Rudolf Bohrens Predigt über Römer 7,19-25 – Änderung der Frömmigkeit (1975): „So hoffe ich, dass der Geist des Jesus von Nazareth unsere Frömmigkeit umdreht, dass er uns die Augen öffnet über den Zusammenhang, in dem wir mit dem allen stehen, und dass das, was in Heidelberg geschah und geschieht, zu unserer Sache wird. Keiner steht vor Gott allein. Jeder einzelne steht vor Gott nicht ohne die Stadt, in der er lebt: „Wir müssen Buße tun“.“

In der Nacht des 26. Juni 1975 erlebte Heidelberg eine der gewalttätigsten Demonstrationen in seiner Geschichte. Studenten und langjährige Altstadtbewohner demonstrierten gemeinsam gegen die voranschreitende Altstadtsanierung, gegen den 1972 beschlossenen Radikalenerlass sowie gegen den damaligen Oberbürgermeister Reinhold Zundel. Mehrere tausend Demonstranten verschanzten sich hinter aus Mülltonnen und Sperrmüll, errichteten Blockaden und bewarfen Polizeikräfte mit Steinen, Flaschen sowie Eisenstangen. Am darauffolgenden Sonntag predigte Rudolf Bohren:

Änderung der Frömmigkeit. Predigt über Römer 7,19-25

Von Rudolf Bohren

Hier schreit einer, der hat nichts zu danken, und er schreit von Adam her, schreit aus seiner Gefangenschaft heraus. Als Urschrei sondergleichen stößt er die Frage aus sich heraus: „Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem Leibe des Todes?“

Dann springt die Frage über in Jubel, und der Schrei wird zum Jauchzer. Der nach Freiheit schrie, verdankt Befreiung: „Dank sei Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn!“ Auf einmal hat der, der nichts zu danken hatte, einen, durch den er dankt. Er nennt ihn mit Namen und nennt ihn „Herr“, bezeichnet ihn als den, der das Sagen hat.

Wir sind im Namen dieses Einen hier zusammengekommen. Er hat uns versprochen, hier zu sein. Hier in Heidelberg, wo so viele in der letzten Woche auch nichts zu danken hatten. Aber wo er das Sagen hat, lernen wir verstehen, was hier vorgegangen ist und vorgeht. Wo er das Sagen hat, lernen wir uns selbst und lernen die Zeit, in der wir leben, verstehen.

Wo er ist, hat er das Sagen. – Und wo er das Sagen hat, bekommen die, die nichts zu dan­ken haben, Grund zum Danken.

Ich glaube, dass er jetzt unter uns ist, und ich hoffe, dass er uns nicht nur etwas sagt, son­dern uns so zum Hören hilft, dass er uns hineinzieht in die Bewegung, in die schon Paulus hi­neingezogen war. – Lernen wir uns in dieser Bewegung erkennen; dann wird nicht nur das oft malträtierte Wort „Sünde“ einen neuen Sinn bekommen: Jesus Christus wird in der Weise un­ser Herr, dass er unsere Frömmigkeit umdreht.

Das Wort „Sünde“ und „Sünder“ kommt uns allemal leicht über die Lippen. Aber wer weiß denn schon, was Sünde ist? – Ich denke hier an die Geschichte des Petrus, der nach er­folgloser Fischerei auf Jesu Geheiß einen riesigen Fang tut und da merkt, dass dieser Eine das Sagen hat. Petrus fällt auf die Knie: „Gehe von mir hinaus, denn ich bin ein sündiger Mensch.“

Wenn wir unseren Text von Kapitel fünf her lesen, fällt auf, dass mindestens fünfmal am Schluss eines Abschnittes die Wendung kommt „durch unseren Herrn Jesus Christus“; oder „in Christus Jesus, unserem Herrn“. – Paulus beschreibt also die Grosstat des Christus Jesus, der sich in seiner Gemeinde eine neue Menschheit schafft. Ich zitiere: „Durch unseren Herrn Jesus Christus haben wir jetzt die Versöhnung empfangen. “Sind wir von Adam her dem Tod bestimmt, herrscht von ihm her die Sünde, so soll jetzt die Gnade herrschen durch Jesus Christus, unseren Herrn. „So sollt ihr euch als solche ansehen, die für die Sünde tot sind, aber für Gott leben in Christus Jesus, unserem Herrn.“

Von Petrus her möchte ich sagen: Der Fischfang ist gemacht. Christus Jesus hat gezeigt, dass er das Sagen hat, dadurch, dass es nun schon in Rom, der Hauptstadt der Welt, Leute gibt, die auf ihn als den Herrn hören.

