wirkung auf die Menschen: Ängste, Hoffnungen, Resignation, das Gefühl der Ohnmacht gegenüber den großen gesellschaftlichen Prozessen; gehören Art und Struktur der Weltwahrnehmung, Welterkenntnis und Weltbewältigung im wissenschaft­lich-technischen Zeitalter, in der hominisierten Welt und der ganz unterschied­liche Grad, in dem die Wahrnehmung, die Erkenntnis und die Lebensbewälti­gung der Zeitgenossen davon bereits geprägt sind; gehört die Einsicht, daß die Erfahrung der Nichterfahrbarkeit Gottes in der Lebenswelt des Zeitgenossen heute ebensosehr Ausgangspunkt religiöser Kommunikation ist wie vor der Aufklärung die Erfahrung der selbstverständlichen Erfahrbarkeit Gottes, aber auch die Einsicht, daß in dieser Hinsicht die Predigthörer in keiner Weise einer des anderen Zeitgenossen sind. Die homiletische Großwetterlage enthält alle die Faktoren, die als Zeitgeschick mehr oder weniger hingenommen werden müssen. Den Prediger interessieren aber nicht nur diese Faktoren selbst, von denen er durch Massenmedien und intensive Lektüre Kenntnis nehmen kann, sondern vor allem ihre Wirkung und ihre Verarbeitung durch seine Hörer, also das, was aus der Großwetterlage in die Lage vor Ort hineinwirkt. Und das lernt er nur durch Gespräche, durch gemeinsames Studium dieser Faktoren mit den Hörern. Hier wie an vielen anderen Stellen wird deutlich, wie die homiletische Verantwortung zum Ernstnehmen des Kommunikationsprozesses jenseits der Gottesdienste, hier also des Gemeindekatechumenats zwingt.

In der Lage vor Ort geht es um diejenigen Ereignisse, Beziehungen, Kon­flikte, Stimmungen, Urteile und Vorurteile, die der Prediger, weil sie nur lo­kale, kommunale oder gemeindliche Bedeutung haben, nicht aus den Zei­tungen erfährt, sondern nur durch eigene Ermittlung oder durch Austausch und gemeinsames Studium mit anderen kirchlichen Mitarbeitern, und die andererseits durch die Predigt beeinflußt, geklärt, verändert werden können und sollen, weil sie im unmittelbaren Verantwortungsbereich von Prediger und Gemeinde liegen.

Auch in diesem Punkt »Kenntnis der Lage« ist durch ein homiletisches Ver­fahren dem Prediger nur wenig Hilfe zu geben. Immerhin gibt es hier nun doch schon einen ganzen Katalog von Fragen und Anstößen für die Meditation, die zur bewußten Einbeziehung der »Lage« in die Predigtarbeit ermutigen und nö­tigen könnte.

c) Kenntnis des Vorverständnisses der Gemeinde von der christlichen Über­lieferung. Das ist das Feld, in dem das Verfahren wirklich Hilfen und Methoden bieten kann. Da ist nicht nur die Möglichkeit der methodischen und kritischen Besinnung über die eigene bisherige Predigt mit ihren positiven und negativen Wirkungen (die Analyse der eigenen Predigt vom Vorsonntag und die Reaktion, die sie hervorgerufen hat, einschließlich der Predigtkritik in einem Gemeinde­kreis sollten zum festen Bestand der Predigtvorbereitung gehören). Da ist der Luthertext mit seinem Wörterbestand, der zugleich einen bestimmten Bestand oder Fehlbestand an Verständnis signalisiert. Da sind Predigten anderer Leute, da sind Gesangbuchlieder, da ist der Katechismus, da ist die Liturgie, da ist das religiöse Brauchtum in allen Stadien des Verfalls. Da sind Sprichwörter, Redens­arten, Tabuformeln, Aufschriften auf Grabsteinen, da sind die Erfahrungen der Gemeindebesuche und der Amtshandlungsgespräche, da ist die unerschöpfliche Orientierungsmöglichkeit beim Religions- und Konfirmandenunterricht, wo man die zum Teil noch begründeten Urteile der Väter in den Vorurteilen, in den Ressentiments der Söhne aufspüren kann. All das ist Niederschlag der Wir­kungsgeschichte der Predigt und der Auseinandersetzung dieser Predigt mit der Antipredigt der Ideologien, Weltanschauungen, Tabus und Vorurteile. All das sind Spuren und Dokumente gegenwärtiger Frömmigkeit und der Jedermann-Ideologie, die mit ihr im Streit liegt. Ein einziges erstes Lesen des Luthertextes löst bereits eine Fülle von Assoziationen aus, die, kritisch reflektiert, das ei­gene Vorverständnis und das Vorverständnis der Hörergemeinde als Bedingung künftiger Verständigung klären helfen. Zur methodischen Erschließung dieser Quellen könnte und müßte ein neues homiletisches Verfahren zweifellos Hilfe geben.

