Julius Schniewind über das Weltgericht nach Matthäus 25,31-46 (NTD, 1936): „Das Weltgericht geht allenthalben nach den Werken. Dabei wird ausdrücklich überall gesagt, daß alle Christen in dies Gericht eingeschlossen werden. Weder kann der Christ sich über den Juden, noch der Jude sich über den Heiden erheben, noch ein Frommer über die Unfrommen, noch ein Apostel über die einfachen Christen.“

Das Weltgericht Matthäus 25,31-46

Von Julius Schniewind

31 Wenn aber „der Menschensohn kommen wird“ in feiner Herrlichkeit und „alle Engel mit ihm“, dann wird er sich auf den Thron seiner Herrlichkeit niederlassen, 32 und alle Völker werden vor ihm versammelt werben. Und er wird sie voneinander scheiden, wie der Hirt die Schafe von den Böcken (scheidet), 33 und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen, die Böcke aber zur Linken. 34 Dann wird der König sprechen zu denen zu seiner Rechten: kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbet das Königtum, das euch bereitet ist seit Grundlegung der Welt. 35 Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mich getränkt. Ich bin ein Fremdling gewesen und ihr nahmt mich auf, 36 (ich bin) nackt (gewesen), und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank ge­wesen, und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen, und ihr kamt zu mir. 37 Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dich gespeist, oder durstig und haben dich getränkt? 38 wann haben wir dich als einen Fremdling gesehen und nahmen dich auf, oder nackt und kleideten dich? 39 wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und kamen zu dir? 40 Und der König wird antworten und ihnen sagen: Amen, ich sage euch: ganz wie ihr getan habt einem dieser meiner geringsten Brüder, so habt ihr mir getan. 41 Dann wird er auch sprechen zu denen zur Linken: Geht weg von mir, ihr verfluchten, in das ewige Feuer, das mein Vater dem Teufel und seinen Engeln bereitet hat. 42 Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mir nicht zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mich nicht getränkt. 43 Ich bin ein Fremdling gewesen, und ihr nahmt mich nicht auf, nackt, und ihr habt mich nicht ge­kleidet; krank und im Gefängnis, und habt mich nicht besucht. 44 Dann werden auch sie ant­worten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungernd oder durstend gesehen oder als einen Fremdling oder nackt oder krank oder im Gefängnis und haben dir nicht gedient? 45 Dann wird er ihnen antworten und sagen: Amen, ich sage euch, ganz wie ihr einem dieser Geringsten nicht getan habt, so habt ihr auch mir nicht getan. 46 Und „diese“ werden dahingehen „zur ewigen“ Strafe, die Gerechten aber „zum ewigen Leben“.
V. 31: Dan. 7,13, Sach. 14,4. V. 46: Dan. 12,2

Das Bild vom Weltgericht, mit dem Matthäus den Bericht über Jesu Tun und Reden schließt, ist nicht eigentlich ein Gleichnis. Gleichnishaft sind nur V. 32b.33. Hier wird mit dem Bild von Schafen und Böcken erinnert an die Schilderung des großen Hirten aus Ez. 34, die weithin nachwirkt (in 9,36 Par.; 10,6; 18,10-14; Joh. 10,1-5.11-16.27f. u.ö.). Hirt (s.z. 2,6) bedeutete soviel wie König (hier V. 34.40), und der große Hirte richtet über die, die Unrecht tun, und die, die Unrecht leiden (vgl. Ez. 34,17-22). Schafe und Böcke (schwerlich: Schafe und Ziegen, so die Zürcher Bibel) sollen wohl unterschieden werden als Schwache und Starke; der Messias wird den Geringen und Armen helfen (hier V. 40, vgl. Jes. 11,4 u.a.; s.z. 5,3.5). Die Eingangsverse könnten ähnlich in einer jüdischen Apokalypse stehen. Nur gibt es dort nirgends die Vorstellung, daß die Engel dem Menschensohn untertan sind. Aber die Engel zu herrschen, ist die neue Vollmacht, die nur Jesus zusteht (s.z. 18,10). In V. 31 wird auf ein Wort angespielt, das Gottes Kommen mit dem Engelheer beschreibt (Sach. 14,5); es wird auf den Menschensohn übertragen, weil Jesus der Menschensohn ist. Alle kosmischen Mächte, alle Engelmächte, sind Jesus untertan (s.z. 24,29-31 Par., vgl. die Ausführung zu Lk. 2,15).

