Über die Ehe. Zweite Predigt (1820)
Von Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher
Was wir so eben gesungen haben, m. a. Fr., hat euch schon gezeigt, daß mir die Seele noch voll ist von dem wichtigen Gegenstände, der uns in der lezten Morgenandacht beschäftigte, und daß ich auch heute noch davon reden werde. Es geschieht aber mit einem wehmüthigen Gefühl, denn als ich mir überlegte, wie es denn wohl jezt unter uns steht mit der Ehe, schien mir als ob unsere christlichen Gemeinen sich diese Frage nicht ohne tiefe Beschämung beantworten könnten. Ich möchte nämlich gleich sagen, wenn dieser Quell wahrer Lebensfreuden unter uns ungetrübt flösse, so könnte es überall nicht so viel Mißvergnügen, Verdruß und Kummer in der Christenheit geben. Denn eine christliche Ehe, wie wir sie uns neulich gezeichnet haben, muß ein so ruhiges Gleichgewicht, eine so unerschütterliche Sicherheit in der Seele hervorrufen, daß auch was etwa andere Verhältnisse störendes und feindseliges herbeiführen, an einer so befestigten Seele gar bald seine Gewalt verlieren würde. Doch leider brauche ich mich nicht auf diese allgemeine Bemerkung allein zu beziehen. Denn wie oft ist es nicht deutlich zu sehen, wie oft wird es nicht geradehin eingestanden, daß das eheliche Leben selbst die unmittelbare Quelle der Unzufriedenheit ist. Und daß wir uns nur nicht mit falschen Trostgründen beschwichtigen, meinend etwa die Unzufriedenheit mache sich immer am meisten laut, das Glück hingegen ziehe sich am liebsten in die Stille zurück, und daher eben geschehe es, daß nicht leicht irgend ein Fall einer gestörten unglücklichen Ehe irgendwo innerhalb ihres geselligen Kreises verborgen bleibe, von den meisten glücklichen Ehen aber spräche niemand, und noch weniger wisse man in welchem Grade sie es seien. Kenneten wir aber alles eheliche Glück, so würden wir uns wundern, wie wenig Unzufriedene und Unglückliche es eigentlich verhältnißmäßig in diesem heiligen Stande gebe. Damit wie gesagt wollen wir uns nicht trösten. Denn wenn auch unser geistiges Wohlbefinden an und für sich als Genuß des Lebens betrachtet sich in die Stille zurückzieht, so kann und darf es sich doch in seiner Kraft nicht verbergen, und es giebt keinen sichreren Maaßstab für den Reichthum und die Fülle des Guten, als den wie wenig Böses daneben aufkommen kann. Auch das könnte ich nicht annehmen, wenn jemand sagte, wo viel Licht ist, da sei auch viel Schatten. Das Christenthum habe uns so sehr erleuchtet über die höhere Bedeutung dieses heiligen Bundes, und es errege dem gemäß so hohe Erwartungen, daß uns nun schon vieles als Unglück und Zerrüttung erscheine, wobei wir noch zufrieden seyn würden ja glücklich, wenn wir geringere Forderungen machten. Denn ich meine, wenn wir Recht hätten einen großen Theil des Mißvergnügens in diesem Stande auf Rechnung eines so geschärften Gefühls zu sezen: so müßte eben dieses geschärfte Gefühl sich auch am meisten kund geben bei dem Anblick jenes Mißvergnügens. Nun fehlt es freilich nicht an herzlicher Theilnahme, wo wir eine unglückliche Ehe sehen; aber die Menge der minder glücklichen und geistig unfruchtbaren wird doch mit mehr Gleichgültigkeit angesehen als einem christlich gereinigten und geschärften Gefühl geziemt und auf die tiefer liegenden Ursachen dieser Mängel wird nicht mit dem Ernst und der Strenge zurükgegangen, wie es wol geschehen müßte, wenn wir von der Heiligkeit dieses Verhältnisses recht durchdrungen wären. Am deutlichsten giebt sich das zu erkennen, m. g. Fr., wenn das Band, welches im Namen der Kirche geschürzt und von ihr gesegnet worden, wieder gelöst werden muß. Wie häufig wiederholen sich nicht noch diese traurigen Fälle! und wie gleichgültig werden sie nicht noch von Vielen angesehen, wie leichtsinnig behandelt, statt daß sie als gemeinsame Schuld mit tiefer Beschämung sollten gefühlt, und das sündliche darin von allen wahren Christen auf das strengste sollte gerügt werden. Wie nun hieraus am klarsten hervorgeht, daß wir über diesen heiligen Gegenstand noch nicht denken und fühlen wie wir sollten: so möge auch unsere heutige Betrachtung hiebei vorzüglich verweilen.