Auf jeden Fall ist es nötig, daß »der Zeitgenosse«, der Hörer, der moderne Mensch, der in der hermeneutischen Diskussion herumgeistert und den ich persönlich für ein in abstrakter Manier ausgeführtes Selbstbildnis des homo academicus halte, für die Predigtarbeit abgelöst wird von den Hörern, den be­stimmten Zeitgenossen, mit denen ich es heute und hier zu tun habe und die ich so genau wie möglich zu kennen und zu erkennen versuchen muß. Es bleibt ein sehr glücklicher und wichtiger Hinweis von H. D. Bastian, daß diese meine Hörer im Unterschied zum »modernen Menschen« nicht nur Ohren haben, sondern auch einen Mund. Sie können fragen, dreinreden, Zweifel äußern, pro­testieren, sie können sich mir auch zu erkennen geben, wenn ich um sie werbe.

3. Ein angemessenes homiletisches Verfahren hätte die Funktion des Textes in der Predigtarbeit klar zu präzisieren und gegenüber der bisherigen homiletischen Theorie neu zu bestimmen. Die bisherige Theorie räumt dem Text, der Perikope und der exegetischen Arbeit an der Perikope in einem so hohen Maße den Primat in der Predigtarbeit ein, daß sich die Predigtarbeit für manche in der exegeti­schen Bemühung um die Perikope in ihrem Kontext nahezu erschöpft. Hermann Diems These, daß der Prediger, dem sich in der Exegese der Text als Kerygma vom Handeln des dreieinigen Gottes erschlossen hat, nun vom Zeugnis des Tex­tes sich einfach tragen lassen könne, und zwar doch wohl zur Predigt hinübertra­gen, wie ein Schwimmer sich vom Strom tragen läßt, ist nur ein Beispiel.

Zunächst ist festzustellen, daß der exegetische Anspruch, obwohl etwa bei Jo­hannes Wolf durchaus so begründet, daß er den Prediger von allzu steilen Vor­stellungen über seinen Auftrag entlasten und ihm eine klare, erfüllbare Aufgabe stellen soll, faktisch die Pfarrer bei dem derzeitigen Stand der Exegese total über­fordert. Sie wissen, was Exegese sein und leisten müßte, und erfahren doch von Woche zu Woche, wie wenig sie dem zu entsprechen vermögen. Die Frage, wie viele Prediger im Gedränge des Alltags selbst auf die eigene Übersetzung aus dem Urtext verzichten – und nicht nur bei alttestamentlichen Texten -, gehört so sehr in die Intimsphäre eines Theologen, daß noch nicht einmal, soweit ich weiß, re­ligionssoziologische Untersuchungen sie bisher zu stellen gewagt haben. Könnte man sie stellen, das Ergebnis würde erschreckend sein. Faktisch wird der Predi­ger durch den exegetischen Anspruch den Spezialisten in die Arme getrieben, den Kommentatoren und Verfassern von wissenschaftlichen Meditationen, die ihm das komplizierte Material aufbereiten und mehr oder weniger, oft weniger, ver­ständlich machen. Dagegen wäre an sich gar nichts einzuwenden, wäre da nicht der Anspruch, daß man nur durch intensive eigene Exegese zu einer verantwort­baren Predigt kommen kann. Dieser Anspruch macht dem Pfarrer, da er ihm in der Regel nicht zu genügen vermag und da er ganz genau weiß, wie schwach seine Predigten oft sind, das Gewissen außerordentlich schwer, und die dadurch entste­hende Dauermalaise macht ihn dann auch unfähig, für seine Predigt in die Waag­schale zu werfen, was er nun wirklich hat: Kenntnis seiner Gemeinde, Zeitgefühl, Liebe zu ihr, und die Phantasie, die eine Funktion der Liebe ist. Die Analyse mo­derner Predigten (etwa die in Dietrich Rösslers Aufsatz im Eröffnungsheft der Theologia Practica) ergibt zudem, daß selbst sehr erfahrene Exegeten in ihrer Pre­digt erstaunlich wenig Gebrauch von ihrer intimen Kenntnis des speziellen Pro­fils eines Textes machen. Ob ihre Predigten gut sind, und sie sind ja oft sehr gut, auch im Sinne unserer Bestimmung des Predigtauftrags, entscheidet sich nur in ganz geringem Maß an der zünftigen Exegese des Einzeltextes; ins Gewicht fällt viel mehr die große interpretatorische Erfahrung, in der sich die Kenntnis der Überlieferung mit der Reflexion auf ihre Übersetzbarkeit und also mit einem ge­schärften Zeitgefühl verschränkt. Der übersteigerte exegetische Anspruch an den Prediger gehört zu den unsere kirchliche Gegenwart außerordentlich belastenden Unredlichkeiten. Er dürfte zudem einer der Gründe dafür sein, warum so viele Pfarrer eine immer größere Animosität gegen die sogenannte moderne Theologie entwickeln. Nicht die Thesen dieser Theologie als solche sind das Ärgerliche, sondern die Tatsache, daß sie die eigentliche Übersetzungslast immer mehr auf den Prediger abschiebt und ihm zugleich die Übersetzungsmöglichkeiten, die er hat, immer verdächtiger macht und die Übersetzungshilfe, auf die er angewiesen ist, notorisch schuldig bleibt.