So öffnet die Einführung unseres Wortes den Blick auf die Weite aller Völker (V. 32); ebenso weltweit ist das Gericht überall im Alten und Neuen Testament gedacht. Daraus darf aber unmöglich geschlossen werden, daß dies ganze Bild des Weltgerichts nur die Entscheidung zeichne, die über die Heiden fällt; als seien die hier Angeredeten, in V. 34ff. wie 41ff., Hei­den, die den verfolgten Christen in der Verfolgung wohlgetan haben. Ähnliches wurde 10,40-42 beschrieben; aber dort handelten die Wohltäter ausdrücklich aus den Namen Jesu hin. Eben dies fehlt hier gerade: daß die Leidenden um Christi willen litten und Christus in ihnen litt, das wissen die Täter eben nicht. Auch paßt V. 34 nur dann, wenn alle, die zu Gottes Herrschaft gehören, in die Verheißung eingeschlossen sind. Dieselben aber, denen die Verheißung gilt, können auch von der Drohung betroffen sein; Verheißung wie Drohung wendet sich in alle Weite; was hier gesagt wird, geht die fernen Heiden ebenso an wie die Juden und Christen. Das Weltgericht geht allenthalben nach den Werken. Dabei wird ausdrücklich überall gesagt, daß alle Christen in dies Gericht eingeschlossen werden. Weder kann der Christ sich über den Juden, noch der Jude sich über den Heiden erheben, noch ein Frommer über die Unfrommen, noch ein Apostel über die einfachen Christen: Röm. 2,9-16.25-27; 2.Kor. 5,16f.; Röm. 14,10f.; 1.Kor. 3,11-15; 1.Kor. 9,27; Lk. 16,36-37. Dies ist deshalb so, weil das Werk keinerlei Selbstruhm des Täters zuläßt. Es ist Gottes eigenes Werk (Eph. 2,16); schon die Werke dessen, der die Wahrheit tat, ohne Jesus noch zu kennen, sind „in Gott getan“ (Joh. 3,21); wer Gott fürchtet und Gerechtigkeit übt, den kann Gott annehmen (Apg. 16,35). Und was sich unter der Verkündigung des Evangeliums auf Erden vollzieht – das Gericht, die Vergebung, und Gottes neues Werk –, das ist nur eine Abschattung dessen, was am Jüngsten Gericht erscheint: Gerade „darin, daß Jesus mit den Menschen nicht von ihren Sünden, sondern nur von ihren ,guten Wertem spricht, offenbart er sich als der, der die Vergebung für alle erworben hat.“ „Freilich sah Jesus in der Menschheit Bosheit in Menge … Er sah aber auch hilf­reiche Hände und barmherziges Handeln, und deshalb, weil es der Christus ist, dem Gottes Gnade die Vollmacht gab, die Sünden zu vergeben, sieht er sich ermächtigt, alle, die den Menschen wohltaten, in Gottes Reich hineinzuführen“ (Schlatter). Wirkende wissen um ihr eigenes Werk nicht; denn „ihre Werke folgen ihnen nach“ (Offb. 14,13). Es sind Werke, die von Gott her geschehen sind; sie setzen seine Zuwendung und Gnade voraus, und der Weltrichter ist der Vergeber der Sünde. Dem entspricht die große Überraschung, von der auch das warnende Wort 7,21ff. und der Spruch 20,16 Par. = 19,26 kündete, beides wie hier im Blick auf das letzte Gericht. Immer wieder begegnete uns unsere Stelle (neben 20,1ff.) als das Ur­beispiel eines Tuns, das von Gott stammt, als das Urbeispiel für das, was Gnadenlohn heißt (s.z. 5,7-9; 5,16; 6,1-18). Gerade darum aber gilt nun unser Wort für alle Weiten. Jesus ist der Vergeber für „die vielen“ (20,28 Par.; 26,28 Par.; Röm. 5,12 ff.; 1.Kor. 15,21 f.; 2.Kor. 5,18f.; 1.Joh. 2,2), und eben darum ist er auch der Weltrichter! (s.z. 24,36; so auch die Gedanken von Röm. 2,16; 1.Petr. 3,19; 4,6). Darum aber wird auch durch das hier Beschriebene die Heilsgewißheit nicht erschüttert. Gerade Luther, dem doch an der Heilsgewißheit alles lag, hat unsere Stelle oft an­geführt. Die „Sicherheit“ freilich fällt dahin, die sich auf irgendein nachweisbares eigenes Werk verlassen möchte, aber die Gewißheit, dem König anzugehören, „auf daß ich sein eigen sei und in seinem Reiche unter ihm lebe“, begegnet sich gerade mit der Furcht, von der, wie das ganze Matthäusevangelium (s. Einl. S. 3f.; und s.z. 10,28), so dies letzte Wort noch einmal spricht.

Die Erzählung hat bezeichnende Einzelzüge. Jesus heißt hier der König (V. 34.40). Das ruft ihm das Volk zu (Joh. 12,13 = Lk.19,38), so nennt ihn der neu­gewonnene Jünger (Joh. 1,49); und so wird das Wort Sach.9,9 auf ihn angewendet (21,5 Par.). Dann aber beherrscht der Königstitel den ganzen Prozeß Jesu (seit 27,11 Par.). Bezeichnenderweise wird dieser Ehrenname „König“ nirgends in den Brie­fen gebraucht; nur Offb.17,14; 19,16, dort aber wie hier für den, der auf den Wol­ken des Himmels kommt; und vom Menschensohn hieß es schon Dan.7,14, daß ihm Macht und Ehre und Königtum von Gott verliehen wird.