Text. Matth. 19, 8.
Er sprach zu ihnen, Moses hat euch erlaubt zu scheiden von euren Weibern von eures Herzens Härtigkeit wegen; von Anbeginn aber ist es nicht also gewesen.
Dies sind Worte des Erlösers aus einem Gespräch durch die Frage der Pharisäer veranlaßt, ob es auch erlaubt sei, daß der Mann sich scheide von seinem Weibe aus irgend einer Ursache. Nachdem nun Christus sich unumwunden dagegen erklärt hatte, was Gott zusammengefügt, das solle der Mensch nicht scheiden, und nachdem ihm war eingewendet worden, Moses habe es doch erlaubt; so gab er die eben gelesene Antwort, begleitet von andern strengen Worten deren ihr euch wohl erinnern werdet. Wo wir nun die Rede des Herrn so deutlich vor uns haben, da können wir nicht mehr zweifeln oder streiten, sondern müssen nur suchen, sie vollkommen zu verstehen, und eben dadurch sie unsern Herzen recht tief einzugraben. So machen wir es denn heute zum Gegenstand unserer Betrachtung:
Was von der Auflösung der Ehe unter Christen zu halten sei.
Wir halten uns dabei an die Worte des Erlösers, und fragen
Erstlich, welches sind denn die Ursachen, wodurch sie veranlaßt wird; und
Zweitens, wie steht es um unsere Befugniß dazu.
I. Wenn wir uns nun bei der ersten Frage, durch was für Ursachen die Auflösung der Ehe veranlaßt worden an unsere Erfahrung halten wollen, und an die Art wie dergleichen Fälle gewöhnlich dargestellt werden, so könnten wir so mannigfaltige anführen, daß der Sache kein Ende zu finden wäre; halten wir uns aber an die Worte Christi: so giebt dieser nur eine an, nämlich die Härtigkeit des Herzens. Freilich thut er dieses nur, indem er in den Sinn Mosis des alten jüdischen Gesezgebers eingeht, und man könnte zweifeln ob nicht zu unserer Zeit und in unsern ganz abweichenden Verhältnissen, mit Recht noch ganz andere und vielleicht eher zu entschuldigende oder gar zu rechtfertigende Gründe könnten angeführt werden. Allein es wird uns doch ziemen bei den Worten Christi stehen zu bleiben, und je mehr wir sie in Verbindung mit seinem Grundsaze betrachten, das was Gott zusammengefügt hat, der Mensch nicht scheiden solle, um desto deutlicher werden wir sehen, daß in jedem Falle einer solchen Scheidung die Härtigkeit des Herzens vorausgesezt werden muß. Zweierlei nämlich hat Gott unmittelbar zusammen gefügt, die Glieder eines Hauswesens und die verschiedenen Hauswesen eines Volkes. Denn jeder Mensch wie er sich seiner bewußt wird, findet er sich in einem Hauswesen unter Eltern und Geschwistern, und das ist nicht sein Werk, sondern es ist von Gott; und jedes Hauswesen, welches sich einen Raum suchen will, wo es sich baue, findet ihn in der Mitte seines Volkes und unter dessen Schuz, und das ist auch nicht jedesmal besonders gemachtes Menschenwerk, sondern Ordnung und Einrichtung von Gott, wozu der Trieb in das menschliche Herz gepflanzt ist. Wenn also einer willkührlich sein ganzes Leben von dem seines Volkes trennt: muß nicht in seinem Herzen ein Mangel sein an Gefühl von dem Werthe dieses von Gott geordneten Zusammenhanges? und dieser Mangel ist eben eine Verhärtung des Herzens. Wenn Kinder sich freventlich von ihren Eltern trennen, wenn Geschwister gegen einander kalt werden und fremd, die Veranlassung sei welche sie wolle: werden wir nicht einstimmig sagen, Härtigkeit des Herzens müsse doch dabei zum Grunde liegen? Und wenn diejenigen sich