Fallstricke des Erinnerns: Vom Wegschauen und Hinsehen
Von Albrecht Grözinger
I.
Der Tod Martin Walser hat sowohl in der Printpresse und vor allem in den sozialen Medien seine monströse Rede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels vom 11. Oktober 1998 noch einmal zum Thema gemacht. Für Viele war Walser mit dieser Rede definitiv erledigt, andere versuchten differenzierter das Gesamtwerk Walser zu würdigen. Für mich selbst hat die Erinnerung an diese Rede eine biographische Erinnerung evoziert. Ich erinnerte mich, dass ich an einer Stelle der Rede mich selbst erkennen konnte. Ich habe deshalb die gesamte Rede noch einmal gelesen und bin sofort auf die Stelle gestossen, die sich mir damals beim ersten Hören eingeschrieben hat: «Anstatt dankbar zu sein für die unaufhörliche Präsentation unserer Schande, fange ich an wegzuschauen.» In diesem Satz habe ich mich bereits damals wiedererkannt und aus der Rückschau hat er für mich sogar eine noch grössere Brisanz gewonnen. Dem möchte ich im Folgenden nachdenken. Um es deutlich zu sagen: Mir geht es nicht darum, die Rede von Martin Walser zu verteidigen, auch nicht nur Teile davon. Die Rede war ein monströses Unternehmen mit einer fatalen Wirkungsgeschichte. Daran gibt es nichts zu deuteln und zu relativieren. Worum es mir im Folgenden geht, ist die Frage: Warum kann ich mich in dem Satz von Walser wiedererkennen? Darüber möchte ich ganz persönlich nachdenken und auch schreiben. Ich machte mich dadurch angreifbar – und das ist gut so. Ich hoffe auf eine kontroverse Diskussion, die gleichwohl die Integrität meines Nachdenken zu würdigen (und auch – ich sage es noch einmal – zu kritisieren) vermag.
Bevor ich mich jedoch meiner eigenen biographischen Wahrnehmung zu werden, möchte einen kleinen Umweg nehmen. Wie ich meine einen notwendigen Umweg. Ich spreche und denke als Theologe, nicht nur aber doch in starkem Ausmass. Und da ist es alles andere als unerheblich, dass Gedenken und Erinnern ein zentrales Motiv der Bibel selbst ist.
II.
Theologisch kommt der Erinnerung, dem Gedenken eine ganz besondere Bedeutung zu. Denn in die biblische Tradition ist das ‚Gedenken’ als humanisierender anthropologischer Grundvollzug sowie als ein Handeln Gottes gleichermaßen eingezeichnet. Biblische Theologie ist in hohem Maße Gedächtnis-Theologie. Diese Perspektive verbindet die beiden Teile der Bibel, das Alte und das Neue Testament, miteinander. Das glaubende Selbstverständnis, die Identität Israels ist entscheidend durch die Haltung des Gedenkens bestimmt. Das von dem Alttestamentler Gerhard von Rad so benannte „Kleine Geschichtliche Credo“ in Deuteronomium 26 ist ein eindrückliches Dokument dieses Sachverhalts. Bekenntnis ist dort die erinnernde Erzählung der Befreiungsgeschichte, in die Gott sein Volk hineingezogen hat. Dieses gedenkende Erinnern bekommt in den Psalmen und der prophetischen Überlieferung eine universale Dimension. In das Gedenken Israels wird die ganze Welt mit hinein genommen: „Es werden gedenken und sich zum Herrn bekehren aller Welt Ende und vor ihm anbeten alle Geschlechter der Heiden“ (Psalm 22,28). Getragen jedoch ist in der biblischen Perspektive das menschliche Gedächtnis vom Gedenken Gottes, wobei dieses göttliche Gedenken immer als aktive Tat verstanden ist, die den Menschen zugute kommt. Es gibt kein neutrales Gedenken Gottes: „Der Herr gedenkt unser und segnet uns; er segnet das Haus Israel, er segnet das Haus Aaron“ (Psalm 115,12).