Dieser König gibt den Seinen an der Königsherrschaft teil. Sie „erben die Königsherrschaft“ (V. 34). Dies wird den Jüngern Jesu zugesagt (Lk. 12,52; 22,29; Offb. 20,6; ähnlich Mt. 5,5; 19,29 Par.). In der Missionspredigt der ersten Christen wurde ständig verkündet, daß Gottes Königsherrschaft erscheint und Menschen als Erben Anteil an ihr gewinnen können (1.Kor. 6,10; 15,50; Gal. 5,21; Jak. 2,5; vgl. Röm. 8,17; Gal. 4,7). Dies Erbe aber ist durch Gottes Plan bereitet (20,25 Par.; vgl. 1.Kor. 2,9), und Gottes Plan reicht in die Ewigkeit zurück (Offb. 17,8; Eph. 1,4).

Dem entgegen steht das Verderben. Hier heißt es bezeichnend, daß es dem Teufel bereitet ist, nicht (wie V. 34 das Heil) den verlorenen Menschen; „teuflisch“ konnte das letzte Urteil auch über Menschen sein (s.z. 16,23 Par.; 25,15.33). Aber auch darin regiert Gottes Plan (wir folgen einer ins 2. Jahrhundert zurückreichenden Lesart, die im gewöhn­lichen, auch bei Luther vorausgesetzten Text unseres Verses erleichtert ist). Es ist Gottes Zorn (s.z. 3,7), der sich vollzieht, da Gott das Gericht „bereitet“; es ist seine in sich notwendige Abwendung von den ihm Abgewandten (vgl. Röm. 9,22; Gal. 3,10). Das Urteil ist hier besonders hart (Jak. 2,15); aber das ist nur die Spiegelung der Verheißung, die den Barmherzigen gilt (Mt. 5,7); und bis ins Vaterunser hinein (s.z. 6,15) droht der Fluch über der Unbarmherzigkeit.

Der König Weltenrichter setzt seine geringsten Brüder mit sich in eins (V. 40.45). Ebenso spricht der Erhöhte, der den verfolgenden Paulus überwindet (Apg. 26,14 Par.); aber ebenso sprach schon Jesus auf Erden von der Wohltat, die den Seinen erwiesen wird (10,40 Par., s.d.). Jesus und seine Gemeinde sind eins; dies beschreibt die apostolische Predigt in dem Bilde vom Leib Christi. Das heißt aber nicht ein Aufgehen der Christen in Christus; sie sind seine Brüder – und sie wundern sich selbst über diesen Ehrennamen (s.z. 12,48-50 Par.). Es ist Gottes Segnung (V. 34), die auf ihnen ruht (Apg. 5,26; Gal. 3,8-14; Eph. 1,3), wie Christus selbst der Gesegnete Gottes ist (21,9 Par.; 23,29 Par.). Dabei darf nicht vergessen werden, daß das in V. 40 gebrauchte Wort „Brüder“ (in V. 45 fehlt es!) sich nicht ausschließlich auf die Christen beziehen muß, son­dern – entsprechend der Universalität des alle Heiden einschließenden Weltgerichtes (s.o. S. 256ff.) – ebenso allgemein die Hungernden, Dürstenden, Fremden, Kranken meinen kann, die der Hilfe bedürfen, ohne nach der ausdrücklichen Beziehung zu Chri­stus zu fragen. Beide Deutungen stehen gleichwertig nebeneinander; entscheidend ist in jedem Falle, daß der „Menschensohn“, Jesus Christus selbst, der Weltrichter ist.

Dies alles gilt denen, die Barmherzigkeit üben. Daß das so ist, wußte schon das Judentum; es hat die Mildtätigkeit hoch gepriesen, und in der römischen Kirche hat man aus dem, was Jesus hier beschreibt, die „Werke der Barmherzigkeit“ gemacht, die im besonderen Maß Gottes Wohlgefallen verdienen. In der Tat wird hier noch einmal gesagt, was Jesus in den Grundregeln seiner Verkündigung aussprach, wie in der Bergrede (zusammengefaßt 7,12) so in den Streitgesprächen (22,34-40 Par.), und seine Gemeinde ist ihm darin gefolgt (1.Joh. 4,21; Jak. 1,27; 2,15). Aber das „du sollst“, das in diesen Geboten liegt, kannte schon das Alte Testament (Jes.58,7; Spr.19,17); das Neue ist hier wie in der ganzen Verkündigung Jesu nicht die Forde­rung, sondern die Tat und das Urteil über die Tat. Nur bei denen geschieht sie, die vom eigenen Tun nichts wissen (s.z. 6,3). Immer wieder hat Luther es uns eingeschärft, daß die wirkliche Liebe nicht um sich selber weiß, daß Gott aber eben diese Liebe von uns erwartet, weil er sie uns in seinem Sohn schenkt.

Quelle: Julius Schniewind, Das Evangelium nach Matthäus übersetzt und erklärt (1936), NTD 2, Göttingen 111964, S. 250-254.

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