von einander trennen, die Gott zusammengefügt hat, um in jenen beiden ewigen Ordnungen des Zusammenhanges das menschliche Geschlecht zu erhalten, die er zusammengefügt hat nach demselben Gesez wie die ersten Eltern aller: wenn diese sich trennen soll es anders sein? Das wird wol niemand behaupten wollen. Aber darin werden wir hoffentlich einig sein, daß, da alles was Gott durch die Sendung seines Sohnes an uns gethan hat, dahin abzweckt jede Härtigkeit des menschlichen Herzens zu erweichen, alles kalte wieder zu erwärmen, alles abgestorbene zu beleben, uns Christen es weit weniger zukommen kann uns etwas zu gestatten um der Härtigkeit des Herzens willen, und daß wir uns eines solchen Bedürfnisses wegen gar hart anklagen müssen. Laßt uns daher nur diese Härtigkeit des Herzens uns näher vor Augen bringen, um zu sehen wie alles, was bei uns die Trennung der Ehe vorzubereiten und einzuleiten pflegt, darauf zurückkomme.
Und hier muß ich zuerst eine in der Gesellschaft weit verbreitete und unter allen Ständen nicht seltene Härtigkeit des Herzens als den ersten Grund vieler Unzufriedenheit im ehelichen Leben anklagen. Jede Ehe unter uns, der Ausnahmen sind wohl zu wenige um ihrer besonders zu gedenken, ruht auf einem Beruf in der bürgerlichen Gesellschaft, der für das Bestehen des Hauswesens Gewähr leistet; aber in beiden zusammengenommen soll auch der Mensch seine volle Befriedigung finden. Das thut auch jeder, der beides gehörig zu würdigen weiß. Wenn der Mann in seinem Berufe arbeitet, damit er habe um die Seinigen zu ernähren und dem Dürftigen mitzutheilen; wenn er den Ansprüchen, die das Gemeinwesen, dem er angehört, an seine Thätigkeit macht, genügt, und an der Anordnung des häuslichen Lebens den ihm gebührenden Theil nimmt: so wird er wol selten nöthig haben noch andere Geschäfte aufzusuchen. Dasselbe gilt von der Frau, wenn sie die Kinder erziehen, und das Hauswesen, mit den Erweiterungen desselben die aus den natürlichen Verhältnissen entstehen, in Ordnung halten will. Aber nicht nur von Seiten der Thätigkeit sondern auch von Seiten des Lebensgenusses sollen beide Theile sich hiedurch befriedigt fühlen. Welche reiche Quelle von Freuden in dem Anschaun ihrer gegenseitigen Arbeiten, in den Ergießungen ihres Herzens darüber, in der Kenntniß, die jeder Theil von dem besondern Gebiete des andern nimmt, in dem gedeihlichen Leben mit ihren Kindern, und in dem Antheil den sie Anderen vergönnen an diesem häuslichen Glück. Müssen es nun nidit verhärtete Herzen sein, unempfänglich für diesen durch die Natur und die Einrichtungen der Gesellschaft ihnen angewiesenen Kreis von Beschäftigungen und Freuden, denen ihr Beruf eine Last wird, welcher sie sich möglichst zu entziehen suchen, und das häusliche Leben ein zu enger Kreis, in dem man sich, auch wie er durch Freunde und Angehörige erweitert wird, doch nicht ohne Ermüdung herumdreht, so daß einer oder beide noch andere Freuden und Erholungen suchen, die außer dem gemeinschaftlichen Kreise liegen, und die nicht beide mit einander theilen? Und wie natürlich entsteht nicht hieraus Gleichgültigkeit und Entfremdung! und wenn entwöhnt von einander jeder durch den andern sich je länger je weniger befriedigt fühlt, wie geringer, an sich unbedeutender, Veranlassung bedarf es dann oft nur, um die Auflösung der innerlich schon zerstörten Ehe herbeizuführen.