Auszugehen wäre in einem neuen homiletischen Verfahren von der be­grenzten Funktion, die der Einzeltext und seine Exegese in der Predigtarbeit haben. Gefragt ist der Prediger in seiner homiletischen Situation keineswegs nach der Relevanz seiner Perikope. Als historischer Text ist sie Zeugnis des Relevantwerdens der christlichen Überlieferung in einer ganz bestimmten, vergangenen Situation und als solche völlig irrelevant für das Hic et Nunc. Gefragt ist der Prediger in seiner Situation nach der Relevanz des Verhei­ßungsgeschehens, das in der christlichen Überlieferung und vor allem in ihrer ursprünglichen, normativen Gestalt, den biblischen Texten, bezeugt ist und das in einer ganz bestimmten Weise unter dem Verdacht der Irrelevanz steht. Aber die christliche Überlieferung, das biblische Zeugnis, das Verheißungs­geschehen ist kein sinnvoller Gegenstand der Interpretation im einzelnen ho­miletischen Akt. Es gibt keine Generalformel für die Fülle der Glaubensüber­lieferung, auch keine biblische, auch keinen Lehrtest der Kirche, der nicht alsbald wieder die detaillierte Interpretation herausforderte. Und selbst wenn es möglich wäre, im einzelnen homiletischen Akt das Ganze des christlichen Glaubens zu verantworten, so wie der Prediger es nach seinem Verständnis vermag – die homiletische Situation ist nicht dadurch zu klären, daß der Pre­diger dieses sein Verständnis repetiert. Denn sofern er teilhat an seiner Hö­rergemeinde, und in dem Maße, in dem er teilhat, ist ja mit dem Verständnis der Gemeinde auch sein Verständnis vom christlichen Glauben in die Krise, in den Verdacht der Irrelevanz geraten.

Darum bedarf er des Textes, des einzelnen biblischen Textes, der Perikope.

  1. Der Text verfremdet das, was sich von selbst versteht und nun als selbstver­ständlich in Zweifel geraten ist. In seiner Fremdheit und Besonderheit erzwingt er die Überprüfung des Selbstverständlichen.
  2. Der Text, in seiner durch seine historische Situation herausgeforderten Be­sonderheit, profiliert die Überlieferung des Glaubens und das Ereignis ihres Relevantwerdens für das Leben bestimmter Menschen. So ermöglicht und er­zwingt er die Konkretion der Rede, gibt ihr eine bestimmte abgrenzbare The­matik.
  3. Der Text ermöglicht der Hörergemeinde die kritische Distanz gegenüber dem Zeugnis des Predigers und diesem selbst die Kontrolle seiner Rede, seiner homiletischen Einfälle, seiner Formeln, seiner Bilder, seiner Urteile hinsicht­lich ihrer Überlieferungsgemäßheit. Er zwingt den Prediger sich selbst, seiner Kirche und seiner Gemeinde gegenüber zur Rechenschaft über das, was er sagt, und die Gründe, warum er es so und nicht anders sagt.

