Von Gisbert Greshake
Zukunft als Werden (futurum)
Das deutsche Wort Zukunft trägt eine seltsame Zweideutigkeit an sich; es kann das bezeichnen, was wird oder (und) das, was kommt. In der ersten Bedeutung ist Zukunft die Entfaltung der Möglichkeiten, die in einer Sache, einer Person oder einem irgendwie gearteten Gegenstand von Anfang an angelegt sind. So wie die Blüte aus dem Samenkorn hervorgeht, so entfaltet sich die Zukunft des Werdens in einem Entwicklungsprozess aus der Vergangenheit heraus. Gerade weil die Zukunft in den vorhandenen Möglichkeiten gründet, ja sozusagen die Verlängerung der Vergangenheit und Gegenwart ist, ist sie mit einer mehr oder minder großen Wahrscheinlichkeit vorausschaubar, planbar und weithin auch durch menschlichen Einsatz machbar. Dies gilt z.B. von Zukunft der Technik, der Naturwissenschaften, der Wirtschaft und vieler Aktionen und Institutionen des privaten und politischen Bereichs. Überall da, wo die Zukunft die Anwendung, Entfaltung, Verbesserung, kurz: die Extrapolation der vorhandenen Möglichkeiten, ist, geht es um die Zukunft, die durch immanente Naturgesetzlichkeit oder (und) durch menschlichen Einsatz wird. Sie ist Gegenstand einer der jüngsten Wissenschaften: der Futurologie.
Zukunft als Kommen (adventus)
Diese Weise der Zukunft ist zu unterscheiden von der Zukunft, die „adventus“, d.h. unableitbare An-kunft oder Zu-Kommen bedeutet. Dass mir z.B. ein Mensch begegnet, der mich liebt oder hasst, dass Menschen kraft ihrer Freiheit sich zu Krieg oder Frieden, zu Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit entscheiden, dass es unvorhersehbare geistige oder künstlerische Institutionen gibt, welche neue unerwartete Wendungen in der Geschichte herbeiführen: all das ist nicht planbar, prognostizierbar und machbar. Denn eine solche Zukunft gründet nicht in dem, was ist, sondern in der unableitbaren Freiheit der Zu-kommenden. Solche Zukunft ist gütiges Geschenk oder unheilvolles Geschick. Beide Weisen der Zukunft – Werden oder Kommen – durchkreuzen sich zwar ständig, sind aber doch grundsätzlich verschieden.
Welcher Art ist nun jene letzte universale Heils-Zukunft, vor die sich fragend und sehnend unausweichlich jeder Mensch gestellt sieht?. Entsteht sie aus den immanenten Möglichkeiten der Welt als Ergebnis der Evolution oder des weltverändernden Handelns der Menschheit?
Dagegen spricht, dass der Mensch wohl kaum das Ganze der Wirklichkeit in den Griff bekommt. Wo er dies aber dennoch versucht, wo er das Ganze (das „totum“) manipulieren und eine total heilvolle Welt herbeiführen will, da wird er – wie viele schmerzvolle Erfahrungen der jüngsten Gegenwart und Vergangenheit zeigen – notwendig „totalitär“: er opfert das einzelne der Allgemeinheit, den Teil dem Ganzen, die Gegenwart der Zukunft.
Noch eine weitere Erfahrung muss allen Optimismus, die Zukunft total in den Griff bekommen zu können, Lügen strafen: Je mehr der Mensch sich der widerständigen Welt bemächtigt, um sie seinem Willen und Glücksverlangen verfügbar zu machen, um so mehr entsteht zugleich eine neue widerständige Welt, in der irrationale Zivilisationszwänge, bürokratische Manipulationen, technologische Mechanismen und soziale Anpassungsautomatismen herrschen, die von allem anderen als von einer letzten Zukunft der Freiheit und seligen Vollendung für alle künden; ganz zu schweigen von den Problemen, die durch den Tod, durch unheilbare Krankheit und physisches Leid gestellt sind.
Bleibt somit dem Menschen nichts anderes übrig, als die Frage nach einer letzten heilvollen Zukunft negativ zu bescheiden und sich damit abzufinden, in einer Welt zu leben, die keinen letzten Sinn und kein Ziel aufweist? Angesichts dieser verzweifelten Konsequenz meldet sich neu die Frage an, ob eine solche letzte Zukunft als zu-kommendes Geschenk (adventus) von dem erhofft werden darf, der das Ganze der Wirklichkeit umgreift und durchdringt, von Gott selbst. Damit ist das Problem einer „letzten“ Zukunft verwiesen an die Botschaft der Offenbarung, die von einer absoluten Zukunft Gottes und der Welt kündet.