Wilhelm Freiherr von Pechmanns Brief an Landesbischof Hans Meiser nach der Reichspogromnacht vom November 1938: „Was in der vorigen Woche in Deutschland und nicht zuletzt auch in Bayern geschehen ist, wird in den weitesten Kreisen des Volkes – nach allem, was ich höre, bis tief in die Partei hinein – als schweres Ärgernis empfunden. Durch die Haltung der Behörden und durch den Anspruch auf ‚Legalität‘, ja auf ‚Recht‘ wird diese Empfindung gesteigert. Kann und darf die Kirche schweigen? Nimmermehr!“

Wilhelm Freiherr von Pechmanns Brief an Landesbischof Hans Meiser nach der Reichspogromnacht vom November 1938

D. Wilhelm Freiherr von Pechmann                                                             14. November 1938

An den hochwürdigsten Herrn Landesbischof

Herrn D. Hans M e i s e r

H i e r
Arcisstrasse 13.

Mein hochwürdigster und hochzuverehrender Herr Landesbischof!

Was in der vorigen Woche in Deutschland und nicht zuletzt auch in Bayern geschehen ist, wird in den weitesten Kreisen des Volkes – nach allem, was ich höre, bis tief in die Partei hinein – als schweres Ärgernis empfunden. Durch die Haltung der Behörden und durch den Anspruch auf „Legalität“, ja auf „Recht“ wird diese Empfindung gesteigert. Kann und darf die Kirche schweigen? Nimmermehr! Sie kann und darf es vollends nicht nachdem sich der Herr Ministerpräsident[1] in seiner gestrigen Rede im Zusammenhang mit der „Judenfrage“ ausdrücklich auf die Einsicht der Kirche berufen hat: in einer Form, welche nicht mehr und nicht weniger als die Erwartung, ja das Verlangen erkennen lässt dass zu der „gesetzlichen und harten Regelung der Judenfrage“ die christliche Kirche mitwirke, die „endlich das Wort Christi befolgen müsse: ‚Mein Reich ist nicht von dieser Welt‘“

Diese Rede kann nicht unbeantwortet bleiben. Aber ich wurde es für einen nie wieder gutzumachenden Fehler halten, wenn nicht aus solchem Anlass, in solcher Stunde die beiden christlichen Kirchen in Bayern gemeinsam oder doch so antworten wollten, dass über ihr volles Einvernehmen keinerlei Zweifel auf kommen kann. Mit allem, was mir an christlicher Ueberzeugung zu Gebote steht, bitte ich darum, und ich wende mich mit dieser Bitte an die Leitung meiner eigenen Kirche, welche nach allem, was Ende voriger Woche der katholischen Kirche widerfahren ist, noch besonderen und besonders dringenden Grund hat, mit einem Worte ernsten Widerspruchs freimütig hervorzutreten.

Ich schreibe notgedrungen in fliegender Eile, weil ich vor einer ganz kurzen, aber unaufschieblichen Reise stehe, werde mich aber schon von morgen an ganz zur Verfügung halten.

Hit verehrungsvollen Grüssen bin ich

Ihr

sehr ergebener

Gez. W. Pechmann


[1] Ludwig Siebert (1874-1942), vormals Oberbürgermeister von Lindau, war von April 1933 bis zu seinem Tod bayerischer Ministerpräsident.

Hier der Brief als pdf.

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