All das aber bedeutet in keiner Weise die absolute Herrschaft des Textes und der Exegese über die Predigt. Seine verfremdende, profilierende und kontrollie­rende Funktion übt der Text auch da aus, wo der Prediger im mehrfachen Ab­schreiten des Verstehenszirkels zwischen Text und Situation zu der Erkenntnis kommt, daß er nur bestimmte Elemente des Textes in sein Zeugnis aufnehmen kann, andere aber vernachlässigen muß, oder daß er über die Thematik des Tex­tes hinausgreifen oder daß er womöglich in einem bestimmten Sinn gegen den Text predigen muß. Auf jeden Fall differenziert sich dem Prediger in der exege­tischen Beschäftigung mit dem Text das Verheißungsgeschehen selbst von der besonderen historischen Gestalt seines Relevantwerdens, wie sie sich im Text dokumentiert, ohne daß er beides säuberlich voneinander trennen könnte und dürfte. Die Differenz, die da sichtbar wird, ermöglicht ihm eine begründbare homiletische Kritik an seinem Text. Er ist ja nicht Zeuge des Textes, sondern Zeuge des Verheißungsgeschehens, er hat nicht das alte Wort des Textes nachzu­sagen, sondern das neue Wort zu wagen, das jetzt und hier notwendig ist. Daß er es nicht unbegründet und unkontrollierbar sagt, dafür sorgt die Textbindung. Daß er es in persönlicher Haftung riskieren muß, kann ihm kein Text ersparen.

4. Ein neues Verfahren hätte, das ergibt sich schon mit dem letzten Punkt, die Funktion des Predigers als Interpret und Zeuge klar zu definieren, auch hinsichtlich seines unentbehrlichen Beitrags als Person, als Individualität mit ihrer besonderen Begabung, Begrenzung und Ausbildung, mit ihrer Schlüssel­rolle im Beziehungsfeld der Gemeinde.

Was dieser Beitrag wiegt, entscheidet sich natürlich vor allem außerhalb des homiletischen Auftragsfeldes im engeren Sinn, zum Beispiel am Grad der Parti­zipation des Predigers an seiner Gemeinde, ihrem persönlichen, gemeindlichen und ihrem Zeitgeschick und an der Weise, wie die sonntägliche Predigt sinn­voll zusammengeordnet ist mit anderen Kommunikationsbemühungen, mit den Veranstaltungen des Kinder-, Jugend- und Gemeindekatechumenats, inwieweit sie sich aus diesem Wirkungszusammenhang speisen und in ihn wiederum fort­setzen kann.

In der Predigtarbeit selbst ist es vor allem der Einfall und seine sprachliche Ausführung und Ausformung, wo die Individualität des Predigers voll zum Zug kommt und kommen muß. Zwar kommt der Einfall nicht unverhofft, er entsteht bei dem mehrfachen Abschreiten jenes hermeneutischen Zirkels zwi­schen Text und Situation als intuitive Wahrnehmung einer Möglichkeit der Anordnung und Auswertung des dabei gewonnenen Materials für die Predigt. Aber er ist eben doch ein Ergebnis der Intuition, der interpretatorischen Phan­tasie, er kommt oft überraschend und hat etwas Schöpferisches. Eben darum bedarf er der Kontrolle, er muß verantwortbar sein gegenüber dem Text und im Hinblick auf die Person des Predigers: der Prediger muß das ausführen können, was ihm da eingefallen ist; was er jetzt sagen will, muß ihm zu-stehen (Kom­petenz), es muß ihm wohl anstehen (Glaubwürdigkeit und Redlichkeit) und es muß ihm stehen (Takt und Geschmack). Ein homiletisches Verfahren, das der gegenwärtigen Auftragslage entspricht, müßte seiner ganzen Anlage nach Mut zum Einfall machen und Methoden zu seiner Prüfung darbieten.