Aber wenn es auch bis dahin nicht kommt: so werden es größtentheils wol solche entartete Ehen sein, in denen sich am meisten eine andere Härtigkeit des Herzens entwickelt, die wir nur zu oft an den Eltern wahrnehmen gegen ihre heranwachsenden Kinder. Wenn nämlich die Jugend aus christlichen Ehen unverdorben selbst diesem heiligen Bündniß allmählig entgegenreift; wenn sie nach dem Worte Gottes unterrichtet ist und auf das Bessere achten lernt, was rund umher in der christlichen Gesellschaft geschieht; muß sich nicht in ihr eine heilige Scheu entwickeln in Bezug auf diesen wichtigsten Schritt im Leben? wird sie nicht, je mehr sie sich ihrer selbst bewußt wird, um desto inbrünstiger Gott bitten, sie vorzüglich in dieser Hinsicht zu bewahren und zu leiten, daß sie nicht vom äußeren Schein geblendet ihr besseres Lebensglück muthwillig verscherze? Ja gewiß ist das der natürliche Gang, auf dem auch Gottes Segen ruhen wird. Aber wie verhärtet müssen die Herzen solcher Eltern sein, welche den edelsten Keim aus den Seelen ihrer Kinder anstatt ihn zu pflegen und gegen Ausartung und Uebertreibung zu schüzen, vielmehr gewaltsam herausreißen oder frühzeitig darin ersticken und dafür ein giftiges Unkraut hineinpflanzen? Und geschieht das nicht, wenn Eltern spöttisch oder ernsthaft lehren, es sei eine leere Schwärmerei, daß eine im geistigen Sinn glükliche Ehe das menschliche Herz zufriedenstellen könne, wenn sie lehren? es komme dabei weit weniger auf eine Zusammenstimmung der Gemüther an, um einen innern, als auf eine Zusammenstimmung der Umstände um einen äußern Wohlstand zu begründen. O wieviel unglückliche und verderbliche Ehen, die theils selbst wieder ähnliche hervorbrachten, theils nach langen Leiden wieder aufgelöst wurden, sind nicht geschlossen worden durch solche Herzenshärtigkeit der Eltern, sei es nun daß diese es nur bei allgemeinen Anweisungen solcher Art bewenden ließen, oder daß sie durch bestimmte Ueberredungen mehr oder weniger gewaltsam eingewirkt haben.
Doch freilich nicht selten ist es auch nicht die unmittelbare Schuld der Eltern, sondern freiwillig rennt die Jugend in das Verderben einer ungesegneten haltungslosen Ehe hinein; dann aber ist es ihres eigenen Herzens Härtigkeit. Ist sie empfänglicher für das Geräusch und den Schimmer eitler Freuden als für den reicheren und höheren geistigen Genuß, hat sie mit schon angefüllten Ohren und mit verstocktem Troz das Wort Gottes, dem sie in der christlichen Kirche nicht entgehen konnte, angehört, und fast mit schwurloser Seele und unkeuschem Vorbehalt ihr Wort gegeben beim vollen Eintritt in die christliche Kirche: o dann sind so verhärtete Herzen wol reif, eben so verstockt auch das Wort Gottes zu hören an dem Altäre, wo sie den heiligen Bund der Ehe schließen, und eben so treu los auch da zu schwören, was sie weder verstehen noch zu halten gemeint sind.
