Von Joseph Wittig
Es entspräche wohl evangelischem Brauch, wenn ich zu der Überschrift hinzusetzte: „Lukas 2,10“. Aber ich tue es nicht; ich zitiere nicht Lukas. Das konnte man tun, solange man Lukas glaubte. Ich glaube ihm noch, aber was nutzt mir dies für die, zu denen ich sagen will: Siehe ich verkündige euch eine große Freude. Unter diesen sind viele, die mir mehr glauben als dem Lukas. Sie wollen auch nicht meinem Glauben glauben, aber meinem Worte glauben sie. Lieber Sankt Lukas, der du die wundersamste, heiligste und tröstlichste Geschichte niedergeschrieben hast, die ich je gehört und gelesen, du wirst mir nicht zürnen und wirst auch denen nicht zürnen, die lieber mir als dir glauben. Du hast die Geschichte auch nicht gesehen, sondern hast sie dir erzählen lassen; die Katholiken sagen, von der Muttergottes selber; die Gelehrten sagen, von den Hirten, die sich an ihren Wachtfeuern solche Geschichten erzählten. Aber du versteckst dich auch nicht hinter einem Gewährsmann noch hinter einem Zitat, sondern du sagst einfach, was du weißt. Was du weißt! Weißt du in deinem himmlischen Dasein auch, wie man seit deiner Zeit mit dem Wissen umgegangen ist? Wie unerbittliche Forderungen man unterdessen an das Wissen gestellt hat? Wie es sich legitimieren muß am Grenzübergang zu unserer Seele? Wie es nervös geworden ist und kaum mehr eine rechte Auskunft geben kann? Es ist dem Wissen fast schlimmer ergangen als dem Glauben. Denn den Glauben läßt man uns schließlich als privates Recht, aber wenn wir sagen, daß wir etwas wissen, ach Lukas, wie setzt man uns da zu! Da hat man ganz bestimmte Methoden ausgearbeitet, nach denen wir unsere Aussage rechtfertigen müssen, und es wird uns schließlich alles Wissen abgesprochen außer dem kleinen oder größeren Häuflein, das man als wissenschaftlich erweisbar passieren läßt, von dem aber unsere Seele nicht leben kann, nicht einmal unser Leib. Und doch wissen wir! Wenigstens ich weiß und kann aus meinem Wissen heraus sagen: Siehe ich verkündige euch eine große Freude, die allem Volk widerfahren wird, denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus der Herr, in der Stadt Davids!
Wie es sonst im allgemeinen ist, soll mir gleich sein. Ich selber habe oft erfahren, daß man von mir für das, was ich weiß und was ich sage, keine wissenschaftlichen Beweise verlangt. Bin meistens selber Beweis und Zeugnis genug. Saß ich doch einst mit einem Freunde zusammen, einem Vertreter der „liberalen Theologie“, und sprach mit ihm über die Auferstehung Jesu, ohne mir bewußt zu bleiben, daß ich mit einem liberalen Theologen rede, also auch ohne jede Bezugnahme auf die Stellung der liberalen Theologie zur Frage der Auferstehung Jesu. Wir waren ganz vertieft in das Gespräch, auch der Freund, und erschraken schier, als des Freundes Weib zu reden anhub und sprach: Mann, jetzt tust du so, als ob du an die Auferstehung Jesu glaubtest! Da geriet der Freund außer sich, nachdem er vorher ganz in sich gewesen war und sagte: Zum Teufel noch mal, wenn dieser mein Freund da ist, glaube ich an die Auferstehung Jesu!
Spricht da nicht jemand von geistigem Hochmut, dem ich verfallen sei? Wenn ja, so muß ich mir auch das gefallen lassen. Aber wäre es nicht geistiger Kleinmut, wenn ich meinem heiligsten Wissen und der Zeugniskraft meines Wortes mißtraute, jenes nicht verkündigen, diese nicht bestätigen möchte? Was kann ich dafür, wenn man mich einmal über die Grenze gehen läßt, ohne daß ich meinen Paß vorweisen muß, besonders wenn ich keinen habe, oder wenn man meinem Worte glaubt, ohne wissenschaftliche Beweise zu verlangen? Ich halte dies sogar für einen ganz normalen Zustand.
