Karl Barths Neujahrsansprache 1962: „Fest sind die Herzen von Menschen, die darauf vertrauen, daß auch alles das, was vermöge unserer menschlichen Torheit heute geschieht und noch geschehen mag, in der festen Hand des gnädigen Gottes seine Grenze und sein Ziel hat. Die festen Herzen solcher Men­schen werden auch im Jahr 1962, was es uns auch bringe — sie wer­den in Ewigkeit standhalten.“

Ein Wort zum Neuen Jahr

Professor Dr. Karl Barth hielt in der Silvesternacht nach Verklingen des Neu­jahrsgeläutes über Radio Beromünster folgende kurze Neujahrsansprache:

Liebe Mitbürger und Mitchristen in der Nähe und in der Ferne!

Laßt uns aufrichtig sein: die Sorge, ja Angst, in der auch wir Schweizer in dieses neue Jahr eintreten, ist, tief in uns verborgen, stär­ker als die guten Wünsche und Hoffnungen, die wir uns ja auch heute, wie gewohnt, gegenseitig zurufen mögen. Der Horizont, der uns heute umgebenden Weltverhältnisse könnte ja kaum dunkler sein. Wird die wilde Bewegung, die die Völker heute ergriffen hat, aufzuhalten sein? Wird es einen Schutz geben vor den Mitteln, mit denen sie sich und uns alle heute bedrohen? Ob unsere Demokratie, unsere Neutralität, unser Wohlstand, unsere Wehrbereitschaft — ob wir alten und jun­gen Schweizer und Schweizerinnen dem Sturm, wenn er, schlimmer als alle früheren losbrechen sollte, standhalten werden?

Ganz sicher werden dann nur feste Herzen standhalten. Fest sind die Herzen von Menschen, die heute nicht hassen, wo die meisten hassen, sondern lieben, wo nur wenige lieben. Fest sind die Herzen von Menschen, denen Geben seliger ist als Nehmen: denen Brot für Brüder bereitzustellen, heute wichtiger erscheint, als, um sich selbst zu verteidigen, nach neuen noch schrecklicheren Waffen zu greifen. Fest sind die Herzen von Menschen, die darauf vertrauen, daß auch alles das, was vermöge unserer menschlichen Torheit heute geschieht und noch geschehen mag, in der festen Hand des gnädigen Gottes seine Grenze und sein Ziel hat. Die festen Herzen solcher Men­schen werden auch im Jahr 1962, was es uns auch bringe — sie wer­den in Ewigkeit standhalten.

Wir haben im vergangenen Jahr eine neue, freilich altbekannte Na­tionalhymne bekommen. Ich meine, daß darin etwas zu viel von Mor­genrot, Nebelmeer, Alpenfirn und dergleichen die Rede ist. Aber ein Satz darin ist gut. Er lautet: «Betet, freie Schweizer, betet!». Der Schweizer, der jetzt betet, ist ein freier Schweizer, hat ein festes und also liebendes, offenes, vertrauendes Herz, das auch 1962 durchhalten wird. Also: Unser Vater im Himmel! Geheiligt werde dein Name! Es komme dein Reich! Es geschehe dein Wille! auf Erden wie im Himmel!

Quelle: Neue Wege. Beiträge zu Religion und Sozialismus 56 (1962), Heft 1, S. 1.

Hier der Text als pdf.

2 Kommentare

  1. in dieses Jahr 1962 voller Sorge und Zukunftsängste wurde ich hineingeboren. Als Kind wusste ich nichts von den Ängsten und Sorgen der Erwachsenen. Ich bin behütet in der Schweiz aufgewachsen.
    Heute weiss ich nur zu gut, wie es um die Welt steht. Wenn ich meine Enkelkinder auf den Armen halte, denke ich oft daran. Ich wünsche ihnen, dass sie erfahren dürfen, dass alles seine Grenzen und sein Ziel in Gott hat und dass ihr Leben durch ihn gehalten ist. Ich hoffe, dass auch sie einmal unsere Landeshymne aus tiefstem Herzen singen können.
    Ich wünsche dir alles Gute und Gottes Segen im neuen Jahr.
    Liebe Grüsse Brig

    1. Vielen Dank für Deine Neujahrswünsche, Deine hintersinnigen Gedanken und die geformten Worte, mit denen Du uns beschenkst. Dir ebenfalls ein gesegnetes neues Jahr.

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