Indeß wenn auch auf diese oder jene Weise eine Ehe ist geschlossen worden, die eigentlich nicht sollte geschlossen werden, oder wenn auch durch Verirrungen, welche immer in einem verhärteten Herzen gegründet sind, eine Ehe anfängt Zu kränkeln und zu welken, welche vorher frisch zu grünen und zu blühen schien: so ist noch nicht alles verloren, wenn nicht eine neue Verhärtung des Herzens hinzukommt. Denn ehe, aus welchem Grunde es auch sei, der frevelhafte Wunsch sie aufzulösen entsteht und laut wird: wieviel Augenblicke müssen nicht kommen, wo die verirrten, aber noch nicht allen besseren Regungen abgestorbenen Herzen wehmüthig aufgeregt sind, und jeder Theil mehr geneigt seinen Antheil an dem sündlichen und verworrenen Zustande bußfertig zu bekennen als alle Schuld dem andern zuzuschieben. Wie oft führt nicht das kirchliche Leben solche Augenblicke herbei vornehmlich durch seine Sakramente und seine feierlichen Gedenktage! wie oft müssen sie sich entwickeln bei frohen häuslichen Festen! wie sehr wird die treue Liebe besorgter Freunde und Angehörigen darauf bedacht sein sie zu vervielfältigen! Wenn dann nur einmal in einem solchen Augenblicke einer seine Gleichgültigkeit und Bitterkeit überwindet, wie viel ist dann noch zu hoffen! wie bald wird durch Milde von der einen und Dankbarkeit von der andern Seite aufgeregt die gesunkene gegenseitige Liebe sich wieder allmählig zu heben beginnen, und das aufgelockerte Band sich wieder fester schürzen. O wie manche Ehe mag nach so überstandenem Sturme, glücklicher und segensreicher geworden sein als sie vorher war! dagegen auf der andern Seite, wenn alle Mahnungen und Aufregungen, die Gott selbst in das Leben hineinlegt, vergeblich bleiben, wie sehr muß dann das Herz verhärtet sein, in selbstsüchtiger Ungeduld mit den Fehlern des andern, in selbstgefälliger Verblendung über die eigenen, in sträflicher Gleichgültigkeit gegen die übernommene Pflicht für die Seele des andern vor Gott zu stehen wie für die eigene, und in inneren so wenig als in äußeren Widerwärtigkeiten den Gatten zu verlassen! ja wie muß selbst die allgemeine Christenliebe, die uns gebietet jedem um so mehr mit geistiger Hülfe gewärtig zu sein je näher er uns gestellt ist, ja die allgemeine Menschenliebe, die uns Ruf und Ruhe unseres Nächsten zur Vorsorge empfielt verschwinden und das Herz in gänzlicher Lieblosigkeit verhärtet sein!
Und sage Niemand es gebe Fälle, wo es nicht die Lieblosigkeit sondern die Liebe sei, welche den Wunsch eine unheilbar gewordene Ehe aufzulösen herbeiführt; denn das sind unverzeihliche Täuschungen, oder heuchlerische Vorwände. Soll es die Liebe sein zu dem andern Theil, der etwa glücklicher werden könnte in einer andern Verbindung? Wenn jener der Kranke ist, wer könnte ihn besser pflegen und heilen als du, wenn nur statt dieser falschen auf seine Glückseligkeit gerichteten Liebe die höhere christliche auf seine Heiligung gerichtete in dir wäre; diese aber fehlt dir aus Herzenshärtigkeit. Oder bist du selbst ganz oder zum Theil der Kranke, wer giebt dir das Recht ihn seiner heiligen Pflicht, die du allein ihm nicht aufgelegt, sondern die er vor Gott übernommen hat, leichtsinnig zu entlassen? Ja nur mit verhärtetem Herzen kannst du glauben, dein Gatte könne glücklicher werden als eben durch dich geschehen würde, wofern du dich nur, wie euer Verhältniß es mit sich bringt, ihm wolltest hingeben um dich zu verbinden zu heilen und unter Gottes Beistand zu stärken. Anderes aber, wie man bisweilen hört ein Gemüth das die Zügel verloren hat und unwillig in einem älteren Bande seufzt, könne wieder glücklich werden, wenn man ihm gestatte eine frevelhafte Leidenschaft zu befriedigen, das übergehe ich hier, denn es ziemt uns nicht davon zu reden. — Dann aber soll