Es gibt Zustände, in denen es überhaupt kein Wissen und keine Wahrheit und kein Vertrauen mehr gibt und in denen weder Weihnachten, noch Ostern, noch Pfingsten wahr ist. Ich glaube sogar selber schon manchmal in solchen Zuständen gewesen zu sein. Wenigstens habe ich einmal so ausgesehen.
Es war in meiner Studentenzeit oder ich war schon Privatdozent oder Extraordinarius. Es war auch Weihnachten, und ich stellte zu Hause bei der Mutter die Krippe auf, die ich als kleiner Gymnasiast gemacht hatte. Die großen Krippenwerke meines Großvaters und meines älteren Bruders waren entzwei, auseinandergenommen und zum Teil mit meinem Bruder nach Bayern gewandert, zum Teil von mir für meine kleine Krippe verwendet. Im Laufe des Jahres waren Spinnweben über das Bildwerk gezogen; ich hatte mir auch aus Breslau neue Farben und gutes Gold mitgebracht und saß so mit Pinsel und Achat vor der heiligen Gesellschaft, die am Weihnachtsabend das wunderbare Geschehen der Menschwerdung Gottes darstellen wollte. Ich hielt das für eine sehr fromme Beschäftigung, trug ja auch schon, wenn nicht das geistliche, so doch das schwarze Theologengewand. Die Mutter war draußen im Stalle, und auch von meinen Geschwistern war keines in der Stube. Da trat ein Mann herein, der mir aus der Knabenzeit bekannt zu sein schien; er wolle wieder einmal nach meinem Bruder fragen, wie es ihm in München so gehe. Ich rückte ihm einen Stuhl in meine Nähe, denn wenn man gerade Blattgold auflegt, muß man bei der Arbeit bleiben. Er sah mir eine Weile ruhig zu, frug aber dann auf einmal: Sie, glauben Sie das? — Warum nicht? gab ich abwehrend zur Antwort. — Warum nicht? wiederholte er. — Weil Sie nicht zu Hause geblieben sind! Weil sie anders geworden sind! Aber ich sage Ihnen, ich glaube das! Das ist wahr, wahrhaftig wahr — aber nur für die armen Leute, und wenn man so lange auf der Straße ist wie die Heiligen Drei Könige hier, und so lange ganz allein auf dem Felde wie die Hirten hier!
Ich weiß natürlich nicht mehr, wie sich das Gespräch weiter entwickelte. Es hörte sich sicher viel alltäglicher an, als wie ich es hier niederzuschreiben imstande wäre. Auch kam die Mutter herein, und er sagte mir nur noch zum Abschied: Seien Sie mir nicht böse, aber ich weiß, daß das wahr ist; Ihr Großvater, Gott hab ihn selig, hat das auch gewußt!
Wer kann sich vorstellen, daß ich eine solche Rede je vergessen hätte? Wohl nach ihrem Wortlaut, nicht aber nach ihrer überwältigenden Kraft. Schriebe ich Bibel, so würde ich schreiben: Und siehe ein Engel des Herrn trat zu mir und sprach.
Ich bin nun schon wieder über zehn Jahre „zu Hause“, bin kein „anderer“ mehr. Wohl halte ich mich äußerlich „standesgemäß“, innerlich aber bin ich einer von denen, die „so lange auf den Straßen“ und „so lange ganz allein auf dem Felde“ sind. Das Wissen meiner Privatdozentenzeit und meiner Professorenzeit suche ich aufrechtzuerhalten und nach Kräften zu vermehren. Ich weiß seine Größe und auch seine Grenzen und weiß, daß es nicht das einzige Wissen ist. Es türmt sich nur vor uns auf wie eine Bergkette, so daß es uns wie ein einziges erscheint. Ich glaube, daß man von seinem noch nie erklommenen Gipfel auch das ewige Wissen sehen wird, das weit unter uns schon immer die Kinder und die Leute auf den Straßen und auf den Feldern umspült und trägt.