Es müßte schließlich im Hinblick auf die Ausführung der Predigt das ver­schüttete Erbe der Rhetorik, mindestens die Fragestellungen der klassischen Rhetorik, aktualisieren. Denn die Predigt ist ein Verständigungsauftrag und als solcher angewiesen auf den kontrollierten Einsatz aller sprachlichen Einwirkungsmöglichkeiten, genau wie der Religionsunterricht und andere Kom­munikationsbemühungen der Kirche. Das Erbe der Rhetorik wird heute vor allem von den Massenmedien verwaltet; von ihnen wird man lernen müssen bei sorgfältiger Unterscheidung der Situationen und in der Schule der Wissenschaf­ten, die das Kommunikationsproblem untersuchen: Soziologie, Sozialpsycho­logie, Psychologie, Kybernetik, Informationswissenschaft.

Das entscheidende Mittel zur Schulung der Prediger im verantwortlichen Umgang mit der Sprache ist die methodische Predigtkritik. Es gehört mit zu den Folgen eines dogmatisch überfrachteten und überhöhten Predigtbegriffs, daß die Predigtkritik außer im homiletischen Seminar so gut wie überhaupt nicht geübt wird, weder in der Gemeinde noch in den Pfarrkonventen und Pas­toralkollegs noch in wissenschaftlicher Bemühung. Infolgedessen fehlt es auch völlig an Kriterien, die dem Pfarrer wenigstens die Selbstkritik ermöglichten. Das gesuchte homiletische Verfahren hätte hier eine seiner wesentlichen Funk­tionen.

Natürlich könnte man im Zusammenhang der Frage nach der Rolle der Indi­vidualität des Predigers noch sehr viel radikaler vorgehen.

Man kann und man muß wohl fragen, ob tatsächlich jeder Pfarrer von der Kirche verpflichtet werden kann, zu predigen. Jeder Pfarrer hat teilzunehmen an dem Gesamtauftrag der Kommunikation des Evangeliums in der Fülle der parochialen und transparochialen Herausforderungen. Aber gibt es irgendeine zureichende Begründung für die Forderung, jeder Pfarrer müsse dies, trotz sei­ner ganz andersartigen Begabung, in der Weise der sonntäglichen Predigt tun?

Die im monopolistischen parochialen Pfarramt konzentrierten Funktionen be­ginnen sich zu differenzieren. Es gibt Pfarrer, deren Hauptbegabung der Unter­richt ist, andere, die die Gabe der Seelsorge haben, andere mit einem organisato­rischen Talent, andere, die die geborenen Makler, die geborenen Vermittler zwi- sehen verschiedenen Problembereichen, Interessen, Sachkenntnissen – etwa an einer Evangelischen Akademie – sind. Und es gibt Pfarrer mit einer speziellen rhetorischen und interpretatorischen Begabung. Warum dem nicht Rechnung tragen? Warum nicht die Tatsache, daß sich längst eine Differenzierung kirchlicher Stützpunkte nach ihrer Funktion in der Umwelt ankündigt (Frank­furt am Main – Nordweststadt), positiv aufnehmen und einige von ihnen in zen­traler Lage als Zentralkirchen, als spezielle Predigtkirchen ausbauen mit Teams von Pfarrern und Laien, deren besondere Aufgabe eben die Vorbereitung und verantwortliche Durchführung von Predigtgottesdiensten ist? Warum nicht wenigstens diejenigen Pfarrer, die eine besondere Begabung und Erfahrung im Umgang mit den Massenmedien haben, einer rigorosen Spezialausbildung unterwerfen und von allem anderen entlasten? Die Reichweite dieser Medien würde das mehr als rechtfertigen. Aber das traditionelle Verständnis des Pfarr­amtes macht solche Spezialisierungen gegenwärtig offenbar unmöglich.

5. Ein neues homiletisches Verfahren müßte den Prediger bei der Einsicht festhalten, in welchem Maße er heute auf das kontinuierliche Gespräch mit dem Hörer angewiesen ist.

Er braucht das Gespräch mit dem Hörer zur Vorbereitung seiner Predigt, denn nur durch den Hörer gibt sich ihm die Situation zu erkennen, die seine Predigt herausfordert.

Er braucht das Gespräch mit dem Hörer vor allem auch, um möglichst genau zu wissen, mit welchem Vorverständnis von der christlichen Überlieferung in Gestalt des Textes die Hörergemeinde ihm gegenübersitzen wird.

Beide Erwägungen nötigen zur Einrichtung von Predigtvorbereitungskrei­sen in den Gemeinden.