es wieder die Liebe zu den Kindern sein, welche den Wunsch rechtfertiget eine Ehe aufzulösen, die ihnen nur Streit zeigt und üble Beispiele, wodurch sie immerfort verlezt würden, und nothwendig die Ehrfurcht verlieren müßten, die der erste Grundstein einer gedeihlichen Erziehung ist. Uebel genug freilich, aber woher kommt euch diese Liebe und Fürsorge so spät? Hättet ihr eher einander mit sorglicher Liebe auf die Pfänder eurer Liebe hingewiesen: o das am sichersten hätte eure eigene erstorbene Liebe wieder beleben müssen, und nur indem sich euer Herz auch gegen euere Kinder verhärtete, konntet ihr bis so weit kommen. Fängt es in Wahrheit an sich gegen sie zu erweichen, so wird euch auch gegen einander mild und weich werden, und ihr werdet lieber das verlassene Werk ihrer Bildung mit gemeinsamen Kräften aufs neue beginnen. Und daß sich das so verhält m. Gel.304 könnt ihr daran merken. Wenn nämlich Jemand noch weiter gehn wollte und sagen, es sei vorzüglich die Liebe zu Christo welche dazu rathe jede unwürdige Ehe lieber aufzulösen; denn die Ehe solle ja das Bild sein von Christo und der Gemeine, und deren gegenseitiger Liebe305, welche also das nicht mehr sein könne, die werde besser getrennt, als daß sie unheilig mitten unter heiligem stehe: darüber doch würdet ihr euch alle ereifern, und solchen zurufen, wenn früher Liebe zu Christo in ihnen gewesen wäre, so würden nach einzelnen Fehltritten des einen gegen den andern ihnen Augenblicke frommer Zerknirschung gekommen sein, deren Seegen ihren Bund aufs neue geheiliget hätte; und wenn sie auch das Haupt der Gemeine erst jezt anfingen wahrhaft zu lieben, so würden sie nicht durch lieblose Trennung denjenigen ehren wollen, der auch das geknikte Rohr nicht zerbrechen und das glimmende Tocht nicht auslöschen will.
So ist es demnach von allen Seiten Mangel an Liebe, es ist Här- tigkeit des Herzens irgend einer Art, was den heiligen Bund der Ehe der Auflösung fähig macht und diese vorbereitet; aber frevelhafte Gleichgültigkeit muß das Herz zuvor erfüllt haben, ehe wirklich Hand angelegt wird um das heilige Band zu trennen, und beide Theile müssen, sei es auch oft in sehr ungleichem Maaße, die Schuld theilen. Verhält es sich nun so, und sollte uns daher unter Christen nichts tiefer erschüttern, als die Auflösung des Bundes, der uns das Verhältniß zwischen Christo und seiner Gemeine darstellen soll: so scheint
II. unsere zweite Frage: Was wir von der Befugniß zur Ehescheidung zu halten haben? schon von selbst beantwortet. Denn Er hat uns diese Befugniß nicht gegeben; er sagt, wer sich von seinem Weibe scheidet, ist eben so anzusehn als bräche er die Ehe; denn was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden. Er entschuldigt nur den Moses, der die Auflösung der Ehe erlaubt, er habe es gethan wegen der Herzenshärtigkeit. Unter uns aber, die wir dem angehören, dem das Herz vor Liebe brach, soll es solche verhärtete Herzen nicht geben. Was folgt also, wenn es doch solche giebt? wenn doch bisweilen ein ängstliches Hülfsgeschrei ertönt, daß einer Qual, die nicht zu ertragen ist, ein Ende möge gemacht werden? Was anders, als daß wir geschehen lassen müssen, was wider des Herrn Willen geschieht, daß wir mit wenig Vertrauen auf einen glücklichen Erfolg abwarten und zusehen, ob wol der leidende Theil gesunden wird und sich erholen, wenn er aus dem Zusammenhang mit dem andern befreit wird. Aber daß wir uns allemal von Herzen schämen, so oft ein solcher Fall sich ereignet, über den unvollkommnen Zustand unseres christlichen Gemeinwesens, daß wir uns auf das ernstlichste immer wieder verbinden, theils der Herzenshärtigkeit entgegen zu arbeiten und sie auszurotten, aus welcher entsteht, was so übel gethan ist vor dem Herrn, und vor allem bei der