Ich weiß, daß es auf Erden und im Menschenleben Zustände gibt, in denen der Mensch ganz alltägliche Dinge, rational durchaus deutbare Vorkommnisse so biblisch erlebt, daß er sie, falls er sie wie meist nicht ganz verschweigt, nur in jener Wundersprache erzählen kann, die allein die Bibel uns sprechen gelehrt hat. Man muß nur erst „so lange auf der Straße gehen müssen wie die Heiligen Drei Könige“, „so lange ganz allein auf den Feldern weilen müssen wie die Hirten“. Ich kann mir überhaupt nicht denken, wie man ein richtiger, Irdisches und Himmlisches gleichermaßen verstehender und liebender Mensch werden kann, wenn man nicht in einem Stalle bei den Tieren oder wenigstens wie ich in einer Stube mit einem angebundenen Kälblein geboren wird oder wenn der Vater nicht Zimmermann ist oder wenn man nicht wochenlang Schafe, Kühe und Ziegen gehütet hat. Aber das ist wieder mein geistiger Hochmut; es gibt auch Ersatz und Ablösung dieser Vorbedingungen. Freilich dafür scheint es keinen Ersatz zu geben, daß man sich ein wenig am Himmel und in der Sternenwelt auskennen, daß man die Kräfte und Zeichen, die von dorther kommen, spüren können muß, auch dafür nicht, daß man durch irgendwelche große Armut, durch Einsamkeiten und Sehnsüchte hindurchgegangen sein muß — bis zum „Verrücktwerden“, wie man fälschlicherweise auch das Entrücktwerden nennt; auch darf das Tränenkrüglein nicht monatelang leer bleiben.
Vielleicht gehört auch etwas Anlage dazu; ich weiß es nicht, aber man soll sich nicht zu leicht auf fehlende Anlagen ausreden; wir haben alle Anlagen, nur sind einige von anderen überwuchert, z. B. von der Anlage des Verstandes, dieses Beetes, dessen Kraut und Unkraut gewöhnlich den ganzen Garten überwuchert. Man sage aber nicht, daß eine gewisse mystische Veranlagung dazu gehört. Mit Mystik hat dies so wenig zu tun, wie daß ich der Sonne, den Bäumen, den Blumen ins Antlitz sehe, ihre Stimme vernehme, ihre Liebe verspüre. Man braucht vielleicht nur ganz offen, ganz einfach und—ganz arm zu sein, ohne anderes Hab und Gut als die Erde zu Füßen, den Himmel zu Häupten. Denn schon die Quelle am Weg und das Stück Brot in Liebe dargereicht oder in treuer Arbeit verdient sind schon Dinge aus der Welt des ewigen Wissens.
Im Bereich des also angedeuteten Zustandes gibt es noch Botschaften, wie deren eine der Jungfrau Maria in Nazareth wurde, gibt es noch Befehle wie dieser: „Geh’ in das Land, das ich dir zeigen werde“, kommt ein Reisebegleiter, offenbar der Sohn eines bekannten Mannes, in Wahrheit aber der Engel Raphael. Da zieht man nie allein seine Straßen, da steht man nie allein auf den Feldern. Man sieht keine besonderen Gestalten und hört keine besonderen Stimmen, aber man sieht und hört immerfort. Da bestehen auch nicht die an und für sich sehr merkwürdigen Unterscheidungen zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, so zwar, daß die Gegenwart die Vergangenheit, die Zukunft die Gegenwart anfräße, auffräße und endgültig vertilgte. Da sieht sich der arme Mensch auf einmal schon im Himmel, am Thron des unendlich schönen und liebreichen Gottes, obgleich er noch ein gut Stück seines Erdenlebens abwandern muß. Da ist soeben die Zeit, in der Christus der Herr geboren wird. Man sieht zu jedem Lichtlein, das dort von einem einsamen Hause durch die Nacht schimmert, ob dort nicht vielleicht der Stall mit dem Kindlein sei. Die Sternbilder des Himmels gruppieren sich seltsam. Ein Singen und Klingen hebt an in den Lüften. Dort kommen Menschen — es können Hirten sein, die zum Stalle eilen. Es kommen einige Männer im Gespräch. Es sind die Weisen aus dem Morgenlande… Und den Teufeln ist es untersagt, in diese Glückseligkeit des armen Menschen hineinzuschreien: „Das ist ja alles nur Einbindung!“ Es ist eine Einbildung, aber eine Einbildung Gottes in das arme Menschenherz, ebenso wahr wie die Einbildung, die man Welt und Geschichte nennt.