Der Lobpreis der Maria im 1. Kapitel des Lukasevangeliums, das sogenannte Magnifikat, nimmt die Gedächtnis-Theologie der Hebräischen Bibel auf und schreibt sie in das Neue Testament hinein fort. Das Gedächtnis Gottes erweist sich durch die anstehende Geburt des Menschen Jesus von Nazareth als universale Tat Gottes: „Er denkt an seine Barmherzigkeit und nimmt sich seines Dieners Israel an, wie er es unseren Vätern zugesagt hat, Abraham und seinen Nachkommen in Ewigkeit“ (Lukas 1,54f). Und in den Stunden vor seinem Tod beschliesst Jesus das Mahl mit seinem Jünger*innen mit dem Satz: «Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird; das tut zu meinem Gedächtnis.» (Lukas 22,19)
Dieser universalen Gedächtnistat Gottes entspricht auf Seiten der Menschen die erinnernde Bewahrung dieser Geschichte als je neues Erzählen dieser Geschichte. Eberhard Jüngel hat diesen Zusammenhang so beschrieben: „Das kritische Potential des Wortes vom Kreuz schafft sich, als eine die Wirklichkeit überbietende präzise Möglichkeit, eine in die Geschichte der Freiheit verstrickende Erinnerung. J. B. Metz hat dafür die treffende Kategorie der ‚gefährlichen Erinnerung‘ geprägt … Das Evangelium von der Menschlichkeit Gottes ist als Wort vom Kreuz erzählend in die Weltgeschichte eingeführt… worden. Seitdem ist die gefährliche Geschichte Jesu Christi als kritisches Potential in den Thesaurus der historischen Vernunft eingegangen und insofern heute indirekt in der Weltgeschichte präsent. Aus dieser ihrer indirekten Präsenz kann sie nur hervortreten, indem sie erzählt wird.“ (Eberhard Jüngel, Gott als Geheimnis der Welt, Tübingen, S. 425)
Erinnerung ist also für die christliche Theologie nicht ein Äusseres oder gar nur ein ‚nice to have‘, sondern gehört zu deren grundierendem Inhalt. Gedenken und damit verbunden eine Gedenkkultur sind der Glutkern sowohl der biblischen Theologie im engeren Sinne wie auch der biblischen Anthropologie.
III.
Nach diesen grundsätzlichen theologischen Überlegungen kehre ich zu meinen Ausgangsüberlegungen zurück. Es geht um die Frage: Warum kann ich mich in dem Satz Martin Walsers vom Wegschauen wiedererkennen? Ich möchte dazu drei Punkte benennen:
a) Seit ich als Emeritus über ein grösseres Zeitbudget zur freien Gestaltung verfüge, widme ich mich wieder mehr meinem Hobby der „Geschichte“ und insbesondere der Geistes- und Kulturgeschichte. Und da sehe ich im Fernsehen und im Internet viele Filme über die Geschichte des Antisemitismus. Mir ist dabei aufgefallen, dass sich bei diesen Filmen die Darstellung der Shoah meistens auf wenige Bild- und Filmsegmente reduziert. Es sind die immer gleichen Bilder, die ich sehe. Und oft noch kontextunabhängig. So wird nicht selten ein Kontext von Bergen-Belsen mit Bildern aus Auschwitz unterlegt oder umgekehrt. Die Bilder geraten zur exemplarischen Illustration – auch und gerade dort, wo individuelle Menschen gezeigt werden. Und das verführt mich nicht selten zum – zumindest innerlichen – Wegsehen: Das kennt du bereits. In seinen „Meditationen zur Metaphysik“ hat Theodor W. Adorno die folgenden gewichtigen Sätze geschrieben: „Mit dem Mord an Millionen durch Verwaltung ist der Tod zu etwas geworden, was so noch nie zu fürchten war. Keine Möglichkeit mehr, daß er in das erfahrene Leben der Einzelnen als ein irgend mit dessen Verlauf Übereinstimmendes eintrete. Enteignet wird das Individuum des Letzten und Ärmsten, was ihm geblieben war. Daß in den Lagern nicht mehr das Individuum starb, sondern das Exemplar, muß das Sterben auch derer affizieren, die der Maßnahme entgingen.“ (Theodor W. Adorno, Negative Dialektik, Frankfurt am Main 1966, S. 353). Mit der bildlichen wiederholenden Präsentation von individuellen Menschen in den Vernichtungslagern als „exemplarische“ Dokumentation bestätigen wir in gewisser Hinsicht das in den Vernichtungslagern Geschehene.
b) Ein wesentliches Element unserer Erinnerungskultur an die Shoah sind seit dem Jahr 1992 die „Stolpersteine“ des Künstlers Gunter Demnig. Obwohl – auch in der Schweiz – sich immer wieder auch kritische Stimmen gegen diese Form des Gedenkens erhoben, habe ich selbst diese Stolpersteine stets als Gedenk-Form verteidigt und werde dies auch weiterhin tun. Ich konnte vor Jahren in Binz auf Rügen an der Gedenkstunde anlässlich der Verlegung eines Stolpersteins teilnehmen und habe dies als sehr angemessen und würdevoll erlebt. Aber auch hier beobachte ich an mir, dass sich eine Art „Abnutzung“ einstellt. Wenn ich in Baden-Baden oder im ehemaligen Scheunenviertel in Berlin durch die Strassen gehen und auf einen Stolperstein nach dem anderen stosse, dann höre ich irgendwann auf stehenzubleiben, mich zu bücken und die Inschrift zu lesen: Ich schaue nicht unbedingt „weg“, aber ich schaue nicht mehr „hin“.