Und nun macht Paulus hier in unserem Text einen Kniefall und sagt auf seine Weise: „Gehe von mir hinaus; denn ich bin ein sündiger Mensch.“

Es ist merkwürdig: Da, wo er von dem sprach, was durch Jesus Christus neu geworden ist, sagt er „wir“, sagt er „ihr“. Nun, wo er von der Sünde spricht, sagt er auf einmal „ich“: „Ich bin unter die Sünde verkauft.“ “Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem Leibe des Todes?“

Paulus dreht den Film gleichsam zurück. Hat er die Römer ermahnt, sich als solche anzusehen, die für die Sünde tot sind, sieht er sich selbst entgegen seinem Rat auf einmal als Sünder an. Warum macht er das?

Was bedeutet es, dass Paulus hier „ich“ sagt? – Die Ausleger streiten sich. Die einen sagen mit Augustin und Luther, wir hätten hier eine gegenwärtige Erfahrung des Christen Paulus und daher aller Christen vor uns. – Seit den Kirchenvätern Tertullian und Origenes gibt es eine andere Sicht: hier werde der Nichtchrist mit den Augen des Christen gesehen. So meint ein neuerer Ausleger, Paulus beschreibe vorchristliches Sein aus christlicher Sicht. Diese Deutung leuchtet von dem her, was vorher steht, ein. – Dennoch sollten wir diese Auslegun­gen nicht als Entweder-Oder verstehn. Wenn wir im 8. Kapitel weiterlesen, hören wir den Heiligen Geist selbst schreien, wird uns dort mitgeteilt, dass wir auf Hoffnung hin gerettet worden sind. Die Gemeinde als Neuschöpfung ist nur ein Anfang, alle Versklavung soll ein­mal aufhören, eine Zeit wird kommen, in der alle Schöpfung nur noch Dank ist. – Von Adam her und auf das Offenbarwerden der Kinder Gottes hin sagt Paulus „ich“, stößt er jenen Ur­schrei sondergleichen aus: „Ich elender Mensch“. Und damit wird unsere Frömmigkeit umge­dreht. Unsere Frömmigkeit ist in der Regel richterlich, die des Paulus ist gerichtet.

Vorgestern sah ich in der Bildzeitung das Bild des Jungen, den seine Mutter an einen Betonpfahl gekettet hatte, um den Hals gehängt ein Plakat: „Ich bin ein Dieb.“ Er hatte 5 Mark und 22 Pfennig entwendet. – Mich hat dieses Bild zutiefst erschreckt als ein Zeichen, wie die Barbarei wächst in unserem Land. – Wie kann eine Mutter nur so handeln, und wie können Passanten fast eine Stunde lang an diesem Kind vorübergehen?

Aber wenn ich – von unserem Text her – über diese Mutter nachdenke, muss ich mich fra­gen, ob diese Frau im Konfirmanden- und Religionsunterricht war und was sie dort wohl ge­hört hat; dann bin ich als Theologe mitbetroffen von dem, was die Mutter tat. Und wenn ich weiterdenke, muss ich mir sagen, dass meine Frömmigkeit doch fatal jener Mutter ähnelt. Deshalb nämlich, weil ich im Grunde ohne Kette und Betonpfahl immer wieder handle wie jene Mutter. Ich prangere an. Ich hänge den andern Plakate an den Hals – nur in Gedanken – versteht sich; denn ich bin ja sozusagen auch ein Intellektueller.

Mit dem Anprangern beginnt schon die Unmenschlichkeit; das Anprangern bildet eine Voraussetzung zur Gewalttätigkeit und Brutalität, die in der letzten Woche auf die Strasse ging; dann aber bin ich an diesem Geschehen beteiligt, auch wenn ich mich an die Weisungen des Herrn Oberbürgermeisters hielt, schon ehe ich sie in der Zeitung las.