Der Prediger braucht das Gespräch mit dem Hörer im Anschluß an die Pre­digt, in der Konsequenz seiner Predigt, um sich zu vergewissern, wie weit er sich verständlich gemacht, was seine Predigt ausgerichtet und angerichtet hat. Der Sonntagsgottesdienst gibt der Gemeinde keine Möglichkeit, das kritische Amen zur Predigt zu sagen, von dem 1. Kor. 14 die Rede ist. Der Prediger muß es sich verschaffen, schon um seiner homiletischen Selbstkritik willen.

Vor allem aber muß er es sich verschaffen um der Gemeinde willen. Geht es bei der Kommunikation des Evangeliums um die verständliche Bezeugung der Relevanz der Überlieferung des Glaubens für das Hic et Nunc, dann ist die sonntägliche Predigt in ihrer Isolierung prinzipiell nicht ausreichend zur Er­füllung des Kommunikationsauftrags. Die sonntägliche Predigt kann, trotz al­ler Bemühung um Situationsgemäßheit, niemals etwas anderes als das »Wort für alle«, das »Wort für viele«, also ein allgemeines, in der notwendigen Konkretion behindertes Wort sein. Sie muß also, davon war ja schon die Rede, durch wei­tere Stufen der Interpretation ergänzt werden, den Katechumenat, das mutuum colloquium und das Einzelgespräch.

Ziel dieser von der Predigt ausgelösten und zur Predigt zurückführenden Gespräche ist das Relevantwerden der christlichen Überlieferung für die spe­zielle Lebenssituation, die spezielle Auftragslage des einzelnen Hörers in seinen gesellschaftlichen Gruppierungen, die Diaspora des Glaubens. Gefragt ist letzt­lich nach Christus als der endgültigen Verheißung, der Verheißung also auch meines alltäglichen Daseins, auf die hin ich als Glaubender in Liebe und Hoff­nung mit meiner Umwelt umgehen, sie ertragen und verändern kann. Die Pre­digt kann nie etwas anderes sein als ein Gesprächsgang in dem Versuch einer Antwort auf diese Frage. Und ob sie ein sinnvoller Gesprächsgang ist, entschei­det sich daran, in welchem Maße sie aus dem Gespräch erwächst und wiederum ins Gespräch hineinführt.

6. Das homiletische Verfahren muß hantierbar sein. Es gibt eine ganze Reihe von durchaus positiven Anweisungen zur Predigtarbeit, sowohl innerhalb der praktisch-theologischen Tradition der Dialektischen Theologie als auch jen­seits dieses Ansatzes. Sie haben alle, wie mir scheint, eines gemeinsam: sie rech­nen damit, daß der Pfarrer sich zwei oder drei Arbeitstage lang intensiv mit seiner Predigt beschäftigen kann. Der Pfarrer kann das nicht, und er wird es angesichts der zurückgehenden Bedeutung des sonntäglichen Gottesdienstes immer weniger können und dürfen. Das ist ja einer der Gründe, warum die ver­breiteten und mindestens zum Teil sehr guten wissenschaftlichen Meditationen faktisch für viele eine geringe Hilfe sind und manchmal sogar eine negative, entmutigende Wirkung haben. Sie würden nur helfen, wenn sie wirklich an­geeignet werden könnten. Und das allein würde in der Regel einen ganzen Ar­beitstag und mehr erfordern. Und dann ist für die Ausformulierung der Predigt ja noch gar nichts getan.

Appelle nützen nicht, sie machen nur das Gewissen schwer. Daß der Pfarrer so wenig Zeit für seine Predigt hat, liegt nicht an seinem bösen Willen, an sei­ner Trägheit, an seiner Resignation, an seiner falschen Zeiteinteilung, an seiner mangelnden Einsicht in das Wesentliche – das alles sind ja erst Folgen der Über­forderung -, sondern es hat strukturelle Gründe. Sein Amt ist, angesichts der exzentrischen Lage der Kirche in der Gesellschaft, dysfunktional geworden. Er kann nicht

zugleich einer volkskirchlichen Mitgliederschaft dienen, deren Teilnahme zwar abnimmt, deren Ansprüche aber gestiegen sind, einfach weil die Zahlen gestiegen sind,

und zugleich einer vereinskirchlichen Gemeinde, die ein intensives Binnenle­ben zu führen wünscht, zu seiner Aufrechterhaltung aber überall – darin noch ganz volkskirchlich – die Initiative des Pfarrers verlangt,