c) Das dritte Beispiel entstammt dem Bereich der Sprache, und insofern geht es jetzt ums Hinhören und Weghören. Das wiederholende Pathos der Gedenkreden zum Menschheitsverbrechen der Shoah ist immer wieder zum Gegenstand der Kritik geworden. Insofern sage ich hier nichts Neues. Besonders herausstechend ist in dieser Hinsicht der gegenwärtige Bundespräsident. Ich ziehe gar nicht in Zweifel, dass es der Bundespräsident ehrlich und aufrichtig meint. Aber mir fällt es wirklich immer schwerer, diesen vorgestanzten Worthülsen zu folgen. Vor allem auch, wenn ich ahne, was drei Sätze später gesagt wird, und dies dann in der Regel auch eintritt. Das Ergebnis ist: Ich höre nicht mehr „hin“, sondern ich höre „weg“.
Ja – Martin Walser hat auch mich beschrieben, wenn er sagte: «Anstatt dankbar zu sein für die unaufhörliche Präsentation unserer Schande, fange ich an wegzuschauen.»
IV.
Was habe ich bis jetzt getan? Ich habe einen Satz aus einer zu Recht kritisierten Rede genommen, und gesagt: Ich erkenne mich darin wieder. Was folgt daraus? Im Grunde kann ich nur ein Dilemma benennen, dem wir in unserem persönlichen Erinnern, aber auch in unserer gesellschaftlichen Erinnerungs-Kultur wohl nie ganz entrinnen werden. Das Menschheitsverbrechen der Shoah ist so ungeheuerlich, dass es auch unsere Bemühungen um ein Erinnern und Gedenken tangiert.
Aber die kleinen Schritte wären schon möglich. Als Erstes stünde da die Einsicht, dass – auch in der Predigt und in anderen kirchlichen Kontexten – dieses Erinnern der äussersten Sorgfalt bedarf. Ich denke zum Beispiel schon, dass es einem Bundespräsidialamt möglich sein müsste, dass sich der Bundespräsident und seine Redenschreiber (Redenschreiberinnen?) die ja nicht nur von mir so formulierte Kritik sich zu Herzen nehmen und hier schlicht besser „arbeiten“. Und auch diejenigen, die sich in filmischen Dokumentationen über die Shoa versuchen, könnten sich sehr genau überlegen, wie eine angemessene Verbindung von Inhalt, Sprache und Bild aussehen könnte. Ein für mich überzeugender Versuch ist in dieser Hinsicht Claude Lanzmanns Film „Shoah“.
Diesen Film können natürlich Dokumentarfilmer*innen nicht einfach „abkopieren“, aber er setzt ästhetische Maßstäbe, an denen sich auch Dokumentarfilme orientieren können.
Eine Erinnerungs-Kultur ist auf Wiederholung angewiesen – und das ist gut so. Jede Wiederholung trägt die Gefahr in sich, zu erstarren. Aus dem Rituellen und seiner ihm innewohnenden Kraft wird eine banalisierende Routine. Pfarrerinnen und Pfarrer kennen das. Im Grunde ist jeder Gottesdienst eine rituelle Wiederholung und sollte zugleich eine stetige Innovation sein. Daran mühen sich Pfarrerinnen und Pfarrer Sonntag für Sonntag ab. Besonders deutlich wird diese Herausforderung in den herausgehobenen Gottesdiensten wie dem Heiligabend-Gottesdienst: Das „Alle Jahre wieder“ mit seiner eigentümlichen Anmutung soll zugleich ein „Frisch und Neu“ sein. Die Gestaltung solcher Momente braucht Zeit: Zeit zum Nachdenken, Zeit zur Inventio, Zeit zur Gestaltung. Gute Vorbilder helfen uns dabei – nicht als schlichte Wiederholung sondern als Raumeröffnung für die eigene Gestaltung. Und es gibt sie ja die guten und berührenden Beispiele. Für mich gehört dazu (nicht aus dem unmittelbaren Kontext der Shoah), das neu gestaltete Denkmal für Erwin Rommel in Heidenheim. Ursprünglich als Denkmal an den populären General des Zweiten Weltkriegs konzipiert und zunächst auch so realisiert, haben eine Bürger*inneninitiative und der Künstler Rainer Jooß eine Denkmalsumgestaltung in Gang gesetzt. Seit 2002 steht vor dem Denkmal an Rommel ein kriegsversehrter Mensch und wirft gleichsam seinen Schatten auf das ursprüngliche Denkmal. Das ist ein Denkmal, das mich zum „Hinsehen“ animiert.
Prof. Dr. Albrecht Grözinger ist Ordinarius emeritus für Praktische Theologie an der Universität Basel.