Von meinem Großvater, dem Zimmermann, Weber und Krippenschnitzer von Neusorge, weiß ich noch ein schönes Geschichtlein. Er war befreundet mit dem damals noch jungen Pfarrer Heinisch in Schlegel, der auch jenen Zustand kannte, denn er war ein sehr armer Junge gewesen, und als Mann hatte er einen großen Kummer, weil ein Krebsgeschwür sein Auge bedrohte. Zu ihm mußte der Großvater manchmal noch nach Feierabend, denn es hieß im Pfarrhofe unter Abwandlung des bekannten Spruchs: Der Zimmermann in Neusorge erspart die Axt im Pfarrhaus. Das eine Mal zur Weihnachtszeit sollte der Großvater den Christbaum im Pfarrhaus in Ordnung bringen, d. h. seinen sehr unregelmäßigen Wuchs durch Einbohren neuer Äste und Zweige korrigieren. Da kam nun der Großvater und hatte irgend etwas Leuchtendes im Auge. Der Pfarrer hob lächelnd seinen Finger und sagte: Johann Nepomuk, Ihr habt wieder in der verbotenen Bibel gelesen! Von dieser verbotenen Bibel, dem Heiligtum meiner Bücherei, habe ich schon genug in meinem „Herrgottswissen“ erzählt; dem Pfarrer war es nicht so ganz schrecklich ernst damit. Nein, antwortete der Großvater, das habe ich heute gar nicht nötig. — Warum nicht? fragte der Pfarrer. — Erstens, weil ich das zweite Kapitel des Lukasevangeliums auswendig weiß; ich habe es mir heute schon zweimal hergesagt, denn ich stelle doch wieder meine Krippe auf! —Und zweitens? forschte derPfarrer weiter.—Und zweitens habe ichjetzt doch alles auf dem Wege ins Dorf erlebt.
Im weiteren Verlauf des Gesprächs kamen sich Pfarrer und Zimmermann überein, daß das Wort Gottes nicht mehr bloß allein in erlaubten oder verbotenen Büchern stehe, sondern daß es in jahrhundertelangem Glauben von der Erde eingesogen sei wie Sonnenlicht, und daß es besonders nächtlicherweise aus der Erde widerstrahle. Man kann zu Weihnachten kaum über die Winterlandschaft der Glatzer Berge schreiten, ohne das ganze Weihnachtsevangelium des heiligen Lukas zu vernehmen. Da heißt es auch nicht: Lukas 2,1—20, sondern die winterliche Erde sagt es ganz von sich aus. Sie hat es ja selbst erlebt, weiter unten im Südosten, und es ist ihr durch und durch gegangen, so daß es auch in ihren nördlicheren Teilen zu leuchten begann. Und da frage ich auch jene, die sonst keinerlei religiöse Erlebnisse zu haben behaupten: Seid ihr wirklich noch nicht über vorweihnachtliche Erde gegangen und habt ihr dabei wirklich gar nichts gesehen und gehört? Ich hörte erst gestern wieder auf den Unterfeldern meiner väterlichen Wirtschaft ganz deutlich das Wort: Siehe ich verkündige euch ein große Freude, die allem Volke widerfahren wird, denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus der Herr!
Quelle: Joseph Wittig erzählt winterliche und weihnachtliche Geschichten, Leimen: Marx Verlag 1992, S. 82-87.