und zugleich einer Kirche für andere, die vorläufig nicht existiert,

obgleich der Pfarrer in der Regel über genug Phantasie verfügt, um zu be­greifen, welche Verheißung und welche zwingende Kraft dieses Konzept von Kirche hat. Man kann aus diesem Nicht-Können den Schluß ziehen, die ganze Position Ortsgemeinde mit ihrer Zentralfunktion, dem Sonntagsgottesdienst, sei erledigt und sinnlos. Aber der notwendige Wandel der Kirche im Wandel der Zeit ist, wenn man nicht völlig den Reißbrettentwürfen verfällt, eine Frage ver­antwortlich geleisteter Übergänge. Einer der Orte, an denen der Übergang fäl­lig und, wie ich glaube, möglich ist, ist die Ortsgemeinde. Und das Übergehen wird nicht zustande kommen ohne die Predigt, die nun einmal im Leben der Gemeinden eine wesentliche Bedeutung hat.

Gesucht ist ein neues homiletisches Verfahren. Es muß in der Realität ge­meindlichen Lebens hantierbar sein. Es muß die Freude am Predigen fördern.

IV. Thesen zur Aufgabe der Predigthilfe

1. Predigt ist formal gesehen ein Auftrag zur Kommunikation. Sie ist Mitteilung an den Hörer, die auf sein Einverständnis und seine Einwilligung zielt. Sind Einverständnis und Einwilligung dabei als Akte persönlicher Entscheidung letztlich unverfügbar, so setzen sie doch allemal Verständigung voraus. Für das Gelingen solcher Verständigung sind die Kommunizierenden voll verantwort­lich.

Verständlichkeit der Predigt ist daher unabdingbares Kriterium ihrer Auf­tragsgemäßheit. Das bestimmt die Vorbereitung der Predigt in allen ihren Phasen.

2. Inhaltlich gesehen ist Predigt bezeugende Interpretation der biblischen Überlieferung. Dem Hörer soll verständlich bezeugt werden, wie ihn das in der Bibel bezeugte Geschehen in seiner gegenwärtigen Situation angeht und trifft, zum Glauben befreit und zum Gehorsam ermutigt. Er selbst soll durch die Pre­digt davon Zeuge werden, wie Jesus Christus gegenwärtig »Herr der Situation« ist, d.h., wie der Glaube an Christus des Hörers Situation erhellt, klärt, ver­ändert und mit Verheißung erfüllt. Wo es gelingt, die biblische Überlieferung mit der gegenwärtigen Situation des Hörers zu »ver-sprechen«, ist dem Predigt­auftrag Genüge getan.

Predigt gleicht also einem Lichtbogen zwischen zwei Polen: Tradition und Situation, Geschichte und Gegenwart, Botschaft und Bezeugung sind Korrelate und gehören untrennbar zusammen. Der Prediger steht vor der Aufgabe, eine verständliche Aussage darüber zu machen, wie »Christus jetzt und hier für den jeweiligen Hörer Herr der Situation« ist.

3. Der Hörer in seiner Situation ist der Zielpunkt des Weges, den der Predi­ger zu gehen hat. Es genügt nicht, biblische Texte zu interpretieren und dann mehr oder weniger unkontrolliert und ungezielt zu applizieren. Der heutige Hörer steckt ebensowenig im Text wie seine gegenwärtige Situation. Die Frage nach dem Hörer und seiner Situation hat daher selbständigen Rang neben und in der Regel (zeitlich, wenn auch nicht theologisch) sogar vor der Frage nach der Überlieferung (zum Beispiel bei der Kasualrede).

Die Betonung der »Was-Frage« darf nicht länger die spezifisch homiletischen Fragen desavouieren: Wem ist jetzt und hier zu predigen? Durch welche Situa­tion sieht sich die Kirche jetzt und hier zur Predigt herausgefordert? Wozu soll in dieser Situation gepredigt werden? Wie kann in dieser Situation dem beson­deren Hörer verständlich gepredigt werden? Erst diese homiletischen Fragen konkretisieren die »Was-Frage«.