Jugend ihr vorzubauen durch Zucht und Vermahnung zum Herrn; theils aber aller derer die sich in ähnlicher Gefahr befinden uns treulich anzunehmen mit brüderlicher Warnung und Rath aus Gottes Wort, mit Besänftigung und schiedsrichterlichem Wohlmeinen, damit es nicht auch mit ihnen bis dahin komme. Das folgt natürlich, und thun wir das Alle nach bestem Vermögen, so dürfen wir hoffen, daß immer seltener die traurigen Fälle, die eine Zeitlang so ungebührlich überhand genommen hatten, sich ereignen werden, und daß endlich gar nicht mehr von einer Nothwendigkeit die Rede sein wird, das eheliche Band aufzulösen. Und so hätte ich nichts weiter zu sagen, wenn es nicht auf der einen Seite Viele gäbe, die dies grade schätzen als eine größere Freiheit, der sich die Glieder unserer evangelischen Kirche erfreuen, daß diese nicht einzugreifen wagt in die Geheimnisse des häuslichen Lebens, daß sie diejenigen nicht gewaltsam hindert, welche das eheliche Band lösen und ein anderes knüpfen wollen; und wenn nicht auf der andern Seite von Andern eben dieses unserer Kirche zum Vorwurf gemacht würde, daß sie die Ehe nicht so heilig und unverlezlich halte, wie der Herr es geboten. Hierüber nun muß ich meine Meinung noch sagen in wenigen Worten. Moses war für sein Volk nicht nur der Stifter des Gottesdienstes und der heiligen Gebrauche, sondern auch seiner bürgerlichen Verfassung; und es war nur in der lezten Eigenschaft, daß er die Ehescheidung erlaubte um der Herzenshärtigkeit willen, welche er in der ersten Eigenschaft zu bekämpfen suchte. So verhält es sich auch bei uns. Die evangelische Kirche zwar ist in anderen Zeiten und Gegenden anders gestellt gegen die bürgerliche Gesellschaft; aber nirgends ist sie es eigentlich, welche das traurige Geschäft verrichtet das Eheband zu lösen; sondern dies geschieht durch eine von der Obrigkeit eingesezte und mit richterlicher Vollmacht ausgerüstete Behörde. Zu Hülfe gerufen wird die Kirche, oder wo das nicht geschähe würde sie freiwillig hinzutreten, um zu versuchen ob das Mißverhältniß sich nicht heben lasse, ob die Uneinigen nicht könnten versöhnt werden. Ist ihr Bemühen vergeblich, so schweigt sie und trauert; aber nur die weltliche Gewalt ist es welche trennt. Daß aber die Ehe der That nach getrennt wird, die ganze Gemeinschaft des Lebens aufgelöst, und jeder Theil bei dieser Trennung geschüzt gegen den andern, wenn er ihn in dem gewählten Zufluchtsort beunruhigen wollte, das geschieht in allen christlichen Kirchengemeinschaften nicht minder als in der unsrigen, und in der unseren nicht minder als in andern mit tiefem Schmerz und mit dem innigen Wunsch, daß in der Trennung beide Theile gesunden, und wenn sie von ihrer geistigen Krankheit genesen sind, sich zu neuer Liebe vereinigen mögen. Allein freilich ist es ein anderes solche Trennung gestatten, und gestatten, daß die Getrennten mit Anderen einen neuen Bund der Ehe schließen können. Und hier können wir den Unterschied nicht läugnen; solche Verbindungen segnet die römisch-katholische Kirche nicht ein, die unsrige hingegen thut es. Aber indem sie es thut, gehorcht sie der Obrigkeit, und ein anderes ist gehorchen, ein anderes ist billigen. Sie gehorcht in dem Gefühl, es könne wol leicht ein Einzelner zu hart gestraft werden, dessen eheliches Leben mehr durch allgemeine oder fremde Schuld zerstört ward als durch eigene; sie gehorcht, damit nicht die selbstsüchtige Hartherzigkeit, die leidenschaftliche Wildheit verdorbene Menschen zu einer rohen Verbindung hintreibe, die aller göttlichen Ordnung und christlichen Sitte Hohn spricht. Und indem sie so nachgiebt um die rechten christlichen Ehen auch vor unwürdigen Umgebungen zu bewahren, ist sie sich innerlich bewußt, die Ehe nicht minder heilig zu halten als andere.