Sind die Polizisten „Bullen“, kann man sie auch gleich verprügeln, falls man das kann. – Sind die Demonstranten „Kommunisten, Staatsfeinde und allzumal Unmenschen“, kann die Polizei so vorgehen, wie sie zum Teil eben vorging. – Schaden leidet allemal die Demokratie in diesem Land – und bezahlen müssen die Minderbemittelten.

Ich denke, dass viele mit mir erschrocken sind und ratlos über dem, was in der letzten Wo­che unter uns geschah: Was kann da ein einzelner noch ausrichten? – Und wie sollen wir uns selbst und das, was vorgeht, verstehen?

Was unter uns geschehen ist und geschieht, geschieht nicht jenseits von Gott. Wo dem kleinen Mann die Preise erhöht und überhöht werden, da wird auch Gott selbst betroffen. Wo ein Mensch den Menschen schlägt, wird Gott geschlagen. Und wo ein Mensch den Menschen verletzt, wird Jesus verletzt.

Aber nun hat Gott die Sünde der Welt auf Jesus gelegt, dass sie einmal aufhöre. Und wo Menschen die Sünde nicht mehr anprangern, sondern aufnehmen und darunter mit Christus leiden, wird das Gesetz der Freiheit erfüllt, da hört Sünde auf. Aus dem Urschrei von Adam her und dem Seufzen des Geistes wird ein Schrei.

Und nun möchte ich dem Bild vom Knaben am Pranger eine andere Gestalt gegenüberstel­len: Als zur Zeit von J. Christoph Blumhardt einmal in Bad Boll etwas Ungutes geschah, da sagte der Hausvater nur: „Wir müssen Busse tun.“

Wer im Gesetz der Freiheit steht, der macht das, was von Sünde für ihn sichtbar wird, zu seiner Sache. Aber er hängt dem anderen kein Plakat um den Hals. Er macht sich nichts vor über den Menschen und schlüpft in die Sklaverei des anderen hinein. Er hängt die Sünde, die er sieht, gleichsam um den eigenen Hals, damit der andere Befreiung erfährt.

So hoffe ich, dass der Geist des Jesus von Nazareth unsere Frömmigkeit umdreht, dass er uns die Augen öffnet über den Zusammenhang, in dem wir mit dem allen stehen, und dass das, was in Heidelberg geschah und geschieht, zu unserer Sache wird. Keiner steht vor Gott allein. Jeder einzelne steht vor Gott nicht ohne die Stadt, in der er lebt: „Wir müssen Busse tun“. Wir, die Christen. Ändert sich erst unsere Frömmigkeit, wird auch das politische Klima anfangen, sich zu ändern. Wir, die wir zu Christus Jesus gehören, brauchen die Sünde der Welt nicht mehr zu tragen. Es genügt, wenn wir etwas von dem, was in unserer Stadt ge­schieht, auf uns nehmen und dann mit Paulus für diese Stadt den Schrei von Adam her auf­nehmen: „Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem Leibe des Todes?“

Das ist schon schwer genug. Intellektuelle Einsicht in die eigene Verantwortlichkeit ge­nügt hier nicht. Da muss schon der Heilige Geist uns die Augen auftun. Da muss schon der Heilige Geist uns zu Adam stellen. Da muss schon der Heilige Geist uns neue Herzen geben, die nicht mehr gleichgültig bleiben gegenüber dem, was um uns her geschieht.

Wo das geschieht, entsteht ein neues Ich, ein Ich, das die Sache des Menschen einbringt in die Sache Christi. Aus einem Ratlosen und Vereinsamten wird ein Wir. Das Gesetz der Brutalität kann dem Gesetz der Freiheit Platz machen.

Ich hoffe und glaube, dass das unter uns geschieht, und der Schrei der Versklavten wird übergehen in das Aufatmen der Freiheit, so dass aus Frage und Schrei ein Jubelruf wird: „Dank sei Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn!“

Gehalten am 29. Juni 1975 in der Peterskirche zu Heidelberg.

Quelle: Rudolf Bohren, Trost. Predigten, Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag, 1981, S. 41-46.

Hier die Predigt als pdf.

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