Predigtvorbereitung ist der methodische Versuch, zu einer verständlichen Aussage darüber zu kommen, wie die gegenwärtige Situation die Rückfrage nach der Überlieferung auslöst, wie umgekehrt die Überlieferung diese gegen­wärtige Situation erhellt, klärt und verheißungsvoll macht, wie also Tradition und Situation sich »versprechen«.

4. Predigthilfe ist demnach mehr als Hilfe zur Textauslegung und meditati­ven Aneignung eines biblischen Textes. Sie ist immer zugleich Einweisung in die »homiletische Situation«. Gemeint ist damit diejenige Situation, durch die die predigende Kirche sich jetzt und hier zur Verkündigung herausgefordert sieht.

Die konkrete »homiletische Situation« ist dabei generell nur in Umrissen be­schreibbar. Ihre genaueren Konturen sind nur »vor Ort« erkennbar. Da letzt­lich jeder Hörer in einer spezifischen, nur ihm selbst bekannten und erhellbaren Lage ist, bleibt der Prediger auf die Kommunikation mit dem Hörer angewie­sen. Gemeindeglieder, die die Wirklichkeit aus verschiedenen Perspektiven ken­nen, müssen die Rede der Kirche mitverantworten, wenn die Predigt nicht be­ziehungslos und belanglos werden soll. Predigt und Predigtvorbereitung tragen daher prinzipiell dialogische Struktur. Sie sind ein aus dem Dialog erwachsendes und den Dialog wiederum eröffnendes Geschehen. Besondere Arbeitsformen gemeinsamer Predigtvorbereitung, Predigtbesprechung und Predigtkritik in der Gemeinde nötigen sich von daher auf.

5. Die Frage nach dem Hörer oder Hörerkreis, die »homiletische Großwet­terlage« mit ihren allgemeinen Bedingungen des Lebens in den sozialen Be­ziehungsfeldern (Politik, Wirtschaft, Arbeit, Kirche, kulturelles Leben, öffent­liche Meinung usw.), die örtliche Situation, der besondere Anlaß der Predigt, der Kasus – das alles bedingt und bestimmt die speziellen Formen der Kom­munikation. Es zeigt sich daran zugleich die spezielle Schwierigkeit jeder Pre­digthilfe von außen. Denn letztlich sind solche Fragen präzis nur vom einzelnen Prediger zu beantworten.

Predigthilfe kann darum nicht mehr sein als Vermittlung der Impulse, des Materials und der Methoden zur Beantwortung der Frage nach sachgerechter und situationsgemäßer Auslegung. Sie ist Hilfe zur Selbsthilfe.

6. Beim mehrfachen Abschreiten des Verstehenszirkels zwischen Tradition und Situation kommt es zu »homiletischen Einfällen«, von denen schließlich einer als in der Spannung zwischen Text und Situation begründet und darum mehr oder weniger zwingend übrigbleibt. Der Einfall ist kein Offenbarungs­ereignis, sondern ein Durchbruch im Verstehen und zur Möglichkeit des Verständlichmachens. Er ergibt sich nicht direkt aus dem Text, etwa als sein Skopus, sondern aus dem spannungsreichen Aufeinandertreffen von Textverständnis und Situationsverständnis. Ihm folgend wird der Prediger auf jeden Fall nicht den Text nachsprechen, sondern sein eigenes »neues Wort« sagen.

Eben darum bedarf der »Einfall« und der aus ihm folgende homiletische Entwurf der theologischen Kontrolle, und zwar der exegetischen und systema­tischen, aber auch der soziologisch-ideologiekritischen, psychologischen und sprachlichen Kontrolle.

7. Predigthilfe als Hilfe zur Selbsthilfe wird mithin bereitzustellen haben:

  1. Hilfen zum Verstehen der Überlieferung und der homiletischen Situation;
  2. Material und Methoden zur Kontrolle des Einfalls und des homiletischen Entwurfs.

[1] Vortrag bei einer Arbeitstagung zu diesem Thema am 22. September 1967 in Esslingen, abgedruckt in dem gleichnamigen Beiheft I der »Predigtstudien«, herausgegeben von Ernst Lange in Verbindung mit Peter Krusche und Dietrich Rössler, Kreuz Verlag Stuttgart, Berlin 1968, S. 11-46. Wiederabgedruckt in: Ernst Lange, Predigen als Beruf: Aufsätze, hg. v. Rüdiger Schloz, Stuttgart: Kreuz Verlag, 1976, S. 9-51.

Hier der Text als pdf.

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