Wenn aber jemand glauben wollte, diese Möglichkeit, daß einer der sich von seinem Weibe geschieden anderweitig wieder freien und eine Abgeschiedene sich freien lassen könne, gehöre mit zu den edeln Freiheiten unserer evangelischen Kirche, den sollte man für einen auswärtigen halten, denn er ist von dem Geiste dieser Kirche weiter entfernt als man es einem Mitgliede derselben zutrauen darf. Er frage doch die Diener der Kirche, wenn sie im Falle sind eine solche Ehe einzusegnen, mit welcher Freudigkeit des Herzens sie denjenigen die Pflichten christlicher Eheleute vorhalten, die sich schon einmal von ihnen losgesagt haben? welchen Eindruck sie davon erwarten, wenn sie das Bild einer christlichen Ehe denen vorhalten, die es schon einmal durch Unbeständigkeit entweihet haben? mit welcher Zuversicht sie das Ja aus einem Munde hören, der es schon einmal in Nein verkehrt hat? mit welcher Hofnung sie den Wunsch, daß nichts sie scheiden möge als nach Gottes Willen der Tod, denjenigen aussprechen, die sich schon einmal mit frevelnder Willkühr selbst geschieden haben? Doch nicht sie allein, fraget alle die sich am meisten als theilnehmende Mitglieder der kirchlichen Gemeinschaft beweisen, wie wenig Glükweissagendes Mitgefühl sie solchen Bündnissen zuwenden können. Seht, wie schmerzlich das allgemeine Gefühl der Besseren über Leichtsinn klagt, wenn derjenige durch dessen eigene Verschuldung seine Ehe getrennt ist, sich der einsamen Buße entzieht um eine neue zu knüpfen, und wie sehr noch dieses Gefühl geschärft wird, wenn es noch in seiner Macht stände sich die verscherzte Liebe reuig wieder zu erbitten. Ja hat es eine Zeit gegeben, wo die öffentliche Meinung sich lauer und gleichgültiger zu äußern schien über diesen Gegenstand, so war das dieselbe Zeit, wo auch die kirchliche Theilnahme vernachläßigt war, und die Gemeinschaft nur lose zusammenhing; und wo ihr noch ähnliches hört, da werdet ihr es von denen hören, die auch jezt noch unserer Gemeinschaft weniger angehören, und aus Gründen, die unserem Glauben ganz fremd sind. Freisprechen dürfen wir also mit Recht unsere Kirche von dem Vorwurf, daß sie solche neue Bündnisse billige und beschüze, und dürfen hoffen, daß je mehr der Sinn unter uns herrschend wird, der eigentlich der evangelische ist, und je mehr er seinen Einfluß auch auf diejenigen äußert, welche nach ihrem Gewissen die Geseze sowol anzuwenden und zu erklären als auch zu verbessern haben, desto mehr Scheu und Vorsicht werde sich auch zeigen in der gesezlichen Vergünstigung solcher Bündnisse. Denn gewiß, nicht erwünscht sind sie der evangelischen Kirche, sondern in den meisten Fällen schämt sich derselben unser frommer Sinn, und sie erscheinen uns auch nur als eine Sache der Noth um der Herzenshärtigkeit der Menschen willen, und wir wissen es sehr gut, daß der Kirche und der bürgerlichen Gesellschaft Wohl nur hervorgehen kann aus Ehen, welche in ihrem Anfang und Fortgang heilig gehalten sind und Gott wohlgefällig.
Möchte nur die Stimme dieses ächt christlichen Gefühls niemals verstummen vor dem Leichtsinn, der sich hie und da noch laut macht, und ernste Erwägung des heiligen Gegenstandes jeden, der es mit dem Wort und dem Werk Christi redlich meint, zurükbringen von aller Theilnahme an jener leichtsinnigen Ansicht, die gern alles was die Ehe betrifft nur behandeln möchte als eine bürgerliche Angelegenheit! Möchten wir nur mit vereinten Kräften auf alle Weise aller Art von Herzenshärtigkeit entgegenarbeiten, welche die Gottgefälligkeit der Ehe in ihrem Ursprung und ihrem Fortgange gefährdet! Damit alle Ehen, welche die christliche Kirche segnet im Himmel geschlossen seien, und es unter uns keine Macht der Sünde mehr gebe, welche sie zu trennen vermöge. Amen.
Quelle: Friedrich Schleiermacher, Kleine Schriften und Predigten, Bd. 1: Kleine Schriften und Predigten 1800-1820, bearbeitet von Hajo Gerdes, Berlin: Walter de Gruyter, 1970, S. 379-390.